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Buchrezensionen
von Smilodon » Fr 24 Apr, 2009 17:25
Zugegeben, das wird keine richtige ausführliche Rezension, aber in Zeiten der Rezession fehlt dafür auch einfach die Zeit, womit ich nicht nur einen dämlichen Wortwitz gemacht habe, sondern auch schon mitten im Thema bin: Zeit - von der hat der Protagonist in Genazinos Abschaffel nämlich zur Genüge und noch dazu hat er einen blöden Namen: Abschaffel nämlich. Eigentlich sind es auch drei Romane, die zu einer Triologie zusammengefasst sind, ich bin gerade beim ersten davon (der wie der Protagonist und die Triologie übrigens ebenso "Abschaffel" heißt) in etwa bei der Hälfte, wer also auf Spoiler hofft, kann getrost woanders suchen, da ich das Ende selbst noch nicht kenne.
Warum ich euch das Buch trotzdem vorstellen möchte: Weil es mich fasziniert und das ist schon lange keinem Buch mehr gelungen, zumindest keinem literarischen. Genazino beschreibt die pure Langeweile eines öden Leben des öden Abschaffels und das auf so eine fesselnde Art und Weise, das ich das Buch auf jeden Fall jedem ans Herz legen möchte. Die Sprache ist derart präzise, genau, lakonisch, treffend, da sitzt wirklich jedes Wort an der richtigen Stelle und irgendwie vermittelt gerade die Sprache irgendwie ein Mysterium an den Leser, obwohl rein inhaltlich eigentlich gar nichts passiert, außer dass man ein klein bißchen was über Abschaffels Leben erfährt, das so ziemlich ereignislos ist. Wenn der Begriff nicht mittlerweile der allgemeinen Begriffsinflation zum Opfer gefallen wäre, würde ich von kafkaesk sprechen, nicht zuletzt da Genazino zahlreiche Bezüge zu Kafka herstellt oder dem Text ein Zitat von Kafka voransetzt. Es ist auf jeden Fall diese Stimmung, die Kafkas Prozess einem vermittelt: Da ist irgendetwas, ein höheres Gesetz, eine höhere Macht oder was auch immer, das einen leitet, aber man hat keine Ahnung, was das eigentlich ist und erfährt es auch nicht. Zumindest bis jetzt noch nicht. Man lebt so von dieser Macht geleitet vor sich hin, in Abschaffels Fall sein ödes langweiliges Leben, das von einer ziemlichen Unsicherheit, einem ziemlichen Meinungswechsel geprägt ist (z.B. "Ich suche mir eine ältere Frau im Bordell", wenige Seiten später "Ach nein, ich will eine ganz junge" usf.) und davon, dass er keinen seiner Gedanken, keinen seiner Pläne jemals wirklich umsetzt, sofern er überhaupt so etwas wie richtige Lebenspläne hat.
Dazu kommt, dass es trotz seines enormen Anspruchs locker zu lesen ist, weil die Sprache so treffend, nüchtern, beobachtend und absurd-komsich ist und damit so leicht daher kommt wie eine komprimierte ZIP-Datei, die das Gehirn während des Lesens automatisch nebenbei entpackt ohne das dafür große Anstrengungen von Nöten wären.
Auf jeden Fall eine absolute Leseempfehlung - und wenn ich das einmal im Jahr mal behaupte, heißt das wirklich was. ;)
***
Kurze Ergänzung: Ich hab es jetzt fertig und bleib auf alle Fälle bei meiner Empfehlung, ohne dass ich viel mehr dazu sagen möchte. Außer dass das Buch für hartgesottene Liforianer ein absolutes Muss darstellt, wenn ich mal eben kurz aus dem Zusammenhang heraus von Seite 86 (der DTV-Ausgabe) zitieren darf: "Frau Schönböck sprach ihren Wagen mehrfach mit STRUPPI an", "Na Struppi, du schaffst das noch" und "Mach mir keine Schande, Struppi, und werde nicht geklaut" :D - wie ihr seht, hab ich einen Aspekt oben sogar etwas ausgelassen: Den Humor, der sich ebenfalls durch den ganzen Text zieht.
Menneskets hjertes tanke er ond fra barndommen av.
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von Struppigel » Sa 25 Apr, 2009 20:05
Hi Smi,
zuerst einmal: Das Buch kenne ich noch nicht. Darum fühle ich mich außerstande, Deine Rezension umfassend zu beurteilen, aber wegen der Erähnung meiner Person doch genötigt, einen Kommentar abzulassen. Und zwar: :D D D Vielleicht sollte ich mich mal beschweren, warum ich für meinen Auftritt als Auto kein Geld bekomme, obwohl ich hier als "Kaufgrund" herhalten muss.
Fraglich ist für mich sowieso, ob ich die Rezensionen hier vornehmlich als literarische Werke sehen oder besser die Bücher diskutieren sollte.
Locker zu lesen und doch kafkaesk? Diese Mischung erscheint mir fast unmöglich, aber vielleicht meinst du mit ersterem nur den Sprachfluss und nicht unbedingt die Verständlichkeit des Gesamtwerkes. Hast Du eine Idee, warum der Prot Abschaffel heißt?
Liebe Grüße Struppi
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von Smilodon » Sa 25 Apr, 2009 22:26
Hallo Struppi, und danke für die Antwort. Fraglich ist für mich sowieso, ob ich die Rezensionen hier vornehmlich als literarische Werke sehen oder besser die Bücher diskutieren sollte.
Das ist immer problematisch, das stimmt - in meinem Fall gehts darum, das Buch zu diskutieren (bzw. zu empfehlen) und nicht meine Rezension als Sachtext einzustellen, den ich auf Kommafehler und Stil hin untersucht haben möchte. Dass das bei anderen Rezensionen anders ist, kann sein, aber im Endeffekt ist es ja auch egal, man kann ja beides gleichermaßen machen. Wenn jemand den Stil meiner Kritik nicht mag, darf er es gerne auch anmerken, aber darum gings mir hier wirklich nicht ;) Hast Du eine Idee, warum der Prot Abschaffel heißt?
Nein, das frage ich mich aber auch shcon die ganze Zeit, weil der Name wirklich selten dämlich ist, aber er passt irgendwie in das Buch, das unterschwellig irgendwie auch mit ganz viel Humor arbeitet. Man könnte natürlich mit "abschaffen" usw. irgendwie ruminterpretieren, aber das ist mir alles zu vage, als dass ich da eine feste Meinung dazu hätte. Aber ich kann den Autor gerne mal fragen - hatte ich sowieso vor - , denn der kommt recht bald nach hier. ;) Locker zu lesen und doch kafkaesk? Diese Mischung erscheint mir fast unmöglich,
Mir auch, aber irgendwie doch nicht. Also es ist nicht so, dass man manche Sätze dreimal lesen müsste, um den Inhalt zu verstehen (wobei mir das bei Kafka auch nie so ging, den konnte ich auch immer recht gut lesen), vielmehr ist es so, dass man durch die Sprache und diesen irrwitzigen Langeweiler Abschaffel irgendwann von alleine das Gefühl bekommt, dass da irgendwas ist und genau das finde ich sehr spannend. Das habe ich mit der komprimierten ZIP-Datei anzudeuten versucht, wenn auch der Vergleich etwas hinkt. Auf jeden Fall ist es trotz hohem literarischen Anspruch eine gute und unterhaltsame Bett- oder Urlaubslektüre, würde das auch jedem bedenkenlos dafür empfehlen. Liebe Grüße, Smilodon
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von OlafmitdemTraktor » Fr 06 Nov, 2009 09:30
ich entdecke das gerade hier durch zufall. da komme ich nicht umhin mich auch als genazino-begeisterter zu outen. die minutiösen beschreibungen der alltagsbeobachtungen - eigentlich belanglos - jedoch durch die beschreibung selbst ein teil des belanglosen, oft von leichter wehmut durchzogenen lebens der jeweiligen protagonisten, sind von feinsinnigen, subtilen witz durchzogen. das ganze in einer genazinös- geschliffenen sprache. wirklich zu empfehlen. Lesenswert auch: "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman". (ein älteres werk von ihm) und "Mittelmäßiges Heimweh"
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