Buchrezensionen

[Alexander Kielland] Hellgrün ist die Hoffnung

Beitragvon Smilodon » Do 14 Apr, 2011 12:10


Ich habe gerade aus einer Laune heraus versucht, die Erzählung „Håpet er lysegrønt“ von Alexander L. Kielland zu übersetzen. Kielland lebte von 1849 bis 1906 und gehört neben Ibsen, Björnson und Lie zu den „großen Vier“ der norwegischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Er ist über 70 Jahre tot, sein Werk ist daher urheberrechtsfrei – und ich dachte mir, das zum Anlass zu nehmen, meine Übersetzerkünste mal ein wenig auszuprobieren. Die Erzählung ist 1879 in Kiellands Kurzprosaband „Novelletter“ erschienen und wer Norwegisch versteht, kann auch das Original auf der Seite der norwegischen Nationalbibliothek kostenlos lesen. Ansonsten gibt es auch eine Übersetzung im Projekt Gutenberg, die meiner Meinung nach aber zwei grobe Schnitzer hat (siehe unten).

Ich freue mich sowohl über Meinungen und Diskussionen zum Text auch als über Kritik zu meiner Übersetzung, die stellenweise wörtlich ist, stellenweise aber auch ein wenig vom Original abweicht. Meine eigene Interpretation habe ich der Übersicht halber in einem eigenen Post unter die Übersetzung gepackt.

*
Hellgrün ist die Hoffnung (Håpet er lysegrønt)
(Alexander Kielland, 1849-1906)

„Du schlurfst“, rufte Vetter Hans.
Ole hörte nicht.
„Er ist genauso taub wie Tante Maren“, denkte Hans. „Du schlurfst, Ole!“, rufte er lauter.
„O, Verzeihung!“, sagte Vetter Ole und hebt nun die Beine betont in die Höhe mit jedem Schritt. Um nichts in der Welt würde er seinen Bruder verärgern wollen. Er hatte ohnehin schon so ein schlechtes Gewissen.
Dachte er denn etwa nicht genau in diesem Moment an sie? Sie, von der er wusste, dass sein Bruder sie liebte. Und war es nicht sündhaft von ihm, dass er diese Leidenschaft nicht unter Kontrolle bekam? Es war doch Unrecht seinem Bruder gegenüber und außerdem so unendlich hoffnungslos.
Vetter Ole ging streng mit sich ins Gericht; und während er sich auf der anderen Seite des Weges hielt, um nicht so auffällig zu schlurfen, versuchte er mit aller Macht an die allergleichgültigsten Sachen zu denken. Aber wie weit weg er seine Gedanken auch streifen ließ, sie kamen doch über die wunderlichsten Umwege wieder zurück zu dem verbotenen Punkt und flatterten dann wie die Fliegen um das Licht.
Die beiden Brüder, die über die Ferien bei ihrem Onkel, dem Priester, zu Besuch waren, befanden sich gerade auf dem Weg zum Anwesen des örtlichen Amtsrichters, wo es eine Gesellschaft geben sollte mit Tanz. Es waren viele Studenten zu Besuch in dem Dorf und diese Tanzgesellschaften verbreiteten sich deshalb wie eine Epidemie von Anwesen zu Anwesen.
Vetter Hans war in vortrefflicher Stimmung. Er sang, tanzte, machte Witze schon den ganzen Tag über. Und wenn sein Ton dem schlurfenden Bruder gegenüber vielleicht ein wenig scharf war, dann eigentlich nur aus Ärger darüber, dass es ihm nicht gelang, ihn mit seiner vortrefflichen Stimmung anzustecken.
Wir wissen ja bereits, was Ole bedrückte. Aber selbst unter normalen Umständen war Ole der ruhigere und besonnere der beiden. Er tanze „wie ein Nussknacker“, sagte Hans und konnte überhaupt nicht singen. (Vetter Hans sagte, sogar seine Sprechstimme sei monoton und unsympathisch.) Dazu war er nervös und unglaublich schüchtern, sobald Damen anwesend waren.
Als sie sich dem richterlichen Anwesen näherten, hörten sie einen Wagen hinter sich.
„Das ist der Doktor“, sagte Hans und stellte sich an der Seite auf, um zu grüßen. Seine Geliebte war eine Tochter des Bezirksarztes.
„O, wie reizend sie doch ist – ganz in Hellrot!“, sagte Vetter Hans.
Vetter Ole sah sofort, dass die Geliebte in Hellgrün war; aber er traute sich nicht, ein Wort zu sagen, da seine Stimme sicher verraten würde, wie sehr ihm das Herz bis zum Halse schlug.
Der Wagen passierte die beiden in voller Fahrt. Die Jungen grüßten einander und der alte Doktor rief: „Willkommen später!“
„Aber nein, sie war ja die Hellgrüne“, sagte Vetter Hans, kaum hatte er seinen brennenden Blick von der Hellroten zur Hellgrünen gelenkt. „Aber war sie nicht bezaubernd hübsch? – Ole!“
„O doch, natürlich“, antwortete Ole angestrengt.
„Du bist ein Quertreiber!“, brach es wütend aus Hans heraus. „Auch wenn du keinerlei Sinn für die weibliche Schönheit hast, könntest du wenigstens Interesse zeigen für – für – die Zukünftige deines Bruders.“
Wenn du nur wüsstest, wie sehr sie mich interessiert – dachte der sich noch immer schuldig fühlende Ole und schloss die Augen.
Angesichts des bevorstehenden Treffens verschwamm Hansens Stimmung in einer herausragenden Mischung aus Verliebtsein und Glückseligkeit. Er schwang seinen Stock, schnipste mit den Fingern und sang mit voller Stimme. Und während er an sie in ihrem hellgrünen Kleid dachte – in dem frühlingsfrischen Schmetterlingsgewand, wie er es nannte –, fiel ihm ein altes Liedstück in den Mund, das er mit großem Wohlbehagen zu singen begann:
„Hellgrün ist die Hoffnung –
Trommelommelom, trommelommelom.
Stets und immer schön –
Trommelommelom, trommelommelom.“

Er dachte, dieser Vers passe vortrefflich zur Situation, sodass er ihn bis ins Unendliche wiederholte – bald im Walzertakt der alten Melodie, bald als Marsch und bald als Serenade – bald in hohen Jubeltönen, bald halbflüsternd, so als vertraute er seine Liebe und seine Hoffnung dem Mond und den stummen Wäldern an.
Vetter Ole hätte sich übergeben können. Denn so großen Respekt er für den Gesang des Bruders auch aufbrachte, war er am Ende doch so gelangweilt von dieser hellgrünen Hoffnung und dem ewigen „Trommelommelom“, dass er Erleichterung fühlte, als sie sich endlich dem richterlichen Anwesen näherten.
Der Nachmittag verging in der für sogeartete Gelegenheiten üblichen Weise; man amüsierte sich vortrefflich. Denn die meisten waren verliebt und die es nicht waren, amüsierten sich fast noch besser, indem sie denen zusahen, die es waren.
Im Spiel warfen sie sich Ringe zu, draußen im Garten. Hans lief beständig umher und machte tausend Albernheiten, brachte Verwirrung ins Spiel und wies seiner Dame allerlei Aufmerksamkeiten.
Vetter Ole stand dagegen auf seinem Posten und nahm die Aufgabe ernst. Er fing den Ring auf und schickte ihn auf der Stelle weiter mit genauester Präzision. Ole hätte sich auch gerne amüsiert, wenn nur sein schlechtes Gewissen ihn nicht länger plagen würde.
Als der Abend langsam kühler wurde, bewegte sich die Gesellschaft nach drinnen in die große Stube, wo der Tanz einsetzte.
Ole war noch nie ein großer Tänzer, aber heute war er erst recht nicht zum Tanzen aufgelegt. Er verbrachte die Zeit damit, Hans zu beobachten, der den ganzen Abend seine „Zukünftige“ umschwärmte; Oles Herz schnürte sich zusammen, als er das hellgrüne Kleid plötzlich in den Armen seines Bruders sah, und es kam ihm vor, als tanzten sie jeden Tanz zusammen.
Endlich war es an der Zeit, aufzubrechen. Die meisten Eltern waren bereits auf ihre Wägen gestiegen, als die Jugend beschloss, einander nach Hause zu begleiten, weil es doch so eine herrliche Mondnacht war.
Doch die Wirtin wollte nach dem letzten Galopp unter keinen Umständen zulassen, dass die jungen Damen direkt in die Abendluft hinaus gehen – so warm, wie sie vom Tanzen noch waren. Sie ordnete deshalb eine halbe Stunde Abkühlung an. Um diese Zeit auf die schönstmögliche Weise zu füllen, bat sie Vatter Hans, einen Lied anzustimmen.
Dazu war er sofort bereit. Er gehörte nicht zu diesen albernen Menschen, die erst zu etwas genötigt werden mussten. Er wusste, was er kann.
Mit Hansens Gesang hatte es dabei etwas Besonderes auf sich, oder besser gesagt nicht mit dem Gesang, sondern mit dessen Beurteilung. Die Meinungen waren nämlich außergewöhnlich gespalten.
Von drei Personen wurde sein Gesang als unvergleichlich schön bewundert. Diese drei Personen waren Vetter Ole, dazu Tante Maren und Vetter Hans selbst. Dann kam eine große Partei, die es lustig fand, Vetter Hans beim Singen zuzuhören: „Er macht immer etwas daraus!“ Aber dann gab es noch die Bösgesinnten, die darauf pochten, dass Hans weder singen noch Klavier spielen konnte.
Hinsichtlich des letzten Punktes, der Klavierbegleitung, hatte auch Vetter Ole schon immer stille Vorwurfe gegen seinen Bruder gehegt. Es war das einzige, das seine Bewunderung für ihn trübte.
Er wusste nämlich, wie viel Mühe es sowohl Hans als auch den Schwestern gekostet hatte, ihm diese Begleitungen beizubringen, insbesondere die drei Mollakkorde, mit denen er gewöhnlich abschloss und die er sich jedesmal aufs Neue aneignete, bevor er zu einer Gesellschaft sollte.
Als er dann den Bruder am Klavier sah, wie er seine Finger leicht und gleichgültig über die Tangenten laufen ließ, dann nach oben schaute und murmelte: „Ja, was steht den heute an?“ – als ob er noch über die passende Tonart grüble, da brodelte es in Vetter Ole. Er wusste ja, dass Hans nur drei Begleitungen konnte: eine in Moll und zwei in Dur.
Aber als dann der Sänger, stehend vor dem Piano, diese drei einstudierten Mollakkorde so zufällig, so willkürlich erklingen ließ, als würden sie plötzlich direkt aus den Fingern kommen, da schüttelte es Vetter Ole im ganzen Körper und er sagte zu sich selbst: „Das ist nicht ganz ehrlich von Hans.“
Inzwischen sang der Bruder fröhlich weiter aus seinem reichen Repertoire; Schubert und Kierulf waren seine Lieblinge; und so trug er vor: Du bist die Ruh, Meine geliebte, ich bin gebunden, Ich grolle nicht, Die alten bösen Lieder, Alles lege ich Dir zu Füßen, Aus meinen großen Schmerzen mach' ich die kleinen Lieder – alles mit der selben überlegten Ruhe und dieser leichten, halb spielenden Begleitung. Einzig diese fatale Stelle bereitete ihm Schwierigkeiten: Ich legt' auch meine Liebe und meinen Schmerz hinein; aber Hans schaffte es doch noch irgendwie.
Da hörte Ole, der die Grenzen der Pionofertigkeiten seines Bruders ja genau kannte, dass dieser heute den bekannten Weg verließ und sich um die Tangenten herum schlängelte. Und zu seinem Erschrecken glaubte er auf einmal festzustellen, dass Hans nach dem leidlichen „Hellgrün ist die Hoffnung“ suchte. Aber zu aller Glück fand er das nicht, woraufhin er sich darauf beschränkte, halblaut zu summen, während er wieder die drei bekannten Mollakkorde dahinwarf.
„Jetzt sind wir aber abgekühlt“, rief die Hellgrüne aus der Menge.
Es gab allgemeines Gelächter über ihren plötzlichen Aufbruchseifer und sie wurde ganz rot, als sie „Gute Nacht“ wünschte.
Vetter Ole, der in der Nähe der Wirtin stand, nahm auch Abschied. Vetter Hans dagegen wurde vom Richter aufgehalten, der wissen wollte, unter welchem Lehrer er denn Musik studiere, und das dauerte einige Zeit.
So kam es, dass Ole und die Hellgrüne gleichzeitig im Eingang standen, wo die Jungen sich um die Garderobe scharten, teils um ihre eigenen Kleider zu finden, teils um die der anderen kaputtzureißen.
„Es nützt wohl nichts, sich vorzudrängen“, sagte die Hellgrüne.
Oles Kehle schnürte sich auf solch quälende Weise zusammen, dass es ihm nicht glückte, mehr als einen dumpfen Laut hervorzubringen. Sie standen dicht hintereinander, es war sehr eng, und Ole hätte seinen kleinen Finger dafür gegeben, nur um etwas nettes zu ihr zu sagen, oder wenigstens etwas vernünftiges; aber das war ganz unmöglich.
„Sie haben sich wohl nicht amüsiert heute Abend?“, sagte sie freundlich.
Vetter Ole dachte an die jämmerliche Rolle, die er den ganzen Abend gespielt hatte; diese unwürdige Liebe bedrückte ihn so sehr, dass er antwortete (es war das dümmste, was er hätte antworten können, dachte er noch im selben Moment, da er es aussprach):
„Leider kann ich nicht singen.“
„Das liegt vermutlich in der Familie“, antwortete die Hellgrüne mit einem schnellen Blick.
„N – e – i – n“, sagte Ole äußerst konfus, „mein Bruder singt ja ausgezeichnet.“
„Finden Sie?“, sagte sie trocken.
Das war das Verwunderlihste, das Ole je zu Ohren gekommen war: Es konnte doch nicht angehen, dass es verschiedene Meinungen über den Gesang des Bruders gab – und das gerade sie, „die Zukünftige“, nicht unter den Bewunderern sein wollte! – und doch war es ihm nicht unbehaglich, es zu hören.
Wieder eine Pause, die Ole vergeblich zu unterbrechten versuchte.
„Wollten Sie denn auch nicht tanzen?“
„Nicht mit allen hier“, brach es aus ihm heraus.
Sie lachte: „Nein, nein! Ein Herr kann es sich ja aussuchen!“
Jetzt glitt Ole der Boden unter den Füßen davon. Er fühlte sich, als ginge er an einem Winterabend durch die Straßen und stünde plötzlich auf einer Eisbahn, auf der er zu rutschen begann. Es gab nichts, um sich festzuhalten oder stehenzubleiben, und mit verzweifelten Mut sagte er: „Wenn ich gewusst hätte – oder zu hoffen wagen hätte dürfen, dass eine der Damen, nein!, dass die Dame, mit der ich tanzen wollte, Lust gehabt hätte – hm!, dass sie mit mir tanzen hätte wollen, dann – dann –“ Weiter kam er nicht, und nachdem er „dann“ gesagt und es noch ein paar Mal wiederholt hatte, verstummte er.
„Sie hätten ja fragen können“, sagte die Hellgrüne.
Ihr Armband war aufgesprungen, und es hatte ein solch tückisches Schloss, dass sie sich nach vorne beugen musste, um es wieder zu schließen, wobei sie ganz rot wurde.
„Hätten Sie zum Beispiel mit mir tanzen wollen?“, nun lief es endlich ein wenig rund für Ole.
„Ja, warum nicht?“, antwortete sie. Sie presste die Spitze ihres Schuhs in eine kleine Spalte zwischen den Bodenleisten.
„Am Freitag wollen wir die Gesellschaft im Priesteranwesen fortsetzen! Würden Sie mir dort einen Tanz erlauben?“
„Mit Vergnügen; welchen Tanz wünschen Sie?“, versuchte sie im Tonfall einer Dame zu antworten.
„Eine Francaise?“ – denn die sind so lange, dachte Ole.
„Die zweite Francaise ist nicht besetzt“, antwortete das Fräulein.
„Und ein Galopp?“
„Ja – danke; die erste Galoppade!“, antwortete sie zögerlich.
„Und eine Polka?“
„Nein, nein! Das reicht!“, rufte die Hellgrüne und sah Ole ängstlich an.
Im selben Moment gesellte sich Hans zu den beiden: „O! Welch ein Glück, Sie zu finden, Fräulein! – Aber in welcher Gesellschaft!“
Dabei zog er die Hellgrüne auf seine liebenswürdige Weise mit sich, um ihr Jäckchen zu finden, und dann schlossen sie sich den anderen an.
„Eine Fraincaise und eine Polka; das reicht – Jaja! Jaja!“, wiederholte Vetter Ole. Er blieb wie angewurzelt an der Stelle stehen. Auf einmal bemerkte er, dass er alleine war und griff irgendeine Mütze von einem der Kleiderhaken. Er schlich sich durch den Hintereingang nach draußen, dann durch den Garten, und kletterte schließlich mit großen Schwierigkeiten über den Zaun, da das Tor schon verschlossen war.
Er nahm den ersten Trampelpfad durch die Wiese, während er seine Augen nach vorne auf den Schornstein des Priesteranwesen richtete. Er fühlte ein wenig, dass seine Hose bis zu den Knien nass wurde in dem hohen Gras. Dagegen bemerkte er überhaupt nicht, dass die alte Uniformmütze des Richters, die er unglücklicherweise in aller Eile an sich gerissen hatte, an seinem Kopf hin und her wackelte, bis sie zur Ruhe kam, als der große Schirm ihm über das Ohr glitt.
„Eine Fraincaise und eine Polka; das reicht – Jaja! Jaja!“ – Es war schon ziemlich spät in der Nacht, als auch Hans sich dem Priesteranwesen näherte. Er hatte die Damen des Doktors nach Hause begleitet und jetzt ließ er den Tag beim Gehen noch einmal Revue passieren.
„Sie ist ein wenig schüchtern, aber das kann ich im Grunde gut leiden.“
Als er in den Garten des Priesteranwesens einbog, sagte er: „Sie ist unglaublich schüchtern, fast mehr als es mir lieb ist.“
Aber als er durch den Garten ging, schimpfte er über abweisende und launige Damen, die das unerträglichste waren, was er kannte.
Die Sache war nämlich, dass er überhaupt nicht zufrieden war mit der heutigen Ausbeute. Nicht dass er einen Augenblick bezweifelte, geliebt zu werden; aber genau deshalb fand er ihr kühles und zurückhaltendes Benehmen doppelt ärgerlich. Kein einziges Mal hatte sie ihm den Ring zugeworfen, ihn nicht einmal aufgehoben, und auf dem Heimweg hatte sie mit allen anderen geredet, nur nicht mit ihm. Aber das nächste Mal würde er sich das nicht gefallen lassen, sie sollte diesen Tag noch einmal bereuen!
Er ging still ins Haus, damit der Onkel nicht hörte, wie spät er nach Hause kam. Bevor er zu seinem und des Bruders Schlafzimmer kam, musste er eine große Dachkammer durchqueren. Hier war ein Fenster, das den Jungen als Tür zu einer Art Altan diente, der über der Eingangstreppe platziert war.
Vetter Hans bemerkte, dass dieses Fenster offen stand; und draußen auf dem Altan sah er den Schatten seines Bruders im klaren Mondschein.
Ole trug noch die weißen Handschuhe vom Ball. Er hielt sich mit beiden Händen am Fensterrahmen fest und starrte dem Mond ins Gesicht.
Vetter Hans konnte nicht verstehen, warum der Bruder sich so spät in der Nacht noch da draußen aufhielt; aber am allerwenigsten verstand er, warum sich Ole einen Blumentopf auf den Kopf gesetzt hatte.
Er ist voll, dachte Hans, und näherte sich vorsichtig.
Da hörte er den Bruder etwas von einer Francaise und einer Galoppade murmeln; und dann machte er wunderliche Bewegungen mit den Händen.
Vetter Hans glaubte, er versuchte mit den Fingern zu schnipsen; und nun sagte Ole langsam und deutlich mit seiner monotonen und unsympathischen Stimme: „Hellgrün ist die Hoffnung – Trommelommelom, trommelommelom;“ – der Arme, er konnte ja nicht singen.
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[Alexander Kielland] Hellgrün ist die Hoffnung: Kommentar

Beitragvon Smilodon » Do 14 Apr, 2011 12:11


Besonders schwer habe ich mir beim Übersetzen damit getan, die Ironie in der richtigen Dosis ins Deutsche hinüberzutransportieren. Ich habe die kurze Erzählung nämlich als eindeutigen, etwas verspäteteten, aber dafür vielleicht endgültigen ironischen Bruch mit der Literatur der Romantik gelesen – und hoffe daher, dass ich hier in etwa das richtige Maß getroffen habe, das auch im Original vorzufinden ist.

Ich weiß zwar leider nicht allzu viel über die Literatur der Romantik in Norwegen, aber zu der Zeit war sowohl die deutsche Sprache als auch Literatur im Norden so einflussreich und bedeutsam, dass ich davon ausgehe, dass zumindest Motivation und Grundmotive in etwa die gleichen waren.
„Håpet er lysegrønt“ ist eine der ersten Erzählungen Kiellands und relativ lange nach der romantischen Epoche, zumindest der in der deutschen Literatur, erschienen. Ich meine mich aber zu erinnern, dass die norwegische Nationalromantik ohnehin erst ein paar gute Jährchen nach der deutschen eingesetzt und aufgehört hat, von daher sollte auch die – meiner Meinung nach ohnehin nicht so wichtige – zeitliche Einordnung einigermaßen hinkommen.

Wichtiger für mich ist, dass der Text zahlreiche typisch-romantische Motive ziemlich auf den Kopf, insbesondere die Zwiegespaltenheit eines Protagonisten in „Phantastisch-magische Traumwelt“ und „Nüchterne Alltagsrationalität“, wie man sie in der deutschen Literatur vor allem bei Eichendorffs Marmorbild auf dem Silbertablett serviert bekommt, wird hier gleich mehrfach konterkariert:
  1. Tausch der Geschlechterrollen: Nicht ein männlicher, sondern ein weiblicher Protagonist steht hier zwischen zwei (männlichen) Figuren. Mit Genderlesarten möchte ich mich hier nicht aufhalten, aber beispielsweise ist auch dieses „Der Herr kann ja wählen“ ein guter Archimedscher Punkt für Interpreationen.
  2. Zwar sind auch die beiden Brüder Ole und Hans grundsätzlich in das klassische Zweierschema einzuordnen. Ole wird als ruhig und besonnen vorgestellt, während Hans offensichtlich alle Art von Gefühl und Leidenschaft ganz für sich gepachtet hat. Das wird aber sehr schnell relativ albern, da Hans' Leidenschaft und Einfühlungsvermögen ja nur Show ist. Er ist ja nicht wirklich tiefsinnig-phantastisch, sondern glaubt nur selbst, so zu sein. Sein Klavierspieltalent ist dafür wohl das herausstechendste Beispiel. Dass er zwei (fröhliche) Dur- und nur einen (traurig-melancholoisch-tiefsinnigen) Moll-Akkord beherrscht, ist für mich nur eine von vielen Kleinigkeiten, an denen man das rauslesen kann. Und dass er gerade da Schwierigkeiten bekommt, wo der Text davon spricht, Liebe und Schmerz hineinzulegen, ist ganz sicher auch kein Zufall.
    Dass er die „hellrote“ mit der „hellgrünen“ Tochter des Arztes verwechselt, demonstriert sehr schön seine extreme Oberflächlichkeit. Von der Hellgrünen erfährt man konsequenterweise auch sonst nichts in der Erzählung, weder ihren Namen noch sonstetwas. Das einzige, was der Leser wirklich von ihr präenstiert bekommt, ist ihr „frühlingsfrisches Schmetterlingskleid“!
  3. Auch Ole ist nur eine Karrikatur seiner selbst. Während er am Anfang noch auf Gewissen und Moral tut, eher nüchtern und besonnen wirkt, hat er ja am Ende keine großen Skrupel, dem Bruder die Verlobte auszuspannen. Als Krone des Ganzen setzt er sich zum Schluss dann einen Blumentopf auf den Kopf und betet dabei regelrecht den Mond an, was übrigens auch das romantishe Motiv des Mondes mehr als lächerlich erscheinen lässt.
  4. Während der romantische Zwiespalt meist auf einer Unentschlossenheit und langwierigen Entscheidung des Protagonisten beruht, die im Text ausführlichst dargestellt wird, übernimmt Hans hier kurzerhand die Entscheidung und reißt die Hellgrüne einfach an ihrem Arm davon, um zur Garderobe zu schreiten. (Das Jäckchen hier ist übrigens meiner Übersetzung geschuldet, im Original steht hier „tøy“, was einfach nur Zeug im Sinne von Kleidung bedeutet – wofür ich aber kein treffendes deutsches Pendant gefunden habe und kurzerhand ein in meinen Augen stimmiges Jäckchen draus gemacht habe.)
  5. Dass die „Hellgrüne“ (auch diese Bezeichnung ist denke ich mehr als albern zu verstehen, siehe oben) etwa „Jetzt sind wir aber abgekühlt“ ruft und Gelächter ausruft, zeigt, dass auch sie selbst ihren eigentlichen Zwiespalt zwischen den Brüdern nicht sehr ernst nimmt. Auch etwa ihr „versuchte sie im Tonfall einer Dame zu antworten“ kann als Kritik an der Affektiertheit dieser Zeit oder an der Ernsthaftigkeit dieser Figur überhaupt gelesen werden, von der wir wie gesagt nichtmal ihren Namen kennen und die mehr Marionette ist als eine wirkliche Persönlichkeit.
  6. Und am Ende bleibt es ja mehr oder weniger offen, was mit der Hellgrünen passiert. Ob sie überhaupt einen der beiden Brüder will. Und der Schluss, indem der offensichtlich ebenso wenig singen könnende Hans sich über das fehlende Gesangstalent Oles lustig macht, über die Ernsthaftigkeit dieser Figuren. Der ach so tiefsinnige Hans begreift ja nichtmal, dass sein Bruder auch scharf auf seine Hellgrüne ist.
Andere romantische Motive, etwa das Aufgreifen alter Volkslieder und -reime werden in der Erzählung persifliert. Schon am Anfang nervt das „Hellgrün ist die Hoffnung“ den Bruder Ole zu Tode (Er hätte sich sogar Übergeben können!!! - in einem Text von 1879 wohl einer der härtesten Ausdrücke, die man überhaupt schreiben konnte), später im entscheidenen Moment kriegt es dann aber nichtmal mehr Hans auf die Reihe, das Lied zu singen – und beweist „zum Glück aller“, dass auch er kein romantischer Held ist. Überhaupt ist Hans' Gesang zwar ein wiederkehrendes Motiv in Kiellands Erzählung, aber zu mehr als zur Abkühlung der Gäste taugt er nicht. Er darf ja überhaupt erst singen, nachdem der Höhepunkt des Abends vorbei ist und nur, um die heißen Gemüter runterzukühlen und auf die kühle Nacht vorzubereiten.

Ich weiß nicht, ob man Oles feuchte Hosen auf dem Heimweg durch die romantische Mondnacht unbedingt sexuell lesen muss, aber immerhin lassen auch sie, unabhängig von einer sexuellen Lesart, eines der wichtigsten Motive albern erscheinen. Sexuell deuten kann man auf jeden Fall die Armbandstelle, in der Ole der guten in den Ausschnitt gegafft hat, bevor es dann rundlief und er den Faden im Gespräch gefunden zu haben scheint.

Im Original lautet der erste Satz übrigens „Du støver“, was wörtlich so viel wie „Du staubst“ bedeutet. Ich kenne die genaue Bedeutung nicht, aber es erschien mir logisch, es mit „Du schlurfst“ zu übersetzen, gerade weil sonst die nächste Bemerkung mit dem Beinheben unlogisch erscheinen würde. Hier könnte man aber auch ansetzen mit einer Interpretation, die etwas mit dem Aufwirbeln des alten romantishen Staubs zu tun hat.

Über die ironisierende Darstellung der gesamten Abendgesellschaft (zB „teils um ihre eigenen Kleider zu finden, teils um die der anderen kaputtzureißen.“), des Richters (ja, wo studiert der gute Hans wohl Musik?), des Ringespiels etc. brauche ich denke ich nicht sehr viel zu sagen. Ich möchte auch mit diesen Bruchstücken meiner Interpreation erstmal schließen und freue mich, entweder über Widerspruch zu meiner Lesart, Tipps, Kritik und Hinweisen zu meiner Übersetzung, oder überhaupt Gedanken zu dem Text, der mir persönlich sehr gut gefallen hat, was natürlich daran liegt, dass ich insgeheim natürlich ein großer Fan romantischer Literatur bin (die ja so steif, wie ich sie in meinem Beitrag dargestellt habe, gar nicht existiert hat, sondern die immer schon eine gewisse Selbstironie enthalten hat) und mich daher umso mehr an der ironischen Brechung mit dieser erfreuen kann.
Zuletzt geändert von Smilodon am Do 14 Apr, 2011 21:19, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: [Alexander Kielland] Hellgrün ist die Hoffnung

Beitragvon Smilodon » Do 14 Apr, 2011 21:42


Gerade habe ich gesehen, dass es auch eine Übersetzung im Projekt Gutenberg gibt, mit der ihr mein Ergebnis vergleichen könnt:
http://gutenberg.spiegel.de/buch/295/1

Dort haben sie aber an einer, wie ich finde, ganz entscheidenden Stelle ein "nicht" vergessen:
und doch war es ihm unangenehm das zu hören.


Und auch hier wurde die Verneinung gründlich vergeigt:
welche er in der Eile so glücklich gefaßt hatte

Im Original steht "uheldig", also unglücklich. "Glücklich" ergibt auch keinen Sinn.

Und hier bin ich mir nicht 100% sicher, glaube aber, dass Gutenberg geschlampt hat:
nicht ein einziges Mal hatte sie ihn zu einer Tour geholt,

Im Original: "ikke tatt ham opp i en eneste tur"
Das "i en eneste tur" würde ich klar als "auch nur ein einziges Mal lesen", zu welcher Tour hätte er sie auch holen sollen? Vielleicht höchstens noch so etwas wie "hat ihn nicht ein einziges Mal drangenommen/aufgerufen etc.", aber ich kenne leider das Ring-/Reifenspiel mit seinen Regeln nicht, sodass ich hier keine Klarheit schaffen kann.
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