Über Moral ohne Religion können wir uns gerne noch weiter unterhalten.
leider bin ich etwas spät dran, aber das Angebot nehm ich gerne wahr. Ich fang erstmal in Bezug auf Israel und die Palästinenser an, wenn du es gerne allgemeiner diskutieren möchtest, sollten wir dazu vllt. einen eigenen Faden erstellen.
Die "Moral ohne Religion", die uns allen für die Palästinenser bzw. die islamische Welt vorschwebt, ist im Endeffekt nichts anderes als unser heutiges Moralverständnis nach der goldenen Formel (Was du nicht willst, das man dir tut...) oder in einem etwas umfassenderen und abstrakteren Sinn nach dem Kantchen Kategorischen Imperativ (Handle stets so, blabla...).
In unserer Gesellschaft sind wir soweit zu sagen, dass man gewisse Grundwerte (Recht auf Leben, Religion, Weltanschauung usw. usf. - kurz: Menschenrechte) als durch die Vernunft gegeben ansehen bzw. glauben, sie würden uns durch die Vernunft evident. So lange fast alle in einer Gesellschaft mitmachen oder zumindest eine "kritische Masse", die man dafür braucht (sagen wir mal so 50%), funktioniert das auch, weil die anderen dann auch mitmachen, entweder weil sie ihre Ruhe von diesem ganzen Moralgedöhns haben wollen oder weil sie sowieso keine Ahnung von Moral haben oder auch aus dem pragmatischen Grund, dass sie auch keine bessere Lösung parat haben und es sich ja ganz pragmatisch bewährt hat, dem Nachbarn nicht die Kehle durchzuschneiden, weil dann der zweite Nachbar einem selbst die Kehle durchschneiden könnte.
(Dass unsere Moralvorstellungen "richtig" oder gar "philosophisch richtig" sind, möchte ich an dieser Stelle übrigens weder behaupten noch anzweifeln - Das würde aber tatsächlich ein eigenes Thema werden... - Fest steht allerdings, dass wir dieses Verständnis der Moral haben)
Und jetzt stehen wir vor einem Dilemma:
1. Die "islamische Bedrohung unseres Moralverständnis" gewaltsam (aber nicht unbedingt nur gewaltsam) zurückschlagen und damit unsere Werte und Menschenrechte über den Haufen werden (zunächst mal das Recht auf Leben, aber auch das Recht auf freie Religionsausübung, Weltanschauung usw. usf. Wenn es zur Religonsausübung gewaltbereiter Islamisten nunmal gehört, Attentate auszuführen, würden wir ihnen das Recht nehmen).
2. Uns und unsere Werte in ihrer Existenz gefährden, indem wir den anderen Religonsausübung und Menschenrechte zugestehen, und somit unsere Moralvorstellung auch über den Haufen zu werfen, weil sie sich dann kaum auf der ganzen Welt durchsetzen wird.
Zunächst mal will ich ein wenig näher begründen, wie es zu diesem Paradox kommt bzw. ein paar Hintergrundinfos einstreuen und am Schluss ein paar Auswege aus dem Dilemma aufzweigen, die für mich zuallererst etwas mit genügend zu essen usw. und dann vor allem mit Bildung zu tun haben.
Unsere Moral funktioniert innerhalb der Gesellschaft, wenn ein gewisser Teil der Gesellschaft sie für gültig anerkennt und der andere einfach so mitmacht und ein paar vereinzelten Verweigeren ein wenig nachgeholfen werden muss (z.B. Gefängnisstrafen usw.), wenn sie sich auch in ihrem Handeln gegen die Moral stellen.
Und neue/andere Gesellschaften (die Palästinenser in unserem Beispiel) können wir nur dann von unserer Moral überzeugen, wenn auch dort die kritische Masse erreicht ist und bereit ist, für unsere Moral zu kämpfen. - Bei uns ging das ja auch nicht alles von heute auf morgen... Französische Revolution, Napoleon, Kaiserreich, Hitler usw., nur um ein paar große Wendepunkte zu nennen, die zu unserem heutigen Moralverständnis geführt haben - von den geisteswissenschaftlichen Einflüssen mal ganz abgesehen.
Aber so weit sind die Palästinenser (und andere arabische Staaten) nicht - die haben als ganze Gesellschaft ihre Moral noch in Gott und Gott ist zweifelsohne eine viel höhere Begründung für Moral als das meiste andere (zumindest behaupte ich das). Allerdings steht und fällt die Moralbegründung durch Gott mit seiner Existenz, sowohl im allgemeinen (Gibt es überhaupt einen Gott?) als auch im besonderen (Wenn es Gott gibt, ist es dann auch genau dieser spezielle islamische Gott, der genau diese Moralvorstellungen haben will usw. usf.?).
Sicher gibt es hierzlande auch noch gläubige Christen, die die Bibel ernst nehmen, aber kaum einer würde mehr soweit gehen, sie Nichtgläubigen als das Nonplusultra aufzuzwingen, schon gar nicht mit Gewalt (selbst wenn, wie oben schon angedeutet, solche Aufforderungen sich nicht nur im Koran, sondern durchaus auch in der Bibel finden lassen....). Wir haben eben eingesehen, dass das für eine Gesellschaftsordnung nix bringt bzw. zu unsicher ist und wir niemandem unseren Glauben aufzwingen dürfen usw., wenngleich wir durchaus auch vieles vom christlichen Moralverständnis übernommen haben und unser Grundgesetz ganz eindeutig und zu allererst auf unserer "Verantwortung vor Gott" basiert (siehe Präambel).
Auf jeden Fall aber haben auch die frömmsten Kirchgänger heutzutage ein ganz anderes Verhältnis zur Religion als vor fünfhundert Jahren - Religon ist privater geworden, wenn ich das so sagen darf - oder anders ausgedrückt: wir sind augeklärt.
Und wenn wir jetzt über die radikalen Palästinenser sprechen, fehlt genau diese Aufklärung und wir stehen vor der Frage, ob wir (bzw. die Israelis) ihnen unsere Moral einfach so gewaltsam aufzwingen dürfen oder nicht (ist ja auch bei den ganzen Irakkriegen heftig debattiert worden das Thema) - denn im Prinzip will Israel ja genau das: sich in seiner Existenz bewahren, indem es falsche, auf den Koran gegründete Moralvorstellungen (Juden sind keine Menschen, Israel muss vernichtet werden usw.) - in den letzten Wochen gewaltsam - bekämpft und so "unser" grundsätzliches Moralverständnis (Menschenrechte usw.) auch bei den Palästinensern zu etablieren versucht. Denn nur wenn auch die Palästinenser Juden als "lebenswertes Leben" ansehen, ist Israel in seiner Existenz langfristig gerettet.
Und jetzt kommen wir dazu, dass die Begründung der Moral auf Gott im Islam noch sehr weit verbreitet ist, aus den oben genannten Gründen. Wahrscheinlich kann man es auch anders ausdrücken: Im Gaza-Streifen gibt es ein paar Spinner aus der Oberschicht, die das so sehen, und für den normalen Bürger gilt die Brechtsche Formel, dass er erstmal was zu fressen haben will, bevor er sich überhaupt ansatzweise mit solchen Fragen auseinandersetzt oder anfängt, seine Religion und die damit verbundenen Moralvorstellungen ernsthaft zu reflektieren.
Und selbst wenn er irgendwann mal genug zu fressen hat, fehlt ihm immer noch die Bildung usw., um sich solchen Themen überhaupt anzunähern. Ich sags mal so: Um von Kants Metaphysik der Sitten wenigstens ein bißchen was sinnvolles rauszuholen, braucht man wohl mindestens Abitur. Und eine neutrale Bildung wird ein theokratischer Staat nie gewährleisten können.
So bleib ich bei meiner Meinung, dass es wesentliche Aufgabe (also vor allem die Aufgabe Deutschlands, Europas, Amerikas, aber auch Israels) ist, solchen Ländern Zugang zu unabhängiger Bildung zu verschaffen. Irgendwann wissen die Leute schon, wie sie damit umzugehen haben und werden mal ne Revolution anstacheln, ähnlich wie die französische usw.
Allerdings kann man sich gut und gerne darüber streiten, ob so ein Eingriff "von außen" überhaupt sinnvoll ist oder nicht? Solange es Entwicklungshilfe usw. gibt, ist zumindest eine gewisse Grundversorgung sichergestellt (kurzum: die Leute verhungern nicht, zumindest nicht in dem Ausmaß) und wie die Geschichte immer wieder gezeigt hat: Ein sattes Volk muckt nicht auf - das weiß jeder Absolutist, jedes Militärregime und jede sonstige Diktatur. Das weiter ausgeführt, würde aber auch in einem anderen Thema enden.





