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Tapetenlöser

Beitragvon Struppigel » Mo 27 Jul, 2009 15:16


Es ist so befriedigend wie die ersten Schritte auf einer frischen Schneedecke. Er stippt die Spachtelspitze in die makellose Wand, betrachtet das entstandene Loch, schiebt das Blech unter die weiße Farbe, so dass sie staubig abblättert. Das Klopfen von Metall auf Beton, das Reißen von Tapete und das Prasseln der auf den Boden fallenden Farbkrümel sind die einzigen Geräusche hier oben. Fast dämmerig wird ihm davon. An den zerfetzten Tapetenrändern bricht eine Schicht Altrosa hervor. Das hier muss das Kinderzimmer gewesen sein. Trotzdem kann er sich nicht vorstellen, warum man ein Zimmer so streichen sollte. Seine Frau würde sicher kein Altrosa für das Kind wollen. Er hämmert auf eine besonders hartnäckige Stelle ein, entschließt sich dann aber, doch den Tapetenlöser zu verwenden. Die DDR-Wandverkleidung, die er im Flur noch in Bahnen abziehen konnte, lässt sich hier gar nicht trennen. Seine Frau wird bald Kuchen vorbeibringen. Bestimmt sind die Stückchen dann noch warm. Sie wird sich ansehen, wie weit er gekommen ist, nicken und wieder langsam die Treppen runtergehen, sobald ihr der Bauch zu schwer wird. Sie muss nun immer häufiger im Bett liegen. Er trägt den Eimer mit dem schaumig-trüben Wasser herbei und befeuchtet die Wand. Das Altrosa bricht beim Bestreichen an den kleinen Erhöhungen durch, die nasse Tapete verfärbt sich dunkel. Nein, das ist doch nicht wie Schnee. Er wendet sich einer anderen, noch trockenen Stelle zu, klopft und schabt bis zwei Strichzeichnungen auf dem Beton zum Vorschein kommen: ein verkrüppeltes Männchen und eine Katze mit einer kleineren Katze in ihrem Bauch. Mit der linken Hand fährt er durch seine verstaubten Haare und muss husten. Als er noch Kind war, wurde er ermahnt, wenn er bei Menschenzeichnungen nicht alle Gliedmaßen, einen Hals und genau fünf Finger pro Hand anbrachte. Er kratzt der kleineren Katze ein Ohr ab und der Rest des Kopfes bröckelt nach.
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Re: Tapetenlüser

Beitragvon Garfield » Mi 29 Jul, 2009 13:52


Moin Struppi

Jetzt habe ich die Geschichten schon mehrmals gelesen und wollte dir einen Kommentar dalassen, aber so richtig fand ich keinen Zugang. Vielleicht klappts ja, wenn ich darüber schreibe:

Also erstmal: sprachlich ist sie sehr schön. Du schreibst klar, wenig verschnörkelt aber angenehm lesbar. Eine gewisse Ruhe drückt deine Geschichte aus.
Das Wort stippen kannte ich übrigens nicht, aber der Duden hats mir erklärt....

Nun zum Inhalt: Du beschreibst wie jemand die Tapete in einem Zimmer abzieht, also renoviert. Da ich nicht glaube, dass du nur den reinen Vorgang beschreiben wolltest, überlege ich schon die ganze Zeit, was genau dann deine Intension beim schreiben war.
Die Tapete stammt noch aus DDR-Zeiten, das heißt zum einen ist sie sehr alt, zum zweiten stammt sie aus einer vergangenen Zeit, der DDR. Diese Bildnis von Altem und Neuem, Ende und Anfang findet sich häufig in der Geschichte. Gelich am anfang die Schritte auf der weißen Schneedecke (ein tolles Bild), das alte Zimmer was neu gemacht wird, die alte DDR-Tapete, das Kind das bald auf die Welt kommt. Die Zeichnungen am Ende, wo er denkt, dass er als Kind immer ganz akkurat zeichnen musste, da musste ich gleich wieder an die DDR denken, wegen der dort herrschenden Diktatur, mit den vorgeschriebenen Meinungen. Auch hier reißt er das Bild schließlich ein, wieder das Ende von etwas altem.
Letzendlich würde ich also sagen beschreibst du hier in einem einfachem Bild das Thema von Ende und Neuanfang auf mehreren Ebenen.
Doch, das gefällt mir.
Am Anfang vermisste ich noch einen direkten Bezug zu den Charakteren oder gewissen Ereignissen, also dass sie irgendwie mit der DDR verwurzelt waren oder ähnliches aber so im nachinein funktioniert die Geschichte auch so.

Liebe Grüße, Garf

EDIT: Ich muss noch hinzufügen, dass das eine Geschichte ist, die beim mehrmaligem Lesen dazugewinnt, was ich für was sehr besonderes halte und nach anfänglicher Skepsis gefällt sie mir jetzt sehr gut.
Kurz, er bewies eine Geduld, vor der die hölzern-gleichmütige Geduld des Deutschen, die ja auf dessen langsamer, träger Blutzirkulation beruht, einfach gar nichts ist.
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Re: Tapetenlüser

Beitragvon Antibegone » Do 30 Jul, 2009 14:09


Huhu Struppi :-)

Das ist irgendwie eine merkwürdige Geschichte. Ich könnte jetzt nicht einmal beschreiben, was ich hier mit „merkwürdig“ meine. Das ist einfach der erste Eindruck, den ich davon habe. Ich glaube, ich versuche mich mal ganz vorsichtig heran zu tasten. Und beginne bei der Form.

Der Text hat weder Anfang noch Ende. Er scheint einfach als Mittelteil geschrieben zu sein. Das entspricht nicht sehr meinem eigenen Geschmack. Zumal das Ende irgendwie sehr offen ist. Trotzdem passt es. Mir scheint nämlich, dass auch der Inhalt nur ein „Mittelteil“ aus jemandes Leben ist. Ein kurzes Scheinwerferlicht, das eben diesen Moment, diesen „Angelpunkt“ in seinem Leben beleuchten will und dann ganz schnell wieder ausgeknipst wird. In dem Zusammenhang empfinde ich die Form als durchaus legitim.
Was mir noch auffällt ist, dass du zwei „Drehpunkte“ eingebaut hast. „Es ist so befriedigend wie die ersten Schritte auf einer frischen Schneedecke.“ Dies hier ist der Erste. Was mir sofort aufgefallen ist: Hier bildet sich eine gewisse „Aufbruchsstimmung“ ab. Die ersten Schritte auf etwas Neuem, Unbekannten, das jedoch tiefe Abdrücke hinterlassen wird. In dem „befriedigend“ steckt eine gewissen „Begeisterung“ für eben diese Schritte, für das Beginnen.
Und genau das schlägt an dieser Stelle um: „Nein, das ist doch nicht wie Schnee.“ Hier steckt Wehmut dahinter, finde ich, er hat sicher geirrt, überlegt, überdenkt. Die Wahrnehmung seiner eigenen Situation schlägt um. Es ist nicht mehr wie Schnee und damit wohl auch nicht mehr „befriedigend“. Es bleibt relativ offen, woher dieses „Sinneswandel“ eigentlich kommt. Vielleicht merkt er, es würde nicht so leicht werden wie die Füße in den Schnee zu setzen. Die Tapete löst sich nur schwer. Der neue Lebensabschnitt wird anders, komplizierter, das „Alte“ lässt sich nicht so leicht ablösen. Oder ist er vielleicht traurig darum, gerade dieses Alte hinter sich zu lassen? Das wäre immerhin plausibel. Schließlich schwelgt er ja auch in einer Art Nostalgie (gerade das Wort „DDR“ löst bei mir eine Assoziation in die Richtung aus), als er das Bild sieht, an seine eigene Kindheit denkt.
Wie diese Kindheit belegt ist, ist mir dabei nicht klar. Positiv? Negativ? Du erwähnst nur, dass er alle Menschen „korrekt“ zeichnen musste. Heißt das vielleicht, er musste früher immer alles richtig machen? Kann man das hier verallgemeinern? Und will er darum vielleicht gerade diese Zeichnung loswerden, lässt sie sie bröckeln? Oder aber ist er trotzdem traurig darum, kein Kind mehr zu sein. Schließlich ist der Schmerz nach Vergangenem nicht logisch, er holt einen ein, selbst wenn das Vergangene nicht schön war. Und er merkt möglicher Weise, wie seine eigene Kindheit jetzt „bröckelt“, wie er erwachsen wird, Frau und Kind bekommt und damit ein Stück seiner selbst verliert.
Ich denke es ist nicht ganz klar, ob er traurig um seine Vergangenheit oder wegen seiner Vergangenheit ist. Irgendwie glaube ich, dass beides in gewisser Weise der Fall ist.
Mir scheint die Zeichnung auch doppeldeutig. Erst einmal als Verweis auf seine eigene Kindheit. Andererseits könnte die kleine Katze ja auch auf eine Schwangerschaft hindeuten und damit auf die seiner Frau, die sich ja in der Gegenwart (Zukunft) verorten lässt. Insofern ist die Zeichnung eine Art „Bindeglied“, in dem er vl. beides sieht.
In jedem Fall finde ich das Einbauen dieser „Drehpunkte“ sehr geschickt. Zumal die Geschichte, wie gesagt, keinen Anfang und kein Ende hat. Sie vollzieht vielmehr eine Art innere Wiederholung, bei der jedoch sich die Stimmung umgekehrt hat.

Ich finde die Geschichte zeigt, dass ein neuer Lebensabschnitt oder allgemein etwas „Neues“ mit noch so viel Euphorie begonnen werden kann. Es wird nicht leicht sein. Erst geht die Tapete einfach ab, dann schwerer, man merkt, was sich eigentlich dahinter verbarg, erinnert sich. Und es beginnt von einer kleinen Stelle her zu bröckeln.

Sprachlich finde ich ist die Geschichte ganz gut gemacht. Sie erzählt detailliert, nah am Geschehen, realistisch, ungeschönt. Ich erkenne kaum Metaphern oder Ausschmückungen (außer der Vergleich mit dem Schnee). Es hat so eine „Genauso war (/ist) es Stimmung“. Mit Bezug darauf lässt sich wohl auch die Tempuswahl rechtfertigen.
Trotzdem scheint jeder Handgriff des Protagonisten eine Rolle zu spielen, durchdacht zu sein, von Bedeutung zu sein. Den Eindruck gewinnt man vor allen Dingen durch die „Langsamkeit, die Gewichtigkeit“ der Sprache, wie ich finde.
Ich hätte nur noch einige kleinere Anmerkungen, wo ich Formulierungen unnötig kompliziert fand.

Fast dämmerig wird ihm davon


Hier invertierst du und ich habe keine Ahnung, wieso. Wenn es einen guten Grund dafür gibt, dann sag ihn mir, ich sehe nur leider keinen und es scheint mir überflüssig.

Bestimmt sind die Stücken dann noch warm


„Stücken“ ist ein merkwürdiges Wort, das ich auch selten höre, noch seltener lese. Für mich klingt es an der Stelle irgendwie „holprig“. Aber das kann natürlich auch an meinem eigenen Sprachgebrauch liegen, der dieses Wort einfach nicht fasst.

und eine Katze mit einer kleineren Katze auf oder in ihrem Bauch


Also, entweder ist die kleinere Katze auf oder in ihrem Bauch. Beides geht nicht. Vielleicht meinst du, es sähe so aus als ob man das nicht unterscheiden könnte. Aber dann wäre die Formulierung ungenau.

Dann noch etwas: Du benutzt hier überhaupt keine Namen, ich schätze mal, um es „unpersönlich“ zu halten. Das Problem, was sich ergibt ist die häufige Verwendung von „er“. Vielleicht kommst du ja irgendwie darum herum?

Am Ende kann ich gar nicht sagen, ob mir die Geschichte gefallen hat oder nicht. Vielleicht finde ich sie gerade deswegen „merkwürdig“. Oder es ist einer der Texte, über die man erst länger nachdenken muss, bevor sie einem gefallen können. Das würde natürlich nur dafür sprechen.
Zu diesem Zeitpunkte habe ich jedoch noch keine Meinung, kommt vielleicht noch (ist ja nix Neues, dass ich bei manchen Sachen etwas länger brauche, lach)

Liebe Grüße,
Myr
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Re: Tapetenlüser

Beitragvon Struppigel » Mo 03 Aug, 2009 11:39


Hallo Garfield und Traumi,

vielen Dank für Eure hilfreichen Kommentare.

@Garfield:
Am Anfang vermisste ich noch einen direkten Bezug zu den Charakteren oder gewissen Ereignissen, also dass sie irgendwie mit der DDR verwurzelt waren oder ähnliches aber so im nachinein funktioniert die Geschichte auch so.

Dass die DDR eine große Rolle spielt, ist von mir nicht so gedacht. Ich hatte auch schon beim Schreiben überlegt, ob ich sie nicht besser ganz rauslassen sollte, dachte aber, dass die einmalige Erwähnung nicht so viel Gewicht reinbringt.
Mir gefällt andererseits Deine Assoziation der korrekten Zeichnung mit der DDR-Unfreiheit.
Und ja, die Tapete ist alt, aus einer anderen Zeit. Sie wurde lediglich mehrmals überstrichen, birgt unter sich aber immer noch Relikte der Vergangenheit.

Letzendlich würde ich also sagen beschreibst du hier in einem einfachem Bild das Thema von Ende und Neuanfang auf mehreren Ebenen.

Ja, das ist ein Grundthema.

Ich muss noch hinzufügen, dass das eine Geschichte ist, die beim mehrmaligem Lesen dazugewinnt, was ich für was sehr besonderes halte und nach anfänglicher Skepsis gefällt sie mir jetzt sehr gut.

Das freut mich. :)

@Traumi:
Mir scheint nämlich, dass auch der Inhalt nur ein „Mittelteil“ aus jemandes Leben ist. Ein kurzes Scheinwerferlicht, das eben diesen Moment, diesen „Angelpunkt“ in seinem Leben beleuchten will und dann ganz schnell wieder ausgeknipst wird.

Ja, das trifft es.

Was mir noch auffällt ist, dass du zwei „Drehpunkte“ eingebaut hast. „Es ist so befriedigend wie die ersten Schritte auf einer frischen Schneedecke.“ Dies hier ist der Erste. Was mir sofort aufgefallen ist: Hier bildet sich eine gewisse „Aufbruchsstimmung“ ab. Die ersten Schritte auf etwas Neuem, Unbekannten, das jedoch tiefe Abdrücke hinterlassen wird. In dem „befriedigend“ steckt eine gewissen „Begeisterung“ für eben diese Schritte, für das Beginnen.

Genau.

Und genau das schlägt an dieser Stelle um: „Nein, das ist doch nicht wie Schnee.“ Hier steckt Wehmut dahinter, finde ich, er hat sicher geirrt, überlegt, überdenkt. Die Wahrnehmung seiner eigenen Situation schlägt um. Es ist nicht mehr wie Schnee und damit wohl auch nicht mehr „befriedigend“. Es bleibt relativ offen, woher dieses „Sinneswandel“ eigentlich kommt. Vielleicht merkt er, es würde nicht so leicht werden wie die Füße in den Schnee zu setzen.

Der letzte Satz entspricht meiner Überlegung, und
das „Alte“ lässt sich nicht so leicht ablösen.


Wie diese Kindheit belegt ist, ist mir dabei nicht klar. Positiv? Negativ?

Ich dachte, es würde durch die abbröckelnde Katze und die Erwähnung, dass alles korrekt sein müsse, deutlich. Also, negativ.

Heißt das vielleicht, er musste früher immer alles richtig machen?

Auch. Menschen richtig zeichnen zu müssen bedeutet für mich persönlich, dass Menschen außerhalb der Norm nicht akzeptiert werden und eine individuelle Entwicklung entsprechend der Interessen und Möglichkeiten gestört war. Er und alle Menschen seiner Umgebung wurden in ein Schema gepresst, das sich schädlich auswirken kann.
Für mich ergibt sich so auch ein Bezug zu dem Versuch, die Katze zu unvervollkommnen (Ohr ab), der leider scheitert (der ganze Kopf bröckelt). Dass die kleine Katze letztendlich ein ungeborenes Kind ist, stellt wieder den Bezug zu seinem Kind her - wird es das gleiche ertragen müssen?
Aber dies ist ja nur meine Interpretation. Ich finde es gut, wenn noch andere Ebenen möglich sind.

Und er merkt möglicher Weise, wie seine eigene Kindheit jetzt „bröckelt“, wie er erwachsen wird, Frau und Kind bekommt und damit ein Stück seiner selbst verliert

Gefällt mir sehr gut!

Mir scheint die Zeichnung auch doppeldeutig. Erst einmal als Verweis auf seine eigene Kindheit. Andererseits könnte die kleine Katze ja auch auf eine Schwangerschaft hindeuten

Genau das - es ist beides gemeint, seine Kindheit und die (noch folgende) Kindheit seines ungeborenen Kindes. Eltern wiederholen i.A. das, was sie als Kind erfahren haben, an ihren eigenen Kindern. Es ist schwer, aus solchen Mustern auszubrechen (sofern dies überhaupt nötig ist).

Ich finde die Geschichte zeigt, dass ein neuer Lebensabschnitt oder allgemein etwas „Neues“ mit noch so viel Euphorie begonnen werden kann. Es wird nicht leicht sein. Erst geht die Tapete einfach ab, dann schwerer, man merkt, was sich eigentlich dahinter verbarg, erinnert sich. Und es beginnt von einer kleinen Stelle her zu bröckeln.

Ja. :)

Hier invertierst du und ich habe keine Ahnung, wieso. Wenn es einen guten Grund dafür gibt, dann sag ihn mir, ich sehe nur leider keinen und es scheint mir überflüssig.

Das zuerst Genannte wird hervorgehoben - aber das weißt Du ja. "Ihm wird fast dämmerig davon" zu schreiben, hebt das Subjekt stärker hervor, als das, was mit ihm passiert. Für mein Gefühl passt das weniger gut als die erste Variante.

„Stücken“ ist ein merkwürdiges Wort, das ich auch selten höre, noch seltener lese. Für mich klingt es an der Stelle irgendwie „holprig“. Aber das kann natürlich auch an meinem eigenen Sprachgebrauch liegen, der dieses Wort einfach nicht fasst

Du hast Recht, "Stückchen" ist korrekt. Schon rein inhaltlich sind Kuchenstückchen und Kuchenstücken meines Erachtens etwas anderes. Ich korrigiere das.
Edit: Ich hasse die Aussprache von "Stückchen" - der Wechsel von "k" zu "ch" ist einfach gräßlich. Deswegen hatte ich "Stücken" geschrieben, aber was solls. Es stimmt ja so nicht.

Also, entweder ist die kleinere Katze auf oder in ihrem Bauch. Beides geht nicht. Vielleicht meinst du, es sähe so aus als ob man das nicht unterscheiden könnte. Aber dann wäre die Formulierung ungenau.

An der Stelle bin ich auch schon beim Schreiben hängen geblieben. Es ist eine Strichzeichnung, ob da etwas drauf oder drinnen ist, lässt sich darum nicht erkennen. Wie kann ich das anders formulieren?
Ich korrigiere es erstmal zu "in ihrem Bauch".

Dann noch etwas: Du benutzt hier überhaupt keine Namen, ich schätze mal, um es „unpersönlich“ zu halten. Das Problem, was sich ergibt ist die häufige Verwendung von „er“. Vielleicht kommst du ja irgendwie darum herum?

Ich werde es mir nochmal diesbezüglich angucken.

Am Ende kann ich gar nicht sagen, ob mir die Geschichte gefallen hat oder nicht. Vielleicht finde ich sie gerade deswegen „merkwürdig“. Oder es ist einer der Texte, über die man erst länger nachdenken muss, bevor sie einem gefallen können. Das würde natürlich nur dafür sprechen.

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, mal weniger kryptisch zu schreiben - mal stinknormale Geschichten zu verfassen und sei es nur, um das auszuprobieren (Was ich mit der Schokoladengeschichte eigentlich auch schon getan hatte). Aus irgendeinen Grund schreibe ich trotzdem immer wieder so.
Es muss Dir nicht gefallen. Ich habe kein Problem damit. Ich freue mich dafür sehr über Deine Kritik. Das hat mir weitergeholfen.

Liebe Grüße
Struppi

Edit: Eigene Interpretation entfernt
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Re: Tapetenlüser

Beitragvon Antibegone » Mo 03 Aug, 2009 15:54


Huhu Struppi :-)


Zunächst einmal freut es mich natürlich, wenn dir mein Kommentar weitergeholfen hat.

Ich dachte, es würde durch die abbröckelnde Katze und die Erwähnung, dass alles korrekt sein müsse, deutlich. Also, negativ.


Hm, ja das war auch meine erste Assoziation …
Findest du es nicht plausibel, dass Menschen Schmerz nach dem Alten, dem Vergangenen spüren, selbst wenn diese von sehr schwerwiegenden Erlebnissen geprägt ist?
Ich hätte vielleicht, um es zu verdeutlichen schreiben sollen, ob die Erinnerung an die Kindheit positiv/ negativ belegt ist. Ich glaube, das lässt sich nicht so leicht beantworten. Mir kommt es realistischer vor, dass es durchwachsen ist – alles andere würde mir wahrscheinlich auch nicht gefallen, wäre zu schematisch, zu eindimensional.
Aber vielleicht denke ich auch einfach nur zu weit ;-)

An der Stelle bin ich auch schon beim Schreiben hängen geblieben. Es ist eine Strichzeichnung, ob da etwas drauf oder drinnen ist, lässt sich darum nicht erkennen. Wie kann ich das anders formulieren?


Hm, so was dachte ich mir fast. Leider kann ich dir nicht sagen, wie du das formulieren und gleichzeitig im Stil bleiben würdest. Würde ich jetzt was zusammenbasteln, würde es sicher nicht mehr passen …
Aber dir fällt sicher noch was Schönes ein.

Das zuerst Genannte wird hervorgehoben - aber das weißt Du ja. "Ihm wird fast dämmerig davon" zu schreiben, hebt das Subjekt stärker hervor, als das, was mit ihm passiert. Für mein Gefühl passt das weniger gut als die erste Variante.


Das scheint mir kein ausreichender Grund, die Sprache so „holprig“ klingen zu lassen. Aber ich schreibe/ lese lediglich nach Gefühl und dieses stört sich eben daran. Aber das heißt ja nicht, dass du deswegen deinem eigenen Gefühl nicht vertrauen solltest ;-)

Hm, ich könnte übrigens noch immer nicht sagen, ob mir die Geschichte gefällt. In gewisser Weise ist sie mir zu einfach und gerade dort, wo ich eine höhere Komplexität gesehen hätte, scheinst du sie gar nicht intendiert zu haben … was mich wirklich beunruhigt ist, dass sich mir bei längerem Nachdenken nicht mehr erschlossen hat. Mal gucken.

So weit.
Liebe Grüße,
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Re: Tapetenlüser

Beitragvon Struppigel » Mo 03 Aug, 2009 16:58


Hallo Traumi,

gerade dort, wo ich eine höhere Komplexität gesehen hätte, scheinst du sie gar nicht intendiert zu haben

Hm, was meinst Du?
Die verschiedenen Ebenen sind schon intendiert. Dass ich trotzdem für mich eine bevorzugte Ebene habe, sagt ja nicht, dass andere nicht beabsichtigt waren und dass es sich lediglich auf die einfach gehaltene, von mir gegebene Beschreibung beschränkt. Ich hätte das noch seitenweise ausführen können, aber das wollte ich euch ersparen.
Vielleicht sollte ich in Zukunft meine Intention doch lieber für mich behalten.
Edit: Ich habe sie jetzt auch entfernt, es bringt ja doch nur Nachteile, sowas öffentlich zu machen. Vorallem, falls noch jemand kommentieren möchte.

Ich hätte vielleicht, um es zu verdeutlichen schreiben sollen, ob die Erinnerung an die Kindheit positiv/ negativ belegt ist. Ich glaube, das lässt sich nicht so leicht beantworten. Mir kommt es realistischer vor, dass es durchwachsen ist – alles andere würde mir wahrscheinlich auch nicht gefallen, wäre zu schematisch, zu eindimensional.

Natürlich ist die Kindheit durchwachsen, aber das Schlüsselmoment ist nicht die positive Erinnerung.

Findest du es nicht plausibel, dass Menschen Schmerz nach dem Alten, dem Vergangenen spüren, selbst wenn diese von sehr schwerwiegenden Erlebnissen geprägt ist?

Ja, natürlich. Warum sollte ich das nicht plausibel finden bzw wie kommst Du darauf, dass es nicht so ist?

Ich habe gerade das Gefühl, dass wir uns in mehreren Punkten missverstehen.

Liebe Grüße
Struppi
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Re: Tapetenlüser

Beitragvon Garfield » Mi 26 Aug, 2009 21:24


Als Prosa des Monats Juli in den Siegerbereich verschoben.
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