Der graue Reiter

Beitragvon Desperado » Di 21 Okt, 2014 16:25



Wer durch das Tal des Todes reitet, sucht nicht nach der Quelle des Lebens.


Weit jenseits der Wüste schwelt die Asche einer verbrannten Welt, die glimmenden Trümmer abgefackelter Brücken baumeln über dem Abgrund. Von Gräbern gesäumt ist die Hufspur seines Ritts und jedes hat ein Gesicht, notdürftig zu Kreuzen zusammengeflochtene Stöcke ragen aus den schlichten Steinhaufen, Zeugnis nicht nur zerborstener Träume und erloschener Hoffnung, sondern geraubter Wirklichkeit und erstickten Lebens. Seine Vorräte sind aufgebraucht, das Wasser in seiner Fellflasche geht zur Neige, tropfenweise beträufelt er seine Zunge mit dem lebenserhaltenden Nass, er wird seinem dürstenden Pferd den Gnadenschuss geben, ehe es zu leiden beginnt.


Er ist auf der Suche nach dem, dessen Namen das Tal trägt.


Der lauert gut versteckt in jeder Felsnische, unter jedem Stein, im Hohlraum jedes toten Holzes. Giftiger und todbringender ist die Tierwelt im Death Valley als anderswo. Wenig Beute, spärlich zerstreutes Wild nur füllt die hungrigen Mägen der Jäger, zu erschöpfend ist die Glut der Hitze für eine Verfolgung, es bedarf des rasch lähmenden Bisses oder Stichs, um den gnadenlosen Überlebenskampf zu bestehen. Die Schuppenhaut der Klapperschlange ist hart wie ein Panzer, sie trägt Hörner auf dem Kopf wie ein feuerspeiender Drache, ihre Stoßzähne geifern länger und größer als die ihrer Schwestern in lebensfreundlicheren Regionen, ihr Gift wirkt gründlicher und schneller und kann auch Menschen den Tod bringen. Die träge Krustenechse sammelt tödlichen Speichel in ihrem dicht gezahnten Maul, blitzschnell kommt sie aus ihrem Versteck geschossen und beißt zu mit aller Kraft, die Wunde wird im Nu zur pochenden Beule und zum schwärenden Mal des herbeieilenden Todes. Selbst der schwarze Skorpion birgt eine geballte Ladung an giftigen Säften in seinem Stachel, die Schwellung entzündet, beginnt zu eitern und vergiftet das Blut.


Ausdauernd und geduldig sind die räudig ausgemergelten Kojoten, die ihn auf dem Hügelkamm begleiten, in Sichtweite flankieren sie seinen Ritt, doch unerreichbar für jede Kugel. Die kreisenden Geier sparen ihre Kräfte, nur kurz schwingen sie sich in die flirrende Luft, um den Reiter unter sich mit gierigem Auge zu orten, dann fliegen sie ihm voran und warten im Baumgerippe, verborgen im Schatten einer Felsnase auf seinen Hufschlag, mit gefächerten Flügeln und offenen Schnäbeln wie zerrupfte böse Geister. Bleichende Knochen all überall bezeugen das feinsäuberliche Werk ihrer krummen Schnäbel. Die Sonne ist ein stechend heißer Zündholzkopf mitten im Gesicht, sie trinkt den Schweiß, noch ehe er durch das Hemd gedrungen ist und dörrt die glühende Haut zu einer klebrigen Dattelschale. Kreise tanzen vor den entzündeten Augen des Todgeweihten, sein hechelnder Atem siedet dampfend aus den Nasenlöchern, mühsam und stockend schlägt das Herz in seiner Brust, sein Blut gerinnt zu kochendem Tomatenfleisch, die Knochen ächzen wie zundertrockenes Brennholz. Die Sonne hat ihr Spinnennetz ausgespannt und den Reiter umsponnen, noch ehe er sich dessen gewahr geworden ist.


Laut der Wünschelrutengänger soll es tief unterm Grund des Death Valley einen unterirdischen See geben, in dem sogar kleine Fische leben, mag ja sein, nur macht mir dieses Wissen das Verdursten auf der knochentrockenen Piste drüber auch nicht gerade leichter. Durchs Todestal führt mich mein Ritt, wo mir vertraute Gefahren auflauern, die keine Lüge kennen und keine Arglist, die Ehrlichkeit des Überlebenskampfes meine schwärenden Wunden leckt, die Reinheit des täglichen Ringens meine müde Seele labt. Die Natur gibt allem Leben eine Chance, der Mensch nur sich selbst.


Eine Lawine aus Totenschädeln kommt scheppernd den Canyon runtergerollt.


Sicher, nur ein Traumgesicht, ein gespenstisches Schreckensbild, doch die rollenden Totenköpfe erschrecken mich nicht, ich habe keinerlei Furcht und Bedenken, dass sie mich unter sich begraben könnten, im Gegenteil, sie sind mir nahe und vertraut, das ist es, was mich wirklich daran erschreckt. Das Schädelmeer klappert zu nahe an der Wirklichkeit, um mir noch Schrecken einjagen zu können, denn die Wirklichkeit erschreckt mich nicht mehr, das mag traurig sein, ist aber nun mal wahr. Einer der Schädel kullert klappernd vor Infinis Hufe und grinst mich hämisch an.


Ey, Desperado, bist du zum Sterben gekommen? Dürfte schwierig sein für einen, der schon lange tot ist.“


Um so besser“, knurr ich, „dann fällt's mir erst gar nicht auf.“


Kann nicht sagen, ob da wirklich ein menschliches Gerippe in der Sonne bleichte, ich dreh mich nicht danach um. Der Weg hinter dir ist ohne Belang, es zählt nur der, den du noch vor dir hast. Das Death Valley in acht Tagen zu durchqueren kommt einem Höllenritt gleich. Dich länger drin aufzuhalten hingegen einem Selbstmord. Vielleicht liegt es daran, dass jeder zerborstene Stein, jeder verkrüppelte Kaktus, jeder gebleichte Tierschädel dir zuruft: Du kommst hier nicht mehr raus! Jedoch beim zweiten Mal schon weißt du, dass sie lügen und dir nur Angst machen wollen, beim dritten Mal hörst du gar nicht mehr hin, beim vierten Mal murren sie nur noch: „Du schon wieder“. Wer sonst? Traut sich ja keiner außer mir.


Ich danke euch, Freunde, ich danke euch allen. Ich lass es euch wissen, wenn mir eingefallen ist wofür.“


Mit wem sprichst du eigentlich?“, säuselt der heiße Wind.


Na, mit wem schon? Mit dir. Wie sagt man doch - in den Wind gesprochen.“


Im Tal des Todes schieben die Geister der Verirrten und elend darin Umgekommenen große Steine über den Boden, um ihre sterblichen Überreste damit zu kennzeichnen, nur hat so ein durchsichtiger Geist erhebliche Probleme mit der Beeinflussung von Feststofflichkeit, und wenn es ihm gelingt, den Brocken in mühsamer Nachtschinderei einen Millimeter von der Stelle zu bewegen, hat er eine gewaltige Leistung vollbracht. Weshalb die Sache eine geraume Weile dauert, und dass der Stein sich überhaupt bewegt, kann der Vorbeireitende lediglich der langen Schleifspur entnehmen, die er auf seiner unendlich langsamen Reise hinterlassen hat. Eines Tages schließlich sind die Gebeine der Toten vom Wind zu Staub zerrieben, von Aasfressern in alle Himmelrichtungen verstreut, von der Gluthitze zu Pulver zerborsten und auf Nimmerwiedersehen unter Sanddühnen begraben, die arme Seele kann ihr eigenes Grab nicht mehr finden und lässt ihren Stein traurig liegen wo er grade liegt, bis eine nächste kommt, sein vergebliches Werk fortsetzt, ebenso ergebnislos weiterschiebt und so weiter, weshalb die wandernden Steinbrocken bisweilen beachtliche Strecken zurücklegen.


Noch viele andere Wunder und Rätsel gibt es im Todestal und nirgendwo sonst zu entdecken, dennoch bin ich jedes mal froh, wenn ich seine tiefe Senke lebend hinter mich gebracht habe. Es gab allerdings auch Zeiten, in denen ich mich wochenlang drin herumtrieb, in denen mir sein abweisendes Gesicht vertrauter war als das der erbarmungslosen Welt da draußen, mir sein Karst das Gefühl von Geborgenheit schenkte und seine Feindseligkeit mir Sicherheit verlieh. Keine Wüste ist zu vergleichen mit der des Death Valley, jede andere mag dir was vorflunkern und dich narren, die Mojave Desert verkündet dir die nackte Wahrheit.


Kreisende Geier.


In der Wüste ist der Tod alltägliche Gegenwart. Das Sterben findet nicht im Verborgenen statt, nicht an abgeschiedenen Orten, nicht in stillen Winkeln, sondern im weiten Feld der Ebene, nackt und schutzlos preisgegeben. Die pralle Sonne wird zur Sterbehelferin, brennt unerbittlich den letzten Lebenshauch aus den Daniederliegenden, die endlich zusammengebrochen sind und ergeben auf den Tod warten. Nachdem sie sich tagelang durch die Hitze schleppten, dem Wasserloch zu, das mit jedem ihrer zitternden Schritte in weitere Ferne rückte. Man gewöhnt sich nie an diesen Anblick. Zu erbarmungswürdig, zu elendiglich, zu grausam ist seine Gnadenlosigkeit, um ihn gleichmütig zur Seite schieben zu können. Näherst du dich jedoch einer dieser bemitleidenswerten Kreaturen, sammelt sie ihre letzten Kräfte, rafft sich auf und macht sich davon, Angst flackert in ihren fiebrigen Augen, und selbst wenn sie wenige Meter weiter endgültig niederfällt, fleht ihr Blick um Gnade und darum, einfach in Ruhe gelassen zu werden. Ihren letzten Funken Würde und Freiheit hinübertragen zu dürfen in die unendlichen Weiten der Milchstraße. Haben sie ihre letzte Reise erst einmal angetreten, verschmähen die Todgeweihten sogar das Wasser, das du in ihren vertrockneten Mund zu träufeln versuchst. Die letzte Schwelle ist bereits überschritten, es gibt kein Zurück mehr, weil kein Wille mehr dafür vorhanden ist. Die Qual ihrer Wunden, Krankheiten oder Altersgebrechen ist so übermächtig geworden, dass nichts mehr sie dazu bewegen kann, dieselbe erneut auf sich zu nehmen.


Sie sterben mit bewundernswerter Selbstverständlichkeit und Ruhe.


Well, Schwester Krötenechse, mach dich flach wie eine Flunder und stell dich tot wie ein Gerippe, versprühe deine Tränen wie Giftpfeile, die Welt ist voller Verräter, sie verraten sich selbst, noch ehe sie wissen, wer sie sind, und alles dazu, noch bevor sie etwas gefunden haben, woran sie glauben könnten, und als Verräter sterben sie unter schrecklichen Qualen.


Im spärlichen Strohgras nördlich der Salton Sea, was für ein hochtrabender Name, ist sie doch nur eine versalzene Pfütze im Vergleich zum großen Salzsee, however, jedenfalls liegt da eine wunderschöne Weißwedelhindin vor mir im Gras, ich seh sie erst, als Infini unmittelbar vor ihr zum Stehen kommt. Dass die Arme mausetot ist, daran besteht nicht der geringste Zweifel, woran sie allerdings gestorben ist, kann ich nicht erkennen, nirgendwo klafft eine sichtbare Wunde, selbst an den Nüstern klebt kein Blut, kein Bruch hat ihre schlanken Beine geknickt, weder ist sie abgemagert noch ihr Fell struppig, äußerlich völlig unversehrt liegt sie da mit weit geöffneten Augen. Und während ich sie verwundert betrachte, reißt über mir der Nebel auf, der milchig über den spärlichen Flussläufen liegt, die das kleine Salzmeer speisen ohne es mit Leben füllen zu können, ein Sonnenstrahl fällt auf den von Tau benetzten Körper, bringt ihn zum Leuchten und sein Fell zum Glitzern, bricht sich in einem der tiefschwarz erloschenen Augen und füllt die starre Pupille mit Lebenslicht. Und da blickt nicht nur sie mich an, die tote Hirschkuh, die nicht mehr blicken kann, sondern die Sonne daselbst, und mit dem Licht des zu mir umgeleiteten Sonnenstrahls der, der sie in den Himmel gesetzt hat und der das Licht ist, durch ein zum Leben erwecktes Auge schaut er mir hinein ins Herz und bis auf seinen tiefsten Grund.


Das mag jetzt so hochtrabend klingen wie der Name der eitlen Salzpfütze, aber so spielen sich die Gottesbegegnungen in der Wüste nun mal ab, wo's ja weit und breit keine Kirche oder so was in der Art gibt, deren Holzsteinbauten indessen in der schroffen Landschaft überhaupt nicht fehlen, ja sogar völlig überflüssig wären, was ganz einfach daran liegt, dass die ganze endlos weite Wüste so eine Art Gotteshaus ist, ein gewaltiger Tempel mit mächtigen Steinsäulen und Gebirgswänden von Horizont zu Horizont, dem Firmament als Gewölbe und dem Himmel als Dach, dem Himmelszelt, über das mächtige Flüsse ziehen in Wolkengestalt, zwar selten, aber immerhin, die Sonne erhellt und wärmt den Raum wie eine große Feuerstelle, durch eine Öffnung leuchtet das Licht des Mondes herein und nachts funkeln die Sterne von der Decke. Und weil diese Kathedrale oder wie auch immer eben nicht von Menschenhand errichtet ist, sondern vom Schöpfer daselbst und höchstpersönlich, der bei den Indianervölkern mindestens ebenso viele Namen haben dürfte wie sein Widersacher mit der Vielzahl der seinen prahlt, sind die Säulen und Wände und Wolken und Berge und Steine und Flüsse und Bäume und Sträucher von seinem Geist beseelt und lebendige Wesen, durch die er zu seinen Menschenkindern zu sprechen beliebt, und die Tiergeschwister sowieso. Das irgendwem verständlich rüber zu bringen ist mir schon seit langem viel zu mühsam, das Gesicht des Pastors möchte ich mal sehen, dem ich da erzähle, dass mir Gott ins Herz geschaut hat durch das Auge einer toten Hirschkuh, ein Diyin oder Schamane würde zwar grinsen dazu und sagen „na, das will ich lieber mal gar nicht wissen, was er da zu sehen bekommen hat“, aber daran zweifeln würde er keinen Augenblick. Weil er selbst schon Ähnliches erlebt hat nicht nur einmal, aber erklär das mal jemandem, der nicht in der Wüste lebt.


Well, frei ist der Wind, er weht wo und wie, wohin und woher er will, aber manchmal kann das auch lästig sein.


Ich habe die Bilder der Sterne vergessen und die Spur der Planeten verloren. Der Himmel ist verschlossen. Ein dichter Mantel aus grauer Asche hat sich über das Firmament gewölbt. Die Sonne ist fahl und blass wie ein schmutziges Brillenglas, nur spärlich dringt ihr Licht durch den unheimlichen Nebel. Die Wälder brennen. Seit Tagen schon, oder sind es Wochen? Arizona steht in Flammen. Inzwischen frisst sich die Feuersbrunst unaufhaltsam nach Mexiko hinein. Eine zähe feine Schicht aus kalter Asche bedeckt die Erde, den Boden, die Steine, Felsen, Berge, Bäume und Häuser, macht ihre Fenster blind und dringt durch die Ritzen und Spalten der Türen. Präriehund und Erdhörnchen bleiben in ihren Bauten, die Eule hat ihren ausgehöhlten Kaktus seit Tagen nicht verlassen, der Wüstenfuchs schläft zusammengerollt in den Felsenburgen, die Kojoten schütteln unwillig ihr Fell, mit schniefender Nase und hängendem Schweif ziehen sie ihre Fährte durch den grauen Sand, der Rennkuckuck putzt sich mit emsigem Schnabel unermüdlich das verklebte Gefieder, die reglose Klapperschlange harrt aus unter ihrem mit Asche beschichteten Stein, selbst der Skorpion hat sich verkrochen. Das Leben geht weiter, sagt man, doch die Zeit steht still. Schicksalsergeben und wie gelähmt wartet alles darauf, dass der Wind sich dreht.


Infini hat sich in einen Grauschimmel verwandelt und ich mich in ein Gespenst. Abgestandener beißender Brandgeruch hat sich tief in meinen Nasenlöchern eingenistet, die Haare sind zu steifen Strähnen verhärtet, fader bitterer Geschmack benetzt mir Lippen und Zunge, nebliger Schleier trübt meine Pupillen zwischen verkrusteten Wimpern an geschwollenen Lidern. Das Schlimmste was dem Menschen passieren kann ist erstarrte Gegenwart, die Vergangenheit ist erledigt und begraben, die Zukunft ungewiss wie das Auftauchen einer Küste am Horizont des endlosen Meeres, das Heute und Hier wird zur unerträglichen Ewigkeit. Das sollte mich beunruhigen, zumindest beschäftigen, aber das tut es nicht.


Das Leben ist ein Meer aus Asche und der Mensch ein blinder Wurm, der sich ummantelt von verbrannter Zeit durch trübe Düsternis schlängelt und windet. Selbst dem Vergessen preisgegeben, taucht er durch die Täler des Vergangenen und hofft auf das Kommende, während der weiße Sand seiner Uhr unerbittlich durch die schmale Röhre rieselt, sich die untere Glasglocke erbarmungslos füllt und die obere mit furchterregender Geschwindigkeit leert. So zerrinnt unbemerkt seine kleine Lebensspanne, ohne dass er seine Hand dazwischen schieben kann und die schwindende Gegenwart durch seine Finger gleiten lassen, um wenigstens ein einziges Körnchen davon auffangen und festhalten zu können. Und weil das nun mal so ist, geht auch jede noch so dicke Aschenwolke vorüber, zieht vorbei und löst sich in Nichts auf, verschwindet als hätte es sie nie gegeben. So wie das Astgerippe des mächtigen Baumes vor mir, den schon vor Jahren ein Blitzschlag fällte und bis auf den Strunk verschmorte, so wie die gedrungenen Bauten niedergebrannter Hogans, die wie ein Mahnmal den Wegrand säumen, so wie die dahinziehende kleine Planwagenkolonne, die bei einem wilden Navajo-Überfall vor Gezeiten unter einem Regen aus Brandpfeilen in Flammen aufging. Im Mantel wandernder Asche erwacht alles Verbrannte für kurze Zeit zum Leben, ohne lebendig zu sein, wie das Schwarzweißbild einer Fotografie taucht es in unscharfe Grautöne gegossen aus dem verschwommenen Nichts und verschwindet spurlos in demselben ohne den leisesten Laut.


Ebenso geräuschlos nähert sich der graue Reiter, in wallenden weiten Mantel gehüllt, eine zipfelmützenförmige Kapuze über den Kopf gezogen, deren Schatten sein schmales Gesicht verbirgt, auf ausgemergelt knöchernem Klepper, dem die fahle Haut in Fetzen von den mageren Schenkeln hängt. In seiner Rechten, die mit fahlgelb spindeldürren Fingern den wurmstichigen Stiel umfasst, schimmert eine scharfe Klinge aus dem rostzerfressenen Stahl einer geschwungenen Sense. Bis auf wenige Meter kommt er heran, zügelt seinen schäumenden Gaul mit roher Gewalt, modriger Geruch eilt ihm voraus, faulig süßlicher Verwesungsgestank schlägt mir entgegen, Infini schüttelt angewidert seine Mähne und verharrt reglos mitten im Schritt, während zwei leblose in den Rund tiefer Höhlen gesunkene und dennoch seltsam funkelnde Augen aus dem Schwarz der Kapuze schillern wie kalte Edelsteine. Hoch aufgerichtet hockt die konturlose Gestalt in seinem schimmelüberwucherten Sattel, die Sense wie eine Lanze erhoben, und starrt uns schweigend an.


Na“, dringt schließlich eine dünne Stimme ohne Klang und Melodie aus unergründlich körperloser Tiefe, „wie sieht's aus, Lust mit mir zu kommen?“


Ich betrachte den schrägen Vogel eine Weile, ehe ich antworte. Sein Umhang ist löchrig und mottenzerfressen, an den Enden zerfleddert und eingerissen, das brüchige Leder seiner Stiefel stülpt sich über verbogene Steigbügel, die flechtenbemalt an ausgefransten Bändern baumeln, die Fasern seines aufgelösten Zaumzeugs hängen wie Haarbüschel von den eingefallenen Lippen seines Pferdes, hinter denen gelbliche Zähne wie dürre Holzspäne aus vertrocknetem Zahnfleisch ragen. Und der Bursche stinkt wie ein offenes Grab, weiß der Teufel wann der zum letzten Mal ein Bad gesehen hat.


Wo soll’s denn hingehen?“ frage ich schließlich der Neugier halber.


Dorthin, wo nichts mehr wehtut, dich nichts mehr rührt und nichts mehr deine Ruhe stört“ kommt es tonlos zurück.


Bisschen wenig, was meinst du? Klingt ziemlich eintönig, wenn ich das mal so sagen darf.“
Der Kerl gefällt mir nicht, überhaupt nicht. Ein leichter Windstoß fährt in den verschlissenen Saum seiner Kapuze und gibt für einen kurzen Moment den Blick auf seine Kinnlade und seinen Mund frei, der keiner mehr ist, sondern nur noch ein grinsendes Gebiss in knochigen Kiefern.


Gut“, sag ich schließlich,“ ich komme mit, aber nur, wenn du mir vorher was vorpfeifst, von mir aus das Lied vom Tod, irgendwas Eingängiges eben, eine schlichte kleine Melodie.“


Der seltsame Reiter zuckt sichtlich zusammen. Er stockt eine kleine Weile reglos wie ein aufgestellter Besenstiel, dann kommen ein paar seltsame Laute aus der Gegend seines verborgenen Gesichts, die nicht einmal wie ein festes Blasen klingen, sondern eher wie ein kläglich wimmerndes, kaum hörbares Säuseln, abgerundet und beendet mit widerlichem Zähneknirschen. Dabei bleibt es, mit wütendem Zerren reißt er seine Märe herum und macht sich aus der Asche, verschwindet lautlos im grauen Zwielicht wie eine flüchtige Windhose.


Es ist schon eigentümlich, was für Spinner einem in der Wüste so alles über den Weg laufen.



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Beitragvon Desperado » Mi 22 Okt, 2014 07:12


Brauche Zeit.
Zuletzt geändert von Desperado am Mi 22 Okt, 2014 08:53, insgesamt 3-mal geändert.
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