Der große Graben

Beitragvon Desperado » So 26 Okt, 2014 12:48


[font=Georgia, serif]Ein Leben am Abgrund ist nicht jedermanns Sache.


Was Wunder, welcher vernünftige Mensch baut sich hier schon ein Haus, lässt da seine Kinder spielen oder seine Schafe weiden. Kaum eine Gegend ist so zuverlässig menschenleer wie dieser Landstrich ehemaliger Uferstreifen, der sich wie eine gewaltige Schlange durchs Land zieht. Wohl zählen die Havasupai, die seit Menschengedenken tief unten in ihrem Bauch leben und in den wenigen bewohnbaren Flecken ihre Lager haben, auch den Karst hier oben zu ihrer angestammten Heimat, aber in diesem unwirtlich blanken Niemandsland bekommst du so gut wie nie einen der Ihren zu Gesicht. Was sollen sie auch damit?


Niemandsland. Seltsam eigentlich, dass ich ihm hier noch nie begegnet bin, dem Nobody, dem Mann, der sich Niemand nennt. Ein pfiffiger Vogel, von Berufs wegen Kunstschütze, der schießt die Flamme aus der Kerze, ohne dass die einen Kratzer abbekommt, ja sich auch nur bewegt, und das in atemberaubender Geschwindigkeit. Ruhm und Ruf eilen ihm voraus, wo immer er auftaucht, sogar Revolverhelden und Banditen fürchten seine Schießkunst und erstarren bei seinem Anblick zur Salzsäule, so viel ich weiß, musste er deshalb noch nie einen Mann erschießen, beneidenswert. Wir sind nicht miteinander in die Schule gegangen, denn der schillernde Bursche hat eine Schattenseite, nun, eine solche haben alle Menschen, aber die seine behagt mir nicht so besonders. Ich möchte ihn jetzt deshalb nicht gleich einen Spitzel nennen, aber die Sheriffs scheinen ihn alle gut zu kennen, von denen hörst du immer „Niemand hat was gehört oder gesehen, Niemand will dir was sagen, wie immer weiß Niemand Bescheid“.


Wohingegen für gewöhnlich alle Nichts gesehen haben, ich bin nie so recht dahintergekommen, in welchem Verhältnis und ob der unvorsichtige Kerl überhaupt in einem steht zu Niemand, wohl werden die Beiden oft in einem Atemzug genannt, Nichts und Niemand, was aber nichts heißen muss, dass ist auch so mit Tod und Teufel, und obwohl man diese Zwei manchmal wirklich nur schwer voneinander unterscheiden kann, sind sie doch Zweierlei und haben nicht zwingend etwas miteinander zu tun. Sei wie es sei, hier oben ist nichts und niemand zu sehen, die einzige Menschenseele, der ich am Abgrund über den Weg reite, bin ich selber. Da kann es dann auch schon mal vorkommen, dass ich mich an der gegenüberliegenden Kante erspähe und mal eben die Seiten wechsle, es ist immer gut, die Dinge aus der entgegengesetzten Perspektive zu betrachten, und weil ich hier sowieso der Einzige bin weit und breit, bin ich es auch ganz allein, der damit klarkommen muss, was mir denn auch keinerlei Mühe bereitet. Wär ich hier mit einer Gruppe unterwegs, gäb's sofort jede Menge Ärger, da wäre ich ein abtrünniger Überläufer und Verräter, urplötzlich zum gefährlichen Feind geworden und zum entschiedenen Gegner, die haben da alle einen Knick in der Optik, diese Gruppen, der Rand des Canyon ist gleichzeitig auch ihr Tellerrand, über den sie nie hinausschauen. Auch einer der Gründe, weshalb ich seit ewigen Zeiten allein reite, vor mir selbst muss ich mich nicht erklären und werde von mir nicht angefeindet wegen einer Lappalie, die nicht einmal eine ist.


Der alte Geier, der über mir kreist, wundert sich. Neugierig schielt er herunter. Passiert ja auch nicht alle Tage, dass Einer versonnen auf dem Bauch am Boden liegt, den Kopf über den Abgrund geschoben, Steine in die Tiefe fallen lässt und diesen nachschaut, bis sie weit unten zum Liegen kommen, dort, wo der alte Fluss sich wie eine noch ältere Schlange durch den kargen Boden windet.


Stein für Stein für Stein für Stein.


Faszinierend, wie sie im Fallen gegen die Schwerkraft anzukämpfen versuchen, jedes Mal wenn sie gegen die Steilwand klatschen in hohem Bogen hinausgeschleudert werden, als wollten sie sich in die Lüfte erheben, nach oben zurück segeln an ihren gewohnten Platz, wo sie seit Ewigkeiten in der glühenden Sonne ausharrten. Doch unerbittlich zieht sie die Schwerkraft nach unten, eine Umkehr gibt es nicht im freien Fall. Erst wenn sie im Ufergeröll des Flusses landen und nach kurzem Auspurzeln zum Ruhen kommen, merken sie, dass dieser neue Aufenthaltsort nicht besser oder schlechter ist als der vorherige, nur einfach anders. Manche schaffen es sogar bis in die Fluten, wo sie platschend verschluckt werden, um wirbelnd auf den Grund hinunter zu sinken in ein feuchtes „Woanders“, ein nasses und prickelnd kühles Anderswo.


So ist es mit den Hoffnungslosen.


Ist es eine schlechte Nachricht, den Steinen zu sagen, dass das Dasein dort unten nicht schlechter ist als das hier oben? Nur eben verändert und nicht mehr wie zuvor? Dafür aber neu, zwar überschattet, aber bei weitem nicht lebensunwert? Früher oder später straft die Verwitterung die Stimme der Hoffnung Lügen, die da den Steinen, die am Rande des Abgrunds driften, zuruft: Haltet euch gut fest, so werdet ihr nicht fallen! Der nächste Regen, der die Wüste in einen Paradiesgarten blühender Pracht verwandelt, wird sie nach unten spülen, ebenso diejenigen von ihnen, die unterwegs auf einem Felsvorsprung zum liegen kamen und seitdem posaunen: Seht her, wir haben es geschafft! Ist nun die gute Botschaft, die da tröstend beschwichtigend im Grunde zur Notlüge greift wirklich besser als die schlechte, die zwar bedrohlich und entmutigend klingen mag, dafür aber sagt was Sache ist und die Wahrheit spricht? Es erfüllt sich das Sprichwort vom Wicked Messenger: „Wenn du keine gute Nachricht hast für uns, dann bring uns lieber gar keine“. Die schlechte Neuigkeit muss die frohe vertrieben haben, und ob das wirklich stimmt oder einfach nur eine Zufallsbegegnung steten Kommen und Gehens war, danach fragt keiner mehr. Es muss einfach so gewesen sein. Vermutlich hat es damit zu tun, dass die weitaus überwiegende Mehrheit der Steine ein Dasein in Bewegungslosigkeit gewohnt ist, was zwangsläufig einen beschränkten Horizont mit sich bringt.


Groß ist der Canyon und unüberwindlich.


Den großen Graben hat der rauschende Fluss dort unten in den Fels gegraben. Wie soll jemand auf der anderen Seite des Abgrunds denen auf der einen verständlich machen, wie er da hinüber gekommen ist, wenn er es selbst nicht so genau sagen kann? Er weiß lediglich, dass er drüben ist und sie hüben geblieben, und das genügt ihm vollauf, um sie zu lassen wo sie sind und das neue weite Land zu erkunden. In der Wüste gibt es keinen Unterschied zwischen einer Minute und einer Ewigkeit. Die glückliche alte Sonne zieht ihre Bahnen und erledigt, worauf du keinen Einfluss hast, dein Zeitgefühl geht indessen nicht verloren, es verändert sich, du bist nicht mehr Sklave der Stunden, sondern ihr Herr, ja, du allein bist der Herr der Zeit. Vom Greis zum Kind kannst du werden und umgekehrt im selben Atemzug, Zeitloch und Zeitsprung sind dir vertraute Begleiter, du kannst die Zeit anhalten und überspringen frei nach Belieben, und du kannst sie verlassen, wann immer du willst. Ein Augenblick kann eine Ewigkeit währen und ein paar Jahre zur Sekunde schrumpfen, Quelle und Mündung sind ein und dasselbe im ewigen Zeitstrom der nagenden Fluten dort unten, die niemals die selben sind und doch immer die gleichen.


Ich liege träumend am Abgrund und lasse Steine in die Tiefe fallen, einen nach dem andern, vergesse Zeit und Raum, mein ganzes Leben zieht in lebendigen Bildern an mir vorbei. Als ich mich erhebe, finde ich mich mir selbst gegenüber wieder, mein Gaul äst in meinem Rücken auf grünen Auen, die ich nie zuvor gesehen, und wo ich kauerte, bleibt mein feuchter Abdruck eine kleine Weile haften und verpufft in der Sonnenglut, als wäre ich nie gewesen. Ob ich nun wie ein Stein in die Tiefe geschossen bin oder wie ein Blatt getaumelt, ob ich wie ein Schmetterling wieder nach oben gaukelte oder wie eine Eidechse die Steilwand hochkletterte, ob ich auf den Schwingen eines Adlers hinüber glitt oder auf Infinis fliegendem Rücken schwebte, auf dem Regenbogen geritten bin oder mit den Wolken des Morgennebels geflogen, vermutlich alles zusammen oder hintereinander - vielleicht jeweils nur ein Teil von mir, bis ich in meiner Gesamtheit drüben angekommen war - alles was ich weiß ist, dass es kein Zurück mehr gibt. Der große Canyon trennt zwei Welten ohne Wiederkehr, keine steinerne Regenbogenbrücke verbindet die urzeitlichen Ufer, er ist unüberwindlich wie der Abgrund zwischen dem armen Lazarus und dem reichen Prasser. Keine Fingerspitze wird einen Wassertropfen an eine dürstende Zunge führen können, wenn der Brunnen einmal versiegt ist, wenn der Desperado das rettende Nass aus den Kakteen pressen wird, wie die Indianer es ihn gelehrt haben.


Dann mögen die Steine schreien.


Hier unten sind die Steine stumm. Staunen verwundert, dass ihr Dasein wider Erwarten weitergeht, sogar ganz friedlich und erträglich. Das Rauschen des Flusses, das von den Wänden widerhallt, während weit oben der Sandsturm über die Spalte heult, durch die ansonsten ein ferner Himmel späht, beruhigt ihr angeschlagenes Gemüt. Feiner Tröpfchennebel kühlt mein müdes Gesicht. Das behutsame Hufgetrappel meines schlendernden Pferdes ist kaum zu hören, hier unten spricht nur das ewig fließende Wasser, das fröhlich über Felsen und Klippen springt und sich verspielt über selbst angestaute und gebaute Dämme in schäumende Tiefe fallen lässt. Die beperlten Moose auf den Ufersteinen, die girlandenförmigen wurzellosen Flechten an den feuchten Felswänden, die seltsamen Blüten der Nachtschattengewächse, die urzeitlich bizarren Fischchen, die augenlosen Krebstierchen im glasklaren Wasser, die Wucherungen der Muschelkolonien an den wenigen Plätzen, in die sich um die Mittagszeit ein paar Sonnenstrahlen verirren - sie alle fragen nicht, wie es da oben aussehen könnte, ob es dort heller ist, schöner, wärmer und abwechslungsreicher, sie sind hier im klammen Halbdunkel zuhause und fühlen sich pudelwohl und genau am rechten Ort.


Und ich und mein Pferd, wir tun es ihnen gleich. Mein Pferd trottet nicht, es schlendert. Es passt sich dem Herumstromern meiner Gedankengänge an, ihr Rhythmus überträgt sich auf seine Gangart. Wir sind miteinander verwachsen. Wie ich so schnell von weit oben nach ganz unten gekommen bin? Nichts leichter als das, ja geradezu kinderleicht. Wer lange genug in den Abgrund schaut, in den schaut der Abgrund, so tief in einen hinein, bis er sich –quasi kopfüber - in den Betrachter hineinstürzt bis auf seinen untersten Grund. Und schon bin ich da. Alter Indianertrick. Wenn du vor einer Mauer ohne Tür stehst, musst du selbst zur Tür werden und durch dich hindurchgehen. Wenn dich ein schwarzes Loch zu verschlingen droht, musst du selbst zum schwarzen Loch werden, zu Antimaterie, die sich selbst nicht schlucken kann. Bevor du in den Abgrund fällst, musst du den Abgrund in dich fallen lassen, in einer Art Umkehrung der Erdanziehungskraft deinen Sturz verhindern, indem du die Erde anziehst und in dich stürzen lässt. Kinderleicht, man muss es nur wissen. Sicher, wenn du nicht hinunter sausen willst wie ein Stein, dann mach dich zur Feder. Auch eine Möglichkeit, kostet weniger Kraft, dauert dafür etwas länger, und ich wollte einfach nur so schnell wie möglich nach unten. Wie ich wieder raus komme von hier? Immer gemütlich stromabwärts, bis der Canyon niedriger wird und breiter, seine Uferschluchten zu sanften Hügeln schrumpfen, schließlich ganz verschwinden und den Blick in das weite Tal freigeben, durch das der glitzernde Fluss mäandert. Aber das hat Zeit, viel Zeit. Locker Zeit genug, um ein Handbuch für Geisterreiter zu schreiben. Ich werde mich hüten, am Schluss wimmelt es plötzlich von Möchtegerns hier unten am Fluss watership down wie von Kaninchen. Als sich oben mexikanische, spanische und Unionstruppen gegenseitig die Köpfe vom Rumpf schossen und schlugen, die Wüstenluft geschwängert war von Blei und der rissige Boden gierig Blutströme trank, war ich die ganze Zeit hier in der ruhigen Tiefe.


Ich bin doch nicht verrückt.


Die Gesteinsschichten hier unten im Grund des Grand Canyon sollen aus grauer Vorzeit stammen - das verkünden jedenfalls die Forscher-, in der es noch nicht einmal Pflanzen geschweige denn Tiere gab auf Erden, mag ja sein, deshalb sind sie auch nicht weniger schroff und abweisend als die ganz oben, wo der Abgrund gähnend in die Tiefe stürzt, und diese wiederum um nichts weniger fantastisch und überwältigend anzuschauen als ihre Brüder und Schwestern ganz unten. Die Gesteinsleser wollen außerdem wissen, dass die Zeitspanne der Menschheitsgeschichte in der unermüdlichen Spül- Wühl- und Schleifarbeit des alten Colorado durch sein steinernes Bett grade mal an einer Handbreit seitdem gewonnener Tiefe abgemessen werden kann - oder so ähnlich, die Kerle sprechen ihre eigene Sprache -, das allerdings wundert mich mitnichten, mal sehen, ob der Fluss noch eine zweite Handbreite durchs Urgestein schafft, bevor die Menschheit vom Erdball verschwunden ist. Zu den Anfängen des Lebens hinab gedrungen, vielmehr zurückgekehrt ist sie auf diesem Wasserwege ja bereits. Also könnte der Kreis ebenso gut geschlossen werden.


Apache wie Navajo, Hopi wie Zuni, alle meiden diesen Ort.


Er sei Wohnstatt der Geister, sagen sie. Und mit den Geistern sei nicht zu scherzen. Wenn man Uferschwalben, Falken, Höhleneulen, Dachse, Springmäuse und den schlauen Wüstenfuchs als Gespenst ansehen will, mag das wohl stimmen. Dann wimmelt es von kleinen Geistern im Gemäuer. Stetes Rascheln und Knabbern, Huschen und Piepsen belebt die Stille der Nacht.


Niemand weiß, weshalb die Ureinwohner in grauer Vergangenheit ihr Pueblo verlassen haben. Majestätisch in den Fels gebaut, kündet es vom Ruhm versunkener Tage. Und ist zugleich geheimnisumwittertes Zeugnis der Vergänglichkeit. Trocknete anhaltende Dürre den Fluss aus und ließ ihn versiegen, oder brachte ihn schwerer Regen so sehr zum Anschwellen, dass er die mühsam angesammelte Erde von ihren Feldern schwemmte? Raffte eine Seuche sie hinweg oder trieb sie ein feindlicher Angriff in die Flucht? Oder wurde es ihnen einfach nur langweilig in ihrer Felsenburg, und sie brachen auf zu neuen Ufern? Jedenfalls gaben sie ihren stolzen Horst irgendwann auf und überließen ihn dem Verfall. Und das Reich der wilden Tiere ließ nicht lange auf sich warten. Die Wüste lebt. Was für ein prächtiger Bau voller Kammern, Winkel, Erker, Ecken, Gänge und Nischen! Nistplatz, Höhle, Fluchtweg, Wetterschutz, Versteck und Schlafplatz in einem. Was will man mehr als Bewohner der Wüste?


Kein Wunder also, wenn ein müder Desperado in seinen Ruinen Quartier bezieht.


Mein Pferd watet vom Sattel befreit durch die kühlenden Fluten, die hier an dieser seltsamen Verbreiterung des Tales friedlich und in Kniehöhe über schillerndes Gestein plätschern. Hie und da ragen ein paar verwilderte Maisstauden aus dem kargen Boden, allerlei Wüstenblumen recken ihre Köpfe in die Sonne, Schmetterlinge gaukeln über ihnen,Vögel suchen den Schatten verkrüppelter Stauden, Schlangen sonnen sich behaglich auf abgeflachten Steinen, Skorpione krabbeln umtriebig herum, Eidechsen huschen in bergende Ritzen, gepanzerte Käfer klettern träge durchs Geröll- ein Ort voller Harmonie und Frieden.


Wer hier Geister fürchtet ist selbst schuld.


Nicht, dass es sie nicht gäbe. In Neumondnächten tanzen sie in furchteinflößenden Masken und bis an die Knöchel mit Maiskolben behangen um ein loderndes Feuer, trommeln auf Schildkrötenpanzer, rasseln mit getrockneten Früchten, flöten durch hohle Knochen und singen, was eine Geisterstimme eben so hergibt an Klangfülle infolge nicht mehr vorhandenen Resonanzkörpers. Klingt aber trotzdem sehr lebendig, das Spektakel. Auf jeden Fall nicht furchterregend, sondern durchaus unterhaltsam. Ein Hopi mag es anders empfinden, schließlich tanzen hier die Geister seiner Urahnen, da mag einen schon respektvolles Grauen überkommen. Aber für mich als bleichgesichtigen Eindringling und dennoch geduldeten Gast bedeutet es schlimmstenfalls eine durchwachte Nacht. Mitfeiern kann ich leider nicht, die Gestalten verschwinden im Nu, wenn sich einer aus dem Land der Lebenden zu ihnen gesellt, und das wäre nicht nur unhöflich sondern jammerschade. Aber ich bin mir sicher, dass sie um meine Anwesenheit wissen, in warme Decken gehüllt in meiner Kammer, und mein verstohlener Blick durch eine der Sichtschlitze scheint sie nicht zu stören. Und ich störe mich nicht an ihrer Gegenwart, wie käme ich dazu, das hier ist schließlich ihre Wohnstatt. „Der-bei-den-Geistern-schläft“, „Der-die-Geister-nicht-fürchtet“, „Geisterschläfer“, „Geisterträumer“, „Den-die-Geister-verschonen“... jeder Stamm hat seinen eigenen Namen für mich gefunden, denn so was spricht sich in einem Dorf wie der Wüste selbstredend schnell herum. Manche sagen, es läge daran, weil ich selbst ein Geist bin. Wer weiß, vielleicht sind sie damit gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt.


Ich sollte doch mal versuchen, mit ihnen zu tanzen.


Wer weiß, ob ich es nicht schon getan habe? Dass mir der gemeinsame Tanz vorgekommen ist wie ein lebhafter, verrückter Traum, den ich am nächsten Morgen vollständig vergessen hatte?


Klar, die seltsamen Namen, die mir durch den Kopf geistern, könnte ich auch bei den Hopi, Zuni oder Pima aufgefangen haben. „Ho-ho-kahm“ gaben die Pima den ersten Missionaren zur Antwort, als diese sie staunend nach der Herkunft der fantastischen Ruinen des Casa Grande befragten, was lediglich bedeutet „lange gegangen“, seitdem nennen die Altertumsforscher das verschwundene Volk eben Hohokam. Sinagua wird ein anderes geheißen, „ohne Wasser“, weil diese Leute wahre Meister der „trockenen Landwirtschaft“ gewesen sein sollen, das überwältigende Monument des Montezuma Castle bei Camp Verde zeugt von ihren großartigen architektonischen Fähigkeiten. Und die Menschen der Chacoan Kultur errichteten sage und schreibe vierzehn Städte im Chaco Canyon, bevor sie wie die anderen Anasazi auf rätselhaft unerklärliche Weise spurlos verschwanden. Wo ich aber nun Namensnennungen wie Wukoki oder Wupatki aufgeschnappt haben soll, ist mir schlicht ein Rätsel, niemand außer mir scheint diese Bezeichnungen zu kennen oder je von ihnen gehört zu haben.


Vermutlich hat sie mir der Wind zugeflüstert, der nachts durch die Ritzen und Risse der verwaisten Bauten weht.


Bis vor wenigen Jahren schlief ich, wenn ich mich in New Mexiko herumtrieb, mit Vorliebe in einem verlassenen Pueblo, das sich in einer weiträumige Nische unter das Dach der vorspringenden Felsenwand schmiegt und an Schönheit und Erhabenheit kaum zu überbieten ist. Neben zwei Türmen habe ich über zweihundert Räume gezählt, sieben davon rund und zum Teil fast hallengroß, wenn auch mit eingestürzten Dächern in den oberen Etagen, außerdem gute zwanzig Kivas, die unterirdischen Zeremonialräume mit einem kleinen Loch im Boden, dem Sipapu, das die Öffnung symbolisiert, aus dem die Menschen einst aus der Unterwelt gestiegen kamen ans Licht der gegenwärtigen. Überall standen noch Werkzeuge rum und allerlei Gerätschaften, sogar Geschirr, als hätten bis gestern Leute hier gelebt, da dürften schon um die zweihundert davon Platz gehabt haben, eher mehr. Diese Mischung aus Festung und Dorf war zudem ein ideales Versteck, doch vor kurzem haben sie auch diesen meinen geheimen Schlupfwinkel entdeckt und sind seitdem unermüdlich dabei, seine Gebäude auszubuddeln und freizulegen, das Pueblo war nämlich derart von Gestrüpp überwuchert, dass nichts mehr zu sehen war von seinen verschachtelten Mauern. Klippenpalast nennen die Geschichtsforscher das architektonische Wunder, das trifft es ganz gut.


Mein jetziges Pueblo ist klein, beschaulich und gemütlich, es gibt aber noch so einige sehr viel imposantere Bauten in den Canyons des Südwestens. Montezumas Castle nannten die weißen Entdecker die beeindruckende Trutzburg, von den Sinagua in die Steilwand des Verde Valley in den Fels gebaut wie ein Schwalbennest, über dreißig Meter über dem Talgrund und fünf Stockwerke hoch, eine Burg ist es allemal, wie sie freilich auf Montezuma gekommen sind, müsste man wohl die spanischen Konquistadoren fragen. Ein blutroter Himmel hatte den Aztekenherrscher vor deren Ankunft gewarnt, im Jahr der Rückkehr Quetzalcoatls, der Gefiederten Schlange, in dem laut einer Prophezeiung „die Könige ihre Macht verlieren“ werden. Als Cortes genau in diesem unheilschwangeren Jahr aus Osten angesegelt kommt, der Himmelsrichtung also, in die ihre große Gottheit einst entschwunden war warum auch immer, verhält sich der großmächtige Aztekenkönig dem Konquistadoren und seinen grade mal vierhundert Soldaten gegenüber wie das Kaninchen vor der Schlange, mit geradezu übertriebener Gastfreundlichkeit will er wohl das Schicksal überlisten, indem er die vorhergesagten Ankömmlinge und Vollstrecker seiner Entmachtung zu besänftigen sucht. Was sich Cortez gern gefallen lässt, um Montezuma bei passender Gelegenheit, auf die er mit der Geduld des Arglistigen wartet, gefangen zu nehmen - inmitten seines Gefolges und von tausenden Kriegern umgeben.


Der blondgelockte Alvarado, den die Azteken deshalb auch „Sonnengott“ nennen, vergnügt sich beim alljährlichen Hochfest der Azteken inzwischen auf seine Weise, nachdem seine Männer die jungen Teilnehmer dazu „angehalten“ hatten, unbewaffnet zu den Feierlichkeiten zu erscheinen, denen er selbst als Ehrengast beiwohnt.


Und so geschah es, als sie die Feier begingen; der Tanz hatte bereits begonnen, es wurde schon gesungen, schon verwob sich ein Lied mit dem nächsten, und der Gesang hallte wider den Wogen, die sich brachen; in diesem günstigen Augenblick aber beschlossen die Spanier, die Menschen zu töten. Sie erschienen plötzlich in voller Kriegskleidung; sie kamen, um die Ausgänge zu verschließen, die Tore, die Gänge; und als dies geschehen war, stürzten sie in den heiligen Hof, um die Menschen zu töten. Schnell hatten sie die Tanzenden umringt; dann stürzten sie zwischen den Trommeln umher. Sie schlugen nach dem Trommler und hackten ihm beide Hände ab; dann hackten sie ihm den Kopf ab, der fiel weit zu Boden. Dann durchstießen sie die Menschen mit eisernen Speeren und hiebten mit eisernen Schwertern auf sie ein. Manche schlitzten sie von hinten auf, die stürzten dann zu Boden, mit heraushängenden Eingeweiden, und wenn diese vergeblich versuchten zu fliehen, schleppten sie nur ihre Eingeweide hinter sich her und verwickelten ihre Füße darin. Sie konnten nirgendwo hin fliehen. Diejenigen, die es versuchten, wurden am Tor abgestochen und niedergemacht. Doch manche überwanden die Mauern. Andere lagen zwischen den Toten und konnten durch Verstellung entkommen, doch sahen sie auch nur einen atmen, wurde er sofort abgestochen. Das Blut strömte wie Wasser, wie schleimiges Wasser; der Gestank des Blutes erfüllte die Luft, und die Eingeweide schienen wie von allein dahinzugleiten. Und die Spanier gingen überall hin, durchsuchten die öffentlichen Gebäude, stachen mit ihren Waffen zu... „


Na, dann frohe Ostern, nicht unbedingt als Lektüre zum Einschlafen geeignet, dieser grauenhafte Codex Florentinus, weiß gar nicht mehr, wo genau ich den her habe, ist ja auch nicht so wichtig.


Wohl können die Azteken im Aufstand der „Noche Triste“, der Traurigen Nacht, in der auch Montezuma ums Leben kommt, die Spanier erst einmal vertreiben, doch folgen Cortez die Pocken auf dem Fuß, eingeschleppt von den schwarzen Sklaven eines weiteren Konquistadoren, die sogar untereinander Krieg führen in ihrer unersättlichen Habgier. Das Sterben ist groß unter den Azteken, und als der gedemütigte Cortez schon im darauffolgenden Jahr wiederkommt, diesmal mit der Verstärkung von abertausenden Indianern, die sich im Verbund mit den Spaniern eine Befreiung aus der Knechtschaft und von der Tyrannei der Gottgleichen erhoffen, hat Montezumas Nachfolger seine Krieger auf „Sieg oder Tod“ eingeschworen. Da es ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit ist, gegen diese erdrückende Übermacht zu siegen, kämpfen diese eben bis auf den letzten Mann und der bis zum letzten Atemzug, und das volle fünfundachtzig Tage lang. Dann freilich sind hundertsiebzehntausend Azteken niedergemacht, will man den Angaben des siegreichen Cortez Glauben schenken, ist ja auch egal, denn es waren der gefallenen Verteidiger Tenochtitlans schlicht und ergreifend alle. Bis heute sollen ihre Geister in den Slums von Mexiko City herumspuken. Man sollte also vielmehr dort Geister fürchten als an diesem friedlichen Ort.


Gute Nacht.


Ich sitz auf einer Anhöhe und schau auf das Land im Canyon hinab, alles ist grün und voller Wald, dazwischen reift der Mais in fetten Kolben auf den Feldern, das Pueblo ruht im Schatten einiger ausladender Bäume, der Fluss glitzert in der Sonne.


Schön habt ihr's hier“, sag ich zu der Frau neben mir, die mit langen weißen Haaren in einem strahlend weißen Kleid neben mir auf dem Grasboden hockt mit angezogenen Beinen, „Ja, so wunderschön war unser Tal“... sie seufzt mir hörbarer Traurigkeit, „bevor wir alle Bäume gerodet hatten für größere Felder und den Bau unserer Häuser, bevor der Regen all die fruchtbare Erde in den Fluss spülte und eine nackte Wüste zurückgelassen hat, so dass keine Bäume mehr nachwachsen konnten und nicht einmal mehr der Mais, bevor der große Hunger in unsere Dörfer kam.“


Hm“, sag ich zu ihr, „da seid ihr nicht die Ersten, denen es so geht und die es so machen, die Weißen hauen die Wälder all überall weg wie nichts, es ist ein Trauerspiel und eine Schande, ein Verbrechen ist das. Ihr wart ihnen da nur ein Stück voraus, das ist ja die Krux, dass die Vorfahren den Nachkommen voraus sind und immer sein werden, und was auch immer die Urenkel versuchen, sie werden die Ahnen niemals einholen können, die ja ihren Weg schon abgeschlossen haben und hinter sich gebracht im Gegensatz zu ihnen. Die Zeit läuft rückwärts, weißt du, von Anbeginn an, jede neue Generation versucht aufs neue, die vorherige zu überholen, oder wenigstens einzuholen, und weil die Lebenden insgeheim wissen, dass sie das niemals schaffen werden, nämlich die Verstorbenen einzuholen, machen sie die Altvorderen eben einfach runter und tönen, dass die es nicht besser gewusst haben und alles falsch gemacht, was man da falsch machen kann und dass sie es dafür alles besser machen werden jetzt für die nachkommende Generation, die dann wieder genau dasselbe sagt von ihnen. Und ohne es zu merken, machen sie alles immer nur noch schlimmer und schlimmer. Anstatt aus den Fehlern ihrer Vorgänger zu lernen, machen sie das genaue Gegenteil und versuchen, noch größere Fehler zu machen und sie wenigstens auf diesem Wege zu übertreffen. Und wenn sie dann eines Tages alle Wälder abgeholzt haben und die ganze Erde zur Wüste gemacht, dann sagen sie verdattert, jetzt haben wir diesen alten Fehler doch tatsächlich nochmal gemacht, aber wenigstens haben wir die Allerersten eingeholt, die damit angefangen haben.“


Die Frau hat mir aufmerksam zugehört und seufzt erneut tief, diesmal ergeben, „da kommt schon mal einer aus dem Land der Lebenden zu uns“, meint sie irgendwie verzweifelt, „der uns in seine Träume lässt und mit uns spricht, dem wir etwas Wichtiges zu sagen hätten, und dann...“


Was dann?“, frag ich ein klein wenig angefressen.


Dann hat der alle und alles und jedes so weit hinter sich gelassen, dass er außer Rufweite geraten ist und ihn niemand mehr versteht, selbst dann nicht, wenn er den Nachfolgenden etwas nach hinten rufen würde.“


Das ist auch der Grund, weshalb ich das erst gar nicht mehr versuche“, murmle ich schlaftrunken und dreh mich auf die andere Seite.
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Zuletzt geändert von Desperado am Mi 10 Dez, 2014 07:53, insgesamt 4-mal geändert.
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