Gedichte, die gesellschaftliche oder politische Themen behandeln

der siebte himmel

Beitragvon Perry » Fr 11 Apr, 2014 01:04


im meer treiben schäfchen
wolken kirchtürme sind spitze
inseln auf denen vögel rasten
flügelschatten aufs land werfen

das rufen zum gebet ist start
kommando für tontauben
hochzufliegen und getroffen
im himmel aufzuschlagen
Perry
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Re: der siebte himmel

Beitragvon Wasch-Dein-Hirn » Do 03 Jul, 2014 13:54


Hallo Perry,

ich musste dein Gedicht hier nun einige Male lesen. Zuerst kam es mir sinnfrei vor. Doch mit jedem Lesen habe ich darin mehr erkannt. Geschickt eingefädelt!

Ich verstehe es nun so:

Die Verschachtelung in der ersten Strophe ist cool gemacht:

Perry hat geschrieben:im meer treiben schäfchen
wolken kirchtürme sind spitze
inseln auf denen vögel rasten
flügelschatten aufs land werfen


Ist erst mal verwirrend. Zumindest ich habe den Zusammenhang des Wortflusses erst beim dritten mal gecheckt:

"im meer treiben schäfchen-wolken
kirchtürme sind spitze inseln
auf denen Vögel rasten
flügelschatten aufs land werfen"

Die Strophe gibt eine gewisse Ruhe ins Bild, was im Kopf abläuft. Friedlich, undramatisch und bekannt. Die Spiegelung der Wolken im Wasser - schön.

In der zweiten Strophe hingegen erkenne ich eine gewisse Dramatik:

Perry hat geschrieben:das rufen zum gebet ist start
kommando für tontauben
hochzufliegen und getroffen
im himmel aufzuschlagen


"das rufen zum gebet
ist start-kommando für tontauben
hochzufliegen und getroffen im Himmel aufzuschlagen"

Ich meine jedoch nicht die Dramatik, die das "Getroffensein" darstellt. Sondern eine ganz andere Komponente scheint mir hier das Ziel der Metahper zu sein:

Das Gebet sendet die Hoffnungen, Wünsche und Träume der Menschen in den Himmel. Und diese zerplatzen allzuoft - vielleicht weil die Intention des Gebetes eigennützig ist oder in Wut gebetet wird...oder aus anderen Gründen. Wie z.B. der fehlende, feste Glaube an die Wahrhaftigkeit und Wirkung des Gebets. Es wird zerschossen. Von Dritten oder aber durch eben benannte Umstände.

Und das vor allem auch: weil fast alle Menschen sich immer weiter vom Ursprung entfernen und die Verbindung kappen. Die emotionale Tragweite der zweiten Strophe geht aber noch weiter:

Für mich ist es die Darstellung der Verleugnung Gottes, der Liebe und der Verlust der zuversicht. Dass hier ein tranzendentes Thema angesprochen wird, erscheint mir auch im Hinblick auf die Tauben der Fall zu sein. Denn Tauben waren auch im alten Testament stets ein Sinnbild für Gott - Hoffnung, Sicherheit, Wohlstand und Liebe:

z.B.

- Noah ließ eine Taube ausfliegen, um zu prüfen, ob das Wasser schon zurückgegangen sei (
1Mo 8,8)
- "O hätte ich Flügel wie Tauben, dass ich wegflöe und Ruhe fände." (
Ps 55,7)
- "...
sie baden in Milch und sitzen an reichen Wassern" (
Hl 5,12)

Dein Gedicht drückt Sehnsucht aus - sehr diffizil aber für mich eindeutig.

Na wie auch immer - es könnte auch mehr bedeuten, sehr tiefgängig - allerdings erst nach vielen Blicken....zumindest für mich :-)

Grüße
Ich habe solchen Hunger, dass ich vor lauter Durst gar nicht weiß, was ich rauchen soll, so müde bin ich!
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Re: der siebte himmel

Beitragvon Perry » Do 03 Jul, 2014 14:37


Hallo Wasch-dein-Hirn,
danke für dein Interesse an den Bildern. Deine Interpretationen sind sehr innovativ und nahe am Thema.
Meine Intention ging u. a. auch in die Richtung religiöse Verblendung, wie man sie bei islamistischen Selbstmordattentätern findet.
Der Hinweis darauf steckt auch im Titel, den die Belohnung für sie wartet -wie sie glauben- im Himmel auf sie.
LG
Perry
Zuletzt geändert von Perry am Do 03 Jul, 2014 14:38, insgesamt 1-mal geändert.
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