Gedichte, die gesellschaftliche oder politische Themen behandeln

auszugsgesänge

Beitragvon Perry » Mo 15 Dez, 2014 15:29


die schränke geräumt wirkt der raum
wie ein ausgeweidetes tier
die vitrine der geöffnete brustkorb

die düfte aus der küche verflogen
kriecht eine kühle zukunft
durchs geöffnete fenster ins zimmer

zurück bleiben zettel an der pinnwand
mittwoch müllabfuhr freitag flurputzen
die bevorstehende mieterhöhung

vertraute wandgesichter verschwinden
unter neutralem weiß die vorhang
stange träumt von hängendem bunt

letzte erinnerungsflusen eingesaugt
wandern die alten schuhe
senkellos in den abfallsack

das namensschild könnt ihr behalten
meint der hausmeister neue
mit silberrand sind bereits bestellt
Perry
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Re: auszugsgesänge

Beitragvon rivus » Fr 02 Jan, 2015 17:26


ach perry,

1)"es ist viel pragmatisches sentiment, was ich hier aus deinem text herauslese. irgend ein ungewollter abgang oder ein auszug aus gründen der vergänglichkeit, die viele kreisläufe schließt, ohne uns zu fragen, ob wir damit klar kommen werden. ja, das alte namensschild wird noch an eine zeit der lebendigkeit erinnern, wenn das silberne namensschild eines einzuges eine andre zeit einläutet und neuen glanz verspricht, wo da und dort doch die spuren des alten aufbegehren gegen die ablösung und gegen das verschwinden von vertrauten lebenszeichen ..."

2) aber was ist mit dem und der und die unfreiwillig ausziehenden geschehen? gibt es für sie einen trost? das pragmatische ausräumen kerbt sich wohl noch tiefere schmerzgänge in die seele der von diesem vertrauten ort wegziehenden. die letzte strophe, die banalität der abschließenden handlungsabläufe, das nur so hingeworfene schematische "ihr könnt behalten" des hausmeisters ist es wohl, die deine "auszugsgesänge" elegisieren. ist es der knallharte wohnungsmarkt, der hier mit der mieterhöhung, schicksale beschließt, die alle ratlos und trostlos zurücklässt? (das gab es schon im manchesterkapitalismus des 19.jahrhunderts, gut beschrieben von dem abenteuerschriftsteller jack london, der die herausgeworfenen menschen damals als menschen des abgrunds bezeichnete. sie hatten wenig hoffnung und lebten am ende iher lebensreise größtenteils in wohnruinen oder gar auf der straße. der leser hofft, das solch ein schicksal den hier betroffenen nicht bevorsteht!)

3)die erste vers unterstreicht eindrucksvoll die verzweifelte seelische lage der ausziehenden, der zweite vers die kühle des geschehens und die kühle einer ungewissen zukunft, der dritte die noch platzierten alten lebenszeichen, der vierte das ableben und nochleben von vertrautem, der fünfte versetzt dem ausgedienten schuhwerk einen makabren entsorgungsakkord (wo mögen nur die schnursenkel sein?) und der sechste den gnadenstoß eines unmenschlichen pragmatismus ...


gern hineingelesen

es grüßt
der rivus
Zuletzt geändert von rivus am Fr 02 Jan, 2015 17:32, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: auszugsgesänge

Beitragvon Perry » Fr 02 Jan, 2015 17:43


Hallo rivus,
deine Reflexionen der verschiedenen Sichtebenen auf den Text passen haargenau.
Aus- oder Umzüge sind immer auch eine Art Abschied, es freut mich, dass Dich die Bilder ansprechen konnten.
LG
Perry
PS: Die Schnürsenkel waren noch gut und wurden deshalb mitgenommen. ;)
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