Lyrik rund um das Thema Liebe

Methotrexat (kein Liebeslied)

Beitragvon Neu Tron » Sa 11 Sep, 2010 06:27


Metastasen im Halbkreis
Wie ein Leib Brot
Verkrustet
Universum endlos
Fass es an! Lass los!
Zerklüftete Felsen
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Schwindelt jeden Tag schlimmer
Hört nicht auf! Fang an!
Du bist das Antimetabolid
Keine Metaphern übrig
Zwei Schlucke Wasser
Im kreisrunden Glas
Perfekte Antinatur
Die weiße Wüste
Halt mein Knochenmark! Lass nicht los!
Dröge Schlaflosigkeit im Rausch der Motoren
Kein Blaulicht! Keine Sirenen!
De/Vision - Endlose Träume
Und noch zwei Schlucke Wasser im kreisrunden Glas
Tapferes Mädchen! So töricht!
Wasch dich! Nimm Seife!
Und zwei Schlucke Wasser?
Sie hinterließ nur mich.
Die Ordnung des Profanen
hat sich aufzurichten
an der Idee des Glücks.
Walter Benjamin
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Re: Methotrexat (kein Liebeslied)

Beitragvon rivus » Mo 20 Sep, 2010 23:05


hi neu thron,

zur überschrift
neu-tronisch gleicht das auge eines wortungetüms meine augen ab. es suggeriert ein biochemisches maskeradenspiel. es ahnt ein falsches meth alach (stürmisches ende) vor. es thront organisch-excaliburisch, navigiert nach launen, um die brauchbarkeit von überlebensstrategien zu testen. ein curriculum mobile. ein letzes kräftemessen mit sauronschen ringgeistern? ein voraussichtlicher endzeitkampf hinterlässt ein curriculum für chemotherapierte. die partitur darunter ist umklammert, in einem raum von kein-liebeslied gezwängt. das methotrexat ist vorangestellt u. wirkt durch seine wortstruktur fast übermächtig und durch wortklang vollstreckt es entweder rettung oder vernichtung. zwischen beiden zuständen gibt es kein liebeslied, nur das blutbefleckte heftchen darüber, roulettiert für die dinge, die unweigerlich noch kommen werden:

zum text
die tafelrunde ist endgültig gespalten! galahad sucht für immer den gral, derweil die „metastasen“ medrauts (mordreds) als schwarze kriegs(in)formation, als verklammerer, als verleiber seele + leib eines lyrdu bedrohen, halb einkreisen. doch das halbe umbrot ist dank methrohexat schon längst deformiert, „verkrustet“. es ist sowohl gewordene als auch gewesene teilwelt, nun erstarrt und einzigartig wie museal. so gestaltet wird sie greifbar, anschaulich, abgestoßen und bleibt parasitär faszinabel, während die welt davor/danach sich zunächst als unfassliches universum, als eternity, als leben aus der endlosen erinnerung stilisiert, könnte sie und nur sie die nötige ich-erneuerung bringen, wenn der waew veleg die eigenkräfte des lyrdu so ausrichten würde, wie der imperativ es fast eindeutig fordert. die universale welt soll angefasst werden, um von der metastierten und „zerklüfteten welt“ der vergangenheit loszukommen.
aber diese andere schöne, nur über stärkste schmerzen zu erreichende welt, die so trügerisch lockt und gaukelt wie shutter island, ist stringent, toughe u. fordert superlative phantasien. trauminceptionen. selbstinstruktionen zur stärkung des glaubens an sich selbst und den heilungsprozess durch methotrexat. es ist nur die eine, die ausgewählte, die antimetabolitische front. die „bolide“ hoffnung macht metaphern los, keine liebesworte, sondern kampfansagen. das paradoxon des aufbegehrens kehrt kein-liebeslied um, macht es zum glaubenslied, zum antitodeslied.
so einfach, so groß, so hoffnungsvoll kann nähe sein. die schwarze magie, die antinatur hinterlässt vorprometheische landschaften: weiße wüsten, zwischen ultima thule und blue island, die wieder auenland, rivendel, lothlorien entstehen lassen könnten. eine welt, für die es sich wieder lohnen würde zu leben, zu hoffen, zu lieben, zu sehnen, zu träumen, zu mären. doch der kategorische imperativ kann die wüste trotz allem lebenswillens nicht zwingen. das knochenmark bildet tödliche waffen, schafft die bühne für den tod durch mörderische knochen.
die kulisse, das innere und äußere szenario wird dröger, wüstenweißer, unschuldiger, jungfernhaft, hochzeitreif, im letzten rausch, der in den rausch der motoren der perfusoren weiterlebt, ohne großes tara. kein abgang mit lasershow, pauken und trompeten. nirgends anheimelndes blaulicht der romantik , auch kein rettungsblau. im hier u. jetzt nicht mal ein legendäres sirenenrufen, aber doch ein letztes, ewiges, pupillenvorgeweitetes visionieren: lasst singen strömen leben springen sprudeln schlafen sterben. das leichenprozedere bleibt pragmatisch wie töricht. die weiße magie kann die so angeschwärzte seele nicht mehr reinigen. die methotrexatpartitur hat sich selbst geschrieben: (kein liebeslied)!

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