Lyrik rund um das Thema Liebe

Paroxetin (Mein Mädchen)

Beitragvon Neu Tron » So 12 Sep, 2010 00:30


Noch im Lachen beginnt das Weinen
Almost blue
In jedem Blatt Traurigkeit
Almost touchable
Schlafen macht den Tag
Bis an den Rand
Zwei Schritte
Das Da-Zwischen - aushalten -
Ist zu verstellen
Zuzudecken mit Händenfüßenfernsehapparaten
Dein Antidepressivum hat keine Farbe
Nur zwei Schlucke Wasser
Hinterher: Anders!
Ist es nicht
Zeitverschleiß
Schlafen bis an den Rand
Geht nicht mehr
Wie kalt du bist!
Suchst nach dem Substitut - Augen auf!
WAS DANN?
Kein Weinen kein Gedicht
Antidepression - Fremdkunstraub
Wiederaufnahmehemmer verstellen
NICHT GENUG!
Vor Wiederaufnahme - noch zwei Schritte geradeaus
(Sie sind zum ersten Mal hier?)
Oder zurück in meine Arme.
Die Ordnung des Profanen
hat sich aufzurichten
an der Idee des Glücks.
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Re: Paroxetin (Mein Mädchen)

Beitragvon rivus » Mo 13 Sep, 2010 01:21


hallo liebe(r) Neu Thron,
Ambitendenzen zugleich oder zeitnah in die eine oder andere Richtung. Das Lachen meines Mädchens macht mich traurig, weil es schon im Nochlachen am Weinen ist. Dieses fast Melancholische, das Wunder-Blau des Himmels, das Fastblau des scheinbar minderen, da nicht richtigen Lachen Könnens lässt das Lyrich verzweifeln und führt mich zur Riefenstahlschen Mimik und ihrem märhaften Gestus, die zusammen das sonderbare und notbare Wesen des Menschlichen auf unzählige Filmmeter naiv bannte. Ja, die Not des Lyrichs manifestiert sich im "Almost blue" und vertieft die niederschmetternde "In jedem Blatt Traurigkeit", umrahmt sie im blauen Schimmer der blauen Blumen, des Romantischen, des Wunderhorns, um sie anzudocken, um sie fassbar, berührbar zu machen. Aber nur fast, denn es ist die Traurigkeit einer Zurückgezogenen, Antriebsschwachen, in den Schlaf Getriebenen, die das Schlafen hoffiert bis an den Rand einer Zweit- und Pseudoexistenz, die wiederum kaum "Zwei Schritte" von Traum und Realwelt entfernt, das "Das Da-Zwischen -aushalten-" verkraften muss. Was für eine Welt vermag sich hier zu verbergen, zu verstellen, zu begegnen? Der Grenzgang wird nicht gewagt, der Durchgang versperrt, verstellt, die Zwischenwelt mit allem was noch blieb und bleibt erhalten. Das Lyrich geht am chemischen Krückstock, der keine Kerben, keine Farben hat, sondern das Depressive besondert. Die antidepressive, ausgerechnet durch das lebengebärende, lebenserhaltende Wasser herbeigeführt Welt verführt dann dennoch in die andere Anderswelt, in den Verschleiß und in den ungeübten Gebrauch aller Wahrnehmungen, so dass der Verlust der Schlafwelt, der Dämmerwelt, der triebgebremsten Welt einen Gewinn an Leben, Lebenslust bringen könnte, wenn nicht alles was vorher war an kreativen Umgehen mit den Traurigkeitszuständen verloren gehen würde. Das Lyrich ist zu bedauern oder auch nicht, kann aber die vormaligen Gedichte nicht mehr schreiben und auch nicht so weinen, muss sich jedoch mit der kalten Wirklichkeit auseinandersetzen! Wird es das können? Wird es den Verlust aushalten können und Selbstkunstraub betreiben? Nein, die zu raubende Welt bleibt eine fremde, dem Ich ferne Welt, denn die Welt die in den chemischen Filter hineingeht, kommt wieder raus, aber als Gefiltertes, Geschöntes, als fremdes Unvertrautes und im Aufbegehren, im Selbstversuch des Verstellens, im Selbstheilungsversuch ohne Biochemie gelingt zwar die Flucht ins eigene Wahrnehmungssystem, doch es kann tragischerweise nicht ausgehalten werden, die Rebellion reicht nicht aus, genügt nicht und hinterlässt dem Lyrich wieder eine Regenwelt, eine Zwischenwelt, die scheinbar nicht zu ertragen ist und das Prozedere der Wiederaufnahme in eine abgelehnte Welt steht bevor und an der Schwelle zum Eintritt in die ursprünglich abgelehnten Welten gibt es plötzlich doch noch die Eingebung einer anderen Alternative, die jedoch nur noch Scheinoption ist.

In meiner Lesart wird der Teufelskeis, das Gefängnis eines depressiven Daseins treffend gezeichnet, in dem Selbstwerdung und Selbstaufgabe schicksalhaft und symbiotisch so in Verbindung stehen, dass es kaum ein Entrinnen gibt, ja es scheint fast so, dass nur so das Unerträgliche ertragen werden kann. Andere Gefühle haben keinen Platz oder können nicht zugelassen werden ...


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Re: Paroxetin (Mein Mädchen)

Beitragvon Neu Tron » Mo 13 Sep, 2010 23:47


Das ist ja mal eine spezielle Rezension, der ich gespannt gefolgt bin. Eine gute Idee, die eigenen Gedanken auf diese Weise sichtbar zu machen. So komme ich über deine (be)fremde Fremdwahrnehmung ein stückweit in mich selbst zurück. Danke für deine Offenheit!

Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, meine Bilder zu übersetzen und "Missverständnisse" aus den Weg zu räumen. An einigen Stellen gehen wir sehr weit auseinander, an anderen sind unsere Ideen sehr nah. Das Verdichtete lebt ja vom Missverstanden-Sein. Ich greife mal dennoch zur Schreckschusspistole...

... und greife fast willkürlich das ALMOST BLUE heraus. Dass der farbliche Aspekt bei dir zuerst anspringt, ist ziemlich verrückt. Für diese Assoziation muss ich mich beinahe anstrengen. Aber beim Schreiben strenge ich mich in der Tat auch manchmal an. BLUE hat ja ein ganzes Bedeutungsuniversum. Mein ALMOST BLUE entsprang dem gleichnamigen Song von Elvis Costello. Das "Zitieren" habe ich mit ALMOST TOUCHABLE unterstrichen. Bei Costello heißt es "It's almost touching". Die weiteren Lyrics würden sicherlich zur weiteren Aufhellung beitragen, aber weder weiß ich, ob ich die Lyrics hier zitieren darf, noch ob das zielführend wäre. Und wenn ja: Wo soll das sein (das Ziel)? UND DANN?

Dein Lyrisches Ich und mein Lyrisches Ich sind sehr unterschiedlich lokalisiert, dass ich beinahe gewillt bin, dein Lyrisches Ich als DU zu bezeichnen. Das ausgesprochene Ich ist für mich eher so etwas wie ein Besucher und nicht derjenige, der die Tabletten schluckt und in den Schlaf geht und in die Händefüßefernsehapparate. Es ist DEIN Antidepressivum und MEIN Mädchen.

Auch scheinen die letzten drei Zeilen keinen besonderen Eindruck auf dich gemacht zu haben. Als sträubtest du dich davor, eine zweite oder dritte Person zu sehen. Was mir wiederum deine Leseart verständlicher macht. Unabhängig davon, ob das ICH und das DU in einer Person vereint sind, sollte die Frage in der Klammer deine Leseart zumindest gehörig unter Spannung setzen. Dieser Spannung bist du aus dem Weg gegangen.

Sehr interessant!
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Re: Paroxetin (Mein Mädchen)

Beitragvon rivus » Mi 15 Sep, 2010 11:11


hi Neu Tron,

es ist gut so, dass du deine bilder nicht übersetzt hast! damit hast du mir einen vormund ;) erspart und ich kann als leser interpretatorischen freiraum betreten, ohne schurriegel, maulkorb und phantasiebeschneidungen befürchten zu müssen. ja, ich schrieb zunächst im freien galopp, um dann doch oder gerade deswegen ein wichtiges textstück auszulassen, abzuweigen, da ich mich auf einer heißen fährte glaubte, die die widersprüche und kontrapunkte wegsäbelte.

aber ach, dein schreckschuss traf :D D

ja, deine rollenattributionen helfen das befremdliche, "(be)fremdende", unterschiedliche wahrnehmen, nachlesen von wahrzunehmenden und wahrnehmbaren lyrisch zu personifizieren, zu platzieren und in ein nachvollziehbares, nicht mehr so angestrengtes verhältnis zu setzen. alle blickwinkel sind aus meiner sicht nunmehr gestattet. sie erlauben mir auch, deinen bühnenbildern, den intendierten lyrich-zuständen näher zu kommen. ein zweite chance des begegnens ...

als besucher (aktuell ein genügend aufgeklärtes DU), als geschichtenentdecker, als betrachter, als freund, als antizipatorisches lyrich lasse ich mich auf eine zweite begegnung mit "Mein Mädchen" ein, so gut es möglich ist und obwohl es wieder schief gehen kann:

die nicht erwartete begegnung, die möglicherweise nur erhofft wurde, beginnt mit einem lachen eines lyrdu, welches jedoch sofort umschlägt in ein weinen, weil dies so unwirklich passiert, daher "almost blue, almost tochable". die begegnung wird abgewehrt, nicht ins innere gelassen (begegnungsangst). das lyrdu lässt sich nicht anrühren, nicht beruhigen, nicht einfühlen, sondern spürt nur diesen dämmerzustand bis zum rand, der selbst am tage, auch an diesem besonderen tag diesen schwebzustand manifestiert, allgegenwärtig lässt und doch steht das besuchende lyrich nur zwei schritte entfernt und könnte blue u. touchable möglich machen, mit dem lyrdu etwas anfangen, anstellen, das sosein des lyrdu infragestellen, es aufrütteln, um das dazwischen aushaltbar zu machen. doch diese zweischrittewelt, die den ausbruch, aufbruch aus dem "nichtwirklichfühlenkönnen", dem "nichtrichtigwollenkönnen" des lyrdu im hier und jetzt möglich machen könnte, wird vom lyrdu blockiert, ist fast wie nach fremder regieanweisung zu verstellen, um ja keine konzentrierte aufmerksamkeit auf das innere und das äußere andere zuzulassen. der besucher soll am andern ort, in einer anderen zeit, im dort und damals stehen! das da-zwischen-mögliche ist zuzudecken, mit körperlicher und seelischer materialität. die händefüßefernsehapparate versetzen das lyrdu nicht nur ins gewohnte (verwohnte), doch diesmal durch die ferne anwesenheit des besuchers gestörte abwehrverhalten, sondern stellen das lyrich ins selbe farblose abseits. um diese irritation auszuhalten, ihr nicht ausgeliefert zu sein, wird zwar wie immer die bewährte antidepressive wunderwaffe eingesetzt, doch diesmal sind es nur zwei schlucke wasser. der hinterhereffekt kann diesmal der zeit, dem ort, der begegnungsscheu kein trauriges schnippchen schlagen, sondern die anderskulissen konturieren, färben sich, werden anders. der zeitverschleiß dringt ins bewußtsein, interveniert, macht das schlafen bis zur randexistenz unmöglich. das lyrdu lässt sich berühren! das lyrich spürt die kälte, das suchen des lyrdu nach einem surrogat, nach einem neumanagement seiner inneren abläufe und fordert die selbstaufmerksamkeit des lyrdu heraus: "Augen auf!"

aber wie findet das solange eingekreiste lyrdu den richtigen weg heraus? es kann im beobachteten status quo jedenfalls zunächst weder auf das weinen noch auf gedichte zurückgreifen, sondern ist mit einer ganz neuen besonderung, der antidepression, konfrontiert, welche erschrickt und einen fremdkunstraub an, um sich wahrnimmt. die derealisation seines vormaligen, noch ziemlich zeitnahen selbst, der als (selbst)verlust des fremden erlebt wird, erschrickt und verführt das lyrdu, die alten selbst- und fremdverhältnisse wieder herzustellen. und daher müssen die "wiederaufnahmehemmer" nicht nur verstellt werden - "NICHT GENUG" - , sondern das lyrdu steht vor der heraus-forderung (vor-entscheidung) wieder in den alten, farblosen, kalt wirkenden zirkus zurückzukehren (was fatal wäre, denn die entwicklung scheint zeitraffermäßig und so rasant vonstatten gegangen zu sein, dass das neue lyrdu als erstling verkanntwird!?) oder in den armen eines sie hoffentlich weiter erweckenden lyrich, wahrhafte, echte, begegnung zu erfahren ....

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