Lyrik rund um das Thema Liebe

Re: warten auf eine die auf godot wartet

Beitragvon cube » Mo 22 Jul, 2013 23:13


hi strukti,

mir gefällt dass der text dich zum weiterdenken anregte. es muss ja nicht alles gefallen oder nichtgefallen, man muss sich ja zu keiner bewertung aufraffen, die sich nicht gerade aufdrängt, ich finde es gut, dass so was hier möglich ist. lassen sich viele themen ohne werturteile besprechen.

sind weite räume, die deine fragen so abstecken, einige interessante oder gar faszinierende punkte gestreift unterwegs; ich möchte für eine weile verweilen bei der frage, ob wir uns selbst im anderen erkennen können. wir sprachen beim essen und danach bei bier und kippen gerade über die verschiedenen identitäten, die wir alle seit langem auszufüllen haben, verschiedene rollen, ganz basal schon, wenn man einfach so gemeinsamkeiten der meisten menschen betrachtet : also ob jetzt auf der arbeit, in lern-einrichtungen, mit der familie oder mit freunden, oder wenn man neue menschen kennenlernt.
die qualität dessen hat sich bestimmt sehr verändert in relativ kurzer zeit, entwicklungsgeschichtlich gesehen, schon durch die viel größere mobilität im vergleich zu früheren zeiten, oder auch schlicht die trennung von arbeits- und wohnplatz, was ja so lange bei der vielzahl von menschen auch nicht her ist. mit entsprechenden talenten und neigungen ist es leicht, sich überall neu "zu erfinden", häufig sind die sphären ja auch zeitlich und räumlich sauber getrennt, was so eine entwicklung ungemein erleichtert - wenn es eben kein auge gibt, das einem in jeden lebensraum folgt, das verschiedene rollen und bilder auf kongruenz prüft. wenn man dazu noch die entwicklung der neuen medien nimmt, wo wir über avatare virtuelle abbilder unserer selbst herstellen, bilder, deren ausdruck wir zwar weitgehend bestimmen und immer wieder beeinflussen, die sich aber spätestens in den köpfen der betrachter unserer kontrolle entziehen. also genau da, wohin diese images sich addressieren.

also ich will das alles sagen zu deiner aufgeworfenen frage, ob man sich im anderen finden kann, zumal wenn diejenige sich selbst verloren fühlt. und ich meine damit, dass unsere zeit und unser dasein viele möglichkeiten bieten, seine identität über verschiedene bilder und rollen zu verteilen, wenn es schlecht läuft kann das wohl leicht mit dem empfinden zersplitterter identität einhergehen, dass man sich mit sich selbst oder seinen handlungen in den verschiedenen lebenslagen nicht identisch fühlt. ich glaube das ist ein wichtiger möglicher grund für das verlorensein heutzutage, aber ich denke auch, dass eben nur die chance dafür erhöht wird. es gibt genug, die in ihren verschiedenen rollen und bildern mit sich selbst im reinen sind oder scheinen, ob sie sich erkannt haben und benennen können oder nicht. meine idee ist immer, dass wenn man sich selbst nicht kennt, wenn man seine welt nicht eroberte wie rivus sagte, dann ist es leicht sich verloren zu fühlen, und dann sucht man wohl automatisch, ob aktiv oder passiv. denn eingedenk der tatsache, dass wir nur ein leben haben, ergibt es in meinen augen noch weniger sinn, nicht das eigene zu leben. wie es auch aussehen mag. und das wird dann mglw sublim gespürt, hm, also schlussendlich zu dieser sache ist es meine idee, dass man sich nicht im anderen finden kann, wenn man sich zuerst nicht selbst fand. zwei suchende ergeben ja nicht automatisch ein gefundenes. aber was weiß ich schon, vllt ist es auch ganz anders möglich, oder es ist eine faszinierende möglichkeit, sich zu zweit auf die suche zu machen?

es gibt so viele faszinierende möglichkeiten sein leben zu leben.

was das Leben und die Menschen m. E. ausmacht und erfüllt, nämlich, das wirklich Schöne und Einzigartige in ihnen, mit allen Höhen und Tiefen, gemeinsam zu entdecken, zu teilen und beweglich zu halten


das ist ein schöner aspekt. besondere bilder und ideen und erlebnisse teilen zu können. gemeinsam geformt zu werden, sich gemeinsam formen lassen.

Sich selbst und die Menschen, die man liebt, mit denen man lebt, sich umgibt, annehmen, mit dem Wissen, dass sich alles stetig verändert, erneuert - man sich somit selbst immer wieder neu definieren darf, ist/wäre eine Möglichkeit, das Leben zu fassen, ohne es festzuhalten, denke ich.


möchte ich ebenfalls quoten. wobei ich zu dem fließenden heraklit noch den stillstehenden parmenides beifügen möchte. obwohl das meiste im fluß scheint, bleiben manche dinge doch gleich. das ist wenigstens mein eindruck, und ich denke auch, das zu wissen und empfinden kann beruhigend sein, gibt mglw die innere ruhe, auf dem fließenden still dahintreiben zu können; was mir immerhin in diesem sprachlichen bild als eine effiziente und angenehme weise der fortbewegung im leben scheint. also ich denke schon, dass ich mit meinen texten und kommentaren mich selbst in einer weise dargestellt habe, die so gedanken an ein selbstempfundenes verlorensein nahelegen - und sicher bin ich das auch bisweilen, oder fühle mich so.
aber so das grundgefühl meines lebens ist es nicht, dass mich das thema so sehr und immer wieder umtreibt, hat viel mit dem zu tun, was an mich herangetragen wird, was ich wahrnehme, welche menschen ich treffe und worüber sie bereit sind, mit mir zu reden. kein plan, ob es tatsächlich so ist, aber ich habe den eindruck, wenn man gewisse fragen wie zb die eigene identität, wer man ist, wie sich die welt darstellt und was man will, wenn die bis zu einem gewissen grade geklärt sind, gewinnt man einen draht zur welt, zu allen dingen, der mal leiser und mal lauter schwingt, aber dessen klang sich nie ganz verliert. letztens lag ich wach im dunklen zimmer und habe diesen satz "es wohnt ein lied in allen dingen" als wahrheit verstanden, das war sehr schön und es gehört auch zu diesem themenkreis, denke ich.

und noch mal zu finde :

"Selbst-Verwirklichung" und "Selbst-Findung" eng damit verzahnt, das hat ja schon eine gewisse Tradition in unserem Kulturkreis, dass der gemeine Westler gern über die Schwierigkeiten dabei klagt. der Ausdruck first world problems ist ja schon ein Gemeinplatz, aber in diesem Kontext trifft man dort eben diese Phänomene. das hat häufig etwas unglaublich selbst-referenzielles und überspanntes; so wie die einen den Godot erwarten, um ihn nicht treffen zu müssen : so suchen sich mglw die Anderen, um sich selbst nicht finden zu müssen.
ich glaube an diese Suche nicht. wir sind doch wir selbst, und wir verwirklichen uns mit jedem Moment unseres Daseins. natürlich schwingt in diesen Ausdrücken die Unruhe mit, ob man die richtige Wahl getroffen hat und ob man den richtigen Ideen Wirklichkeit zu verleihen versucht. also das zu überprüfen halte ich für sinnvoll, aber es scheint vielen unserer Mitmenschen zu leicht zu gelingen, diesen Phänomenen zu große Bedeutung beizumessen, das ist ein bisschen wie traurig werden, weil man die ganze Zeit traurige Musik hört, während man darüber redet, wie traurig man ist. ja, das sind spannende Themen.

und Knistern, ich weiß nicht, ob du eine Antwort erwartest, aber ich versuche mal eine ins Blaue hinein. Kritik ist ebenso willkommen wie Lob, nur finde ich in deinem Kommentar so eine Mischung aus polemischer Meinungsäußerung, einem versuchten Autoritäten-Beweis mitsamt der offensichtlichen Absicht, sich ein wenig in dem Glanz des benannten Bekannten zu sonnen. da bleibt nicht so viel, womit man arbeiten kann, denke ich. was du als mit "in Zeilen gefüllte Prosa" bezeichnest, war ja schon lange vor der Gegenwart der 1960er eine Art und Weise, Gedanken Ausdruck zu verleihen. ob man das jetzt als unlyrisch empfindet, weil man gebundene und gereimte Sprache bevorzugt, tja. wenn du dich von großen Namen angesprochen fühlst, dann ließen sich auch für ungebundene und ungereimte Verse viele viele Beispiele finden, denen allgemein jegliche Lyrizität abzusprechen schon eine schwierige Ausgangslage wäre, falls du da ernsthaft drüber diskutieren willst, was ich allerdings eher nicht vermute. was finde mit altem Kaffee vielleicht meinte, ist, dass uns diese Diskussionen gereimt versus ungereimt, gebundene sprache versus freie rhythmen und viele andere vermeintlich einander ausschließende Arten, Gedichte zu schreiben, dass uns die jetzt nicht das erste Mal begegnen. und wenn das in so einer knappen, jede Verständigung von vornherein ausschließenden Art geschieht, scheint die Aussichten auf Austausch dürftig zu sein. du findest das alles hohl und willkürlich und offensichtlich schlecht, ja, das ist so eine Meinung, wir haben Meinungsfreiheit, du bist gehört worden.

danke euch und gute Nacht,
cube
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