Beschreibung von Natur und Umwelt

Metamorphose

Beitragvon Alcedo » Di 29 Dez, 2009 09:32


Metamorphose


beim boomwechsles
als jedes einen stamm
abklatschen sollte
da ging eins verloren

ein kind

es verschwand
wie verschluckt vom baum
wie eine zwergfledermaus
die unter einem stück abstehender borke
tagsüber rastet

und schlüpfte eines nachts
aus dem gelege des baumläufers
kniete zu boden mit wurzeln
wangen zerflossen zu moos
haare wurden zu flechten
und
finger griffen als misteln in den wind
holten sich drosseln aus dem norden
kalt war es geworden

kalt war es geworden
doch bald sind die beeren im schlund
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Re: Metamorphose

Beitragvon Le_Freddy » Mi 30 Dez, 2009 20:11


hallo alcedo,

es gefällt mir, dieses düstere fasziniert. das düstere, das wohl hauptsächlich durch das beim "boomwechsles" (ein spiel?) verschwundene kind hervorgerufen wird.
allerdings hast du hier nicht weiter dargestellt warum diese metamorphose geschiet. das heißt, die negative empfindung kann bei mir durch die erinnerung an ein sehr ähnliches lied hervorgerufen sein. hier geschieht es einfach - ohne böse oder gute absicht - das macht nachdenklich.

ich bleibe mal bei meiner ersten these. so eine art märchen, eine alte geschichte.
begründen möchte ich den eindruck mit "boomwechsles", was der beschreibung nach ein spiel sein könnte. das wort finde ich nirgends. ich vermute einen (erdachten) dialekt. was dem text noch mehr von einer alten geschichte der "eingeborenen" verpasst.
einmal nacherzählt: kinder spielen im wald -> ein verschwindet unauffindbar (bis dahin tragisch.) -> kind verwandelt sich in einen baum.
diese verwandlung dürfte die eltern wohl nicht sonderlich erfreuen, aber der verdacht des mordes oder eines unfalles verflüchtigt sich. das kind lebt. nur anders.

und damit hört meine arbeit schon auf.

ich könnte noch das verlorene kind als samen verstehen, die idee der austauschbarkeit von baum und mensch ist ja durch den text schon nahegelegt. (aber dann bliebe ja nurnoch ein bisschen überinterpretierte naturkunde. das will ich nicht.) und doch:

letztlich bleibt die bloße schilderung des geschehens.
keine vorgeschichte, keine konsequenz. die von die aufgebaute stimmung ist wundervoll und irgendwie schön, aber für meinen geschmack fehlen da vorallem noch die konsequenzen, die diese baumwerdung mit sich bringt, dass die mistelbeeren gefressen werden reicht mir nicht aus.
nein, nein, nein... und das ist schade, ansonsten gefällt mir wie schon beteuert die bildauswahl sehr.

etwas größeres solltest du daraus machen.
amicalement
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Re: Metamorphose

Beitragvon M.C.Bertram » Mi 30 Dez, 2009 21:10


Hallo Alcedo,

Was für ein merkwürdiges Gedicht. Anfangsthemen spannen sich zwischen einem rituellen Spiel und einer Tagesnachricht. Dann greift der Text altes Sagengut wieder auf, läßt aber keine Vertrautheit aufkommen.
Ich frage mich, ob der Titel glücklich gewählt ist.
Fledermäuse durchlaufen keine Metamorphose, verweisen als Geschöpfe der Nacht auf die dunkle Seite, werden im asiatischen Kulturkreis als Symbol für Langlebigkeit angesehen. Ob das hier mitgedacht war?
Ein verlorenes, verwunschenes Wesen geht zu Boden und entsteht neu in Pflanzen. Endloser Kreislauf von Sterben und Leben, Verlust gleich Verwandlung. Obschon gruselig beschworen, irgendwo zwischen Moder und Chlorophyll, erscheint Tod als Durchgangsphase in der ewigen Textur von Fauna und Flora.
Vor der (für die) Ernte muß erst geopfert werden.
Füttern eines Singvogel ohne einen Anflug von Frühlingsstimmung. Die unheimliche Kälte der Zeilen stammt vielleicht aus dem Verlust von Individuation: Eine höher entwickelte (potentiell bewußtseinsfähige) Form wurde aufgelöst. Der Text beschreibt nicht Weiterentwicklung, sondern die Unterstützung ursprünglicher Wildnis.
Zur Form: “esâ€
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Re: Metamorphose

Beitragvon Alcedo » Mi 06 Jan, 2010 21:47


hallo Freddy

freut mich, dass es gefällt und zu faszinieren vermochte.

ja, "boomwechsles" ist ein Kinderspiel, in jenem Idiom, welches ich als Kind gesprochen hatte.
und es ist die alte Geschichte, ja, das Kind lebt noch - aber wie schreibst du so schön: "nur anders". passt.

Danke für das Feedback.

Gruß
Alcedo

_______________________________

hallo mcb

die Metamorphose bezieht sich nicht auf die Fledermaus.

Worte und Begriffe kommen nun mal nicht ohne implizierte Symbolik aus. Langlebigkeit war von mir nicht speziell angedacht gewesen, aber von den chinesischen fünf Fledermäusen, die fünf Glückseligkeiten entsprechen, habe ich tatsächlich schon mal gelesen.

[quote="M.C.Bertram":3beg1aqu] Der Text beschreibt nicht Weiterentwicklung, sondern die Unterstützung ursprünglicher Wildnis. [/quote] das gefällt mir, mcb.
und Individuation, sowie allmähliches Bewusstwerden hast du treffend assoziiert.
ist es nicht erstaunlich, dass ich mich heute als Dir, einem Menschen, den ich doch kaum kenne, ähnlicher empfinde, als dem Kind das ich einmal war?

Gruß
Alcedo
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