Beschreibung von Natur und Umwelt

Die alte Weide

Beitragvon Alcedo » So 25 Apr, 2010 07:21


Die alte Weide



Die Weide wird vom wilden Wuchs getragen.
Sie brach beim letzten Frühjahrssturm entzwei,
Holunder, Schlehdorn, Traubenkirschen, drei,
umwachsen, bergen, betten sie seit Tagen.

Sie treibt noch immer in der schiefen Lage,
sie trinkt sich immer noch am Regen satt,
ein Zilpzalp pflückt von ihrem zarten Blatt
den Schmetterling der letzten kühlen Tage.

Du wirst mein Maibaum, alte, morsche Weide!
Ich trage dich in Jamben in den Mai,
beschwere dich mit Blütenblätterblei,
bekleide dich mit Falterflügelseide,

erzähle nichts von deinem letzten Leide
und nichts vom bittren Trieb in meinem Mund,
ich tue keine (keine!) Botschaft kund
und setze dich, als ob's ein Festtag sei,
allein in lichten Leseraugen frei!
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Re: Die alte Weide

Beitragvon Friederich » So 25 Apr, 2010 12:57


Hallo Alcedo,

beim zweiten Lesen kam mir die Assoziation: Benn! Er erscheint am Horizont für mich durch die metaphorische Verwendung des Pflanzenmotivs, da mit einer gewissen Morbidität (Vers V) und gleichzeitig einer Hoffnung gearbeitet wird. Vor allem dieser inhaltsbezogene intertextuelle Bezug und das Hinüberwechseln auf eine lyrisch-"metadiegetische" Ebene, zumindest im Bereich der Wirkung der letzten Strophe beim Rezipienten und natürlich durch die Ansprache des Stilmittels des Metrums in Strophe III, macht das Gedicht für mich lesenswert.

Markant ist zunächst der Wechsel von der reinen Beschreibungsebene zu einer Art Monolog, der an die Weide gerichtet ist und mir gut gefällt. Passend zur recht stringenten Form ist auch die Verwendung der Alliteration in der ersten Strophe. Ein wenig negativ fällt mir das Ende des dritten Verses auf, denn dieses "drei" scheint mir, auch wenn sich eine interessante Reihe mit "entwzei" andeutet, nicht so recht motiviert und nötig zu sein.

Schön finde ich die Inversion "immer noch" und "noch immer", die die Stagnation betont. Beste Strophe ist für mich aber klar die dritte, wo das Loben des Baums direkt Bezug zu der Form des Lobs, des Gedichts, nimmt, dessen direkt klassisch als solches erkennbare Form damit auch eine zusätzliche Berechtigung erhält.

Anmerkug: Es müsste doch "bitt're" und nicht "bittre" heißen. Insgesamt ein lesenswerter Text, nicht ohne ein Augenzwinkern in meiner Lesart und daher auch in seiner klassischen Form glaubhaft. Nur die paar angesprochenen Dinge fallen mir noch negativ auf und, ja, der Titel könnte etwas anziehender sein, denn er war es nicht, der mich zum Lesen motiviert hat, viel eher bin ich, nach zufälligem darauf stoßen, durch den Text selbst hängen geblieben.

Grüße,
Friederich
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Re: Die alte Weide

Beitragvon Alcedo » Fr 30 Apr, 2010 17:49


hallo Friedrich

danke für die Ausführlichkeit und für dein Lob.
hatte beim Schreiben nicht an Benn gedacht. finde es aber interessant dass du eventuell die kleine Aster aus seiner Morgue assoziiert hast.

die Drei ist mir wichtig.

es freut mich sehr dass Stagnation erkennbar war.

ein Auslassungszeichen beim bittren kommt für mich nicht in Frage. ich hätte es ja schon fast beim ob's weggelassen. aber bei letzterem beuge ich mich noch den orthografischen Konventionen.

ich dachte die Überschrift brauche ich zum Malen. vor allem das Adjektiv. sie soll eine konkrete Vorstellung mit in den ersten Teil des Textes tragen. ich hatte kurz überlegt den Artikel wegzulassen. also so:

Alte Weide

es aber dann gleich verworfen. den Jambus will ich hier überall haben.

Gruß
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