Optimistische, fröhliche Gedichte

Flimmern (Bruchteile von)

Beitragvon Friederich » Di 12 Jan, 2010 13:48


keine autos gab es damals kein
......................nur winter und schnee
schwieg nacht ins haar man hätte zurück
lächeln können, wirbeln, sinken, steigen doch ich
starrte ins schwarz hinauf
es flimmerte weiß
es flimmerte

einzeln waren sie bruchteile
langer winteraugenblicke, taumelten aus
allen wolken als das damals
zur erzählung zerrann
L'avenir, on ne l'attend pas comme on attend le train. L'avenir, on le fait. (Georges Bernano)

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Re: Schneeflocken (Bruchteile von)

Beitragvon Ruelfig » Di 12 Jan, 2010 19:03


Hallo Friedrich,
ich lese dein Gedicht als Erzählung eines alten Menschen (keine Autos und andere, unbenannte Dinge), der von den Wintern berichtet, die noch welche waren und als es noch Magie gab, und der Zuhörer starrt ins flimmern. Das mag ich, solch ein Erinnern, sich und andere, ohne Nostalgie und mit einer geschickten Wende zum Schluss, .
LG,
R
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Re: Schneeflocken (Bruchteile von)

Beitragvon Friederich » Di 12 Jan, 2010 19:56


Hallo Ruelfig,

danke dir für den Kommentar und die interessante Lesart! Ich finde sie sehr passend, auch wenn ich beim Verfassen eher einen kurzen Zeitraum (das "damals" als "gestern") im Sinn hatte. Vor allem freut mich, dass du die Magie des Winters in den Zeilen erkennst.

LG, Friederich
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Re: Schneeflocken (Bruchteile von)

Beitragvon Anna Lyse » Di 12 Jan, 2010 20:21


hallo friederich,

ich bin den schnee und auch den winter langsam satt, weswegen ich mich durch deinen text gekämpft habe. mit erfolg und gefallen hat es bis auf ein paar kleinigkeiten auch.

mir hat der titel als allererstes nicht zugesagt, wegen der offensichtlichkeit, die verbindung zu schnee, leise rieselt der schnee, kam mir in den sinn. hätte das "flocken" eher so alleine stehen lassen mit den bruchteilen - haferflocken, milchflocken auch alles sehr weiß doch nun gut, das ist nur meine eigenart, es geht ja um schnee, also warum darum herumreden.

in der ersten strophe wechselst du zwischen dem greifbaren/sichtbaren wie die autos und der schnee zu dem nichtsichtbaren wie das schneeschweigen im haar und auch das flimmern hat so einen wehmütigen charakter. wobei ich mich etwas schwer tue mit dem wiederholen von flimmern, es bekommt dadurch so ein "sos es flimmert!" beigeschmack. allerdings weiss ich dass du wohl auch die menge des schnees der fällt und hinabschwebt ansprechen wolltest.
ach und die eingerückte zeile finde ich super, passt für mich gut zu dem bruchstückhaft des titels.

in der zweiten strophe taucht noch einmal das bruchstückhafte auf , wird aufgegriffen als eine art puzzleteil fügt es sich gut in das bild ein. das ende ist passend, wenn auch ein bisschen klanglos aber genauso klanglos wie eben die erinnerungen ;)

gruß,
isabel
.
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Re: Schneeflocken (Bruchteile von)

Beitragvon Le_Freddy » Di 12 Jan, 2010 22:18


hallo friedrich,
(hm - ich wollte doch nur kurz...)

ich bin echt angetan von dem spiel mit dem "nicht-gedicht". betrachten wir:
keine autos gab es damals kein
......................nur winter und schnee
schwieg nacht ins haar man hätte zurück

die einrückung hier, fällt sprachlich durch einfachheit auf. eine ellipse bestehend aus vier worten in ganz herkömlicher anordnung. ganz klar im gegensatz zu der bildhaftigkeit der folgenden zeile (schwieg nacht ins haar) und der sprachlichen aufwendigkeit der vorrangegangenen ("keine autos gab es damals" statt "damals gab es keine autos").
außerdem ist ihr zueigen, dass sie eine eigenständige (sinn-)einheit bildet. was in den meisten der verse nicht der fall ist. lediglich "es flimmerte weiß " bzw. "es flimmerte" und "einzeln waren sie bruchteile" erreichen auch diesen charakter. in allen anderen muss der leser über die versgrenzen hinaus lesen um die syntagmen zu vervollständigen.
diese zweite zeile fällt etwas aus dem gedicht heraus, so wie ein kommentar und ist trefflich "an die seite" des gedichts geschoben. aber das allein wäre eher langweilig. gleichzeitig ist die entstehende lücke im schriftbild (gebiet außerhalb des gedichtes, des textes) in den text selbst eingebunden:
das letzte "kein" der ersten zeile verweist auf ein noch folgendes wort. noch etwas, das es damals nicht gab. einerseits kann man annehmen, dass das sprechende subjekt des gedichts hier die aufzählung der dinge, die es nicht gab, abbricht um in diesem kommentar sehr klar zu sagen was es gab: "nur winter und schnee". oder, wir nehmen an, dass das gesuchte wort da ist, in der lücke selbst oder die lücke selbst sein soll. also ein (durch schnee) verschleiertes wort, etwa wie ein zensurbalken. (nur eben weiß)
die letzte möglich keit, die lücke selbst ist der text "es gab kein [nichts]" oderso.
diese interpretation liegt noch näher wenn man das [nichts] in susammengang mit dem rest zeile stellt.
keine autos gab es damals kein
[nichts] nur winter und schnee

[edit: den teil mit den "auf gleicher höhe" abschließenden versen habe ich hier rausgenommen (4 zeilen oderso), da mir auffiel, dass ich den fehler gemacht habe, das nicht aus dem originaltext abzuleiten.]



ganz ähnlich sehe ich diesen effekt bei
es flimmerte weiß
es flimmerte

hier wäre ein sehr denkbarer grund für die wiederholung um den leser darauf zu stoßen, das "nicht-gedicht" mit einzubeziehen. zu lesen: "es flimmerte []" also z.B. "es flimmerte [weiß]" in anlehnung, an die "farbe", die auch hier (wie gewöhnlich) der hintergrund eines abgedruckten gedichtes hat.
ob die wiederholung an der stelle sinnvoll ist kann ich noch nicht ganz sagen, einerseits wirkt es etwas redundant, andererseits käme man sonst wohl nicht darauf; eine umformulierung könnte dem aber vllt. abhilfe schaffen? so zum beispiel:

keine autos gab es damals kein
......................nur winter und schnee
schwieg nacht ins haar man hätte zurück
lächeln können, wirbeln, sinken, steigen doch ich
starrte ins schwarz hinauf
.......flimmerte es



nächste strophe, nächstes glück.
einzeln waren sie bruchteile
langer winteraugenblicke, taumelten aus
allen wolken als das damals
zur erzählung zerrann

hier denke ich kommt die praxis des erzählens ins spiel, und ein wichtiger bezug auf die erste strophe in der der text eben so wirkt als kämen einfach fetzen einer alten geschichte ("lächeln können, wirbeln, sinken, steigen") dem sprechenden subjekt ins gedächtnis, es ist es ist schwammig und einige dinge bleiben hinter dem weiß (rauschen, fällt mir da ein.) verborgen. "einzeln waren sie bruchteile" ja die verse etwa wären aufgrund der vielen enjambements einzeln "wertlos", aber zusammen breiten sie sich aus und werden: ein gedicht! :)
das will ich nun nicht weiter ausbauen.


dadurch, dass du hier die grenzen zwischen dem, was nicht zum gedicht gehört, nämlich dem papier (des verlegers) bzw. unserem forenvirtuellpapier an zwei stellen aufweichst, setzt du die ganze "seite" dem verdacht aus noch zum gedicht zu gehören. oder noch weiter geführt: der text selbst könnte unter verdacht stehen nicht zu speziell dieser geschichte (damals...) also auch nicht zu diesem gedicht zu gehören, wenngleich es inhaltlich den anschein haben kann (siehe die kommentarhaftigkeit der 2ten zeile). dein gedicht verwischt.
das verstärkt zusätzlich die bruchstückhaftigkeit.


gefällt mir. oh ja.
am titel störe ich mich allerdings wie isa etwas, wobei ich durchaus nachvollziehen kann warum "schneeflocken" bei "bruchstücken" genannt werden sollen, allerdings charakterisiert man allgemein schneeflocken durch ihre komplexe, keines wegs bruchstückhafte gestalt. dass schneeflocken fraktale sind, reisst da dann auch nicht raus ;) will sagen zu: gewollter titel. ein zwar rational faßbarer, doch nicht als stimmig empfundener titel.

mfg
fred

PS: verzeih' mir bitte etwahige rechtschreibfehler o.ä. ... müde
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Re: Flimmern (Bruchteile von)

Beitragvon Friederich » Mi 13 Jan, 2010 23:58


Liebe Isa,

vielen Dank für deinen einfühlsamen Kommentar, der mich sehr gefreut hat (und vor allem für das Lesen trotz Überdruss an Schnee ;) )

Danke, dass du das mit dem Titel angeregt hast (Fred hat es ja zu recht aufgegriffen); ich habe einmal darüber nachgedacht und fürs erste eine Lösung gefunden, die mir zumindest besser zu sein scheint, auch wenn das flimmern damit noch mehr hervorgehoben wird.

Es freut mich, dass du die Wehmütigkeit herauslesen kannst, deren Einfließen mir beim Schreiben wichtig war. Zur Wiederholung von "flimmern": Die Wiederholung war eigentlich der Ausgangspunkt des Textes; ich habe es als Würdigung eines von mir sehr geschätzten Gedichtes eines ehemaligen Mitglieds des Forums gedacht und es soll, genau wie du sagst, natürlich die Schneemenge hervorheben, aber eben auch das Staunen, die positiv verstandene Überwältigung vor der Kraft, mit der man sich in der Situation begegnet sieht, unterstreichen.

Lieber Fred,

danke für den ausführlichen und konstruktiven Beitrag! Als Verfasser freut es mich besonders, wenn ich Faceten eines Gedichts in einer Kritik lese, die über das, was man sich beim Schreiben gedacht hat, hinausgehen. In diesem Sinne finde ich vor allem die Funktion der Lücke interessant, die du sehr logisch als konstitutives Merkmal des gesamten Textes darstellst. Dass du über die Funktion des offensichtlichen Verbergens und der Sprachlosigkeit hinausgehst und die Lücke als Verbindung zwischen Nichts und Welt, zwischen Papier und Text ansiehst, finde ich bemerkenswert und sehr treffend. Zu etwas bewusst erstelltem, was du sehr treffend gelesen hast: die Einfachheit der sprachlichen Gestaltung in Vers zwei und vor allem ihre beinahe Alleinstellung, was die Enjambements betrifft.

Danke auch für deinen Vorschlag mit der Umformulierung; ich finde ich in sich logisch, kann mich ihm aber im Moment noch nicht anschließen, weil es die Sprachmelodie zu sehr beeinflussen würde, werde aber darüber nachdenken :)

Viele Grüße,

Friederich
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