Optimistische, fröhliche Gedichte

schatten

Beitragvon Friederich » Fr 30 Apr, 2010 23:29


aus hundert verwaschenen wolken
senkt gelb kontrast auf dorfspitzen
und baumdächer. blaue straßenwinkel

rufen leben aus erinnerung zurück ins lang
gezogene feld, auch wenn es dem tag
noch hügel entgegensetzt.
L'avenir, on ne l'attend pas comme on attend le train. L'avenir, on le fait. (Georges Bernano)

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Re: schatten

Beitragvon Alcedo » So 02 Mai, 2010 09:18


[quote="Friederich":135a9l22]aus hundert verwaschenen wolken
senkt gelb kontrast auf dorfspitzen
und baumdächer. blaue straßenwinkel

rufen leben aus erinnerung ins lang
gezogene feld, auch wenn es dem tag
noch hügel entgegensetzt.[/quote]

hallo Friederich

ein Morgen an einem Dorfrand.
ich übertrage:
1.Zeile = Aurora
"gelb" = Sonnenaufgang / Sonnenscheibe
"dorfspitzen" = Firste, Giebel- oder Turmspitzen
"baumdächer" = Kronen des Arboretums vor / hinter Dachziegeln gewachsen, verdeutlicht hervorragend die flache Perspektive (herrliche Verdichtung, gefällt mir sehr).
"blaue straßenwinkel" = die Schatten der Überschrift / noch nicht, oder bloss diffus ausgeleuchtete Stellen. aber auch gleichzeitig Auslöser von Reminiszenzen, die wiederum vom nächstgelegensten Objekt über die Fluchtpunktperspektive der letzten Strophe bis hin zum Zentralgestirn führt am Horizont.

in der letzen Strophe wird der flache Lichteinfall wieder schön aufgenommen / genutzt um die ansonsten kaum wahrnehmbaren Erhebungen einer flachen Landschaft / Ebene trotzdem wie Hemmnisse / Schattenhügel erscheinen zu lassen.

alles, der ganze Text ist reine Beschreibung. ein lyrisches Ich liegt nicht in den Lettern sondern wird lediglich über die Hindernisse beim abfahren der Fluchtlinien gesucht / gelesen / rezipiert.

ich erkenne mich wieder, ich war lange Zeit fort / unterwegs gewesen (ein suchendes Ich). der letzte Abschnitt der Heimreise geschah im Dunkeln und nun, angekommen, schaue ich erneut dem aufziehenden Hell und den alten Erinnerungen entgegen.
Wehmut kam mir dabei auf und es stellte sich Gefallen ein.
kein Wort an sich störte.
optisch allenfalls die Tatsache dass ein "lang" nicht automatisch in der längsten Zeile unterkommt.

Gruß
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Re: schatten

Beitragvon Friederich » So 02 Mai, 2010 14:46


Hallo Alcedo,

mit Freude habe ich deine schöne Interpretation gelesen und danke dir sehr dafür. Ich hätte nicht gedacht, dass das, was ich sagen wollte, tatsächlich so beim Leser ankommen kann. Vor allem hat mir deine explizite Beschreibung dessen, was du durch das Bildspiel "Baumdächer" und "Dorfspitzen" vor den geistigen Auge siehst, das eigene Gedicht noch einmal aus einer deutlicheren Perspektive gezeigt, denn meine Intention ging zwar genau in diese Richtung, aber eine treffende Interpretation ist da eine Bereicherung.
Es bewegt mich doch, dass du dich auch selbst in den Zeilen wiedererkennst; das mit dem längsten Vers stimmt - ich werde mal experimentieren, ob sich da was machen lässt.

Viele Grüße und noch einen schönen Sonntag,

Friederich
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Re: schatten

Beitragvon Perry » So 02 Mai, 2010 16:46


Hallo Friederich,
ich kommentiere mal ohne Alcedos Meinung gelesen zu haben.
Schatten der Erinnerung würde ich deinen Text überschreiben, obwohl ja das Gelb und Blau durchaus fröhliche Farben sind. Die Bildführung gefällt mir einerseits wegen des filmähnlichen Schwenks, einige Bilder ließen mich aber doch etwas fragend verharren.
Warum einhundert Wolken und nicht hunderte oder einige, viele etc.?
Warum blaue Straßenwinkel, hier geht die Farbe für mich keine nachvollziehbare Verbindung mit dem Objekt ein.
Die Verkürzung "rufen leben aus erinnerung" klingt für mich seltsam abgewürgt, mir wäre ein "rufen leben aus erinnerungen ab", da näher.
Der Schluss gefällt mir dann wieder sehr gut, weil er die innere Auseinandersetzung mit der Erinnerung gut einfängt.
LG
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Re: schatten

Beitragvon Friederich » So 02 Mai, 2010 21:04


Hallo Perry,

danke dir für deine etwas andere, aber nicht minder interessante Sichtweise auf den Text. Zu den Wolken: Für mich ist die Zahl "100", bewusst etwas kindlich staunend, ein Bild für eine große, unzählige Vielzahl; "hunderte" würde da für meinen Geschmack zu pfofan klingen. Und die Straßenwinkel sind für mich wegen des noch ausbleibenden Taglichts blau, sie sind von Übergangslicht umgeben (deiner Lesart nach ist aber wohl tatsächlich keine Motivation für das Blau gegeben - in diesem Fall ist das Blau für mich aber wichtig). Eine sehr wichtige Anmerkung finde ich aber das mit dem Abgewürgten - da werde ich noch etwas drüber nachdenken, danke dafür!

LG,
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