Optimistische, fröhliche Gedichte

Aw: brandmale

Beitragvon cube » Fr 01 Apr, 2011 09:43


hallo rivus,

es scheint mir hier der frühling zu sein, der die male einer frischgebrandmarkten einsamkeit trägt : du gehörst jetzt zur herde der andersgänger, leg ab, was dich schützt hält hindert - tausch die teuren dinge, die altes leben bedeuteten gegen ein ticket zweiter klasse. der altmetallhändler nimmt scheinbar alles in zahlung, und gibt raus dafür verschiedene seelenlose, der scheint alchimistische fähigkeiten zu haben, oder doch eher zauberische, gestaltwandlerische ganz sicher.
klasse an dieser stelle die doppeldeutigkeit:
für ein paar augenblicke
sah er aus wie du


den finde ich trotz düsterer sprenkel einen leichten text, auf die bestmöglichste art allerdings - nicht verklärend oder ausblendend leicht, sondern in vollem bewusstsein von, wird zum schluss der unbeschuhte gang über neu erblühendes in aussicht gestellt.

don sancho - würde der zusammenführung aus don quijote und sancho pancho nur ein s an sancho anhängen, ist ja ein name.

toller text!

cube

ps: mich würde ja interessieren, was die suchtfibel ist, falls es da ein konkretes vorbild gab ...
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Beitragvon Antibegone » Fr 01 Apr, 2011 21:54


cube, was ist so toll an der doppeldeutigkeit von augenblick, die entweder ein tatsächliches schauen oder einen moment benennen kann, die dann verbunden ist mit "sehen"? wusstest du, dass erde gleichzeitig ein planet ist und aber auch die erde, den boden bezeichnet?

was ist so toll an der ständigen syntaktischen wiederholung...?
wog/ zog/ hob/ flog....
für....


da hilft höchstens: augen(blicke?) zu und durch.
Drehrassel: "Als Lyriker sollte man eine ahnende Checkung haben, von dem, was man da macht."
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Beitragvon rivus » Fr 01 Apr, 2011 22:54


hi cube,
danke. der text ist so, als brandmal rausgerutscht. für ein paar augenblicke ist doppelbezügig, bezieht sich also auch auf das aus den feuer nehmen. die suchtfibel gibt es tatsächlich für leute, die sich mit ihrer süchtigen suche auseinandersetzen müsssen, wollen, sollen ...


hi antibegone,
brandmale haben in sich ein wiederholungstendenz, sozusagen sind sie traumatische geschwister. da sie sich so ähneln, meinte ich, sie syntaktisch wiederholend, am besten spiegeln zu können. diese stetigkeiten machen sie letztendlich zu brandmalen. hättest du eine andre idee?


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Beitragvon cube » Fr 01 Apr, 2011 23:33


cube, was ist so toll an der doppeldeutigkeit von augenblick, die entweder ein tatsächliches schauen oder einen moment benennen kann, die dann verbunden ist mit "sehen"? wusstest du, dass erde gleichzeitig ein planet ist und aber auch die erde, den boden bezeichnet?

was ist so toll an der ständigen syntaktischen wiederholung...?
wog/ zog/ hob/ flog....
für....


da hilft höchstens: augen(blicke?) zu und durch.


hey! ich fang mal unten an, was an der wiederholung toll sei, vllt ist es das beschwörende, hypnotische der ähnlich klingenden 4er-formel wob zog flog hob, was ausgezeichnet zu zb dem zauberer bei krabat passt ... diesem rätselhaften altstoffhändler lassen sich durchaus magische fähigkeiten zuschreiben, da passte dann inhalt und form ...
glaube nämlich, dass zaubersprüche auch mit solchen wiederholungen arbeiteten, finde aber auf die schnelle nicht den reclam-band, kann ich bei interesse aber nachreichen ... na ja, und ganz ohne diese rationalisierung hat der text bei mir einfach gezündet ...

ich meinte eine andere doppeldeutigkeit, dass das lyrische subjekt augenblicke tauschte, damit der altstoffhändler noch einmal aussah wie das lyrische du. also auch nicht, was rivus auf dem schirm hatte, wenn ich richtig verstehe ...

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Beitragvon rivus » Sa 02 Apr, 2011 00:12


ja, cube, diese doppeldeutigkeit, ist auch gemeint. mein hinweis zum vorbezug war lediglich ergänzend gemeint. und es ist krabatland, es ist mein land, auch ein land der windmühlen, in dem cervantes sicherlich den einen oder anderen don oder sancho mehr gefunden hätte ;)


und ich muss ehrlicherweise sagen, der text schrieb sich von selbst ;). es kam genauso raus. ohne kalkül. die entgegnung zu antibegones kritischem hinweis entsprach einer rein pragmatischen verteidigung der gewählten syntax. es entsprang alles meinem unwillkürlichen schreibdrang. so schreibe ich, meistens in einem zug u. ohne strukturelle vorstellungen, vorüberlegungen. mhmm, es gibt immer andre horizonte, auch beim auslegen von texten ;)

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Re: brandmale

Beitragvon Antibegone » Sa 02 Apr, 2011 20:58


Rivus, eigentlich kann es mir egal sein, mit welcher Methode du dein Schreiben betreibst. Ob in einer halben Stunde oder einem halben Jahrzehnt entstanden ist an sich kein Qualitätsmerkmal, klar. Trotzdem habe ich das Gefühl, bei dir hier einen Entwurf zu lesen und kein gestaltetes Gedicht.

Du hast eine starke Bildwelt, ja. Du benutzt Motivik aus einer Literatur/ Schreibsprache und aus einem militärisch/ religiösen Heroismus. Eine Art von Gefühlspoesie, die zum wiederverwerten abgegeben wird. Okay, das ist an sich nicht brillant, aber es ist etwas, mit dem man arbeiten kann – sowieso wozu die Themenwahl immer brillant? Nein, muss nicht.
Es fehlt mir eine Bearbeitung. Ein Wille, eine Notwendigkeit zur Bearbeitung. Im Grund erzwingst du eben diese platte durch die syntaktische Wiederholung. Ja, das ist konsequent. Kann man gut finden. Meinen Geschmack trifft es – wie du vl gemerkt hast – nicht. Ich find’s langweilig. Ja nein, ich bin gar nicht mehr allgemein gegen Wiederholungen – das wäre ja dämlich, ein Stilmittel von vorneherein auszuschließen – aber es lässt sich auch geschickter machen, oder?
Überleg dir, wo du deinen Stoff anordnest und wie. Vielleicht wie du ihn verknüpfen und verweben kannst. Du redest die ganze Zeit über dasselbe. Willst du den Stoff nicht entwickeln, in ein Fortschreiten, eine Bewegung versetzen? Stattdessen liest es sich – für mich – ziemlich steif. Meiner Ansicht nach können Wiederholungen vor allen dadurch leben, dass sie Ähnlichkeit vortäuschen, aber damit spielen. Zum Beispiel bei einer Ringkomposition. Oben die gleiche Zeile wie unten. Aber es liest sich anders. Die Wörter werden durch den Gang durch das Gedichtkorpus neu gefüllt.

Immer wieder ein Verbrennen, das Male hinterlässt, aber jede Wunde anders.

(Sage mal, hast du eine Ahnung, was ich meine? Ich habe gerade das Gefühl, dass ich ziemlich schrecklich erklärt habe, was ich sagen wollte…. oO )
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Re: brandmale

Beitragvon rivus » So 03 Apr, 2011 19:27


hi antibegone,
danke für deine dialogisch angelegte komm. das ist ernst gemeint u. gibt platz für einen hoffentlich regen gedankenaustausch.

du hast vollkommen recht, es ist wirklich wurscht, wie ein text zustande gekommen ist, um eine aussage über die qualität eines gedichtes zu treffen :smile:! jeder liest text anders. auf jedem text liegt mitunter ein tonus u. eine genese, die einem anspricht oder eben auch nicht.

also mich würde interessieren, du schreibst ja von einer art gefühlspoesie, welche gefühle hier bei diesem gedicht bei dir transportiert werden und welche eben nicht oder wo du sofort blockiert bist? da ich mich gedichten immer von einer interpretorischen seite nähere, würde mich auch besonders interessieren, welche inhalte du hier spiegelst?

zuerst langeweile, dann doch zwiespalt, also zwiespältige langeweile, der text ambitendiert also. das ist fast schon stoff für einen neuen text :wink:.

ich fand die syntaktischen wiederholungen legitim, weil sie eben doppeldeutig und doch nachhaltig, krabatisch brandmalen, dem frühling eine barfüssige chance geben. die ambivalenz verschiebt sich, gibt hoffnungsschimmer u. noch mehr. es gibt sogar eine metamorphose der brandmale. ich nenne sie barfüssige brandmale, so ist sogar ein ringbezug hergestellt. die brandmale könnten flügge werden. aber sie werden es nur für ein paar augenblicke.

antibegone, ich weiß, dass jedes thema immer mit andren stilmitteln darstellbar ist. vielleicht ist dieses thema in einem andren kleid, mit deinen dynamischen wiederholungsansätzen eingewebt, genetischer darstellbar. aber ich meine, nach reiflichem überlegen, das auch dieses kleid dem intendierten thema, angemessen ist.

jedoch will ich in einem neuen gedicht deine überlegungen einfließen lassen. du hast, aus meiner sicht, keineswegs zu viel erklärt. ich bedanke mich nochmal für deine gedanken.

grüße, rivus

p.s.:
ergänzend. antibegone, leider sind substantielle änderungen, die ich an meinen texten vollzog, oft in die hose :wink: gegangen. der text kam dann für mich völlig verkorkst, selbst für leser, wie ein fremder, daher. das gab dann oft irritationen bei kritikbezogenen textern, denn ich tendiere, aus mangel an gestaltungswillen?, gestaltungskönnen oft dazu, unter gleichem namen, einen völlig veränderten text, mit oft ganz andrem inhalt zu fabrizieren. zudem habe ich oft die tendenz, wenn etwas von der seele geschrieben wurde, ruhen zu lassen. ich plädiere daher auch um nachsicht, dass ich mit diesem text nicht auf deine interessanten einwände eingehe. nevertheless gefällt mir persönlich der text so, wie er jetzt dasteht. man liest sich. ganz bestimmt!!
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Re: brandmale

Beitragvon Antibegone » Mo 04 Apr, 2011 13:23


also mich würde interessieren, du schreibst ja von einer art gefühlspoesie, welche gefühle hier bei diesem gedicht bei dir transportiert werden und welche eben nicht oder wo du sofort blockiert bist? da ich mich gedichten immer von einer interpretorischen seite nähere, würde mich auch besonders interessieren, welche inhalte du hier spiegelst?


Ich muss zugeben, rivus, ich weiß nicht, was du meinst.
Das Wort „Gefühlspoesie“ meinte ich Gedicht-intern. Nicht dass das Gedicht Gefühlspoesie wäre. Oder war das eh klar? Du benutzt ja „kitschige“ Worte wie „schlüsselblumenblüh“, „tausend und eine einsamkeit“. Das wiederum habe ich als Merkmal auf die Gedichte bezogen, die verschrottet werden sollen. Eine Art, wie man heute nicht mehr schreibt, weil man „anders sein will“.
Klar, man kann sich streiten, ob es so etwas gibt. Ob heute ein Dichter, der wie Rilke schreibt, nochn Blumentopf gewinnen kann. Meiner Meinung nach… öhmmm, kommt drauf an. Wie’s gemacht ist, unter welchem Bewusstsein. Ich denke problematisch wird an es an dem Punkt, wo der Autor sich mit dem lyrischen Ich gleichsetzt und seine eigenen Gefühle darin verewigen will, da lohnt der Tagebucheintrag halt mehr.

So, jetzt zum Text. (viva la text.)
Im Grunde ist es mir egal, ob du meine Vorschläge aufnimmst. Ich bin ja net dein Lektor. Manchmal mach ich mir halt nen Spaß draus einfach Ideen und Impulse zu geben. Weil ich selbst begeistert bin für Sprache und diese Begeisterung gerne teile. Aber was du mit deinem Text machst – da will ich gar nicht dazwischen funken. Ich wollte auch einen Anstoß geben, vielleicht bei Texten, die du demnächst schreibst, dir einfach nur mal Gedanken über den gestalterischen Willen zu machen. Wenn du es willst. Vielleicht bringt es dir persönlich auch nichts. Sag ruhig, wenn meine Ideen blöde sind. Ah ja, selbst wenn die neue Version eine völlig andere ist als die erste – was ist daran „schlimm“? Selbst wenn es ein ganz anderes Gedicht wird, das finde ich legitim. Im Gegenteil: Finde ich sogar interessant! Die Entwicklung der Ideen, die Bewegung der Sprache – im Vollzug.

Mir ganz persönlich gefällt die neue Version etwas besser. Zum einen die Umstellung am Schluss „wogt ein schimmer/ schlüsselblumenblühend wogt es/ barfuss“. Das „wog“ steht optisch nicht mehr untereinander. Damit kommst du weg von dem rein formalen Charakter der Wiederholung.
Der Mehrwert der […] ist mir nicht klar. Vain.
Die Langverse sind weg. Das erhöht für mich die Lesbarkeit. Ich fand’s ziemlich hässlich. Obwohl gerade diese Hässlichkeit ja auch wieder schön sein kann, hm? Die Wiederholung wirkt entzerrt. Auf „wog, zog, flog“ folgt nicht mehr unmittelbar das „für“. Ich bin da wohl auch etwas lesefaul, aber meine Augen sehen das ziemlich schnell und finden das öde zu lesen. Jetzt hast du halt jedes Mal noch ein anderes Wort am Zeilenanfang…
Was mir noch einfällt – nach welchen Kriterien hast du den Zeilenbruch eig gesetzt?

Lesen und Gelesen Werden,
aber sicher.
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