Pessimistische Lyrik

Flaches Land

Beitragvon Perry » Do 24 Sep, 2009 11:09


Unsere Welt hat keine Berge mehr,
das Auge verliert sich im Ungewissen.

Nachts schreckst du hoch, fürchtest
Stürme könnten unser Haus fortreißen.
Ich halte dich fest im Arm und du
duckst dich in meinen Windschatten.
Es liegt Schnee auf deinen Wangen,
sagst du fröstelnd, würdest spüren,
dass der Winter nicht mehr fern ist.

Ich mache Feuer im Kamin, versuche
das Eis in deinen Augen zu tauen.
Perry
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Re: Flaches Land

Beitragvon Friederich » Fr 25 Sep, 2009 18:28


Hallo Perry,

ein recht starker Text, der in meinen Augen dadurch lebt, dass sich seine Abstraktion beim Lesen einstellen kann, aber nicht muss. Er lässt sich quasi zweifach deuten und geht dabei - und das macht seine Stärke aus -jedesmal in die selbe Richtung.

Anfangs findet sich der Leser mit einem Postulat konfrontiert. Die Welt hat keine Berge mehr, sie ist nicht mehr deutbar, hat keine Höhen und Tiefen mehr, entbehrt jeder Struktur. Das Ungewisse wird hier zum Undeutbaren, Konturlosen. Interessant wird es, sobald die geschaffene Objektivität einer persönlichen Sicht weicht, vermittelt durch die Augen eines Gegenüber. Zwar finde ich das Beschriebene schon recht „Heimelig“, aber deshalb nicht kitschig, weil die Zweisamkeit, hier geprägt durch das Beruhigende, von Authentizität geprägt ist.

Gruß, Friederich
L'avenir, on ne l'attend pas comme on attend le train. L'avenir, on le fait. (Georges Bernano)

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Re: Flaches Land

Beitragvon Perry » So 27 Sep, 2009 13:56


Hallo Friederich,
danke für dein verstehendes Lesen. Das "heimelige" Gefühl ist allerdings wiederum nur eine Lesart, denn das Spüren des Winters und das Eis in den Augen können auch als Boten des Todes gedeutet werden.
LG
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Re: Flaches Land

Beitragvon OlafmitdemTraktor » So 27 Sep, 2009 15:00


hallo perry,
hier kann man einmal sehen, wie mit altbekannten, unspektakulären zutaten ein feines gericht entstehen kann.
das gedicht hält das, was es verspricht.

sind zunächst die beiden einleitenden verse fast auch als fazit zu verstehen, öffnen sie auf jeden fall das blickfeld für die nächsten zeilen. so vieles wurde erlebt, so viele berge bestiegen, dass nun die ebene zum alltag werden kann und natürliche auch muss, denn lassen die kräfte oder die interessen nach, dann verschwindet die lust auf wanderschaft und abenteuer. gleichzeitig wird das kommende berechenbarer und gewisser. die endlichkeit ist in der ebene zu hause.
die folgenden zeilen beschreiben poetisch die angst vorm ende, vor der katastrophe, der kälte. der reiz liegt hier, dass dies durchaus auf eine alternde paarbeziehung lesbar erscheint, aber auch ganz existentiell die pure angst vorm tod und vorm ende zum ausdruck bringt. selbst die wärmende hilfe des textsubjektes (macht feuer im kamin) erscheint gerade in der vorhersehbaren und wohl auch klischeebehafteten tätigkeit des "kaminanzündens im gedicht" eher verzweifelt und dessen mühe nur von kurzer haltbarkeit, wird doch insbesondere von einem versuch geredet.
ein warmer, gefühlvoller text, den ich als sehr gelungen betrachte.

mfg OlafmitdemTraktor
Der Schlüssel zum Glück ist auf jeden Fall ersteinmal ein Schlüssel. (Gregor Libkowsky)
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Re: Flaches Land

Beitragvon Perry » So 27 Sep, 2009 15:18


Hallo Olaf,
danke für deine Textanalyse. Du hast meine Intention gut getroffen, was mich insofern freut, weil das Gedicht autobiografische Züge trägt. Obwohl wir wissen, dass wir letztendlich den Kampf verlieren, tragen wir das Schwert der Liebe vor uns her.
LG
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