Pessimistische Lyrik

es geht

Beitragvon Niko1230 » Do 05 Nov, 2009 13:42


es geht


atmen
hinter die sonnensegel
es ist nie zu spät
für begründungen
ruhe ich zu selten
ist ein ausflug
durch die straßenkarte entstanden

einsaugen
den duft von disteln und hyänen
beim betrachten der frühen sterne
läuterung durch nichts

an den flüssen entlang
fließt der abend
die welt bleibt
leise und ich

aprilwind
immer noch




.
Die Selbstzerstörung findet im Geheimen
und trotzdem vor dem Leser statt.
(Günter Kunert)
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Re: es geht

Beitragvon aniana » Sa 07 Nov, 2009 12:32


Hallo Niko,

dein Gedicht habe ich mehrmals gelesen,
ich wollte es spüren, die Wirkung in mich lassen.

Was bei mir ankommt, ist eine bittersüße Poesie mit eindringlichen Bildern. Gleichsam ein Innehalten und doch getriebenes Vorwärtsgehen, was für mich von außen gesetzt wird (die Straßenkarten...), aber auch von innen bestimmt ist (das Atmen hinter die Sonnensegel) und schließlich eine gefühlte Erkenntnis, die im Fortgang des Gedichts immer deutlicher wird.

Ein Schmerz, der in Resignation gipfelt in der zweiten Strophe, ich empfinde stark den Gegensatz der Worte: Duft – Hyänen, Disteln.
Ist das nicht ein wenig sich selber quälen des lyrischen Ichs?
Einen Duft einsaugen, der doch negativ besetzt ist?

In der letzten Strophe wird die schmerzliche Erkenntnis aufgehoben, für mich strahlt diese Strophe Ruhe aus, das Innehalten.

Aprilwind? April der Monat des Launischen, alles ist möglich, Sturm, Kälte, erstes Frühlingsahnen...der Wind ist nicht ein gleichbleibender, er wechselt, wie die Stimmungen, die Empfindungen wechseln.

Das birgt für mich Realität, es ist nichts festgelegt, auch das Erkennen mag nicht einen Weg in die Waagschale werfen.

Der Titel „Es geht“ und die letzte Zeile „immer noch“ lese ich so zusammen, wie einen Satz.

Ich habe hier nur geschrieben, wie ich das Gedicht lese, wie es auf mich persönlich wirkt.
Ein wenig Probleme hatte ich in der ersten Strophe mit den Zeilen 3 bis 5, hier erschloss sich mir der Zusammenhang nicht so ganz.
Je nachdem, wie ich es lese, erschließt es sich unterschiedlich:

„es ist nie zu spät
für begründungen“

oder

„für begründungen
ruhe ich zu selten“.

Mir gefällt dein Gedicht sehr gut.

Gruß
aniana
[mittig:27trn5ue]Um fremden Wert willig und frei anzuerkennen,
muss man eigenen haben.
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[mittig:27trn5ue][size=85:27trn5ue]Arthur Schopenhauer [/size][/mittig:27trn5ue]
aniana
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Re: es geht

Beitragvon Niko1230 » Sa 07 Nov, 2009 19:39


hallo aniana!
danke für deine kritik und subjektive leseart, die mir sehr gefällt, weil sie durchscheinen lässt, dass das gedicht in etwa wie angedacht funktioniert. das einsaugen des duftes von disteln und hyänen ist für mich im zusammenhang mit der folgenden zeile zu lesen: beim betrachten der frühen sterne. einsaugen ist für mich eine mischung aus verinnerlichen und auch müllschlucker.
aprilwind: deine betrachtung des aprils gefällt mir. für mich ist er erstlinig aufbruch in die wärme. was aber vielleicht nur über das wecchselhafte und unstete geht. nuja.....jetzt wird es aber tiefenpsychologisch-metaphorisch...
danke dir!!!
lieben gruß: Niko
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Re: es geht

Beitragvon aniana » Sa 07 Nov, 2009 20:25


Hallo Niko,

man muss ja nicht jedes Gedicht tiefenpsychologisch-metaphorisch lesen. Die Wirkung, die es beim Leser erzeugt ist doch das Wichtige.

Und bei mir hat es Wirkung gehabt. :)

Interessant für mich deine Intention bezüglich des Aprils.Du hast Recht. Eigentlich ist er ja ein Vorbote des Warmen. Mir geht es immer so:

Auch wenn noch oft launisch, weiß und spüre ich, dass ein langer Sommer naht.

Lieben Gruß
aniana
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Re: es geht

Beitragvon Perry » So 15 Nov, 2009 14:43


Hallo Niko,
mir sagen vor allem die letzten beiden Verse zu, das ist Poesie wie ich sie mag.
Womit ich wenig anfangen kann ist der Anfang, der Titel miteingeschlossen.
Wo will das LI atmen, hinter die (den?) Sonnensegeln? Solltest du solche meinen, die im Weltraum verwendet werden, dann gibt es da nichts zu atmen und solltest du auf die auf der Erde gespannten anspielen, dann wäre wohl "unter" naheliegender. Im übertragen Sinn, funktioniert die Aussage, "es geht" man kann durchaus auch im Schatten atmen, wobei ich mir aber nicht vorstellen kann, warum das" nicht gehen sollte."
Auch der zweiten Behauptung
" es ist nie zu spät
für begründungen"
widerspreche ich, es gibt genügend Szenarien, wo nachträgliche Begründungen nichts mehr bewirken.
Soweit meine Sicht auf deine Zeilen,
LG
Perry
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Re: es geht

Beitragvon Niko1230 » So 15 Nov, 2009 16:06


hallo perry!
danke für deine sicht! eine sichterweiterung würdest du zusätzlich erreichen, wenn du versuchen würdest, zeilenübergreifender lesen zu wollen. was im übrigen auch für strofenenden und -anfänge gilt.
ansonsten hat jeder auf jeden text eine subjektive ansicht, die man nicht zwingend teilen muss, aber respektieren kann. was ich gerne tue. ich kann nicht erwarten, dass jeder mit meinem verständnis meine gedichte liest. nur hoffen, das möglichst viele ihr verständnis in meinen zeilen wiederfinden. mehr kann ich nicht erwarten.
vielen dank für deine zeilen!
lieben gruß: Niko
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