Pessimistische Lyrik

apokalyptisch

Beitragvon Niko1230 » Sa 16 Jan, 2010 18:47





apokalyptisch


in ihrem horizont versinkt
die erde wir leben
nicht und sterben
nicht wir
sind
schlusslichter in worte
gefasst auf das unmögliche an
das wir nicht glauben
tötet uns und macht uns
frei von jeder perspektive
das vertikale
gemüt ist nur ein haken
an der gerissenen wand
Die Selbstzerstörung findet im Geheimen
und trotzdem vor dem Leser statt.
(Günter Kunert)
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Re: apokalyptisch

Beitragvon M.C.Bertram » Mo 18 Jan, 2010 20:04


hallo niko,

hingeworfene worte des alltäglichen sprachgebrauchs schaffen endzeitstimmung
und vermitteln sehnsucht nach dem outer space. in ein koordinatenkreuz raum/zeitlicher dimension eingebunden versinkt die erde aus dem blickwinkel des subjektiven auges während die gemütslage einhakt. - ängste begrenzen besser als wände. - mehr als ein wandriß ist uns womöglich nicht beschieden. gefällt mir sehr. gruß mcb

21.01.2010
Solltest du mal einen Verriß von mir brauchen, niko, stets zu Diensten.
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Re: apokalyptisch

Beitragvon Drehrassel » Mo 18 Jan, 2010 20:35


gegenposition: ich finde das gedicht langweilig. gefällt mir gar nicht. ein reißerischer titel, der viel verspricht und nichts davon folgen lässt. ein bloßes herunterspulen von hochtrabenden worten wie "leben" "sterben" "erde", die in verbindung mit der konstruktion eines wir gedankenlyrische beliebigkeiten in ein rhetorisches kleid zwängen, das nicht nur out of fashion ist, sondern im grunde immer schon zur ramsch- und massenware der literatur gehörte. daran ändern auch die vielen kurzen zeilen mit ihren pseudo-artistischen und vieldeutigkeit vortäuschenden enjambements nichts. es bleibt ein ödes gefasel über "das leben und den tod und die welt und alles und nichts", und das auch noch intoniert von einem sprecher-wir, das sich sozusagen anschickt, für "alle" zu sprechen (der mensch an sich, oder wer?). ganz besonders peinlich finde ich in diesem zusammenhang die sequenz, die versfolge, in deren syntaktischer mitte das hilfverb sein ("sind") auftaucht (dabei sogar einen eigenen vers bildet! finde ich furchtbar, misslungen). solche konstruktionen funktionieren meiner meinung nach nur - bei allervorsichtigstem umgang - wenn es einen tatsächlichen textimmanten bruch gibt zwischen onthologischem vokabular und seiner formalen sublimierung: zitat, paraphrase oder ironisierung etwa. ansonsten halte ich gedichte, die ein sprecher-subjekt aufweisen, welches sich als visionär und orakel des allgemein menschlichen und dessen grundsätzlichem schicksal in szene setzt (und zwar egal, was dabei inhaltlich transportiert werden soll) für ungenießbar. auch die tatsache, dass niko 1230 dabei mit dem - ach so tollen - selbstwiderspruch spielt, indem er wiederholt "nicht" an die verseingänge stellt, ändert absolut nichts daran. "wir (menschen) sind" (oder "sind nicht": wurst!) - ganz besonders in verbindung mit dem schon mehrfach angesprochenen gerede über "leben" und "tod" usw. , solche phrasen sind so poetisch wie jene sprüchlein aus der bild-zeitung:"liebe ist...". /

einzig das bild, das in den abschließenden drei zeilen vorkommt, halte ich für - in einem ganz anderen textumfeld - möglicherweise ausbaubar.

gruß,
drehrassel
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Re: apokalyptisch

Beitragvon MutedStoryteller » Di 19 Jan, 2010 00:47


Oh, ooh hier korrigiert jemand lieber andere, als sich zu interessieren.
Kritik ist gut, noch besser ist aber, in meinen Augen jene, die man weg lässt wenn man mit etwas gar nicht zurechtkommt. Aber gut zum Gedicht:

Mir gefällts,
Treffend hat mein Vorredner aufgezeigt das sich am Ende ein paar literarisch spannende Verse befinden, die das Gedicht gut abschließen. (Das wiederum hat er nicht gesagt ;) )
Ich denke, das neben dem Baum auch der Wald eine Rolle spielt...
oder anders gesagt, das es manchmal ein Vorspiel braucht damit Worte zur Geltung kommen. In diesem Fall passt das Tempo zu einem Vorspiel. Und auch diese unendliche Verlangsamung bis zu dem einzelnen "sind" lohnt sich. Man wird gedroßelt um anschließend wieder anzufahren und dann in der Luft hängen zu bleiben.
Für mich passt das gut, zu dem inhaltlichen Ablauf des Gedichtes.

Die leere nach der apokalyptischen Titelankündigung ist spürbar, und die Zeilen sind für mich wie eine Ruhe vor einem Sturm. Diese "schlusslichter in worten" die auf ein Ende hinaus steuern, das sie sich selbst nicht offen zugeben würden, (gefasst auf das unmögliche an, das wir nicht glauben) Sie scheinen sich bei ihrer Stillen Flucht in zu verlaufen.

Wenn ich raten müsste, dann handelte es sich um die suizitären Tendenzen unserer Sprache. Ein Ende, das nicht kommt, weil man lieber um den hießen Brei herum redet anstatt ein Wort zweimal zu benutzen. (Oder es dann lieber fünfmal benutzt statt einmal.)
Jedenfalls würde das den Ddichter erklären, der am Schluss um Schrank hängt. Oder ist es ein Kritiker? (Drehrassel?) ;)

Es fehlen, noch ein paar hinweise, und am Beginn wären einige Stereotype Worte sicher austauschbar. Alles in allem finde ich es jedoch gelungen, vorbei es sich licht unterschätzen lässt, liest man nicht das Ganze Gedicht sondern nur die Worte.

Angenehm
Grüße

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Re: apokalyptisch

Beitragvon Drehrassel » Di 19 Jan, 2010 02:07


abgesehen, spitzbube, dass du dir selbst widersprichst:

Treffend hat mein Vorredner aufgezeigt das sich am Ende ein paar literarisch spannende Verse befinden, die das Gedicht gut abschließen. (Das wiederum hat er nicht gesagt


habe ich wohl kaum pauschal von "literarisch spannenden versen" gesprochen, sondern konstatiert, korrekt zitiert:

einzig das bild, das in den abschließenden drei zeilen vorkommt, halte ich für - in einem ganz anderen textumfeld - möglicherweise ausbaubar.



:D du bist mir einer, du!

und, edit:
vorbei es sich licht unterschätzen lässt, liest man nicht das Ganze Gedicht sondern nur die Worte.


= oO geheimsprache? wichs-henochisch? piepmatzen-g'stanz ins mutterherz des kontrastwesens "schnabelwetz"? - schokobons mitten ins gekachel meiner kritik?
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Re: apokalyptisch

Beitragvon MutedStoryteller » Di 19 Jan, 2010 10:06


die das Gedicht gut abschließen <-- Das wiederum hat er nicht gesagt

Nun lass mal ne krumme Nase gerade. "Literarisch" war vielleicht etwas hoch gestochen, aber es sollte dich ja auch ein wenig provozieren. :D
Korrektur: Ich mag die Zeilen, und finde sie spannend.

liest man nicht das Ganze Gedicht sondern nur die Worte.

Manche Worte für sich können unpassend ( oder hier eher Stereotyp) sein. Aber das Tempo, der Aufbau, der Zusammenhang der über eine Zeile hinweg geht, sind in manchen Gedichten auch wichtig wenn nicht wichtiger. Schade ist es dann, wenn sie nicht (oder nur am Rande einer Wortkritik) betrachtet werden.

Nimm es mir nicht übel, Drehrassel^^
Ich glaube, das du dieses Gedicht in oben genannter Weise oberflächlich angetastet hast, weil dich die Wortwahl nicht ansprach.
Ich kann das nachvollziehen, hätte in deinem Fall aber bei einem Kommentar zu den letzten drei Zeilen belassen, zumal du ja keinerlei Verbesserungen vorschlägst.



Genug davon,
Weiter per PM, wir wollen den Fokus nicht ganz von dem Gedicht hier nehmen:

Man kann einiges machen aus dieser "Ruhe vor dem Sturm", finde ich. Mir fehlt allerdings ein Hinweis, auf eine Interpretation.
Meine hatte ich ja oben schon angeführt. Dennoch wären noch viele weitere denkbar. Für mich fehlt hier eine Eingrenzung, die andeutet auf welchen Bereich sich der Text bezieht. (den literarischen, privaten, gesellschaftlichen - z.B. wäre auch eine interpretation in Richtung kopenhagener Gipfel möglich... wenn das auch weniger passend wäre, wie ich denke.)

Zum Zweiten braucht es, in meinen Augen, einen Schlagkräftigeren Anfang. Die ersten zwei Zeilen müssten sich durchschlagender erweisen, weil man sonst nicht gewillt ist das ganze Gedicht zu lesen, geschweige denn es auf sich wirken zu lassen.

Grüße
Muted
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Re: apokalyptisch

Beitragvon Drehrassel » Di 19 Jan, 2010 14:03


hey, muted, nochmal -

ich weiß schon, was du mir sagen willst. es gibt auch für das lyrische gedicht so etwas wie einen spannungsbogen. und zwar sowohl für die darin vorkommende sprache als sinnstiftendes bedeutungs- als auch als klang- und schallmaterial. sicher kann man dabei sein hauptaugenmerk (oder besser: -ohrenmerk) darauf richten, wie sich der textfluss rhyhtmisch, liest man das gedicht als eine art von links oben nach rechts unten rieselnde silbenmusik. dass niko auf einen ähnlichen effekt auch aus war, leuchtet ein. der völlige verzicht auf interpunktion (und die damit verbundene syntaktisch angelegte mehrdeutigkeit und ambiguität) und auch die extrem unterschiedlichen zeilenlängen legen das nahe. (allein das schriftbild/textbild schon fällt auf und erinnert wohl nicht ungefähr in der manier visueller poesie, stichworte: barock' eskes emblem oder auch konkrete poesie - zumindest im oberen teil - an eine art trichter oder auch ablaufende sanduhr).
aber, weißt du? mir langt das in diesem fall einfach nicht, in meiner interpretation tiefer zu gehen. ich bleibe bewusst an der oberfläche. ich wollte das gedicht nicht deuten, weil es mir inhaltlich schlicht zu... ja, leer, also inhaltlos vorkam ( :D bösartige!) kritik anbringen. und zwar vor allem als replik gedacht auf meinen "vorredner" m.c. bertram. ich fühlte mich durch dessen lob motiviert, eine - wie gesagt, rein subjektive - äußerung entgegen zu setzen. wieso sollte das nicht legitim sein? mir ging und geht es nicht darum, jemanden zu verletzen, zu verärgern oder dergleichen... wir sind doch hier in einem forum für literatur und textkritik. textarbeit hat viele verschiedene aspekte, und einer davon kann, meiner meinung nach, auch ein kritischer kurzkommentar sein. - nein? - zumal ich durchaus glaube, dass - auch wenn man vielleicht gern darüber hinweg lesen mag, weil man sich etwa über den verriss oder meinen tonfall darin mokiert - ich meinen standpunkt begründet und in diesem zusammenhang eins zwei argumente geliefert habe. /

das vokabular besteht für meinen geschmack aus viel zu viel personalpronomina, und zwar auch noch immer der gleichen person 1. plural, nominativ "wir" und dativ "uns". das finde ich an sich schon langweilig. aber angesichts des falles und numerus finde ich es bedenklich. es generiert nämlich allzu oft (nicht immer, aber eben allzu oft) genau diese art von rhetorik, von der ich oben sprach: der leser wird in eine identifikation mit einer menge von implizierten entindividualisierten gezwungen, als deren legitimen fürsprecher das artikulierte subjekt sich sieht. sowas halte ich, wie jetzt schon mehrfach deutlich gesagt, für die literatur in den allermeisten fällen nicht überzeugend umzusetzen. entweder ist das ergebnis ein chauvinismus irgendwelcher art (z.b. nationalistische dichtung) oder - wie in nikos text - ein pseudo-gedankenlyrischer kitsch, weil naheliegend zu sein scheint, bei der thematik, dass es sich bei dem "wir" um "alle menschen dieser erde" (oder gar: alle lebewesen! was aber noch seltsamer wäre, da außer dem menschen keines der anderen lebensformen unsere sprache versteht) handelt. -
mit dieser perspektischen technik aber nicht genug! zusätzlich kombiniert niko diese auch noch mit dem sound einer syntaktisch mäandernden abfließenden murmelbahn aus phrasenhaften ausdrücken wie "leben" "erde" "sterben" usw. wie auch schon mehrfach jetzt betont. (einzig die zeile: "frei von jeder perspektive" finde ich da in diesem zusammenhang, sozusagen als selbstbezug, einigermaßen witzig. das meine ich nicht hämisch!). /
die bildsprache und metaphorik schlussendlich finde ich langweilig, unüberzeugend, unpräzise, im text nicht evident genug gemacht. "in ihem horizont versinkt / die erde"... naja, man könnte natürlich wenn man mag, hier etwas hineininterpretieren. mir ist das an sich aber zu bla-bla. gebe ich offen zu. - dann, ein paar zeilen später, "schlusslichter in worte gefasst": auch das ist mir eindeutig zu ausgelutscht und im text selbst viel zu unmotviert angebracht (das ist übrigens wohl auch die stelle, die dich, muted, wohl an den weltklimagipfel denken ließ, nehme ich an?)...

naja...
was soll ich noch sagen?

dreh
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Re: apokalyptisch

Beitragvon Anna Lyse » Di 19 Jan, 2010 14:30


hallo niko,

ich hatte mir eigentlich gesagt ich würde keine kritik mehr auf deine worte schreiben denn ich habe auf meine letzten auch nie eine antwort erhalten. vielleicht war es nicht beabsichtigt aber es wäre schon ganz nett mal deine sichtweise auf kritik zu hören.

dieses gedicht ist meines erachtens unfertig. als ob du es halb erdacht und versucht hast das halbe in worte zu fassen. ziemlich aufdringlich präsentierst du das lyr.wir und auch ich muss dreh in den punkt recht geben, ich finde es nicht gut hier für die allgemeinheit zu sprechen.denn du sendest mir eine zu offensichtliche kritik an allen aus.
den tod mithineinzubringen ist mir etwas zu einfach. dann plötzlich kommt das vertikale, das so anders klingt wie der tod obwohl auch ich hier den tod mit assoziere doch das ist schon wieder doppeltgemoppelt und sprachlich ist es mir zu inhaltslos, denn es ist wie ich schon oben erwähnte dafür zu wenig ausgereift.

die letzten zeilen machen für mich das gedicht definitiv nicht aus, kann auch nicht wie dreh finden das darin potenzial steckt. im grunde ist mir dann die erste zeile noch am liebsten, gut angefangen hatte es nämlich.

mir hats einfach nicht gefallen, aber wie man sieht teilen sich hier die sichtweisen.

gruß,
isabel
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Re: apokalyptisch

Beitragvon MutedStoryteller » Di 19 Jan, 2010 14:59


ok, Drehrassel, ich will dich mal nicht so stehen lassen.
Das in deinem neuen Beitrag, hört sich für mich nach Kritik mit der ich als Autor etwas anfangen könnte.
Gute Besserung :]

ja, die Zeile mit den Schlusslichtern war es dich den Gedanken in mir weckte es könnte sich um das ökologische Ende der Welt handeln
Ich sehe auch deine Vorbehalte. Das ich das Gedicht mag ist ja auch eine rein persönlich Sache, vermutlich bin ich einfach unkritischer.
(Nur bei meinen eigenen Gedichten Perfektionist.)
Zudem interessiert mich die Anordnung mehr als die Worte.

Naja. dann mache es gut bis zum nächsten ;)
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