Pessimistische Lyrik

kommaloses auslaufen

Beitragvon Anna Lyse » Mo 15 Feb, 2010 11:30


eine andere meise pickt(pickt) sich
in deinem offenen mund stückchen
von was und mich erblindet
der gelockte mamavogelruf so
laufen augen komma/kernlos aus-
und zu tauende backen im salz,
.
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Re: kommaloses auslaufen

Beitragvon rivus » Sa 20 Feb, 2010 02:43


hallo isa.


zwischen wahn- u. irrsinn passt immer noch eine meise ;) . im dritten anlauf - nach dem komalosen aussaufen ;) - springe ich von der sprichwortbühne "wes das herz voll ist, des (dem) geht der mund über" in dein "kommaloses auslaufen"! das volllyrich verliert an substanz, meisenhaftigkeit, weil es ohne pause ausläuft. das typisch meisische obsiegt oder verliert, denn diese vögel bleiben ornithologisch gesehen das ganze jahr über am selben platz und sind nun mal keine zugvögel. daher beginnen diese sehr früh im jahr mit der aufzucht ihrer brut. das kann verderb oder ein vorteil sein. jedoch kristallisiert sich hier schon mein ansatz für meinen annäherung an deinen text. da die meisen das verortete lieben, sind sie bezüglich dieser immobilität sehr angreifbar. so bestimmt deine wahl der meisenmetapher meine skizze u. mein herantasten an deinen text. das meisenlyrich könnte bei seiner gefährdung eine innere flucht, eine selbsthingabe mit dem preis des ich-verlustes riskieren oder durch das abwerfen der meisenidentität das wahre ich, den kern befreien, um eine selbstwerdung zu beginnen.

doch konkurriert schon eine andere meise um denselben nist- u. paarungsplatz! draufgängerisch pickt sie sich in die eigene schüchternheit u. aus einem zu allem bereiten lyrdu-(mund) ein stückchen identität, kontakt, nähe u. löst ein abwehrendes verhalten beim altlyrich aus. doch pickt diese andere meise auf eine so eindringliche pickt(pickt)-weise in den sehsinn des ausgelaufenen meisenmodells, dass die im lyrdu aufgegangene altlyrich-identität, pausenlos attackiert, erblindet. nun scheint das aufgegebene selbst des alten lyrichs mit der beschädigung seiner optischen wahrnehmung auditiv-metaphorisch mutterinstinkte zu entwickeln, damit das lyrdu auch die taktile und propriozeptive identität des verschwindenden lyrichs verschlingen, einverleiben kann. doch mit der unkompletten assimilierung des altlyrichs verliert das lyrdu seine fähigkeit weiter auf seine meisenfixierung einzugehen und durch das mutteropfer könnte das lyrdu aus seiner beinah-verwandlung in eine meisenwesenheit einen unvermeisten zustand erreichen, denn es benötigt keine ersatzidentität, keine mutter/meisennahrung mehr, sondern muss aus eigener kraft die verbliebenen ressourcen mit eigenem sehsinn auftauen und nutzen lernen.

ja, ich lese aus diesem text den versuch eines lyrichs, durch selbstopferung einem lyrdu den schmerzlichen meisenweg zu ersparen. das lyrdu hat nun die möglichkeit
einen andern weg, einen kommalosen, pausenlosen zu gehen. es kann auslaufen, sich wandeln, ungeborgenheit u. isolierung verlassen.


gern gelesen

lg, rivus
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Re: kommaloses auslaufen

Beitragvon Anna Lyse » So 21 Feb, 2010 18:41


hi rivus,

erstmal ein sehr nettes danke fürs lesen. ich finde deine interpretation mehr als nur gut und du triffst einige nerven bei mir und textlich gesehen auch so ein paar dinge.
das typisch meisische obsiegt oder verliert, denn diese vögel bleiben ornithologisch gesehen das ganze jahr über am selben platz und sind nun mal keine zugvögel.

schon. ich musste einen vogel wählen der zu dieser jahrezeit aktiv ist und der überall und zu jeder zeit "picken" könnte.
das meisenlyrich könnte bei seiner gefährdung eine innere flucht, eine selbsthingabe mit dem preis des ich-verlustes riskieren

ja ich forschte doch für diesen text tatsächlich etwas nach obwohl mit null aufwand. da ich wenig ornithologischen plan habe. hier wollte ich aber schon eine meisentypische verhaltensweise heraussuchen oder zumindest daran anlehnen. denn es geht um risiko. ob es nun ein verlustrisiko ist wegen einer selbsthingabe/aufopferung (für die meisenküken...) das sei mal dahingestellt.
ich komme jetzt zu deinem zweiten absatz und ich war überrascht dass du die konkurrenz erwähnst in form von der "anderen" meise. ich dachte es wäre nicht so deutlich und würde wohl als eine kleine spielerei angesehen werden, was auch legitim wäre aber hier hatte ich schon bewusst ein bisschen eifersüchtelei (wenn man es so nennen will) im sinn.
doch pickt diese andere meise auf eine so eindringliche pickt(pickt)-weise in den sehsinn des ausgelaufenen meisenmodells, dass die im lyrdu aufgegangene altlyrich-identität, pausenlos attackiert, erblindet.

ja die wiederholung sollte eindringlichkeit andeuten. ausserdem gefiel mir das wort pickt und ich dachte am anfang sogar daran es 4 mal auszuschreiben aber bin dann doch froh es nicht getan zu haben - will ja nicht gleich total übertreiben.
zu der meisenmutter bzw der "mamavogelruf" möchte ich nur kurz erwähnen dass das gewissen, die subtile hintergrund stimme nicht zu verachten ist und hierbei ein bisschen mitmischt.

hmm ja das ende von dir ist interessant denn du gehst nicht auf die backen ein und das salz. welches hier einfach nur streusalz ist aber auch tränensalz darstellen könnte...hast du aber doch einen interessanten ansatz gefunden. freut mich rivus! danke dir. ob der text jetzt wirklich qualitativ gut ist bezweifel ich weil er zwar etwas wert sein könnte für den der ihn so phantasievoll interpretiert wie du jedoch ist er so verschachtelt das er schon als reines spiel durchgehen könnte.

gruß,
isa
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Re: kommaloses auslaufen

Beitragvon rivus » Mo 22 Feb, 2010 01:04


hi isa.

ja isa, dein text gefällt mir gerade wegen dem verschachtelten. ich kann als leser mit meinen individuellen lesegewohnheiten spielen u. komme daher zu verschiedenen phantasien. die opferphantasie fand ich persönlich faszinierend.

auf diesem pfad kann ich dann auch dein
"zu tauende backen im salz" finden:

durch das auslaufen verschwindet für mich nicht nur das altlyrich, sondern auch das mutterlyrdu + das neue lyrich muss nun mit anderen aufgetauten das ich-selbst finden, abgrenzen, ausprobieren, ausloten, existentiell aufbauen, verteidigen, wobei die selbstreflexibilität, der überlebenswillen + die selbstwerdung im schaffensprozess backen (das neue leben) unter den verlustbedingungen (muttertod, wegfall von fremdversorgung + fürsorge, ausfall der symbiotischen kräfte) im rauhen "salz"-alltag immens gefordert sind.


gruß, rivus
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