Pessimistische Lyrik

so weit das Auge reicht

Beitragvon annabell » Do 01 Dez, 2011 22:57


früh gealtert weil wir immer kinder blieben was wir sind
wir wissen es nicht
straßen trennen das dorf von der stadt
und die stadt ist überall fragen nach dem weg
von hier nach dort oder zurück: wird ernst bezeugt
fühlen wir uns oft unbewohnt

in dieser welt brechen lösen splittern die hände
halten aber nichts
spiegeln versteinerten lachen gleich
blinzeln wie eingefroren vom boden auf
die Geister

schlafen nicht mehr weil wir angst vor dem erwachen haben
werden brutal werden lassen alles sein wie es ist und
machen endlos große bögen voll folien wurst und schnaps um
zwischen tot und tot nicht los zu müssen
keine wahl

wir wählen








(ich denke: warum sollte ich den text aus dem "wüsten land" nicht nochmals zur diskussion stellen, damit ich kritik, anregungen, verbesserungsvorschläge zu ihm erhalte. was meint ihr?)
"Armselig ist das Haus, in dem es nicht auch viele unnütze Dinge gibt." (Horaz)

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Re: so weit das Auge reicht

Beitragvon Antibegone » Mi 07 Dez, 2011 21:17


hey annabell,

Mir gefällt die antithetische (scheinbar widersprüchliche) Gegenüberstellung am Schluss. Sie stellt vor die Frage, ob es eine Wahl gibt, ob sie da ist, auch wenn wir sie nicht sehen oder andersherum.

"splitternde Hände" scheinen mir auch interessant.
Wobei du das Bild selbst ausdeutest:
"halten aber nichts"
Ist nicht gerade der Clou an splitternden Händen, dass sie nichts mehr halten können?

Die Zeilen haben auch was:
machen endlos große bögen voll folien wurst und schnaps um
zwischen tot und tot nicht los zu müssen


gerade durch die verschobene syntax bringst du hier die elemente spannend ineinander.
Gerade auf formaler Ebene schaffst du auch durch Einfügung das, was semantisch passiert. Jemand "macht Bögen, um nicht los zu müssen". Formal schiebst du hier dann die Elemente ein, was sehr plastisch wirkt.

Dein Gedicht hatte gute Stellen. Man könnte mehr draus machen.
Es ist mir noch zu "inkonsequent". Es trifft nicht. Auf den Punkt. Es gibt viele Formulierungen, die zu schwammig sind, die ich streichen würde. Gerade wenn die fehlen würden, könnte die starken Stellen besser wirken.

Ansonsten, schöne Ansätze, wie gesagt :)

liebe Grüße,
Antibegone.
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Re: so weit das Auge reicht

Beitragvon annabell » Mo 12 Dez, 2011 14:50


so, antibegone,

jetzt habe ich endlich mal Zeit und Lust, um auf deinen hilfreichen Einwurf zu reagieren.

Zunächst einmal ist es doch recht ermutigend für mich, dass du in meinem Werk "schöne Ansätze, formal spannend gestaltete Elemente und die gefällige antithetische Gegenüberstellung am Schluss (welche ich auch als sehr gelungen empfinde) hervorhebst.

Ich merke daran, dass ich nicht im Trüben fische und keine vollends hermetisch abgeschlossene Nabelschau oder flachste (hdl/hdf)-Befindlichkeitslyrik zum Besten gebe. Das ist, wie gesagt, ermutigend.

Deine Kritik ist auch vollends nachvollziehbar. Die Inkonsequenzen und Überüber-Ausdeutungen an manchen Stellen sind mir in den meisten meiner Texte ein Dorn im Auge. Letztlich, und wenn man schon lange herumgekurbelt, - geschraubt, hinzugefügt und weggelassen hat, kommt man, meiner Meinung nach, oft an den Punkt, wo man dem Gewebe aufgrund nachlassender Aufmerksamkeit - dem Text, seinem innerem Aufbau und auch der eigenen Intention gegenüber - zu ungeduldig und fast schon betriebsblind den Durchgang frei macht. Das Ziel eines Textes sollte immernoch die "rätselhafte Durchsichtigkeit" bleiben und solches gelingt mir mal besser und mal schlechter. Aber ich arbeite daran!

Natürlich haben splitternde Hände keine guten Haltegriffe parat.... :rolleyes:

Welche Schwammigkeiten und Inkonsequenzen fallen dir denn noch auf? Mir fallen zb die letzten zwei Zeilen der ersten Strophe auf die Nerven. Gehe ich diesen nach, komme ich ins Stolpern und ich weiß dann nicht, wie ich mit ihnen verfahren, wie ich sie harmonisieren und ausbügeln soll....jedenfalls noch nicht. Ich werde dieses Gedicht nicht auf die Schnelle abändern und eine zweite Version anhängen können, falls du das erwartet haben solltest. Dazu brauche ich erfahrungsgemäß immens viel Zeit.

Weitere Hinweise aus deiner Perspektive könnten mich in der Sache durchaus weiterbringen.

Also vielen Dank im voraus und für die Rückmeldung sowieso.

Liebe Grüße,

Bell
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Re: so weit das Auge reicht

Beitragvon Antibegone » Mo 12 Dez, 2011 20:16


Hey annabell,

ich freue mich, dass du Lust hast, etwas mit dir an deinem Gedicht zu arbeiten. Das tu ich nämlich gerne.

früh gealtert weil wir immer kinder blieben was wir sind
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straßen trennen das dorf von der stadt
und die stadt ist überall fragen nach dem weg
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fühlen wir uns oft unbewohnt


Die ersten zwei Zeilen sind mir zu schwach für den Einstieg.
Dieses Motiv der „Kind Geblieben Seins“ ist mir zu abgegriffen.
Zumal du nur darüber redest. Das ist ein wenig langweilig, wenn der Atuor dem Leser sagt, was das wir ist.
Die nächste Zeile ist interessanter: „straßen trennen das dorf von der stadt“ Hier redest du im Bild.
Aber du entwickelst es nicht. Du assoziierst relativ „bereitliegende Dinge“. Wer denkt bei Straßen nicht an Weg? Und bei Stadt nicht an „(un)bewohnt“.
„von hier nach dort oder zurück“ – ist unspezifisch. Was ist hier, was ist dort, was ist zurück? Zumal es sowieso nur die Frage nach dem Weg ausmalt, die eigentlich für sich stehen könnte.

Vielleicht könntest du weiter arbeiten an, „straßen trennen das dorf von der stadt“, am „ernsthaft bezeugen“. Was ist das für eine Trennung, worin besteht sie? Und vor allem: Verbinden Straßen nicht? Das macht das Bild interessant. Es ist nicht bereitliegend. Es erzeugt Spannung. Du könntest diese aufnehmen.


in dieser welt brechen lösen splittern die hände
halten aber nichts
spiegeln versteinerten lachen gleich
blinzeln wie eingefroren vom boden auf
die Geister


„in dieser welt“ streichen – wo sonst?
„versteinertes lachen“ ist ein zu gängiger Ausdruck. Versuche ein eigenes Wort dafür zu finden. Zumal dann auch noch „eingefroren“ kommt. Das liegt assoziativ sehr nahe.
Was ist die Essenz dieses Bildes?
Steckt da nur drin, dass jede Freude verblasst ist und das Lachen schwer fällt? Mehr sehe ich da nicht wirklich – kann ja aber natürlich auch an mir liegen – und das wäre mir etwas wenig.
Hier würde ich weiter arbeiten an den splitternden Händen, die mir gut gefallen.
Was haben sie mit der Trennung der Straßen zu tun? Wonach greifen sie?

schlafen nicht mehr weil wir angst vor dem erwachen haben
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machen endlos große bögen voll folien wurst und schnaps um
zwischen tot und tot nicht los zu müssen
keine wahl

wir wählen


Die erste Zeile ist wieder… zu naheliegend. Und aber auch eher prosaisch. Man würde sie in einer Kurzgeschichte lesen können.
Die zweite Zeile ist „inhaltsleer“: Die Worte sind eigentlich nur Hüllen, weil sie sehr allgemein sind. Das einzige spezifische Wort ist „brutal“.
Dagegen gerade sind Zeile 3 und 4 so gut. Sie sind konkret, plastisch.

Ich schätze du versuchst eine Leere und Einsamkeit im Leben der Menschen zu beschreiben. Alles wird egal und austauschbar. Festgefahren. Seiner Möglichkeiten beraubt. Die Frage dabei ist: Worin zeigt sich das?
Liebe Grüße und einen schönen Abend,
Antibegone.


PS: Natürlich musst du das Gedicht nicht right away bearbeiten. Lyrik braucht Zeit. Ganz viel Zeit und Lust. Wenn du das einfach mal in 10 Minuten machen wolltest, würde ich dich fragen, ob du es mit Lyrik eigentlich ernst meinst.
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