Humor und Satire

Sesshaft

Beitragvon rivus » Fr 10 Jul, 2015 23:39


Der Morgen wirft mich in kalte Straßenzüge.
Köter legen ihre Hundeknochen in zerbeulte Zylinder ab.
Ein Zeitungsausträger trampelt über meine Notizen.
Ausgerissene Gitarrensaiten schnüren sie zusammen.

Ab Abend ist alles für sich.
Nur die Mondsichel behält ein paar Dinge.
Trägt sie von einem Vollmond zum nächsten,
übergibt uns das Flüchtige.

Jetzt hocken wir unter der Mondsichel,
auf der Holzbank darunter,
begrünt, ineinander verträumt,
ein Du und ein Ich.

version heute 4:22 14.10.2015


Der Morgen wirft mich in kalte Straßenzüge.
Köter legen ihre Hundeknochen aufs Notenpapier.
Ein Zeitungsausträger trampelt über meine Notizen.
Gitarrensaiten schnüren Stummfilme zusammen.

Ab Abend ist alles für sich.
Nur die Mondsichel behält ein paar Dinge.
Trägt sie von einem Vollmond zum nächsten,
übergibt uns das Flüchtige.

Jetzt hocken wir unter der Mondsichel,
auf der Holzbank darunter,
begrünt, ineinander verträumt,
ein Du und ein Ich.
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Re: Sesshaft

Beitragvon Perry » Mo 12 Okt, 2015 14:23


Hallo rivus,
"Sesshaft" kann auch die Bedeutung von "Heimat" haben.
Manchmal, wenn die äußeren Umstände widrig sind, finden bzw. suchen wir sie in einem anderen Du.
Dem Mond ordne ich hier die Rolle des (hoffentlich gütigen) Schicksals zu.
Gern gelesen!
LG
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Re: Sesshaft

Beitragvon vakuum » Mo 12 Okt, 2015 17:14


Hallo rivus, das geht tief rein...von der Kälte anonymer Straßenzüge über das Ablegen dessen, was einmal wichtig war (Notizen, Gitarrensaiten), im Bewusstsein die Vergänglichkeit allen Seins - zur Nähe eines Du. Welch wundersamer Bogen - tröstlich. Danke, lg, vakuum
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Re: Sesshaft

Beitragvon Anna Lyse » Mo 12 Okt, 2015 22:57


hallo rivus,
irgendwie ist alles abgestürzt nach zwei sätzen und ich kann noch nichtmal die so genau rekonstruieren wie ich es will. dann kann es auch nicht so reich gewesen sein, das was ich sagen wollte.
sesshaft bleibt dann am ende nur mit einem "du und ich" das ist mir zu einseitig und auch ziert es eine gewisse lamento-haftigkeit. gibt es das wort überhaupt?
wie auch immer. ich melde mich hier weil ich im grunde nur sagen möchte dass sesshaftigkeit doch über diesen einen blickwinkel hinaus geht auch wenn es gut und richtig ist!
es ist aber für mich nur das - gut und richtig - mehr bleibt offen.
der mond, das flüchtige, das du und ich.
gibt es mehr? schreist du auch? kannst du?

liebe grüße an dich,
isabel
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Re: Sesshaft

Beitragvon rivus » Di 13 Okt, 2015 18:04


ach, ich habe mal nachgeschaut, wann der text entstanden ist und stellte fest, so im märz diesen jahres. ich tue mich immer schwer an meinen einmal entlassenen texten noch etwas zu ändern. habe ich das dennoch getan, kam es mir oft so vor wie eine amputation, da ich ein ad-hoc-schreiber bin. das nachträgliche verändern stellte naturgemäß ganz andere sinnzusammenhänge her, als vor der korrektur. zudem ist es bei mir genau so: je länger es aus meinem kopf und in die zeit verschwunden ist, um so schwerer fällt es mir, wieder einen bezug zu dem einst geschriebenen herzustellen. im nachhinein würde ich jeden text nicht mehr so schreiben wollen, auch wenn er auch aus der sicht meiner kritiker doch gefällt oder bei den lesern seine gunst gefunden hat ;)


hallo perry,
du hast meine damalige intention für den text gut aufgespürt. der text entstand wie schon oben erwähnt so zirka märz 2015: die holzbank unter der mondsichel steht immer noch. doch gibt es kein zusammengehöriges du und ich mehr. nur in der erinnerung, im gestern und in manchem nachhängenden morgen. doch alle drei können auch heimat sein. das einstige hocken und ineinander-verträumt-sein vom du und ich bleibt ebenso als festes bild. es identifiziert sowohl eine sehnsucht von zweisamkeit als auch das ineinanderverträumte, das für immer verortet und somit sesshaft bleibt, wie auch der lauf der zeit, der darin, immer am gleichen platz, eine verankerung in etwas findet, das ein menschenlebenlang einen erinnerungsstopp erlaubt, der die vergänglichkeit für den im rember verewigten moment einen kampf ansagt, der die gewissheit der sehnsucht nährt, nicht einsam gewärtigt zu sein ...

vielen dank für deine annäherung an den text!


hallo vakuum,
vielen dank für deinen wundersamen bogen. die scheinbare dynamik des morgens wird von der kälte und der fast-einsamkeit getragen. das szenenbild birgt nicht, sondern stellt ernüchterne tatsachen fest. die bilder bewegen sich nicht, weil das lyr seine anonymität vollendet. es immobilisiert sich, indem es seine insignien einem schicksal preisgibt. sie, die ihm einst etwas bedeutet haben, werden abgelegt und damit auch alles bisher identitätsgebende.

liebe grüße
hallo isa,
ach herminje, wenn dir schon beim lesen alles abgestürzt ist, kann das gedicht wohl auch nicht so reich sein, wie es vielleicht von einem besseren texter oder explosiveren oder expressiveren wahrnehmenden geschrieben worden wäre ;) ... // das lamentohafte, ein schönes wort, steckt zweifelslos in diesem text, weil es auch in meiner nachleseweise das lebendige niederdrückt. aber ist es nicht genau das, was das sesshafte auch in sich hat. der wurf des morgens, ist er nicht schon genau das, was du beim lesen zumindest der ersten beiden zeilen empfunden hast, ein absturz des lyrs in kalte straßenzüge, die aufgabe seiner wichtigsten bisherigen lebensbegleiter? nichts erinnert an vitalität. andere und gegenstände übernehmen den part des ablegens einst dem lyr bedeutsamer utensilien, die ihn nichts mehr zu bedeuten scheinen, da er alles erduldet, was rund um ihn passiert. entspricht das nicht einer abkehr vom nichtsesshaften und allem unsteten. der so abgeworfene resigniert und bleibt in der passivität stecken. er sitzt fest. ... warum auch immer? , bleibt ihm eine eigenständige bestandsaufnahme erspart. das übernimmt der abend mit seinen requisiten. die mondmetaphern verlängern die passivität und konstatieren nicht nur einen langlebigen bilanzierenden status quo, sondern fokussieren das verlorene und eine zweisamkeit, die es vielleicht gar nicht gibt oder einst vielleicht gab oder nur herbeiphantasiert ist, die sich aber so personifiziert, dass sich das lyr nach allen verlusten nicht allein und mit einem du an seiner seite doch noch aufgehoben fühlen kann. .... // ach, isa, was du forderst, ist aus meiner sicht, genau das gegenteil von sesshaftigkeit, das nichtsesshafte. das ist unstet, wild, unangepasst. das liebt die flucht, das abenteuer, die pfade, die keiner beschreitet. das lässt die gefühle zügellos achterbahnen. ach, das wäre genügend stoff für ein gegentext, der wäre mit deinen vorgaben viel lebendiger .... den überlege ich mir jetzt!!

ganz liebe grüße an dich

p.s.:
gibt es mehr? tausendundein mal mehr!
schreist du auch? viel zu wenig! viel zu leise!
kannst du? das "schrei in die welt" muss ich noch lernen!!

euch dreien nochmal ein dankeschön für eure zuwendung
rivus
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