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dann

Beitragvon Ruelfig » So 17 Mai, 2009 19:52


seil mich an/ab für den fall
aus vollen armen in die flamme
gib der richtung halt
dein pulver lösche nicht
zwischen den papieren
lies mich zurück geblättert
von der wand und tanze mich
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Re: dann

Beitragvon rivus » So 31 Mai, 2009 14:06


hi ruelfig,

dein text wirkt auf mich seltsam eindringlich. das "dann" knüpft an viele vor-bedingungen an und entführt den leser (mich) in eine endlosschleife.

der beginn des dann's ist jedoch eine vormerkenswerte absicherung, eine vorsichtsmaßnahme. so fordert ein li "für den fall" der fälle ein ld auf es anzuseilen, als ob eine furcht besteht, dass es ohne seilschutz schief gehen könnte. doch es fordert nicht nur den anseilakt, sondern ein doppeltes seilen, also ein abseilen in eine situation, die nicht ungefährlich scheint und doch aufgesucht werden muss? jedoch erfordert dieses anmahnen an die vorsicht, sowohl den mut, sich abseilen zu lassen, als auch die anwesenheit eines abseilenden, der somit zum co-abhängigen der situation wird. doch wohin, in welche tiefe soll es eigentlich gehen? schon die zweite zeile delegiert die richtung für den fall "aus vollen armen in die flamme". aber nun komme ich etwas in erklärungsnot, denn das wörtchen "aus" gestattet mehrere optionen. so kann es durchaus sein, dass für den fall des wunsches des abzuseilenden ein sogenanntes ausseilen möglich wäre und dies würde den freiwilligen sturz in die flamme bedeuten. aber "aus vollen armen" könnte auch bedeuten, dass das ld den seilzug in die flamme nachgibt, um den flammenwunsch des im seil hängenden zu vollenden und somit ein möglicherweiser längere und qualvollere begegnung des li mit der flamme miterleben zu müssen. doch zweifelsohne scheint mit der dritten zeile die deutung präzisierbarer und die genauere zielrichtung des seilaktes vorgegeben, denn es gibt die nächsten anforderungen an den abseiler, der somit eben diese richtung in die flamme unter allen umständen halten und zusätzlich mit zeile 4 ein pulver zur aufrechterhaltung der flamme geben soll. ja er soll auch nichts gegen diese flamme tun "lösche nicht". mit der fünften zeile gibt es die überraschende auflösung. was da so flammt, verbrennt scheint ein angezündeter papierhaufen zu sein, der sich durch beschriebenes und durch das li frisst, als ob nur mit der vernichtung, dem feuertod beider das ld beides (erstmals?)zur kenntnis nehmen kann und so schmerzlich gezwungen wird, alles zurückzuverfolgen bis hin zum abblättern von der wand, in welcher sich das in flammen aufgelöste materialisiert hat und jetzt erst bereit ist für den tanz mit dem überlebenden? und erst dann beginnt die wahre und wahrscheinlich einzig mögliche begegung, die sich nach der immaterialisierung (verbranntes li) immer wieder durch die materialisierung eines abzuseilenden wiederholt.

kurzweilig ;) gelesen

gruß. rivus
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Re: dann

Beitragvon Ruelfig » Mo 01 Jun, 2009 13:46


Hallo Rivus,
elen Dank für deine Interpretation, die ich mehrmals lesen musste, um ihr folgen zu können. Das ist interessant und stimmig und läuft für mich parallel zu meiner eigenen Lesart.
Danke dafür,
R
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Re: dann

Beitragvon Neruda » Do 02 Jul, 2009 11:27


-Als Gedicht des Monats Mai in den Siegerbereich verschoben-
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