Die Gewinnertexte des "Gedichte des Monats"-Wettbewerbs werden hierher verschoben.

Schüne Unschuld, die

Beitragvon Drehrassel » Fr 26 Feb, 2010 00:24


Schöne Unschuld, die

vom Lande, mit den krachledernen an
und trägerlosen, dann unterm Geklirr
später niedergesackt, wie sie sagt,
als alle andern. Als ein Kapellmeister

schon am Taktstock Urin
laufen lässt, und sie sich, ohne ihn
anzusehn oder wenigstens umdrehn
dabei, einnässt,

schlugen St. Katharinens Klöppel halb
elf und ihr Maibaum, ihr Maibaum
flüchtig umrußt mit rötlich bleckenden
Emaillelöwenmäulern - stand unweit

dieser Swastika aus zwischen den
Wimpeln Bierbänken und plattelnden
Wolpertingern - und Grünspan, ihr
Freier, ........................und flammte auf.
dreimal selig, wer einen namen einführt ins lied!
- ossip mandelstam
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Re: Schüne Unschuld, die

Beitragvon rivus » Fr 26 Feb, 2010 03:27


ja dreh,
ganz spontan ein bravo u. die schöne unschuld, die liest sich wirklich hin u. weg u. darum gabs gleich ein nominierung fürs gdm.

hier nun mein freies assoziieren u. verzeih, wenn ich zuweit abschweife u. deine intention meilenweit verfehle, denn mein bauchgefühl schwant, ahnt eine gegenteilige phantasie u. das grimmsche fabeltier kreißl lacht schon lauthals, ach kreischt vor meinem galopp auf übertriebenen pfaden ...


der text komm leicht u. schwer zugleich u. bebildert die pure schöne rustikal-zille-rasse(l)mäßig, dass man sie anfassen, anpacken, knuddeln könnte, um sie vor den gefährdungen u. beglückungen zu bewahren, aber unterm verführbaren verführt u. doch mit der urwüchsigen naturvitalität ausgestattet, sackt sie doch, wenn auch dank ihrer überlebenskraft spät, in die niederungen, in denen alle anderen schon verkehrend liegen.

dieses immer noch unschuldige, schamhafte, schöne niedergesacktsein der noch unberührten wird ausgerechnet durch ein musisches lyrdu in persona eines kapellmeisters irrwitzig, penetrant, abartig, demütigend ausgenutzt u. für sich ausgebeutet, metaphorisch u. real? vergewaltigt. mit dem taktstock der überheblichkeit, des abgehobenen vergeistigten, drängt er mit verachtung u. wolllust das schöne weibliche in die gnadenlose entjungferung ihrer scham, in eine urinsuhle der selbstsschuld u. selbstverachtung. und doch kann sich die schöne dem abscheulichen u, unwirklich schuldsamen entziehen. sie nimmt mit der kraft des unbildes u. der verdrängung ihre stärke mit, obwohl sie so verletzt, verletzbarer geworden ist. in ihrer nun erworbenen, neuen verletzbareren empfindsamkeit - sie kann ihn nicht ansehn oder wagt auch keinen rückblick zum übeltäter (die umgekehrte unschuld treibt schon ihr unwesen) - kann sie sich nur mit angst u. einnässen gegen das eigene versagen wehren u. ihre verlorene unschuld mit einnässen beschulden, belasten, um vielleicht nicht in der verzweiflung abzutauchen u. aus selbstekel in die fänge des schuldwahns zu laufen. die angst ist sehr immanent, wirkt stringent u. vorahnend.

wie surrealistisch bricht plötzlich das schlagen der würdigen, vornehmen st.- katharinen-glockenklöppel in die neue halbwelt der sich kokonisierenden lyrschönen. gibt es eine erbarmen, ein erhören zum mittragen seelischer not, ein entkommen? erinnert ihr maibaum an das einstige werben ihres liebsten. wird die konfrontation mit dem naiven maibaummotiv ihre not exponential beschleunigen. ja, denn es scheint eine flucht vor elf tätern. die erinnerung wird eindringlich, fast verlangend, wie ein griff zum rettungsanker, der nicht mal in der traumhalbwelt ihr zusammenbrechen bewahren u. aufhalten kann. ihre zunehmende flüchtige vitalität wird von den ebenso geschändeten maibäumen in der manier der "emaillelöwenmäuler" (falschikonen) bedroht. es ist ein scheinbar unnützes aufbegehren, aber


der eingebildete glücksbringer, ihr einstiger (der vermutlich innig angebete) versackte schon längst in einer fatamorganischen landschaft, die das schönbild einer männlichen unschuld in der zwischenwelt verbrennen lässt, weil zuviel schuhhirntanz, animaguszauber mit zusammengebastelten mischwesen u. zeitspann die leinwand des einzigen freiers mit grünspan befleckt. der held starb schon vor der zeit der schönen, der unschuld ... so bleibt die schöne unschuld vom lande, ob nun anima oder animus, nur das wolpertingern. als leser tingele ich zwischen ernst und ihren legendenhaften maibaum, der mir diese schöne unschuld in mein leserinnerstes bringt u. so meine vielfältigen, mehrschaftigen phantasien in immer neue u. immer andre variationen pfadet.


gern gelesen

hg, rivus
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Re: Schüne Unschuld, die

Beitragvon Drehrassel » Sa 27 Feb, 2010 21:09


hey rivus,

vielen lieben dank für die mühe, die du dir mit der interpretation dieses gedichtes machtest. (auch wenn ich den verdacht hege, dass es sich bei deinen exegesen viel mehr um einen lustgewinn handelt denn um schwer erarbeitete texte. du besitzt dafür wohl nicht nur ein großes talent, sondern auch den - mit wissen und persönlichem erfahrungsschatz angereicherten - wahnsinn dessen, der dran bleiben, der es tun, der es immer wieder wagen muss "wie ein benzedrin-süchtiger") /

selbstverständlich hast du - soviel nüchternheit soll an dieser stelle erlaubt sein - vieles angesprochen, welches ich in dem zu besprechenden gedicht habe zum thema machen wollen; in anderen fällen (ganz genauso selbstverständlich) nicht. gerade aber in diesen - paradox: ja! - aber unnachvollziehbar? - wohl kaum, wenn man entweder ehrlich zu sich selbst ist und/oder auch nur ein fünkchen ahnung hat davon, was textgenese und werk-ästhetische rezeption bedeuten - stellen fühle ich mich durchschaut, verstanden (*rolleyes* ich hoffe, das zieht jetzt nicht wieder pawlowsche reflexe nach sich), entlarvt. - nicht, weil etwa ich hiermit originelle lyrik vorgehabt hätte. nein. selbstausdruck ist so quasi das letzte, das mich motiviert. sondern, weil es dinge berührt, welche, hätte ich sie so wie du ausdrücken können, davon abgehalten hätten, lyrisch zu werden. - der rest aber harrt noch immer der erlösung aus den sphären des dunkeln sowohl als auch hellen in den dämmer einer neuen sprache. und, da fängt es eigentlich erst wieder an. immer und immer wieder. und flötet seine flötentöne, spöttisch und verlockend süß. /

"endlich steht der mensch auf einem bein
bambusflöten flötend, ich und du
in den fäusten mispelzweig und stein
stürzt vom strick des seins der sonne zu".



guten abend,
dreh.


edit: was ist eigentlich aus der nominierung geworden?
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Re: Schüne Unschuld, die

Beitragvon rivus » So 28 Feb, 2010 15:59


nur kurz lieber dreh, aus zeitnot u. aus respekt vor deinem text, der noch viel tiefer zu ergründen ist (ich spür das neue drehn/rasseln u. deine feine klinge, die schon wieder anfängt ins (für mich) feinste zu lyrisieren. ja ... du hast die gabe der verlockung, der versüßung, mein leseich folgt deinem singen, klingen .... mehr einsaugend u. rauslassend im beuys'schen sinne als analysierend ...


noch einen guten nachmitttag,
rivus.

räusp - die nominierung ist schon fast zeitgleich mit meinem interpretieren geschehen.
ich bin so gespannt auf dein weiteres, so sphärisches lyrischwerden ..
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Re: Schüne Unschuld, die

Beitragvon Struppigel » So 18 Apr, 2010 22:40


-Als Gedicht des Monats Februar10 hierher verschoben-
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Re: Schüne Unschuld, die

Beitragvon rivus » Mo 11 Jun, 2012 22:08


auch dieses gehört zu meinem reisegepäck
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