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STATUS QUO ODER IM WARTEZIMMER DES DISPENS

Beitragvon Rando Reinhardt » Di 03 Aug, 2010 11:52


Ein Grinsen
mit Zementstaub
zwischen den Zähnen

ein Feuercolt
statt Zeiger
auf dem Zifferblatt

Träume am Wickel
wie einen nylonumspannten
Weiberfuß
Wenn die Sache irre wird, werden die Irren zu Profis
(Hunter S. Thompson)
Rando Reinhardt
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Re: STATUS QUO ODER IM WARTEZIMMER DES DISPENS

Beitragvon Drehrassel » So 29 Aug, 2010 13:19


STATUS QUO? da da di di da dei da da di di da dei da da di di da dei here we go-o! :D /

nee, versuchen wir mal die wortfelder abzuklopfen auf einen inneren zusammhalt, etwas das sie zu einem gesamtbild fügen könnte. formal setzt du hier deinen weg weiter fort von früheren gedichten, in welchen narrative elemente mehr im vordergrund standen. seit einiger zeit scheinst du genau dies unbedingt vermeiden zu wollen. das stelle ich nur fest. jedenfalls interessant, eine solche entwicklung zu beobachten. und, finde ich immer gut und richtig für einen dichter, den ursprung seines sich entwickelnden werks nicht allein in den sich darin befindlichen themen, stoffen und sublimierungen einer wie auch immer gestalteten erlebnishaftigkeit, sei sie aus erster oder zweiter hand, sei sie rein fiktional, ausmachen zu wollen. / interessant auch, zu beobachten, wie sich in der reduzierteren, handlungsarmen (hier grammatikalisch sogar: handlungslos. - alles, was man als leser meint, sich abspielen zu "sehen" beruht auf einer evokation mittels deiner geschickten handhabung sich seriell ablösender motive, bildern, bis hin zu wie ganz nebenbei platzierten personifikationen - das GRINSEN - , welche aber im eigentlichen sinn auf keinem willen zur metapher oder gar allegorisierung gründen.) und formal - im vergleich zu früheren texten - "konzeptioneller" anmutendenden syntax zwar ein neuer gestaltungswille zeigt, und trotzdem ganz typische elemente deines stils, deines sprachlichen gestus, und das rekurrieren auf den lexikalischen bestand des beat (vor allem bukowski, bzw. dessen übersetzer carl weissner) nicht nur weiter vorkommen, sozusagen "hinübergerettet" ins experiment einer neuen produktionsästhetik, sondern sogar hierin sehr effektvoll zum einsatz gebracht erscheinen. manchmal ist ein weniger eben wirklich mehr. als beispiel nenne ich man den so prominent ans gedichtende (und dort einen ganzen eigenen vers sozusagen bildend) "weiberfuß". im grunde der gesamte letzte abschnitt. "träume am wickel" usw. das klingt so sehr nach weissner, dass es kracht. obgleich ich keine ahnung habe, ob ich das jemals bei ihm las. aber darum geht es hier jetzt nicht; sondern darum, dass mir diese sprache, diese ausdrucksweise so, wie du sie hier gebrauchst, nämlich in eine syntaktisch so karge und nicht länger aus der perspektive eines selbstgefällig "daherschnoddernden" ICH gebettet, wegen genau diesem spannungsverhältnis, das dadurch entsteht, sehr viel zwingender vorkommt. //

der text lässt im leser durch gezielten umgang mit seinen lexikalischen feldern folgende szene... oder nein! anders... fragen wir uns einfach, was haben wir denn da alles? also... : den STATUS QUO, also den ehrhalt eines momentan zustands als "abstrakten" begriff, der weiter hervorgehoben wird durch den begriff des "wartezimmers". im weiteren verlauf des textes erhärtet sich der verdacht, es muss sich um das wartezimmer eines rechtsanwalts oder einer behörde handeln (auszuschließen ist aber auch weiterhin nicht: das eines arztes). DISPENS wiederum ist ein auf den ersten blick in diesem zusammenhang merkwürdig... hm, "konkret" "dahingerollter stolperstein. huch! wie lapidar und plump liegt dieses wort da vor uns, denke ich, sollte man denken. ich schließe aus dem rest des textes, gemeint müsse sein der begriff des DISPENS aus dem öffentlichen recht als einem verwaltungsakt. darum kam ich auch auf die anwaltskanzlei, bzw. ihrem wartezimmer oder eigentlich sogar eher die behörde. (denn was sollte ein anwalt groß damit zu schaffen haben? es sei denn in beratender funktion oder möglicherweise nach dem scheitern eines DISPENS durch ablehnung seitens der behörde die ergreifung weiterer rechtmittel wie z.b. anfechtungsklage o. ä.). ausschließen würd ich einfach einmal DIE DISPENS als einen begriff aus dem katholischen kirchenrecht. dafür finde ich keine hinweise im text, müsste ich viel gewaltsamer "reinlesen" zumindest. / vielleicht, dass es mit der genehmigung eines bauvorhabens ("zementstaub / zwischen den zähnen") zu tun habe? naja, es könnte sich auch um eine zahnarzpraxis handeln und die behandlung einer karies. :D / letztenendes scheint das aber nicht weiter von belang. vielmehr scheint mir im vordergrund zu stehen, die bis zum zerreißen gespannte unruhe, das nichtwartenkönnen, die bis zum irrewerden gesteigerte ungeduld, welche sich in diesem GRINSEN, dieser blöden grimasse, kann man sagen, ja, dieser feisten fresse sehr gut inszeniert und unmittelbar bildlich gemacht ist. das wirkt wirklich sehr konzis an dieser stelle. es braucht überhaupt kein geschwafel, kein "gerede über", keine erklärende sprache, es "erklärt" sich alles so viel eindrücklicher. /

FEUERCOLT / STATT ZEIGER / AUF DEM ZIFFERBLATT. ich schließe: der COLT besteht aus feuer oder verfügt über bestimmte zierungen wie stilisierte flammen oder dergleichen. denn: ein COLT ist eine (hand-)feuerwaffe. das muss nicht weiter erwähnt werden. auch hier wieder: das nichtertragenkönnen, das nahezu als tödlich beklemmende gefühl des wartens, abwartenmüssens. allerdings wieso diese mutlosigkeit des ersetzens der zeiger durch einen colt? schreib doch einfach: EIN FEUERCOLT / DIE ZEIGER / AUF DEM ZIFFERBLATT. es stört auch keineswegs, dass das eine im singular, das andere im plural steht. mich jedenfalls nicht. (wobei, ZEIGER ist ja ein- und mehrzahl gleichermaßen, allerdings verfügt eine uhr ja für gewöhnlich über mehr als einen, nämlich zwei zeiger). /

und dann die "weissner-passage" ;) TRÄUME AM WICKEL, also zumindest fragil, in frage gestellt, eher noch: schon am scheitern. und der wie-vergleich (den ich hier goutiere, auch als nicht der allergrößte freund des wie-vergleichs. wobei ich schon erkenne, dass er wieder im kommen ist, sich nach gottfried benns verwurf rehabilitiert. was ja irgendwie auch selbstverständlich ist, wie ich finde. es gibt doch nichts, was man in der literatur an stilmitteln apodiktisch auschließen könnte. das ist eine sehr prä-postmoderne auffassung, lach). / hier hast du mal versucht, im bild selbst lexikalisch eng zu führen: NYLONUMSPANNTEN / WEIBERFUSZ. die strumpfhose einer möglicherweise sich ebenfalls im wartezimmer befindlichen person. oder auch einfach so herangezogen, da das sexuelle bedürfnis an und für sich gerade in seiner erfüllung auch als vergleich des immer wieder neu formulierens von sehnsüchten und auch immer wieder scheiterns fungieren kann. gerade wenn man es so pars pro toto bringt wie du, rando reinhard, und nur die nylonumspannten füße zeigt einer frau und diese dazu noch WEIB nennt. / hier bricht sich aber gerade diese sexistische wahrnehmungs- und ausdrucksweise im grundsätzlich irre und verzweiflung mit transportierenden text. ich halte das gerade aufgrund dieser verächtlichkeit für eine gute stelle. /

naja, habe mich fürs erste leergeschrieben. möglicherweise gibts zuschlag.
dreh.
dreimal selig, wer einen namen einführt ins lied!
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Re: STATUS QUO ODER IM WARTEZIMMER DES DISPENS

Beitragvon Struppigel » Di 14 Sep, 2010 07:39


-als Gedicht des Monats August verschoben-
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Re: STATUS QUO ODER IM WARTEZIMMER DES DISPENS

Beitragvon rivus » Mi 15 Sep, 2010 23:24


glückwünsch u. weiter, weiter so, dein fan, ein fan deiner schnorkellosen, ohne schnickschnack auskommmenden texte
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Re: STATUS QUO ODER IM WARTEZIMMER DES DISPENS

Beitragvon Hiwerver » Mi 27 Jul, 2016 09:38


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