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Leitfaden - Kritiken schreiben

Beitragvon Struppigel » So 14 Sep, 2008 12:57


[size=150:24j41yco]Kritiken schreiben[/size]

Für einen Lehrfaden dieser Art hat es schon oft Bedarf gegeben. Vor allem von Neulingen kamen mehrfach Fragen, wie sie selbst Kritiken schreiben sollten und worauf sie achten müssten. Viele tun sich schwer damit, ihr Gefallen oder Missfallen, den ein Text bei ihnen auslöst, zu begründen. Ich hoffe, dass dieser Thread den Hilfesuchenden ein wenig Werkzeug dafür in die Hand geben kann. Eventuell finden auch Alteingesessene etwas Brauchbares.
Dies ist keine Bau-Anleitung, mit deren Hilfe man nach festem Schema Kritiken abarbeiten kann, sondern lediglich eine Auflistung mehrerer Tipps und Erfahrungswerte. Wer schon länger dabei ist, hat sowieso seine eigene Art und Weise gefunden, Kritiken zu verfassen.


Gliederung
  1. Allgemeine Empfehlungen
  2. Mögliche Strukturen einer Kritik
  3. Was kann ich bewerten, worauf kann ich achten? (bisher nur für Geschichten)


Allgemeine Empfehlungen

Halte Dich an allgemeine Höflichkeitsregeln
Begrüße den Autor mit einem „Hallo“ und verabschiede Dich am Ende Deines Kommentars wieder. Bleib freundlich.

Begründe
Schreibe nicht nur, was Dir gefallen/missfallen hat, sondern auch warum.

Gib Verbesserungsvorschläge
Dir hat eine Stelle nicht gefallen und Du weißt, wie Du es besser machen könntest? Dann kannst Du das getrost schreiben. Dies hilft dem Autor einerseits, zu verstehen, was Du genau bemängelst, andererseits kann er Deinen Vorschlag direkt übernehmen, wenn ihm keine eigene Lösung einfällt.
Verbesserungsvorschläge sind allerdings nicht zwingend notwendig, um eine gute Kritik zu verfassen.

Nimm Dir ein Beispiel an den Kritiken, die Dir selbst gefallen
Es sind besonders die Kritiken der Award-Träger zu empfehlen. Solche ausgezeichneten Kritiker haben einen Orden Bild

Gehe auf das Niveau des Autors ein
Ein Autor kann mit Deiner Kritik nur etwas anfangen, wenn er sie auch versteht. Leider fragen nicht alle nach, denen Deine Ausdrucksweise zu hoch ist. Natürlich kannst Du nur auf den Autor eingehen, wenn Du ihn schon ein wenig kennst. Im Zweifelsfalle solltest Du aber eher einfach als hochtrabend schreiben. Ein Anfänger wird mit vielen Fachausdrücken nichts anfangen können. Nutze also bevorzugt die deutschen Begriffe („Zeitform“ statt „Tempus“; „Wiederholung“ statt „Redundanz“) und schreibe anschaulich, gib Beispiele.

Arbeite am Text
In den meisten Fällen empfiehlt es sich, Textstellen zu zitieren, so dass der Autor sofort weiß, worüber Du sprichst.

Biete an, Fragen zu beantworten
Speziell, wenn Du einen Neuling kritisierst, kann dies eine nette Geste sein. Schreib einfach „Wenn Du noch Fragen hast, trau Dich…“ oder ähnliches.

Erwarte nicht, dass Deine Vorschläge angenommen werden
Der Text gehört immer noch dem Autor. Niemand muss das gleiche gut finden, was Du auch magst. Mitunter gibt es andere Geschmäcker. Wenn der Autor Deine Vorschläge nicht annehmen will, versuche nicht, ihn unbedingt zu überreden.

Bleib sachlich
Der Autor wird mit Sicherheit nicht besser schreiben, wenn Du ihn persönlich angreifst. Kritisiere den Text, nicht den Urheber! Unterlasse es aufgrund des Textes Rückschlüsse auf den Autor zu ziehen! Niemand weiß, wer wirklich hinter einem Text steckt, was Fiktion ist und was nicht. Außerdem ist das Forum dazu da, die Texte zu beurteilen und nicht den Charakter der Autoren.

Verwechsle nicht den Erzähler/das lyrische Ich mit dem Autor
Sie sind definitiv nicht dasselbe.
Solltest Du Dich des Eindrucks nicht erwehren können, es handele sich um einen Erfahrungsbericht, dann kannst natürlich nachfragen. Allerdings solltest Du trotzdem am Text arbeiten und nicht Tipps zur Lebenshilfe geben, wenn dem so ist. Wir sind kein Forum, das sich um psychische Probleme kümmert.


Mögliche Strukturen einer Kritik

Frei von der Leber weg:
Warum auch nicht? Das machen die meisten und wenn es nicht allzu lang ist, sollte es nicht unübersichtlich werden.
Vorteil: für Kurzkritiken geeignet, wenig Arbeit
Nachteil: wird bei langen Kritiken unübersichtlich, ist unstrukturiert

Chronologische Kritik:
Einzelne Textstellen werden chronologisch zitiert, darunter folgt der Kommentar. Am Anfang oder am Ende steht der Gesamteindruck, den der Text auf Dich macht.
Vorteil: Autor kann der Reihe nach ausbessern; vor allem geeignet, wenn der Text recht fehlerfrei ist, auch bei langen Texten oft verwendet
Nachteil: Autor muss die Textstellen erst suchen
Beispiel

Kritik direkt im Text:
Der gesamte Text wird zitiert, darin sind andersfarbig die Kommentare des Kritikers angebracht. Vor oder nach dem Zitat stehen die Aussagen, die den gesamten Text betreffen.
Vorteil: speziell bei sehr fehlerbehafteten und/oder kurzen Texten gut zu handhaben; Autor sieht sofort, wo die Textstellen sind
Nachteil: bei langen Texten kann es sein, dass die Kritik die Zeichengrenze überschreitet und aufgesplittet werden muss; eventuell kann man abhelfen, indem man kommentarlose Abschnitte löscht und stattdessen ein „[…]“ einfügt; für recht fehlerfreie Texte zu arbeitsintensiv

Unterteilte Kritik:
Mögliche Gliederungspunkte:
Inhalt, Sprache, Form, Rechtschreibung/Grammatik, Interpretation, Gesamteindruck
Vorteil: Übersichtlichkeit. Für allgemeine Aussagen besser als für direkte Textarbeit.


Was kann ich bewerten, worauf kann ich achten?
Geschichten:


Atmosphäre
Welche Gefühle konnte der Text transportieren? War er detailliert genug, um Dich in die fremde Welt zu entführen? Konntest Du Dich hineinfühlen/hineinversetzen? Konntest Du Dir von allem eine Vorstellung machen?

Charaktere
Sind sie glaubwürdig? Sind sie nur schwarz-weiß oder sehr differenziert ausgearbeitet? Sind sie Dir sympathisch/unsympathisch? Kannst Du ihre Motive und Handlungen nachvollziehen? Haben sie Wiedererkennungswert? Wie gut passen die Namen zu den Charakteren?

Dialoge
Ist zu erkennen, wer was sagt? Wird die direkte oder indirekte Rede angewandt? Wird paraphrasiert? Sind die Dialoge übersichtlich (durch Absätze) aufgebaut?

Ende
Ist es offen oder geschlossen? Lässt es Dich mit oder ohne Fragen zurück? Macht es Dich nachdenklich? War es vorhersehbar oder überraschend?

Erzähltempo/Erzählzeit
Ist der Text schnell oder langsam? Ist das Erzähltempo der Situation angepasst? Wechselt das Erzähltempo? Gibt es Zeitsprünge? Sind diese nachvollziehbar?

Form
Klotzansicht (kaum Absätze) oder zu abgehackt (zu viele Absätze)? Ist der Text übersichtlich? Ist die Länge der Kapitel/Absätze in Ordnung?

Inhalt
Gibt es logische Ungereimtheiten? Ist der Text kohärent? Versteckt sich mehr zwischen den Zeilen, als der Text aussagt? Beschreibt der Text eine banale oder eine außergewöhnliche Situation?

Intention des Autors
Wie interpretierst Du den Text? Welche Intention hatte der Autor?

Originalität oder Abklatsch
Hat Dir der Text neue Sichweisen vermitteln können? Enthält er Klischees?

Perspektive
Um welche Perspektive handelt es sich? Wechselt die Perspektive willkürlich oder ist sie glaubhaft? Ist die Perspektive gut gewählt?

Rechtschreibung und Grammatik
Ist sie richtig angewandt worden?

Schauplätze und Szenen
Wechseln sie zu schnell? Wie detailliert sind sie ausgearbeitet? Wie geschieht der Übergang zwischen den Szenen?

Spannung
Gibt es Überraschungsmomente oder ist alles vorhersehbar? Gibt es Durststrecken, in denen sich Langeweile breitmacht? Macht der Text Lust auf mehr? Wechseln sich spannungsgeladene und ruhige Szenen ab?

Sprache
Hast Du alles verstanden? Musstest Du einige Textstellen mehrmals lesen, um sie zu verstehen? Bist Du irgendwo ins Stocken geraten? Was hat Dich zum Stocken gebracht?
Welche Besonderheiten hat die Sprache? Wird ein Stil eingehalten? Gefällt Dir die Sprache? Wirkt sie lebendig oder steril? Passt sie zum Erzähler (speziell bei Ich-Erzählern wichtig)? Passt sie zu der Zeit, in der die Geschichte spielt? Gibt es sprachliche Wiederholungen?

Titel
Originell oder nichtssagend und zu allgemein? Macht er Lust auf mehr? Spielt er eine wichtige Rolle bei der Interpretation?

Zeitformen
Sind sie richtig angewandt worden? Gibt es unbegründete Zeitwechsel?
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Re: Leitfaden - Kritiken schreiben

Beitragvon rivus » So 19 Feb, 2012 11:49


hey leute,

zur erinnerung, hier die fein herausgearbeitete kritische betrachtung von geschichtentexten.


die grundetikette gilt ergo auch für die kritik von gedichten.

was müsste eurer meinung alles zum gegenstand der kritischen betrachtung von gedichtstexten reingenommen werden?

ich reiß mal an:

aufbau gedicht
besonderheiten des wortgebrauchs
bildlichkeit
vieldeutigkeit
mimesis und fiktionalität
zeit und raum
personen- und komunikationsstrukturen: erlebnis, stimmung, lyrisches ich // das ich und die andren
die geschichte im gedicht
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Re: Leitfaden - Kritiken schreiben

Beitragvon rivus » So 19 Feb, 2012 15:52


habt ihr andre vorstellungen, wie man fremden texten begegnen sollte?

ich bevorzugte ja bisher immer die interpretatorische annäherung, beließ die textsynthese in ihrem sosein, um ihr geradesosein aufzuspüren. ja, ich glaubte bisher, die analyse berücksichtigt kaum die tausendundeinen versteckten blickwinkel und vertreibe sogar anima/animus, zerstöre das innere textgeheimis, um die skelettreste von texten, in ihrer unvollkommenheit, bis ins kleinste detail, darzustellen. da ich aber auch das kritischere analytische betrachten erlernen möchte, gebt doch bitte hinweise, was im analysieren von eingestelltem, für den einzelnen autoren, vor allem hilfreich wäre.


lifoianische grüße
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Re: Leitfaden - Kritiken schreiben

Beitragvon rivus » Mo 20 Feb, 2012 07:31


hallo lifoianer traut euch hier mögliche kriterien hineinzuschreiben
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Re: Leitfaden - Kritiken schreiben

Beitragvon Struppigel » Mo 20 Feb, 2012 07:32


Ich sehe grad, ich muss den Text mal aktualisieren.
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Re: Leitfaden - Kritiken schreiben

Beitragvon rivus » Di 21 Feb, 2012 11:24


hey leute, schreibt mal eure vorstellungen bitte mit hier hinein! so soll ein werkzeugkasten für gedichtskritiken enstehen, der uns hilft unsre fähigkeiten/fertigkeiten im fairen kritisieren zu üben und texte in ihren stärken und schwächen möglichst fair zu spiegeln.
Zuletzt geändert von rivus am Di 21 Feb, 2012 11:28, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Leitfaden - Kritiken schreiben

Beitragvon Martho » Di 21 Feb, 2012 23:51


Da habe ich nur einen Wunsch: Kein Fachchinesisch.
Nicht jeder der schreibt, hat auch studiert.
Ich habe nur ein paar Tausend Bücher gelesen.
Was als störendes Sandkorn beginnt, maustert sich oft zur Perle.
(Warum huschende Muscheln nuschelnd tuscheln - Jim Panse, Jubeltrubel Ferlak)
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Re: Leitfaden - Kritiken schreiben

Beitragvon Anna Lyse » Mi 22 Feb, 2012 00:05


hey,

Da habe ich nur einen Wunsch: Kein Fachchinesisch.


also ich finde beides düfte relevant und wichtig sein! natürlich muss eine kritik nicht nur aus "fachchinesisch" bestehen, wobei auch hier jeder was anderes versteht, aber es dürften solche wie auch solche dabei sein.
es ganz und gar zu verbannen fände ich nicht so gut...ich freu mich wenn ich ne fachchinesische kritik auf meinen text bekomme, dann kann ich so viel und lang lesen und so oft, manchmal weiss ich sogar am ende, zumindest zum teil was gemeint ist :)

gruß,
isa

p.s. martho, warum malst du nicht noch ne fliege an dein hemd (avatar) dann sieht es noch echter aus! :D
Zuletzt geändert von Anna Lyse am Mi 22 Feb, 2012 00:05, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Leitfaden - Kritiken schreiben

Beitragvon Martho » Mi 22 Feb, 2012 00:18


Anna Lyse hat geschrieben:es ganz und gar zu verbannen fände ich nicht so gut...ich freu mich wenn ich ne fachchinesische kritik auf meinen text bekomme, dann kann ich so viel und lang lesen und so oft, manchmal weiss ich sogar am ende, zumindest zum teil was gemeint ist :)

p.s. martho, warum malst du nicht noch ne fliege an dein hemd (avatar) dann sieht es noch echter aus! :D


Das issn Artefakt. Beim Nachschlagen der Werther lernt mann dann auch wieder eineiiges.

Ahaber:
Zuviel Fachchinesisch wirkt sich abschrecckend auf potenzielle Neuschreiber aus.

p.s. Fliege is nich so mein Ding. Kriechich keine Luft.

LG, Mardo
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Re: Leitfaden - Kritiken schreiben

Beitragvon rivus » Mi 22 Feb, 2012 17:28


oh mann, isa, schon wieder ist soviel text verschwunden, da ich schon wieder ausgeloggt war, als ich den fabrizierten text absenden wollte. könntest du das mal bitte dfx mitteilen. vielleicht gibt es ja eine lösung, den text wieder zurückzuholen?


also, ich bin dafür, einen leitfaden zu entwickeln, mit kriterien, die wir möglichst einfach formulieren, sodass er eine art handkasten zum umfassenden betrachten eines gedichtes werden könnte.

ich kann mich erinnern, dass drehrassel mal feststellte, dass analyse und interpretation, einem gedicht erst die komplette aufmerksamkeit gibt. ich bin der überzeugung, dass zum aufspüren und vollständigen erfassen eines textes zumindestens die analyse und die interpretation (die wirkung auf dem betrachter) hineingehören.
Zuletzt geändert von rivus am Mi 22 Feb, 2012 17:29, insgesamt 1-mal geändert.
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