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Abschnitt 4

Beitragvon Jeff101 » Mi 19 Aug, 2009 19:35


Ich wollte hier nun einen Abschnitt einer Geschichte die noch in Arbeit ist hereinstellen. Es ist der vierte Abschnitt/ das vierte Kapitel.
Ich bin mir wieder mal nicht sicher, wo ich es genau reinstellen sollte, deswegen habe ich das Thema einfach hier eröffnet. Wenn es falsch ist, bitte verschieben.
Ich bitte um konstruktive Kritik.
Lieben Gruß, Jeff101


IV
Die vom Regen nassen Haare hingen mir im Gesicht. Langsam liefen mir Regentropfen die Wange herunter. Sie tropften von meiner Nase und blieben schließlich an meinen Lippen hängen. Schließlich tropften sie mir vom Kinn.
Oder waren es Tränen? Nein, nur Regen.
Völlige Stille überkam mich. Der Verkehr, die Stimmen, nichts. Ich hörte nichts. Meine Gedanken verloren sich.
War es wirklich? Konnte es wirklich passieren? Jetzt? Heute? Dabei war es doch so schön gewesen. Die letzten Stunden, die schönsten die ich je hatte. Konnte jemand wirklich in einem so schönem Moment aus dem Leben gerissen werden? Ich wollte es nicht glauben. Ich konnte es nicht glauben. Nicht verstehen, nicht begreifen. Konnte nicht begreifen, dass es wirklich war. Konnte nicht begreifen wie wirklich es war.
Aber, was war wirklich? War ich wirklich? War das Leben wirklich? War dies das Leben? Mein Atem war flach und schnell. War er schon die ganze Zeit so schnell? Oder erst seit grade eben? Ich hatte es nicht bemerkt.
Ich versuchte ihn zu beruhigen, versuchte mich zu beruhigen. Nase ein, Mund aus. So, wie man es beim Sport gesagt kriegt, nach dem langen Sprint, nach dem man sich am liebsten voller Erschöpfung auf den Boden sinken lassen würde, sich hinlegen würde und einfach nichts tun wollte. So fühlte ich mich. Genau so fühlte ich mich in diesem Moment. Erschöpfung. Es gelang mir nicht den Atem ruhig zu stellen.
Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Die Außenwelt war so nah, und doch so fern. Warum?, fragte eine innere Stimme. Eine gute Frage. Aber eine Frage die ich nicht fragen wollte. Eine Frage die nicht fragte, warum sie sterben musste. Eine Frage die fragte, warum ich jetzt wieder alleine sein musste. Mir wurde schwindelig. Wie konnte ich bloß so egoistisch sein? Ich bekam einen Würgereiz. Das war es, was ich meiner Schwester ein paar Stunden zuvor nicht erklären konnte. Die Gesellschaft war zu eingebildet, oberflächlich, und arrogant, um zu verstehen. Ich war zu eingebildet, zu oberflächlich, zu arrogant. Um zu verstehen, zu begreifen.
Begreifen. Wie sollte ich?
In meinen Adern kochte das alkoholdurchmischte Blut. Mir wurde langsam schwarz vor Augen. Ich setzte mich auf den feuchten Asphalt. Links neben Tascha. Rechts von ihr bahnte sich eine Blutlache den Weg. Ich schaute das Blut an, dass von dem leichtem Nieselregen verdünnt immer weiter floss. Bald dürften die sieben Liter weg sein, dachte ich. Erschrak, als mir dieser Zynismus bewusst wurde.
Sieben Liter Blut.
Blut.
Menschenblut.
Taschas Blut. Was?, die innere Stimme meldete sich zurück. „Ja“, rief ich, ohne es zu wollen. „Taschas Blut“, murmelte ich, um es dieser Stimme bewusst zu machen. Es war schon wieder jemand von uns gegangen. Nein, kein Tier – eine Spinne zum Beispiel. Da schert sich keiner drum, aber dass sie vielleicht auch eine Familie hat, die sie ernähren will, ernähren muss – daran denkt niemand. Tiere sind nichts wert in dieser Gesellschaft – Menschen dafür das hundertfache.
Verlogene Gesellschaft.
Ignorante Gesellschaft.
Scheiß Gesellschaft, flüsterte die Stimme. Verlogene, ignorante, scheiß Gesellschaft. Sie redete eindringlich auf mich ein. Wiederholte es immer wieder. Wollte, dass ich auch so denke. Ein Teil in mir fühlte sich der Stimme verbunden, gab ihr Recht. Ein anderer Teil sträubte sich ihr auch nur zu zuhören. Die Gesellschaft funktioniert doch wunderbar, so wie sie ist, wollte mir dieser Teil sagen. Ein dritter Teil saß zwischen den Stühlen. Er dachte, dass ja irgendwie beide recht hatten.
Diese Gesellschaft ist einfach nicht rechtens, sagte der Bauch. Doch, das ist sie, rief das Herz. Der Kopf hingegen wusste nicht, wem er folgen sollte. „Ihr habt doch beide recht“, schrie er, schrie ich. Stille. Ich wurde steif. Rot.
Hier liegt ein totes Mädchen und ihr müsst euch streiten, habt Respekt!, der Kopf konnte noch klar denken. Stille. In mir. Um mich herum.
Totes Mädchen. Warum?, kam die Frage – von allen drei.
„Wenn ich das wüsste“, antwortete ich. Murmelte ich. Ein Seufzer. Ich schloss die Augen. Versuchte mich an die letzten Stunden zu erinnern. Zusammen mit Tascha. Ich konnte nicht. Ich wusste nicht, was passiert war. Das einzige was ich sah waren zwei hell leuchtende Punkte, die immer näher kamen. Ein Mädchen wurde umher geschleudert. Blut. So viel Blut. Ich weinte. Schmeckte das Salz. Der Tränen, die vermischt mit den Tropfen des Regens mein Gesicht herunter liefen. Von meiner Nase tropften. Die ich auf meinen Lippen schmecken konnte. Die mein Kinn herunter liefen. Langsam begann ich in mir auf zunehmen, was passiert war. Tascha wat tot. Endgültig von uns gegangen. Und es war meine Schuld. Doch begreifen, nein. Begreifen konnte ich nicht. Der Mensch lernt nicht zu begreifen. Er lernt nur es in sich aufzunehmen. Nachvollziehen, drüber nachdenken, verstehen, begreifen, nein, das lernt er nicht. Lernte ich nicht.
„Wieso?“, rief jemand in die Nacht. Ich war dieser Jemand.
Ich beugte mich zu ihrem Ohr nach vorne. „Hoffentlich ist es schön, da wo du jetzt bist“, flüsterte ich.
Die Außenwelt drang zu mir durch. So plötzlich, wie sie sich gerade noch von mir abwandte. Alexis kam angerannt. Ich stand auf. Sie nahm mich in den Arm. Nicht um mich zu trösten, ich der nicht begriff. Ich, der schon wieder aufgehörte hatte zu weinen, da Tränen den Schmerz nicht ausdrücken konnten. Ich, der sich die Schuld an ihrem Tod gab. Ich.
Mein Blick war leer. Mein Gesicht ausdruckslos. Ich strich Alexis tröstend über den Rücken. Sie weinte. Immer stärker. „Wir schaffen das“, flüsterte ich ihr zu.
Martinshorn, Blaulicht. Der Notarzt und der Rettungswagen trafen ein. Der Notarzt und der Rettungswagen trafen zu spät ein.
Zu spät, sagte der Bauch.
Zu spät, sagte das Herz.
Zu spät, sagte der Kopf.
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Re: Abschnitt 4

Beitragvon Struppigel » Mo 24 Aug, 2009 11:15


Hallo Jeff,

Ich wollte hier nun einen Abschnitt einer Geschichte die noch in Arbeit ist hereinstellen. Es ist der vierte Abschnitt/ das vierte Kapitel.

Wie heißt die Geschichte? Warum fängst Du mit dem vierten Abschnitt an?
Es gibt übrigens einen Bereich für Fortsetzungsgeschichten. Dort können auch bequem sehr lange Texte veröffentlicht werden, aber da Du offenbar nur das vierte Kapitel einstellen willst, ist Treibgut durchaus eine gute Möglichkeit. Besser wäre aber die Schreibwerkstatt, da es sich hier um einen unvollständigen Text handelt. Wenn Du nichts dagegen hast, verschiebe ich das.
Ein Hinweis: Damit mehr Leute auf Deinen Text aufmerksam werden, solltest Du einen anderen Threadtitel wählen. "Abschnitt 4" sagt nicht einmal annähernd, worum es in dem Text geht und weckt darum wenig Interesse.

Was mir sehr stark auffällt, sind die vielen Wiederholungen in Deinem Text. Offensichtlich mit Absicht gesetzt, aber meines Erachtens zu oft. Weniger ist manchmal mehr.

Desweiteren könnte es atmosphärisch viel intensiver ausgestaltet werden. Beispielsweise wird von Regen berichtet, aber abgesehen vom Tränenvergleich und der Blutlachenverdünnung scheint sich der Regen nicht auszuwirken. Nasse, klamme, kalte Kleidung bspw oder eine vor Feuchtigkeit glänzende, mit Pfützen belegte Straße. Eine dunkle Umgebung. Ist es überhaupt Nacht? Ist der Unfall in einer Stadt oder auf einer Landstraße passiert? Solche Fragen werden gar nicht beantwortet. Die Umgebung ist jedoch wichtig für Atmosphäre.
Die einzige Art, in der sich die Traurigkeit des Protagonisten manifestiert, sind die Tränen, welche aber gleich wieder als ungeeignet für den Ausdruck von Trauer abgetan werden. Gibt es nicht noch andere Auswirkungen, möglicherweise subtilere, die der Erzähler gar nicht als Folgen des Traumas erkennen muss? Sei es ein hässlicher Geschmack im Mund, ein Zittern in den Händen, ein Zucken der Augenlider, eine allgemeine Gefühlsunempfindlichkeit bspw gegenüber Kälte oder kein Schmerzempfinden, während sich der Protagonist die Hand am Asphalt aufschabt oder einen spitzen Stein in seinen Arm drückt oder sonst irgendetwas. Aber das sind alles nur Vorschläge.
Was hat der Protagonist überhaupt an? Ist er verletzt? Ist er schmutzig?

Die vom Regen nassen Haare hingen mir im Gesicht. Langsam liefen mir Regentropfen die Wange herunter. Sie tropften von meiner Nase und blieben schließlich an meinen Lippen hängen. Schließlich tropften sie mir vom Kinn.
Oder waren es Tränen? Nein, nur Regen.

Das ist leider auch schon ein zu oft verbratener Vergleich - die Frage, ob es Tränen sind oder Regen. Seien es Liedtexte ("Sag mal weinst du oder ist das der Regen, der von deiner Nasenspitze tropft") oder Geschichten. Natürlich ist es nicht verboten, diese Bilder weiterhin zu verwenden, aber es hebt auch keinen mehr ab. Im Gegenteil, da stellt sich der "Ach, kenn ich schon"-Effekt ein.

So, wie man es beim Sport gesagt kriegt

"kriegen" ist kein schönes Wort. Ein Artikel dazu: http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfis ... 68,00.html

Ich schaute das Blut an, dass von dem leichtem Nieselregen verdünnt immer weiter floss. Bald dürften die sieben Liter weg sein, dachte ich

Man geht davon aus, das jeder Mensch ein Blutvolumen von 8% seines Körpergewichtes hat. Tascha müsste also um die 88 Kilo wiegen.

Dass der Protagonist im Weiteren neben der Leiche sitzend über gesellschaftliche Defizite nachgrübelt, erscheint mir absurd.
Dagegen ist die Aussage mit den sieben Litern sehr gut nachvollziehbar (gefällt mir auch - unbedingt drinlassen). Immerhin sieht er das vor sich.

Das einzige was ich sah waren zwei hell leuchtende Punkte, die immer näher kamen. Ein Mädchen wurde umher geschleudert. Blut. So viel Blut. Ich weinte. Schmeckte das Salz.

Gut, dass hier auch mal der Geschmack (also andere Sinne) mit einbezogen wird. Vom Unfall selbst könnte es aber auch etwas mehr sein als ausschließlich der Sehsinn. Gerade da brechen die anderen Sinne meiner Erfahrung nach sehr stark in die Erinnerung vor.

Doch begreifen, nein. Begreifen konnte ich nicht. Der Mensch lernt nicht zu begreifen.

Das Moralisieren und die Verallgemeinerung auf alle Menschen stören mich schon, auch wenn der Erzähler sich ausdrücklich miteinbezieht. Moralisieren stört allerdings in den meisten Geschichten, kaum jemand will sich von einem Erzähler so direkt belehren lassen (selbst Märchen sind i.d.R. subtiler).

Was hier so losgelöst auch fehlt, ist der persönliche Bezug zu Tascha und Alexis (näheres Kennenlernen), den man mit den vorherigen Kapiteln möglicherweise schon bekommt. Das kann ich leider nicht beurteilen.

Liebe Grüße
Struppi
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Re: Abschnitt 4

Beitragvon Jeff101 » So 30 Aug, 2009 20:01


Hallo Struppigel,
'tschuldigung für diese späte Antwort, kam in letzter Zeit nicht sehr viel an den PC, Schule hat halt wieder angefangen...

Ich muss mich wiedermal für deine sehr hilfreiche Kritik und Tipps bedanken (nicht nur, was den Text angeht). Dankesehr ;)

Gruß, Jeff
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