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Around the world

Beitragvon Mando » Sa 26 Dez, 2009 00:44


Around the world

Die Wagenkolonnen der Dentaltouristen mit ihren zersplitterten Gebissen und geschwollenen Backen schieben sich wehklagend durch die Hitze des amerikanischen Kontinents der mexikanischen Grenze entgegen, vorbei an den Bohrtürmen, die manisch in den Boden prügeln. Unweit des Panamerican Highway, über den die Gringos ihre hustenden Blechkarawane bis zum Materialbruch treiben, kauert eine Gruppe Amigos um ein zitterndes, klägliches Feuer. Unter einem Dach aus Europaletten saugt sich ein von der Sonne angesengtes, depriviertes Baby an den eingefallenen Titten seiner im Schlaf leise redenden Mutter fest.
Auf einem der zahllosen vermienten Friedhöfe Angolas unterdessen gräbt eine ausgezehrte Hyäne nach den Leichenteilen, die in der letzten Nacht in die Massengräber geworfen worden sind. Ihr an hysterisches Gelächter erinnerndes Jaulen versetzt einige in der Nähe stationierte Kindersoldaten in Alarmbereitschaft. Ihre Gesichter, Gesichter, aus denen jede Emotion gespült worden ist, haben durch das getrocknete Blut der zurückliegenden Scharmützel ihre letzte Kindlichkeit verloren. Einer von ihnen erhebt sich in seiner viel zu großen, mit Fantasieorden behangenen Uniform und gibt einen Warnschuss in den klaren Himmel ab. Stumpfsinniges, machopubertäres Imponiergehabe innerhalb dieser letzten Bataillon ihrer revolutionären Bewegung, von der sie nichts verstehen und nur wissen, dass es ihre Aufgabe ist, sich wie die Speere ihrer Vorfahren in das Fleisch ihres Landes zu bohren. Unter dem Gejohle seiner Kameraden führt er berauscht von den als Solt dienenden Sythetikdrogen aus den Laboren des Westens einen uralten Stammestanz auf, der ihn in einem anderen Teil des Landes die Todesstrafe einbringen würde, ihm hier jedoch die Anerkennung seiner Legion verschafft. Er fühlt sich unbesiegbar und erneut wird der Himmel durchlöchert. Kommunikation über Schusswechsel und die geisterhaften Figuren des Marijuanarauches aus ihren Nasenlöcherkluften. Unbeeindruckt fleddert die Hyäne einen von Einschusswunden entstellten Unterschenkel aus dem von Leichengiften durchsetzten Boden. Vom Regen abgewaschene Trugbilder der zersetzten Ideologien an den zerfallenen Regierungsgebäuden. Marx, Sawimbi. Mickey Maus, Abe Lincolns Hampelmann. Dann breitet sich das schwarze Tuch über den ganzen Kontinent aus und die Schlafenszeit wird verkündet.
Aus den Kaufhäusern der fernöstlichen Ballungszentren, den Leuchtklötzen mit ihren Plastikikonen in den Fenstern, treten die Dutzendmenschen, weichen einander hastig aus, irren durch die Geschäfte, um ihre Listen abzuarbeiten, ihre Auftragsbücher zu füllen, hasten über die Boulevards, um Geld in die Parkuhren nachzuwerfen, Termine zu verschieben und zu verlegen, etwas herunterzuschlingen, Strahlenfutter für die Sonden in ihren Mägen. Surrende Städte, von der Betriebsamkeit und Rastlosigkeit ihrer Geschäftsdrohnen erfüllt, die Mundschleimhäute voller Brandblasen von all dem heruntergeschlungenen Mikrowellenfrass ihrer beinahe schon wegrationalisierten Mittagspausen. In den babylonischen Türmen im Finanzdistrikt sitzen die Spitzenmanager, die Makrophagen jedes solidarischen Gefühls, in ihren Leseecken, vertieft in die ständig veralteten Bedienungsanleitungen der Kapitalismus, die sie als Überlebensstrategie verinnerlichen. Als sie beim Durchblättern auf eine Photographie des Empire State Buildings, dieses gigantischen Phallussymbol, das sich aus der sekulären Welt in den Himmel rammelt, diesen randvollen Geldspeicher, aus dem der modernen Folklore nach oben die Geldstücke fallen und die Passanten erschlagen; als sie auf diese Photographie stoßen, überkommt sie die an Machtfantasien gekoppelte, gesellschaftlich unterdrücke Geilheit. Sie wischen sich das Ejakulat und den Gendreck mit Hunderteuroscheinen von ihren erschlafften Schwänzen. Um sie herum blinken auf den Flachbildschirmen die Fieberkurven des Wirtschaftskreislaufes und in den digitalen Bilderrahmen die Erinnerungen an die Staatsbanketts, Lagebesprechungen, wöchentliche Lobbyistentreffen mit König Midas. Etagen tiefer, In den feuchten Kellern unter der Glamourwelt und der Topfpflanzblütenpracht zerschreddern nervöse Sekretärinnen, die durch grelles Make-Up und hochgesteckte Frisuren wie surreale, französische Zirkusgestalten anmuten, die verwerflichen Dokumente der Weltwirtschaft in monströsen Reißwölfen bis auf die letzte Faser, während die Abkommandanten der Aufsichtsbehörden draußen Schmiere stehen.
Im Hinterland der Historie vollführt die Achterbahn Bergen-Belsen unter den Freudenschreien ihrer Insassen einen Looping nach dem anderen. Familienausflüge des Tätervolks in den NS-Themenpark. Robotronische Nachbildungen von Hitler und Göhring faseln mechanisch vom tausendjährigen Reich und haben doch irgendwie gar nicht mal so Unrecht damit. Die Bimmelbahn Traumata ruckelt schwerfällig und überladen über das authentische Schienennetzwerk, zusammengeflickt aus den ausgehobenen Knochen der Gefallenen. Das Klicken der Digitalkameras. Ein kleiner Junge lacht aus einem Loch oberhalb des Rumpfes des großen Führers, gleich neben dem Reichsflugscheibenkarussel. Unvergessliche Erinnerungen fürs Familienalbum. Unweit von den Fotokulissen lässt sich seine Schwester schminken. Hakenkreuze zieren ihre grobporigen Wangen.
Anderswo wird noch immer die Alternative ausprobiert, von Stromausfällen unterbrochen, vom Propagandafunk unablässig verkündet. Es ist das letzte Aufbäumen eines Phantasmas, dessen Überdauern bis in die heutigen Strukturen einem Wunder gleicht. Ein Zwerg, dem niemand in die Augen sehen kann, winkt von seinem Balkon den Massen zu, der entführten, von ihm geschwängerten Schauspielerin, dem Statussymbol und Schmuckstück der nationalen Filmakademien. Sie knien vor ihm, ihrem Führer, der unter einem Regenbogen das Licht der Welt erblickte und verdunkelte. Sie knien nieder, weil sie zu schwach sind, um sich aufzurichten. Die anhaltende Hungersnot hat sie völlig entkräftet. Die Industriekomplexe verfallen und verwuchern. Zwischen den einsturzgefährdeten Fertigungsbaracken suchen einige verwahrloste Gestalten nach kleinen Eidechsen und Vogelnestern. Andere stehen um Löcher in den vereisten Seen oder schaffen den Schnee von den Straßen, über die keine Autos mehr fahren. Das Lächeln ist ihnen in den starren Gesichtern festgefroren. Sie würden eher sterben, bevor sie das in der Mitte durchtrennte Land verlassen. Einzig Lil Kim wird irgendwann abhauen und auf einer Rakete zum Mond reiten. Es darf bezweifelt werden, dass dort oben alles besser laufen wird.
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