Alle epischen Texte, die in keine andere Kategorie passen

Nässe

Beitragvon Alcedo » Sa 16 Jan, 2010 16:55


Nässe

Jedes Mal wenn ich die Tür aufstoße ist es eine andere Welt. Heute Dezemberregen. Der Ahorn hat es schwer im Schatten der Erle. Zwei armdicke Äste sind abgestorben, die Rinde losgefallen; speckige, durchscheinende Pilzkörper glimmen wie Elmsfeuer aus dem glatten Holz in das Nieseln. Ich puste den aufsteigenden Dampf meines Urins über den Maschendrahtzaun zu den Stämmen.
Eindringliches „Siih“! es landen zwei Bekannte: das Revierpaar. Einer stochert mit seinem Pinzettenschnabel in meiner Augenhöhe. Der andere entfernt sich aufwärts, lässt sich fallen, gerät außer Sichtweite. Da wird er gerufen. Unten vom Wurzelansatz kommt Antwort. Die Rückantwort ist ein zartes tränenblindes Sirren.
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Re: Nässe

Beitragvon Drehrassel » Sa 16 Jan, 2010 23:55


zurecht vorgeschlagen für die rubrik "prosa des monats". feine kurzprosa; hätte man durchaus auch als ein poème en prose meinen und in die sparte "mischformen" stellen können. stilistisch überzeugend die parallelführung aus genauer beobachtungsgabe und unaufdringlich im parlando des alltäglichen sich gebenden ich-erzähler. dazu ornithologisches fachwissen ( :D das gleichzeitig lapidare und aber auch im spannungsverhältnis dazu stehend symbolisch anmutende bild des dampfend aufsteigenden urins. / hier wird in sehr nüchterner sprache fein nuanciert. etwas wie bedeutung, die über den text selbst hinaus verweist, stark spürbar gemacht, ohne mit metaphorischen zaunpfahlen um sich zu schmeißen. schnoddrige sentenzen, wie das eingängliche:"jedes mal wenn ich die tür aufstoße" schön verwerbt und sublimiert in eine mimesis, die über ein - wie schon gesagt - im thema selbst schon angelegtes poetisch-semantisches poetential verfügen. / auch wenn ich mit meinem gedicht "stimmfühlungsrufe" etwas vollkommen anderes verfolgte, völlig andere techniken benutzte und als effekt auf den leser ganz ganz andere intentionen verfolgte; sehe ich in diesem text mehr als nur einen wirklich guten kommentar dazu. -

wollte ich nur mal loswerden,

dreh


edit: "einer stochert mit seinem pinzettenschnabel in meiner augen[d:2x9o25e4]höhle[/d:2x9o25e4]" moment: "-höhe"... *uff! glück gehabt! :D
dreimal selig, wer einen namen einführt ins lied!
- ossip mandelstam
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Re: Nässe

Beitragvon Alcedo » Do 21 Jan, 2010 11:58


@exmaex:
merci für die prompte Nominierung.

@Drehrassel:
so wie du schreibst, fühle mich auf gleicher Stimmfühlungsstufe verstanden, als Schreiber.
verwebt und sublimiert in Mimesis - Mann, was will man mehr? merci, amice.
und, haha, ja, ist es nicht reizvoll einzelne Lettern assoziativ kommen zu lassen? Augenhöhe, Augenhöhle,
mhm, und stimmfühlungsrufe rezipierte ich auch auf gleicher Stimmfühlungsstufe, welche Nässe verfasste.

diese "Nässe" habe ich Anfang Dezember geschrieben. also v o r deinen stimmfühlungsrufen (ätsch!). es war mein erstes Drabble. eine Fingerübung zu einem Wettbewerb, bei der ich, wie ich mich erinnere, stolz war, ziemlich punktgenau schon im ersten Entwurf bei 99 Wörtern gelandet zu sein. aber es zeigte mir auch wieder, wie gut sich formale Zwänge manchmal eignen, Lettern&Triefe aus dem Prunkgemach der Schatten zu locken.

Grüße
Alcedo
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Re: Nässe

Beitragvon SabineK63 » Fr 29 Jan, 2010 12:26


Hallo Alcedo,

die Lobeshymne könnte ich so elegant nicht singen, da schließe ich mich einfach an. Auch, wenn ich keine Ahnung habe, was ein Drabble ist, liest sich der Text sehr schön, ein melancholisches Stimmungsbild. Wobei das LI in einer Holzhütte ohne Kanalanschluss mitten im Wald lebt. Den Maschendrahtzaun kann man auch dort finden, vielleicht hat der Grundstücksnachbar einen Fischteich, den er vor Räubern schützen will. :)

speckige, durchscheinende Pilzkörper glimmen wie Elmsfeuer aus dem glatten Holz in das Nieseln.
Das Bild finde ich besonders gelungen.
Zwei armdicke Äste sind abgestorben, die Rinde losgefallen;
Das "losgefallen", soll so sein wegen Silbenzahl und Vermeidung von Wiederholung? Oder doch abgefallen oder losgelöst?
Einer stochert mit seinem Pinzettenschnabel in meiner Augenhöhe.
Ist der mögliche Verleser beabsichtigt?
Die Rückantwort ist ein zartes tränenblindes Sirren.
Das müsste vom Protagonisten stammen, vom Specht kaum tränenblind.

Liebe Grüße
Sabine
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Re: Nässe

Beitragvon Alcedo » Fr 29 Jan, 2010 16:25


hallo Sabine

merci fürs Lob. ein Drabble ist eine gute Schreibübung für Anfänger und fortgeschrittene Anfänger, also praktisch für alle die sich ins solchen Foren wie diesem hier herumtreiben.

[quote="SabineK63":12im7mmx] Das "losgefallen", soll so sein wegen Silbenzahl und Vermeidung von Wiederholung? Oder doch abgefallen oder losgelöst?[/quote] in der Tat, ich wollte die Vorsilbe "ab-" nicht wiederholen. in der ersten Version hatte ich es noch so:
Zwei armdicke Äste sind abgestorben, die Rinde abgefallen;
das änderte ich auf "losgefallen". dieses Wort vereint mir gut das Loslösen der Rinde und das Abfallen. vielleicht ist es damit möglich einen über Jahre dauernden Prozess in einem Wort zu fassen. ich hoffe es stört nicht bei der Rezeption. das Wort müsste wahrscheinlich getrennt geschrieben werden (los gefallen), aber dann erinnert es mir zu sehr an die gefallenen Würfel (das Los ist gefallen) und die 100-Wortgrenze wäre auch überschritten.
"losgelöst" erscheint mir unpassend. denn damit wäre bildlich möglich, dass sich die Rinde zwar einen spaltweit und stellenweise gelöst hat, aber zum Teil immer noch am Ast haftet, wie Kleidungsstücke. ich wollte da absolute Nacktheit.

ja, der Verleser bei der Ague - Hhöe Kombination ist beabsichtigt.
Das mcehsichlne Ague lseit miset nur die Anfangs- und Endbuchstaben eines Wortes. der Rest wird als bekannt angenommen.

[quote="SabineK63":12im7mmx]Das müsste vom Protagonisten stammen, vom Specht kaum tränenblind. [/quote]es handelt sich nicht um Spechte.
vergiss nicht, dass es regnet. das Wasser kann sich also theoretisch auch auf dem Auge des Vogels befinden. die Vermutung es könnten Tränen in den Augen des Protagonisten entstanden sein, ist nicht so falsch (da dies die heraufbeschworene Melancholey womöglich zulässt) wie deine Vermutungen von Holzhütte, Kanalanschluss und Fischteich. letztere lassen sich wohl kaum direkt vom Text ableiten, nicht wahr?

Gruß
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Re: Nässe

Beitragvon SabineK63 » Fr 29 Jan, 2010 17:35


Hallo Alcedo,

danke für den Link, wieder was gelernt. Der Name Drabble erinnerte mich an die kleinen Fellbälle aus einer Enterpriseserie (ja, die habe ich früher leidenschaftlich gern gesehen), die man nicht füttern durfte, weil sie sich dann wie irrsinnig vermehrten. Wie diese harmlos wirkenden Landplagen wirklich hießen, ist mir allerdings entfallen.

die Vermutung es könnten Tränen in den Augen des Protagonisten entstanden sein, ist nicht so falsch (da dies die heraufbeschworene Melancholey womöglich zulässt) wie deine Vermutungen von Holzhütte, Kanalanschluss und Fischteich. letztere lassen sich wohl kaum direkt vom Text ableiten, nicht wahr?
So direkt ableiten ließe sich das alles nicht, stimmt. War nur meine Assoziation, um die Szene innerlich einzusortieren. =)

Lieben Gruß
Sabine
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Re: Nässe

Beitragvon Alcedo » Sa 30 Jan, 2010 12:11


hallo Sabine

meinst du Gremlins?
merci dass du höflich geblieben bist, obwohl ich belehrend auf den Text pochte.

Gruß
Alcedo
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Re: Nässe

Beitragvon SabineK63 » Sa 30 Jan, 2010 15:06


Hallo Alcedo,

keine Ursache, so empfindlich bin ich nicht. Als Autor musst Du ja wenigstens noch das Recht haben, Deinen Standpunkt zu vertreten.
Gremlins meinte ich nicht. Ich hab mal gegoogelt, das war der Serienteil 'Kennen Sie Tribbles?'. Im Original wars dann 'Trouble with Tribbles'. Nach dem Ansehen hat man erst Mal keine Lust mehr, sich ein Schoßtierchen zuzulegen, aber sie sind trotzdem völlig harmlos. :D

Lieben Gruß
Sabine
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Re: Nässe

Beitragvon exmaex » Do 11 Mär, 2010 17:57


hallo alcedo,

ich wollte gerade mal nachgucken, ob meine spontannominierung (bisher nur einmal gelesen) auch wirklich die repräsentation einer über den moment hinausgehende zuneigung zum text war. und ich kann glücklicherweise behaupten: "ja"
leider geht das hier nicht über eine lobhudelei hinaus, aber ich wollt wenigstens nochmal irgendwas dazu sagen, auch wenns obsolet ist.

achja und - ich las natürlich auch augenhöhle und musste mit dem auge nachharken, geilo.

bla, exmaex
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Re: Nässe

Beitragvon Alcedo » Do 11 Mär, 2010 19:05


oh, das freut mich. schönes Feedback. der erste Eindruck hatte also nicht getäuscht. auch beweist es, dass der Text im Gedächtnis bleiben konnte. danke, exmaex. merci auch fürs nachhaken.

Gruß
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