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Abendmahl

Beitragvon Xanthippe » Do 07 Okt, 2010 18:32


Die etwas abgelegene riesige Steinvilla, beeindruckte sie einigermaßen - das war ja schon fast ein Palais. Ersichtlich ein Bauwerk aus dem 18. Jahrhundert, aber bestens instand - soweit man das von außen sehen konnte. Sie betätigten den riesigen schmiedeeisernen Türklopfer. Sofort wurde geöffnet - ein Mann in einer dunklen Mönchskutte stand vor ihnen.

Sie nannten ihren Namen und den ihres Freundes; Hendrik. Eigentlich war er zu dieser Grillparty eingeladen - er hatte sie mitnehmen wollen. Dann war er nicht rechtzeitig vor dem Haus des Gastgebers aufgetaucht. Er war auch über Handy nicht erreichbar.

Der Mann, der ihnen geöffnet hatte, rief einen anderen herbei - der Hausherr wie sich herausstellte. Er trug ebenfalls eine Mönchskutte und sah aus wie Balzac mit seinem ungepflegt wirkenden längerem Haar, dem Bart und den Tränensäcken. Er begrüßte sie aber sehr freundlich: "Herzlich willkommen zu unserem Opferfest. Bruder Hendricus hat angerufen und euer Kommen angekündigt. Er fühlt sich heute abend leider nicht wohl."
Warum er ihn angerufen hatte und nicht sie, sagte er nicht.

Er führte sie durch weiträumige Zimmerfluchten zur Rückseite des Hauses. Dort war der Garten, wie er sagte. Alle Räume waren komplett schwarz gestrichen und möbliert. Auf dem Weg informierte er sie: "Ihr seid leider spät dran. Die erste Opferung habt ihr schon verpasst. Aber es sind so viele Gäste da: Wir werden wohl weitere Tiere opfern müssen, damit alle ausreichend gespeist werden können."

Über eine große Terrasse gelangte man in den Garten - es war schon mehr ein Park. Eine riesige Graslichtung lag vor ihnen, zur Straße hin durch dichte hohe Hecken abgeschirmt. Erleuchtet war der Park zu dieser späten Stunde durch eine Reihe von Feuern, die an verschiedenen Stellen brannten. Es mochten wohl ein- bis zweihundert Personen sein, die sich dazwischen tummelten.

Am auffälligsten waren die Kreuze, die überall herum standen. Schweine waren daran befestigt, die über dem offenen Feuer brieten.
Die Kreuze schienen aus geschwärztem Metall zu sein. Wahrscheinlich war es das gleiche Material aus dem auch Grillroste hergestellt wurden. Sie sahen auch so ähnlich aus. Eine Reihe von Metallstäben, die von einer Umrandung zusammengehalten wurde, bildeten die Rückwand und Vertikale dieser seltsamen verzerrten Kreuze.
Die Horizontale war aus dem gleichen Material genauso geformt und nur viel schmaler. Sie war viel zu lang für die kurzen Schweinefüße und stand nach beiden Seiten deutlich über. Da die Schweine vier Beine hatten, gab es unten einen zweiten kleinen Horizontalsteg. Der war aber betont kurz gehalten - kaum sichtbar.

Man konnte nicht sehen, ob sie einen Fuß hatten oder im Boden eingegraben waren. Am Fuße jedes dieser Kreuze war ein kleiner Scheiterhaufen aus Grillkohle aufgeschüttet - bläuliche Flammen züngelten daraus empor und leckten die Schweinehintern knusprig.

Alle Gäste waren dunkel gekleidet. Sie waren froh, dass sie sich heute auch für die schwarzen Jeans und Pullis entschieden hatten - allzu warm war es nicht. Dazwischen sah man einzelne Männer in Mönchskutten - einige trugen auch Mönchstonsuren. Einer von ihnen ging umher und schien den Garungszustand der Opferschweine zu prüfen.

Auf seinem Weg durch den Garten, nahm er ein Weihrauchfass von einem der Tische, auf denen Brot und Getränke angeboten wurden. Er schwenkte es einige Male hin und her - die Luft füllte sich mit dem feierlichen Aroma. Leider würde es hier im Freien wahrscheinlich schnell wieder verfliegen.

Dann rief er vernehmlich: "Das Opfermahl kann beginnen."

Alle Gäste begaben sich in bemerkenswerter Ruhe und Ordnung an die langen Holztische, an denen eingedeckt war.
Die Männer in den Mönchsgewändern begannen einige der Schweine von den Kreuzen zu nehmen und tranchierten sie. Besonders praktisch sah das nicht aus - eher umständlich. Es ging auch nicht schnell. Wahrscheinlich rituelle Vorschriften, die eingehalten werden mussten. Dabei stimmten sie einen feierlichen Choral an. Die meisten Gäste sangen mit. Sie schienen das geistliche Lied zu kennen. Danksagungen kamen darin vor.

Erst als jeder einen Teller mit Grillschwein vor sich stehen hatte, begab sich der Hausherr an den Kopf der größten Tafel.
Er trug einen Teller dampfenden Grillschweins in der Hand.
Feierlich intonierte er: "Dies ist mein Leib. So esset!"
Und die Gäste antworteten im Chor: "Amen."
Nun hob er den Kelch mit dem schweren Rotwein, der vor ihm stand:
"Die ist mein Blut. So trinket!"
Und die Gäste hoben ihre Gläser und antworteten wieder im Chor: "Amen".
Nun fuhr er fort: "Mein Fleisch wird euch schenken die Erlösung."
Die Gäste antworteten: "Amen."
"Mein Blut wird euch reinigen von allen Sünden."
"Amen".
Der Gastgeber hatte alle Unkosten für dieses teure Gastmahl ganz allein übernommen.

Dann hob das Schmausen an. Die Männer in den Mönchskutten brachten das Brot herbei. Und alles, was die Gäste sonst so brauchten - wie Kellner - quasi.
Besonders lecker fanden sie das Grillschwein nicht - trotz der ganzen feierlichen Vorbereitungen. Aller Vorsicht ungeachtet waren durch das seltsame Grillen am Kreuz die Schweinehintern natürlich ziemlich verbrannt und trocken - sonst mit das leckerste Stück am Schwein. Mit der Würzung hatten sie sich wohl auch nicht allzu viel Mühe gegeben. Das Fleisch schmeckte eher fad - bis auf eine seltsame strenge Note - die war aber nicht gerade angenehm.

"Die Würzung wäre aber weiter optimierbar." Sie sagte es ganz spontan zu ihrem rechten Tischnachbarn - obwohl sie den gar nicht kannte. "Das ist Weihrauch", gab er auch sofort zurück - sichtlich empört. Sie probierte noch einmal - aber auch in Kenntnis der edlen Zutat schmeckte das Fleisch immer noch nur streng.
Mottenpulver würde vermutlich einen ähnlichen Geschmackseffekt ergeben, dachte sie - wagte sie aber nicht mehr zu sagen - schon gar nicht zu ihrem Tischnachbarn rechts. Zum Glück waren die Portionen eher klein - bergeweise hätte sie das Weihrauch-Fleisch gar nicht verdrücken mögen.
Die anderen sahen das wohl anders. Jedenfalls glaubt der Hausherr offenbar, dass er für Nachschub an Opferfleisch sorgen müsste. Noch während des Essens läutete er eine Glocke. Die Männer, die wie Mönche gekleidet waren, verschwanden. Nach kurzer Zeit kamen sie wieder. Sie trieben einige quiekende junge Schweinchen vor sich her. Zunächst wurden sie in ein kleines Gatter gesperrt, das vor den Speisetafeln aufgestellt worden war.

Nun gingen sie mit einer Art von großen Papiereimern herum. Darin lagen kleine Schwämme - ungefähr so groß wie ein Tennisball und unregelmäßig geformt - jeder bekam eine Handvoll. Als alle mit Schwämmen versorgt waren, läutete der Gastgeber wieder mit der Glocke. Unter Kichern und Lachen bewarfen die Gäste die Schweine mit den Schwämmchen.
Sie hatten gar nicht gewusst, was sie mit den kleinen Schwämmen machen sollten - jetzt machten sie es allen anderen nach.

Sie fasste sich noch einmal ein Herz und wandte sich an ihren Tischnachbarn zur Rechten: "Wozu werden die Scheine mit den Schwämmchen beworfen?" "Aus Humanität". Ihr Nachbar antwortete ihr nachsichtig, aber im Brustton der Überzeugung. "Früher wurden die Schweine vor der Opferung fast zu Tode gesteinigt. Der Ritus schreibt das eigentlich vor - um die Sünde des Fleisches zu büßen. Aber diese barbarische Sitte, ist schon vor langer Zeit abgeschafft worden. Die Steinigung wird nur noch symbolisch vollzogen - mit den Schwämmen."

Da war sie aber erleichtert - ihr Mann auch. Unter dem Tisch drückte er leicht ihre Hand. Aber das Ritual war noch nicht zu Ende.

Die Männer in den Mönchskutten beseitigten nun die Schwämmchen.
Ein Mann trat vor den großen Steintisch, der wie ein Altar aussah. Dort stellte er ein klobiges Gerät ab, das sie nicht kannten. Er war wie ein Henker gekleidet. Ganz in schwarzes Leder und mit einer Kapuze über dem Kopf. Über seine Brust zog sich etwas, das aussah wie ein Patronengürtel. Er griff in den Gürtel und schien eine Patrone herauszuziehen. Dann begann er eine Spritze aufzuziehen. Jetzt erst konnte man bei dem dämmrigen Licht erkennen, dass es Spritzenampullen waren. Er trat vor das Schweinegatter und betäubte die Tiere - eins nach dem anderen. Dann hob er das erste Tier aus dem Gatter.
Der Hausherr läutete wieder die Glocke. "Die Opferung beginnt", rief er. Und alle legten für einen Moment Messer und Gabel nieder - um Andacht und Konzentration zu bekunden.

Der Henker trat zu dem Altar und legte den Körper des bewusstlosen Schweins dort ab. Dann hantierte er an der Gerätschaft, die er mitgebracht hatte. Erst als er den Kopf des Schweins in eine kleine Wand an dem Gerät geschoben hatte, sahen sie es: Es war eine Guillotine. Da sauste auch schon das Fallbeil nieder und trennte den Schweinekopf vom Körper. Das Blut pulsierte in regelmäßigen kräftigen Stößen aus dem Halsstumpf.
Sie konnte einen kleinen Schrei nicht unterdrücken. Zum Glück ging er in dem allgemeinen Lärm unter. Die anderen Gäste riefen 'Halleluja' und johlten begeistert.

Einer der Mönche hatte sich mit einem Gefäß, das aussah wie eine Kreuzung zwischen einem Waschbecken und einem Bidet in kurzer Entfernung von dem Altar aufgestellt. Das Gefäß war so breit wie ein Waschbecken. Der Rand war aber vorne niedriger. Hinten hatte es eine hohe Wand wie ein Bidet, die oben leicht nach vorne gebogen war. Damit fing er das ausschießende Blut fast vollständig auf. Das Material sah aus wie normale Keramik. Es musste aber etwas anderes sei - das Blut spritzte nicht davon zurück.
Die gleiche Zeremonie wurde an allen sechs oder sieben Schweinen vollzogen, die betäubt in dem Gatter lagen. Sie saßen wie versteinert. Am liebsten wären sie weggerannt. Aber sie wussten, dass in diesem feierlichsten aller Augenblicke an einen Aufbruch nicht zu denken war - weiteressen konnten sie aber auch nicht.

Ihr Nachbar hatte inzwischen wohl bemerkt, dass sie Neulinge waren - und er war doch netter, als es auf Anhieb geschienen hatte. Von sich aus wandte er sich nun an sie: "Heutzutage ist alles viel humaner", erklärte er, „nicht nur, dass die Steinigung unterbleibt, die Schweine werden auch vor der Schächtung betäubt, damit sie keine Schmerzen fühlen. Die Guillotinierung ist eine neuartige und viel wirksamere Form der klassischen Schächtung. Es geht darum, dass die Halsschlagader des lebenden Tieres durchtrennt wird - so kann es vollständig ausbluten. Das ist wichtig. Nur vollständig ausgeblutetes Fleisch ist koscher. Die Guillotinierung erlaubt auch, dass man die Ausblutung genau verfolgen kann. Und wie sie sehen – er nickte in Richtung des Auffangbeckens: Alles geht ganz sauber zu - ästhetisch. "
Sie nickten nur. Sie hätten auch nicht gewusst, was sie hätten antworten sollen.

Sobald die feierliche Opferung vorüber war, ergriffen sie die Gelegenheit zu gehen. Ihr Gastgeber war leicht zu finden. Er saß immer noch am Kopfende der Haupttafel. Sie bedankten sich und verabschiedeten sich. Er bedauerte ihren frühen Abschied: "Ich hoffe, es hat Ihnen bei uns gefallen und Sie besuchen uns einmal wieder." Das versicherten sie. Alles - nur schnell weg hier.

Als sie wieder im Auto saßen, sahen sie sich gegenseitig an. Leise begannen sie zu kichern - dann stärker. Am Ende lachten sie schallend. Sie saßen in die Sitze zurückgelehnt und hielten sich die Bäuche - Tränen in den Augen. Die Angst und die Spannung des Abends fielen von ihnen ab. "Manchmal ist mir ganz schön die Muffe gegangen", gluckste sie. "Ehrlich? Mir auch." Er machte gar keinen Versuch, den tapferen Helden zu mimen. Wenn der Abend ein Gutes gehabt hatte: Er war jenseits davon. "Das glaubt uns keiner", setzte er nach." "Keine Menschenseele." Sie schüttelte sich vor Lachen. "Das dürfen wir keinem erzählen." Einige Lachsalven später fassten sie sich langsam wieder. Sie konnten den Heimweg antreten.

"Hendrik erzähle ich etwas anderes", sagte er unterwegs. "Wie kann der uns zu so einem ‚Grillfest’ mitnehmen - ohne jede Vorwarnung?" Er schüttelte den Kopf. "Aber echt." Sie wusste auch keine Erklärung.

In der Nacht spürte sie dann die ersten wundersamen Wirkungen des Opferschweinfleisches. In ihren Gedärmen begann es zu rumoren. Als sie am nächsten Morgen von der Toilette kam, sagte sie zu ihrem Mann: "Zumindest hat das Schweinefleisch mich von der Verstopfung erlöst, die ich die ganze letzte Woche hatte. Jetzt hab ich Durchfall."

"Na, immerhin", antwortet ihr Mann, "dann wirst du dich in der nächsten Woche auch zweifellos innerlich gereinigt fühlen." Und sie mussten wieder beide lachen.
Xanthippe
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