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Regenreigen

Beitragvon entitàgratuita » Mi 05 Dez, 2012 16:31


Regenreigen

Ich weiß nicht, wie lange ich schon durch die sengend heiße Einöde gewandert war, als ich schließlich bei der Ruine ankam. Die Sohlen meiner Stiefel waren dünn und schon lange zerschunden, mein Hemd klebrig vom Schweiß und so trat ich, durstig und erschöpft, näher an das alte Gemäuer heran, in der Hoffnung, es könne mir ein wenig Schatten spenden.
Links und rechts von mir erhoben sich die Überreste stattlicher Säulen, auf denen von Sand und Sonne ausgeblichene Malereien zu entdecken waren – Spuren der Pracht, die diesen Stein einst geziert hatte. Diese maroden Überbleibsel vergangener Zeiten bildeten eine Passage, die zum Eingang der Ruine führte, einem hohen Torbogen aus grauem Sandstein, dessen klaffender dunkler Rachen schattige Kühle versprach. Gelockt von diesem Anblick beschleunigte ich meine Schritte und musste dabei ständig darauf achten, nicht über einen der tiefen Risse zu stolpern, die sich in den uralten Mosaikboden gefressen hatten.
Als ich das Innere des alten Gebäudes betrat, spürte ich zum ersten Mal seit langer Zeit einen kühlen Luftzug im Gesicht. Ich sah mich um. Das Dach des tempelartigen Baus war noch großteils intakt. Nur hie und da lagen Trümmer verstreut und Lichtkegel, die sich ihren Weg durch die Löcher in der Decke bahnten, machten den Staub der Jahrtausende sichtbar. Die Wandmalereien waren hier besser erhalten als draußen, doch verdeckten Teppiche aus efeuartigen Gewächsen, die zu meinem Erstaunen hier inmitten der Einöde gediehen, Teile dieser Überlieferungen.
Ich hatte bereits mit dem Gedanken gespielt, mich hier an einen kalten Stein gelehnt dem Halbschlaf zu übergeben, um zumindest die unerträglichen Mittagsstunden zu überbrücken, als mein Blick auf ein Licht weiter hinten im Raum fiel. Von einem seltsam ergreifenden Gefühl der Neugier übermannt, näherte ich mich der Tür, von der dieser Schein kam. Ich zwängte mich durch den staubigen Türrahmen und ließ meinen ungläubigen Blick schweifen.
In der Decke des kleinen Raums klaffte ein gewaltiges Loch, aus dem eine Lichtflut ins Innere des Gebäudes strömte. So war von der erfrischenden Kühle der Ruine hier nichts mehr zu spüren. Das Merkwürdige daran war jedoch, dass in dem gesamten Raum – im Gegensatz zum Rest des Gemäuers – kein einziges Trümmerstück zu finden war, ganz als ob jemand sich die Mühe gemacht hätte, ausgerechnet hier aufzuräumen. Doch das war nur die Spitze des Eisbergs:
In der Mitte des Raumes befand sich eine Erhöhung. Der Vergleich zu einer Bühne kam nicht von ungefähr, denn auf dieser Erhöhung waren – ich wollte meinen Augen nicht trauen! – Instrumente aufgebaut. Violinen, Bratschen, Oboen, Klarinetten, Pauken und andere. Ein ganzes Orchester war hier versammelt. Verblüfft trat ich näher. Zu jedem Instrument gab es einen schlichten Schemel und einen leeren Notenständer aus mattschwarzem Metall. Wie ich durch die Reihen des leeren Orchesters streifte, erkannte ich die dicke Staubschicht, die auf beidem lag. Hier hatte schon lange niemand mehr gespielt.
Vielleicht war es nur die Hitze, die mir zu lange auf den Kopf gestrahlt, oder aber eine verrückte Hoffnung, die ich mir irgendwo im Herzen bewahrt hatte. Jedenfalls blieb ich an einem der Plätze stehen und ließ mich auf dem verstaubten knarzenden Schemel nieder. Ich griff nach dem Instrument, das hier bereitgestellt war: Ein Cello. Den Bogen probeweise über die Saiten streichend, biss ich die Zähne zusammen. Das Instrument war hoffnungslos verstimmt. Aber da ich vor langer Zeit einmal das Spielen beherrscht hatte, machte ich mich unverzüglich daran, die Saiten passend aufzuziehen.
Ich hätte diese Zeit viel sinnvoller nutzen können. In dieser Welt, in der mir nichts geschenkt wird, ja, die mir selbst zum Feind ist, brauchte ich jede freie Minute, um mich auszuruhen und neue Kraft zu tanken. Schließlich hatte ich mein Überleben zu sichern. Für alberne Spielereien wie das Stimmen eines uralten Cellos, das ich auch dann nicht mit mir nehmen könnte, wenn ich es wollte, blieb da einfach keine Zeit. Und dennoch: Als ich schließlich die Saiten anschlug und eine sanfte Harmonie dabei vernahm, fühlte ich mich irgendwie glücklich.
Nachdenklich wiegte ich den Bogen in meiner Hand. Das Rosenholz des Schafts glänzte in der heißen Mittagssonne, als wolle es mich zum spielen ermutigen. Ich lächelte. Zunächst noch unsicher legte ich den Bogen an die Saiten und die linke Hand aufs Griffbrett. Und endlich – die Augen geschlossen und den Kopf zum Himmel gehoben – fing ich an, die ersten Töne zu spielen.
Diese Melodie hatte ich lange nicht mehr gehört, geschweige denn selber gespielt. Damals, als die Welt noch nicht eine trockene Einöde gewesen war, hatten die Menschen dieses Lied gespielt, um Regen zu beschwören. Ich fand diesen Gedanken zwar irgendwie lächerlich und zudem wusste ich von keinem Fall, in dem das tatsächlich funktioniert hätte, doch weckten jene Töne in mir Hoffnung und Trost. Und für den Augenblick war das genug.

Ich weiß nicht, wie lange ich hier gesessen habe, als das Unmögliche Wirklichkeit wurde.

Plötzlich verdunkelte sich der Raum, in dem ich saß. Irritiert hob ich den Kopf in den Himmel. Meine Hände erstarrten abrupt und die Melodie mit ihnen. Gewaltige Massen aus dunklen Wolken schoben sich über den eben noch strahlend blauen Himmel. Wie Geier um das Aas umkreisten sie die Sonne, engten sie immer weiter ein und verschluckten sie schließlich ganz. Donner rollte durch die Ruine. Ich schloss die Augen, breitete die Hände weit aus und wartete auf die so lang ersehnte Erlösung. Und da kam sie!

Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, als der erste Tropfen meine fast schon ledern gewordene Haut benetzte. Die Berührung eines Engels hätte nicht schöner sein können. Und auf den ersten Tropfen folgte der zweite, darauf der dritte und dem wiederum Milliarden anderer. Und wie ich das kühle Nass genoss, fragte ich mich, ob ich denn schon zu lange kein Wasser auf meiner Haut mehr gespürt hätte, denn so sehr die Tropfen mich auch erfrischten, so sehr brannten sie auch auf meiner geschundenen Haut.
Als ich die Augen öffnete, setzte mein Herz einen Schlag aus.
Der Regen, der sich aus dem Himmel ergoss, war schwarz. Wie Teer klebte er nun an meiner Kleidung und meiner Haut und verätzte alles, was er berührte. Meine Tränen, die sich mit dem schwarzen Regen vermischt hatten, liefen mir grau übers Gesicht. Ich wusste, dass dies das Ende bedeutete.
Im Angesicht dieser Verzweiflung tat ich das einzige, was mir noch sinnvoll erschien: Mit zitternden Händen setzte ich den Bogen an die Saiten des Cellos, dessen verschmierter Körper sich langsam mit dem schwarzen Sud füllte, und begann zu spielen. Die Töne klangen bereits hohl, doch das war nicht wichtig. Alleine war ich ja sowieso nicht zu mehr imstande als zu dieser elenden Seuche, was zählte es da schon, ob mein Instrument richtig klang? In diesem Moment spielte ich allein für mich und für keinen Regen der Welt.
Und während die kaputten Töne, die dem Rauschen des Regens trotzten, von den steinernen Wänden dieses uralten Sargs widerhallten, wartete ich inmitten des geisterhaft leeren Orchesters auf mein Ende.
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Re: Regenreigen

Beitragvon kokoschanell » So 16 Dez, 2012 13:24


ui, enti- das ist eine mysische geschichte auf den ersten blick.

da sie an sich dinge beschriebt, die nicht möglich sind und ich nicht von halluzinationen ausgehen will, die das lyrikich befielen ( das wäre zu banal), denke ich:

es ist eine fantasiegeschichte, die uns zeigt oder zeigen soll, wie unwichtig im grunde alles materielle in unserem leben ist. wie vergänglich. pracht wird zu ruinen, wir selbst zu nichts.

die episode des schlusses, am cellospielen fest zu halten, also an nichts außer dem, was uns selber wichtig ist, ziegt die wahren werte unseres lebens auf. das gefällt mir ausgesprochen gut Bild

insofern finde ich die geschichte klasse geschrieben.

Tipps:

stilmässig hast du unterschiedliche sprachschichten verwendet: z.B. " das war nur die spitze des eisberges"- die meisten passagen sind eher lyrisch geschrieben. da könnte man noch mal feilen.

insgesamt kommen mir einige passagen ein wenig zu lang vor.

alles unlogische wie z.b. eine tür und ein cello in einer ruine, schwarzer regen ect. hingegen ordne ich der fantasiegeschichte zu, die , wie ich ja schon schrieb,für mich eine tiefere aussage hat.

da ich kein spezialist für geschichten bin, folge ich bei den handwerkliche dingen eher meinem gefühl. vielleicht gibt es noch einen experten hier für kurzgeschichten, der noch eingehendere tipps geben kann.

die geschichte hat was!

lg von koko
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Re: Regenreigen

Beitragvon entitàgratuita » So 16 Dez, 2012 15:38


Hey koko ;)

Es freut mich sehr, dass du den Parabelcharakter der Kurzgeschichte erkannt hast. Deine Interpretation gefällt mir, auch wenn sie sich nicht ganz mit meiner Intention deckt. Immer wieder interessant, wie viele Bedeutungsebenen so ein Text haben kann ;) Die Schlussepisode dagegen hast du genauso aufgefasst wie ich und es freut mich, dass es dir gefällt.

Deine Tipps finde ich hilfreich, das mit den verschiedenen Sprachebenen ist mir im Schreibwahn gar nicht aufgefallen. Weiterhin könnte man die Kurzgeschichte sicherlich irgendwo kürzen, auch wenn ich mich bei sowas immer ziemlich schwer tue. Wenn ich ein wenig Abstand zum Text gewonnen habe, werde ich mal noch einmal drübergucken.

MfG entitàgratuita
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