Alle epischen Texte, die in keine andere Kategorie passen

Desillusionierung

Beitragvon vakuum » Di 15 Dez, 2015 18:47


fernstenliebe leicht gemacht via tv-
eine kleine geldspende vor weihnachten - ein bonbon
für leidende kinder in der welt
das gute gefühl individuell geleisteter entwicklungshilfe

großzügige verlosung 15 nagelneuer edelkarossen mit stern
unter allen spendern während der großen silvester-charity-gala
traumrendite für die wohltäter auf dem wohnzinmmersofa
in ruanda gehn sie zu fuß - keine straßen für dt. luxuswagen

äußerst unangenehm der übervolle bus
auf dem weg zur arbeit fremdländische gesichter
vom bildschirm auf den sitzplatz neben mich gerutscht
die ungewollte nähe zum elend erweckt unwohlsein

erwartungsvolles beobachten
der weltweit gelobten gutmenschen
spendenaufkommen und -häufigkeit
lassen auf mitgefühl schließen

"brot für die welt" zur gewissensbeschwichtigung
"caritas" als abstandssicherung
riesige verwaltungsapparate bestimmen art und verteilung der brosamen
die vom reich gedeckten tisch des wohlstands fallen

seit kurzem gibt es mindestlohn
wachstum und wohlstand jedoch braucht sklavenarbeit
hier ist sie gegen die menschenwürde und gesetzlich verboten
es herrschen faire soziale arbeitsbedingungen in diesem land




Ich weiß nicht, wie es Euch ergeht - aber die Distanz, die ich dann zu einem Thema innerlich für mich schaffe, wenn ich Verse schreibe oder gar reime, auch die Leichtigkeit, die ich mir dann meist vorstelle, will mir zum o.a. Thema schon lange nicht mehr gelingen; vielleicht hat jemand zufällig vergangene Woche auf arte "Unsichtbare Hände" gesehen, eine Doku über Sklavenhalterei und -handel im Jahr 2015...zum Heulen. Da blieb einem der Brocken Schokolade glatt im Halse stecken. Und wie äußerte sich heute auf SWR1 der Philosoph Richard David Precht: "Diese Flüchtlingsströme sind die Quittung für Ausbeutung über Jahrhunderte und die Arroganz der westlichen Länder, mit dem Lineal willkürliche Grenzen auf fremdem Kontinenten zu ziehen..." lg vakuum
Zuletzt geändert von vakuum am Di 15 Dez, 2015 19:45, insgesamt 7-mal geändert.
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Re: Desillusionierung

Beitragvon Nachfrager » Sa 19 Dez, 2015 13:11


Du siehst die Sache schon richtig, vakuum. Was wir als Durchschnittsbürger wahrnehmen sollen, entpuppt sich als purer Schein, Charity als Almosenveranstaltung des Reichtums, Entwicklungshilfe jahrhundertelang ausgesaugter, abgeschöpfter Länder als Mittel zur Vermehrung des eigenen Reichtums, und wer einem Kind einen Bonbon spendet, ist ein guter Mensch. Alles ist Schein.

Die Stärke des Gedichts ist es, dass es die unangenehmen, zu verheimlichenden Dinge ausspricht. Ich hätte ihm allerdings mehr Verdichtung gewünscht, auch sprachlich bleibt für mich einiges offen. Das, was ich als das Lyrische bezeichnen würde, das Herz jeden Gedichts, kommt meiner Ansicht nach ein wenig zu kurz. Aber dein Gedicht beleuchtet die Gegenwart kritisch, da ist keine Rede von "Uns geht es gut", es ist ein ehrliches Gedicht. Und das ist seine stärkste Stärke.

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Re: Desillusionierung

Beitragvon vakuum » Sa 19 Dez, 2015 17:48


hallo nachfrager,
ja, deine kritik ist berechtigt - fühle mich auch nicht wirklich eins mit den zeilen. trotzdem war der drang da, dieses
"außen hui - innen pfui"-gefühl in bezug auf unser aufgesetztes gutmenschentum niederzuschreiben. hätte mir mehr zeit lassen sollen.
vielleicht sollte man in zeiten des inneren ausgebrannt-seins, der restlosen erschöpfung überhaupt die finger vom schreiben lassen. und ggf.ist nicht jedes thema geeignet für verszeilen - sondern sehnt sich nach einer erörternden betrachtung, nach einem dialog, einem rein prosaischen festhalten der inhalte.
weiß nicht, wo andere das gemüt hernehmen für lichterglanz, weihnachts-tralala, christkindlmarkt und glühwein - mir steht der sinn eher nach ausreißen, aber das ist immer leichter geträumt als getan.
die schein-heiligkeit vorweihnachtlichen konsumgebarens raubt mir fast die worte.
lg vakuum
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Re: Desillusionierung

Beitragvon Nachfrager » Mo 21 Dez, 2015 11:53


Wem geht es nicht so mit der verordneten Besinnlichkeit, vakuum. Aber dir fällt es jetzt besonders schwer, verstehe. Aber vielleicht hilft das Schreiben trotzdem, muss ja nicht immer gleich der große Wurf sein. Ich wünsch dir alles Gute.

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