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Bukarest Rumble

Beitragvon HorstK » Do 18 Mai, 2017 20:22


Seit er denken konnte, war Flavi ein Querkopf gewesen. Das fing schon mit seinem Namen an. Sein Rechtsanwalts-Vater, der auch privat alles Lateinische verehrte, die Sprache, Geschichte, römisches Recht, war auf Flavius gekommen. Doch er selbst hatte schon früh auf der Abkürzung Flavi bestanden, um unter Kölner Jungs nicht damit aufgezogen zu werden. Seine Weigerung zu studieren war in den 70-ern auch kein Mitschwimmen in der allgemeinen Protestwelle gewesen, sondern Ausdruck seiner persönlichen Aversion gegen jede Fremdsteuerung.
Flavi beschloss, sein Glück woanders zu suchen, wobei ihm selbst noch nicht klar war, worin es bestehen oder wo genau er danach suchen sollte. Ein „Nein“ zu allen geregelten Bahnen musste zunächst genügen. Dazu zählte auch sein Drang, in die Welt hinaus zu ziehen, und zwar endgültig. Kurze Hippie-Spritztouren im VW-Bus durch Italien, wie Freunde sie veranstalteten, waren für Flavi eine viel zu schwache Herausforderung. Er wollte Brücken hinter sich abbrechen, Deutschland für immer verlassen.
Seine Helden waren Henry Miller, Dostojewskij, Harold Robbins und Rimbaud ... und diese explosive Mischung verlangte nach einem Ventil. Das kam in Gestalt von „Demian“ bei Hermann Hesse, der die Meinung vertrat, dass etwas, das man sich nur intensiv genug wünschte, unweigerlich eintreten müsste. Bei Flavi schlug jedenfalls das Schicksal in kurzer Folge gleich zwei Mal zu:
Ein Deutsch-Amerikaner, den er beim Militär kennengelernt hatte, war bereit für ihn zu bürgen, falls er in die USA auswandern wollte. Flavi war sogar schon in New York gewesen, um das Terrain zu sondieren und die ersten Formalitäten zu erledigen ... als ihm wenig später, in einem Bett in Afrika, die Leiterin seiner Reisegruppe ins Ohr flüsterte: „Wie wäre es, wenn du dich für den gleichen Job bewerben würdest? Wir wären Kollegen ...“
So fiel der Startschuss einer wilden Zeit, in der Flavi für ein Touristikunternehmen in zwei Dutzend Ländern arbeitete. Exotische Orte, Krisen und Katastrophen markierten seinen Weg, ebenso wie Glück und Rausch in einem reißenden Strom der Ereignisse.
Im Laufe dieser Jahre beobachtete er bei sich ein Phänomen, das ihm lange nicht aufgefallen war: Flavi hatte sich in vielen gefährlichen Situationen befunden, doch nie war ihm wirklich etwas zugestoßen! In Rio, Kairo und Bombay und anderswo hatte nicht viel gefehlt, dass man über ihn hergefallen wäre. Mit und ohne Waffen hatte es wiederholt nach einem Clinch gerochen, doch nie war etwas passiert. Er hatte nie kämpfen müssen, nie Prügel einstecken oder austeilen müssen. Wieso?
Flavi war kein friedlicher Mensch, so gut kannte er sich inzwischen selbst. In heiklen Momenten war er nicht ängstlich, auch nie weggelaufen. Wenn er seine vielen Konflikte Revue passieren ließ, entdeckte er einen anderen, gemeinsamen Nenner: Von sich aus hatte er grundsätzlich keinen Streit gesucht, weder mit den Totschlägern im Central Park noch mit Bodyguards jamaikanischer Hoteliers, mit denen er es zu tun gehabt hatte. Doch wenn es zum Fight gekommen wäre, hätte er sich nicht geduckt, sondern wäre als Erster nach vorn gesprungen. Etwas in seinen Augen oder in seiner Körpersprache schien dies zu verraten ... und mögliche Gegner abzuschre-cken. Flavi bluffte nicht, das spürte jeder. Und gerade deshalb kam es Jahrzehnte lang erst gar nicht zum Kampf. Flavi war nie scharf darauf, aber jederzeit dazu bereit.

Er ist jetzt Mitte fünfzig und hat graue Schläfen, nach seinem Ausstieg aus früheren Exzessen ist Flavi allgemein gut in Form. In Bukarest blickt er von seinem Zimmer im 15. Stock des Interconti hinunter auf den Kreisverkehr vor der Universität. Es ist ein milder Sommerabend, hinter dem Cismigiu-Park und der Oper geht gerade die Sonne unter. Flavi ist mit einer Rumänin verheiratet, gemeinsam sind sie oft in Bukarest, genießen Kultur und Besuche bei Freunden und den Rhythmus der Millionenstadt, die beide lieben. Er spricht fließend Rumänisch, fühlt sich eng verbunden mit diesem Land voller Kontraste.
Seine Frau ist mit einer Freundin schon vorgegangen zum Athenäum, wo sie heute Abend ein besonderes Konzert besuchen werden: Radu Lupu am Flügel wird Rachmaninow und Tschaikowski spielen. Flavi rückt den Knoten seiner Krawatte zurecht, nimmt noch einen Schluck Wein und zieht seine Anzugjacke an.
Vor dem Hotel wollen Portiers im Frack sogleich ein Taxi rufen, doch Flavi winkt dankend ab. In der noch warmen Dämmerung möchte er die wenigen, vertrauten Straßen zum Athenäum zu Fuß gehen. Er nimmt den breiten Boulevard Magheru und wird Teil eines Flusses von Passanten, die sich zielstrebig bewegen und jeden Entgegenkommenden aufmerksam checken. Elegante junge Paare, Bettler, Arbeiter, Zigeuner, Uniformierte und alle Facetten normaler Typen auf ihrem Weg von hier nach dort. Flavi überquert den sechsspurigen Boulevard und biegt in die Straße C. A. Rosetti ab, wo er mit einem Mal fast allein auf dem Gehweg ist. Das beunruhigt ihn nicht, er registriert es nur.
Ein Auto fährt vorbei, gegenüber steht ein rauchender Wachmann vor einem Bürokomplex, irgendwo bellen zwei Köter um die Wette. Und schräg vor ihm bewegen sich ein paar Figuren aus dem Halbschatten. Flavi erkennt, dass sie kleine Plastiktüten in ihren Fäusten haben: Straßenkinder, Klebstoff-Schnüffler. Vermutlich schon high, auf jeden Fall unberechenbar. In seinem Anzug stellt Flavi für sie das ideale Ziel dar, wie er sofort begreift. Für Beleidigungen, Bettelei, was auch immer. Doch er wechselt nicht die Straßenseite, versucht nur schnell zu erfassen, mit wie vielen er es zu tun hat.
Als er bis auf zehn Meter heran gekommen ist, sind alle versammelt. Fünf Burschen, zwei größere und drei kleine, alle zerlumpt und alle mit diesen kirren verdrehten Augen tollwütiger Hunde. Wahrscheinlich Zigeuner, vielleicht auch nicht. Der Größte von ihnen baut sich vor Flavi auf: „Geben Sie mir eine Zigarette!“
Flavi raucht nicht, und selbst wenn, käme er jetzt nicht auf die verrückte Idee, Zigaretten oder sonst etwas aus den Taschen zu holen. „Nein, aus dem Weg!“
„Willst du, dass wir sie uns nehmen?“ ruft der andere große Junge von weiter hinten.
Flavi merkt, wie sich die Bande gruppiert, ihn versucht einzukreisen. Aber er bleibt auf Distanz, konzentriert sich ganz auf den Anführer. „Ich habe keine Zigaretten, auch kein Geld bei mir. Also aus dem Weg, oder ihr kriegt Probleme!“
„Ausländer! Das ist ein Ausländer!“ kreischt einer der Knirpse, der in Flavis Rücken gehuscht ist.
Der Anführer kommt näher, wirft seine Plastiktüte weg. „Du kriegst gleich Probleme, Fotze nochmal! Her mit Geld, sonst springen wir dich an und schlagen dich tot!“
Flavi sieht aus seinen Augenwinkeln, dass der Wachmann auf der anderen Straßenseite die Szene beobachtet, aber keine Anstalten macht, einzugreifen oder Hilfe zu rufen. „Zum letzten Mal: Aus dem Weg!“ Er geht direkt auf den Halbstarken zu, aber nicht näher als bis auf Messerlänge.
Der fuchtelt jetzt mit den Armen (kein Messer zu sehen!) und treibt seine Meute an: „Springt auf ihn, los!“
Doch während sich der Kerl noch kurz nach seinen Spießgesellen umsieht, schießt Flavi schon vor und tritt ihm mit voller Wucht in die Rippen. Der Getroffene fliegt förmlich einen Meter zur Seite und landet schreiend auf dem Pflaster. „Macht ihn fertig! Na los, springt ihn an!“
Die Kleinen bleiben in sicherem Abstand, doch der andere Große pirscht sich an ihn heran. Flavi versetzt dem am Boden Liegenden noch einen harten, mit voller Kraft ausgeführten Tritt in den Arsch, und dessen Schmerzensschrei überbrüllt er: „Wer will der Nächste sein? Kommt her, ich breche euch alle Knochen!“ Ruckartig wendet er sich dem zweiten großen Jungen zu, der in seiner Bewegung erstarrt und langsam zurückweicht.
Genug, Flavi spürt, dass jetzt genug ist. Ruhig bleibt er auf seinem Fleck und lässt den Anführer, der sich keuchend die Rippen hält, auf die Beine kommen. Alle schauen nur zu, keiner sagt ein Wort. Die drei Knirpse stecken wie auf Kommando ihre Nasen in die Plastiktüten und nehmen ein paar Züge. Bis die großen Jungs sie schließlich antreiben, sich alle wieder in ihre Toreinfahrt zu verziehen.
Flavi wartet ab, bevor er weiter geht. Erst als die Bande wirklich abgezogen ist, setzt er seinen Weg fort und sieht sich um. Außer dem Wachmann gegenüber hat anscheinend niemand etwas mitgekriegt. Er überquert die Straße.
Der Mann in seiner improvisierten Uniform, ungefähr in Flavis Alter, tritt seine Zigarette aus. „Brauchen Sie Hilfe?“
„Jetzt nicht mehr, Arschloch!“ Und ohne sich umzusehen nimmt Flavi die nächste Seitenstraße, die ihn direkt zum Park vor dem Athenäum führt. Farbige Scheinwerfer beleuchten die Ziersträucher zu beiden Seiten, während die Säulenfront in weißem Licht erstrahlt. Auf den Stufen erkennt Flavi seine Frau mit ihrer Freundin. Beide tragen lange Kleider, darüber eine Stola, und winken ihm freudig zu, als sie ihn sehen.
Flavi winkt zurück und setzt noch einmal kurz einen Fuß auf eine Parkbank, um sich den Schuh zu binden. Ein Senkel muss sich beim Tritt gelöst haben. Dabei horcht er einen Moment lang in sich hinein, sieht in den schwarzen Kies unter der Parkbank. Sein Puls geht erstaunlich ruhig, er schwitzt nicht, atmet entspannt. Dann fühlt er die Taschen ab. Tickets, Handy, Bargeld und Kreditkarten, alles an seinem Platz. Bevor er sich aufrichtet, klopft er noch einmal imaginären Staub von seinen Hosenbeinen.
Arm in Arm mit seinen Damen betritt er kurz darauf das imposante Rund des Konzertsaals mit roten Plüschsesseln, Fresken und der Vorfreude auf einen unvergesslichen Abend.
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Re: Bukarest Rumble

Beitragvon findefuchs » So 21 Mai, 2017 08:55


Hallo HorstK, der Leser erlebt aus dem Off, wie der Autor, einen lebenslang passiv - aggressiven Protagonisten, den entscheidenden Befreiungsschlag seines Lebens hinlegen lässt, als ihm in der Anonymität und Dunkelheit einer Bukarester Nacht die Maske platzt, welche so lange Zeit seinen existentiellen Wunsch nach Anerkennung durch den übermächtigen Vater verborgen hat. Dabei spielt die traurige Tatsache, dass die Gegner der Hauptfigur nur Halbstarke sind, die auf dem verzweifelten Weg nach Anerkennung, ebenso zu scheitern drohen, wie er selbst, nur eine marginale Rolle spielen, da sie in Flavius' Fall, an diesem Abend nur Stellvertreter sind derjenigen Adresse, der sein zorniger Tritt tatsächlich gilt: Seinem Vater. Der Autor lässt Flavius aus dem "Rumble" und dem Umweg um die ganze Welt, zu sich selbst, zwar vielleicht "nur" als Stenz rauskommen, aber diesmal authentisch. Ab jetzt ist er, was er ist - und das ist doch was. Gelungene Charakterstudie. Gerne gelesen. finde
Zuletzt geändert von findefuchs am So 21 Mai, 2017 17:14, insgesamt 1-mal geändert.
Als ich des Suchens müde wurde, erlernte ich das Finden.
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Re: Bukarest Rumble

Beitragvon HorstK » Fr 26 Mai, 2017 09:19


Hallo Findefuchs,

danke für Deine wirklich intensiven Betrachtungen und Interpretationen meines Textes! Fast schon therapeutisch Deine Analyse des Charakters des Protagonisten - für sich selbst stehend beinahe Stoff für eine neue Story. Nun, ganz so tiefschürfend hatte ich es nicht anlegen wollen. Die Szene in Bukarest hatte ich übrigens zu 100% authentisch selbst so erlebt, während die übrigen "Marginalien" zum Teil Fiktion sind ... und das Vater-Problem bzw. -Thema hatte und hat der Protagonist zum Glück überhaupt nicht. Dennoch: Noch einmal Dank für Deinen spannenden Kommentar; freue mich, dass Du die Story gern gelesen hast!

Beste Grüße - HorstK
HorstK
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