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Der Tanz des Agakan

Beitragvon schreibs » Fr 27 Mär, 2020 15:23


Agakan stand breitbeinig vor dem Papierkorb und spitzte engagiert seinen Bleistift. Als er mit geschärfter Mine ausgestattet, seinen Aufgaben nachgehen sollte, positionierte er stattdessen sein Kinn auf der Tischplatte. Dabei versäumte er es nicht einen kläglichen, gepeinigten Gesichtsausdruck anzunehmen. "Ich verstehe das nicht" konstatierte der Zweitklässler nachdem er einen flüchtigen Blick auf sein Aufgabenblatt geworfen hatte. Ich offerierte Agakan einen strengen Blick, der ihn hin zur Arbeit geleiten sollte.
Und tatsächlich fing Agakan nun an seine Aufgaben zu bearbeiten. Nur kurze Zeit später präsentierte er mir die Früchte seiner Bemühungen "25*3=28, 8*36=44.."
"Ich habe plus gerechnet." bekannte sich Agakan mit kecker, glockenheller Stimme und schwang seine Hüfte. Ich musste mir ein Schmunzeln verkneifen. Immer wenn er sich vor einer unliebsamen, geistigen Anstrengung zu drücken vermochte, fing er an zu tanzen.
Ich ließ mich von seiner Tanzeinlage nicht weiter irritieren, sondern stellte dem Jungen neue Aufgaben zur Verfügung. Agakan nahm die Aufgaben entgegen und verbarg sein zartes Gesicht im Winkel eines Ellebogens. Er drohte mit Tränen. Als erstes fiel sein großer Bruder auf das Manöver herein. Dieser fing an Agakan liebevoll zu streicheln, um dem kleinen Kind die schwere Kränkung beim Mathelernen unterstützt zu werden, erträglicher zu machen. "Meine Augen brennen aber ich soll weiterlernen" flüsterte Agakan, wobei er Wert darauf legte mit einem entkräfteten
Tonfall zu sprechen. Ich wies Agakan an eine Trinkpause einzulegen. Mit gesenktem Haupt stapfte er aus dem Klassenraum um sich zu stärken. Nur sein vitales, rhythmisches Schnippen mit dem Finger wies an, dass Agakan alles andere als erschöpft war.

Im Flur stellte ich den kleinen Schurken "Warum arbeitest du nicht ernsthaft mit?" fragte ich ihn. Agakans Stimme zitterte
"du hast gesagt, ich soll eine trinkpause machen. Jetzt mache ich eine Trinkpause. Aber es ist wieder falsch" Meine Pupillen
weiteten sich. An dieser Stelle besaß Agakan ein gutes Antizipationsvermögen. Er lächelte besänftigend und schaute dann
ernsthaft drein. Nach einem Moment verkündete er absolut glaubwürdig" ich weiß ich mache nicht genug matheaufgaben , aber bei dir mache
ich immer am meisten mathe. mehr als in der schule" Insgeheim freute ich mich über die Bemerkung des Kindes. Bei mir arbeitete er also am meisten. Agakan war bereits wieder mit seinen kleinen Beinen auf dem Weg in den Klassenraum. Schwungvoll bewegte er dabei seine Ärmchen
zu einem schnellen Tanzschritt. Bevor er das Klassenzimmer betrat, legte er eine Drehung ein und prüfte noch einmal meine Gesinnung. Ich wusste selbst nicht genau, wie ich in dem Moment gesonnen war. Agakan jedenfalls lächelte. Dann betrat er den Raum, setzte sich auf seinen Stuhl und klagte über seine Aufgaben.
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