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Die Umarmung - eine Weihnachtsgeschichte

Beitragvon Marius Nam » Sa 22 Dez, 2012 22:33


Marc saß am Bett seiner Mutter und hielt ihre Hand. Es war Adventszeit, einige Tage vor Weihnachten, und auf einem Tischchen neben dem Bett stand ein kleiner künstlicher Christbaum, dessen elektrische Kerzen das kleine Zimmer in ein warmes Licht tauchten.
Die Hand fühlte sich an der Innenfläche ganz weich und glatt an. Wie bei einem Baby, dachte Marc. Er blickte seiner Mutter ins Gesicht. Es war von unzähligen Falten und Fältchen überzogen, die er zuvor nie wahrgenommen hatte. Aber es war noch immer dasselbe Gesicht, das er schon so lange kannte. Etwas Vertrautes lag darin, ein Gefühl wie ein geteiltes Geheimnis. Die alte Frau hielt die Augen geschlossen und auf ihren Lippen lag ein feines Lächeln.
„Ich habe kürzlich ein Büchlein gelesen, ein Bilderbuch für Erwachsene. Ich habe es dir mitgebracht, es wird dir gefallen“, sagte Marc. Seine Mutter öffnete halb die Augen und blickte ihn an. „Es handelt von der Erfindung der Umarmung“, fuhr Marc fort. „Sie wurde gegen das Alleinsein erfunden.“
Eine Weile herrschte Schweigen. Vor dem Fenster wirbelte der Wind Schneeflocken durcheinander.
„Wenn ich es mir genau überlege“, sprach Marc nach einer Weile leise weiter, „habe ich mich schon immer alleine gefühlt. Hast du mich eigentlich nie umarmt, Mama?“
Die alte Frau blickte ihren Sohn fragend und mit einem spöttischen Blitzen in den Augen an. „Du bist gerne auf meinem Schoß gesessen.“
„Ich habe mich nie gerne mit anderen Menschen umgeben, nie meinen Platz gefunden. Aber gesehnt habe ich mich danach.“
„Du hast doch deine eigene Familie. Du hast so liebe Kinder.“
Marc seufzte. „Meine Familie, ja. Ich denke manchmal, ich verdiene sie nicht. Sie sind mir so fremd. Sind wir dir auch fremd gewesen?“
Die Frau wendete den Kopf zur anderen Seite, so dass Marc ihr nicht mehr ins Gesicht sehen konnte.
„Ich frage mich“, sprach Marc nachdenklich weiter, „ob in der – Geborgenheit, die ein Kind erfährt, nicht der Schlüssel zu seinem ganzen späteren Leben liegt. Wir mühen uns so sehr, uns Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen, wir sind pflichtbewusst, diszipliniert, ehrgeizig, neugierig, und dann scheitern wir daran, dass wir andere nicht umarmen können. Wir münzen das um in Individualität, Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung, aber wir kommen niemals niemals an. Wir scheitern an einer Kleinigkeit, die wir durch alles Lernen und Streben nicht erringen können: an unserer Unfähigkeit, zu vertrauen und uns hinzugeben. – Ich habe Angst davor, mir am Ende meines Lebens eingestehen zu müssen, dass mein ganzes Leben verschwendet war.“
Wieder herrschte Stille in dem kleinen Raum. Draußen auf dem Gang knarzte eine Tür. Dann öffnete sich kurz die Tür des Zimmers und ein greller Lichtstrahl fiel herein. Eine Schwester steckte den Kopf durch den Spalt, wünschte freundlich guten Abend und verschwand wieder.
„Niemand hat behauptet, dass das Leben einfach ist“, ertönte in die Stille hinein die brüchige Stimme der Mutter.
„Ich wünsche mir so sehr, irgendwo dazuzugehören“, sagte Marc leise.
„Weißt du, mein Sohn“, die Mutter blickte ihn nun wieder an, „ich habe mein ganzes Leben gekämpft. Da waren der Krieg und die Zeit danach, als wir immer wieder umziehen mussten. Ich habe nie richtig Wurzeln geschlagen. Der frühe Tod eures Vaters. Ich musste mit deinem Bruder und dir alleine zurechtkommen, daneben die Arbeit. Ich habe immer versucht, mich so einzusetzen, wie es meine Kräfte erlaubt haben. Ich glaube, mehr kann man nicht erwarten.“
„Ich weiß“, flüsterte Marc.
„Und ich habe mich auch immer nach einer Umarmung gesehnt."
Die Frau hatte ihren Kopf zurück in das weiche Kissen sinken lassen und die Augen geschlossen. Das Gespräch hatte sie erschöpft. Marc streichelte ihre Hand und strich ihr dann eine Weile leicht über das schüttere Haar. Draußen heulte der Wind. Marc empfand die Wärme im Zimmer plötzlich als unangenehm. Er beugte seinen Kopf zum Gesicht seiner Mutter, als wollte er sie küssen. So verharrte er eine Zeitlang. Dann richtete er sich lautlos auf und verließ auf Zehenspitzen das Zimmer.


*

Marc saß am Bett seiner Mutter und hielt ihre Hand. Es war Adventszeit, einige Tage vor Weihnachten, und auf einem Tischchen neben dem Bett stand ein kleiner künstlicher Christbaum, dessen elektrische Kerzen das kleine Zimmer in ein warmes Licht tauchten.
Die Hand fühlte sich an der Innenfläche ganz weich und glatt an. Wie bei einem Baby, dachte Marc. Er blickte seiner Mutter ins Gesicht. Es war von unzähligen Falten und Fältchen überzogen, die er zuvor nie wahrgenommen hatte. Aber es war noch immer dasselbe Gesicht, das er schon so lange kannte. Etwas Vertrautes lag darin, ein Gefühl wie ein geteiltes Geheimnis. Die alte Frau hielt die Augen geschlossen und auf ihren Lippen lag ein feines Lächeln.
„Ich habe kürzlich ein Büchlein gelesen, ein Bilderbuch für Erwachsene. Ich habe es dir mitgebracht, es wird dir gefallen“, sagte Marc. Seine Mutter öffnete halb die Augen und blickte ihn an. „Es handelt von der Erfindung der Umarmung“, fuhr Marc fort. „Sie wurde gegen das Alleinsein erfunden.“
Eine Weile herrschte Schweigen. Vor dem Fenster wirbelte der Wind Schneeflocken durcheinander.
„Wenn ich es mir genau überlege“, sprach Marc nach einer Weile leise weiter, „habe ich mich schon immer alleine gefühlt. Hast du mich eigentlich nie umarmt, Mama?“
Die alte Frau öffnete die Augen und blickte Marc zärtlich an. „Mein Junge, ich habe dich immer sehr lieb gehabt. Aber es gab eine Zeit, da hast du dich nicht mehr so gerne umarmen lassen. Wir haben in solchen Momenten zu dir gesagt ‚Blümlein Rührmichnichtan‘. Du hast dich darüber natürlich geärgert. Du warst ein sehr stolzer eigensinniger, ungeduldiger und manchmal auch jähzorniger Junge.“ Sie legte ihre Hand an Marcs Wange. Er schloss die Augen und lehnte seinen Kopf gegen ihre Hand.
„Der bin ich noch immer“, fuhr er nach einer Weile fort. „Ich habe nur gelernt, mich zu beherrschen. Ich bin aber auch ein kleiner Junge, der sich nach – Geborgenheit sehnt. Immer muss man pflichtbewusst sein, immer diszipliniert, immer funktionieren. Von Kindesbeinen an.“
„Du warst immer sehr ehrgeizig. Und neugierig. Wir haben dich zu nichts gedrängt. Und du hast immer viel von dir und anderen verlangt.“
„Ich weiß“, flüsterte Marc.
„Ich musste auch immer funktionieren. Es war nicht einfach. Niemand sagt, dass das Leben einfach sei. Ich habe mir oft gewünscht, dass mich einmal jemand in den Arm nimmt. Aber das ist der Gang der Dinge. Du hast deine eigene Familie, deine Frau, deine lieben Kinder.“
„Manchmal fühle ich mich ihnen so fremd“, sagte Marc leise und Tränen stiegen ihm in die Augen. „Manchmal denke ich, ich habe sie gar nicht verdient. Hast du dich uns auch fremd gefühlt?“
„Nein. Du und dein Bruder, ihr seid immer das Wichtigste gewesen in meinem Leben. Vielleicht solltest du alles andere, all deine ehrgeizigen Pläne, weniger wichtig nehmen. Und man muss auch Geduld haben. Vielleicht solltest du die Menschen, die dich lieben, öfter umarmen. Es wäre schlimm, wenn du dich eines Tages fragen müsstest, was habe ich angefangen mit meinem Leben.“
Wieder herrschte Stille in dem kleinen Raum. Draußen auf dem Gang knarzte eine Tür. Dann öffnete sich kurz die Tür des Zimmers und ein greller Lichtstrahl fiel herein. Eine Schwester steckte den Kopf durch den Spalt, wünschte freundlich guten Abend und verschwand wieder.
„Es ist für eine Mutter nicht leicht, sein Kind loszulassen, nicht wahr?“
Die alte Frau lächelte wehmütig und blickte ihn liebevoll an. „Eine Mutter lässt ihr Kind niemals los, niemals. Das solltest du doch wissen, mein Junge. Es gibt keine größere Freude und kein größeres Leid."Sie hatte ihren Kopf zurück in das weiche Kissen sinken lassen und die Augen geschlossen. Das Gespräch hatte sie erschöpft. Marc streichelte ihre Hand und strich ihr dann eine Weile leicht über das schüttere Haar. Draußen heulte der Wind. Von irgendwo her drang gedämpft Weihnachtsmusik herein. Marc betrachtete versunken die Lichter des Christbaums und empfand eine plötzliche Wärme in sich aufsteigen. Er beugte seinen Kopf zum Gesicht seiner Mutter, und küsste sie auf die Wange. „Danke“, flüsterte er. So verharrte er eine Zeitlang. Dann richtete er sich lautlos auf und verließ auf Zehenspitzen das Zimmer.
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Re: Die Umarmung - eine Weihnachtsgeschichte

Beitragvon rivus » So 30 Dez, 2012 15:33


hi marius.

hm. eine adventsgeschichte. so kann sie sich zutragen. auch wiederholung birgt überraschung, ändert die blickwinkel, kann stärker sein als jede ratio. in deiner geschichte erweist sich die emotio so stark, dass der logos von sprachlosigkeit sogar verwandelt werden kann. hier vermag die wärtigkeit von gefühlen etwas verändern. die immobiltät ermöglicht sonderbarerweise erst die mobilität einer begegnung, die sich doch noch in augenhöhe vollzieht und etwas initiiert: die versöhnung, das verzeihen, die empathie, das aussprechen und umarmen können.

lg
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Re: Die Umarmung - eine Weihnachtsgeschichte

Beitragvon Marius Nam » Mi 02 Jan, 2013 22:12


Hallo Rivus,


Danke für deine Gedanken! Die Geschichte wurde erst in der ersten Fassung geschrieben, aber ich fand sie so unaufrichtig, einseitig, denn mit dem Vorwurf entsteht zugleich ein Keim der Versöhnung und des Verzeihens, ein Pendeln zwischen beiden Emotionen, daher die zweite Version. Man müsste beide Versionen drucktechnisch nebeneinandersetzen, um ihre Gleichrangigkeit und Gleichzeitigkeit zu veranschaulichen.

Die innere Bewegtheit in der Bewegungslosigkeit des Rahmengeschehens - du hast recht, von dieser Spannung wird die Geschichte getragen; so dezidiert ist mir das selbst gar nicht aufgefallen.

Ich wünsche dir und allen, die hier lesen und schreiben ein gutes, gesundes und vor allem bewegtes neues Jahr!


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Re: Die Umarmung - eine Weihnachtsgeschichte

Beitragvon rivus » Do 03 Jan, 2013 07:54


hi marius,
ich finde die variante nacheinander auch nicht schlecht. ich bin da auch schnell in den zeitabläufen mit demenzkranken. da gibt es mitunter auch diese effekt. ein zwei drei worte anders gesetzt und schon gibt es eine andre begegnung. das wäre sogar in deiner geschichte ausbaufähig.

vlg und auch dir ein gesundes neues jahr
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Re: Die Umarmung - eine Weihnachtsgeschichte

Beitragvon kokoschanell » Sa 05 Jan, 2013 13:26


hi marius,

ich kann mich da rivus nur anschließen. die geschichten grade im blick der demenz und aufarbeitung kurz vor dem tod, solltet du verbinden. vielleicht mit " einen tag später".
gerade durch die gleichartigkeit entstehen unterschiedliche schienen, die dann letztendlich zur versöhnung und annäherung führen.

es ist mühsam, ein leben aufzuarbeiten und menschen machen fehler.
das käme gerade durch die verknüpfung beider geschichten zum ausdruck. die entwicklung, die es uns doch ermöglicht, andere wege zu gehen.

ausserdem wäre es eine schöne kreation- eine doppelgeschichte, sah man noch nie.

lg von koko
Vielleicht stünde es besser um die Welt, wenn die Menschen Maulkörbe und die Hunde Gesetze bekämen.

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Re: Die Umarmung - eine Weihnachtsgeschichte

Beitragvon Marius Nam » Mi 09 Jan, 2013 23:25


Hallo rivus und koko,


vielen Dank für diese Anregung. Eine wirklich sehr gute Idee, die ich aufgreifen möchte!


LG,


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Re: Die Umarmung - eine Weihnachtsgeschichte

Beitragvon Naveed123 » Di 03 Sep, 2013 09:37


Du hast doch deine eigene Familie. Du hast so liebe Kinder.“ :kuchen:
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