Prosa Versuch, Einleitung einer Geschichte

Beitragvon kernbusch » So 10 Apr, 2011 14:09


Auf dem Nachtisch ein Papiertütchen
mit handbeschriebenem Etikett.
Überall Flaschen.
Ein Blutfleck im Laken,
noch keine beunruhigende Größe. Dieser Morgen schwebt auf einer
angenehmen Temperatur. Draußen knallt eine Fehlzündung,
macht meine Ohren frei für fremde Geräusche.

Der Muezzin aus dem angrenzenden, arabischen, Teil der Stadt
erhebt seine Stimme.

Ein Geschwader Kampfjets jagt in provozierendem Tiefflug
über seine Rufe.

Jemand brüllt Namen, im Gang knallt eine Tür, ein Mann
beginnt zu singen. Ich pinkle im Stehen ins Waschbecken,
die Hände im Nacken verschränkt.

Ich bin dünn geworden.

Es klopft.

Ja?

Ihr Frühstück.

Bitte!

Ein Bediensteter huscht durch das Zimmer, stellt ein Tablett ab, sein Körper schlurft zurück in den Flur ,mein Glied liegt
schlaff auf kühlem Porzellan.

Das Bad hat eine ungesunde Farbzusammenstellung.

Der Kaffee ist übertrieben heiß. Ich schütte eine Unmenge Zucker hinein und trinke meine erste Tasse am Fenster. Die Sonne hat ihr Rouge abgestreift,
zwirbelt heiligen Staub über die Dächer.

Zur ersten Zigarette, binde ich mit zugekniffenem Auge meine Uhr um.Ist noch genug Zeit.

Wenn alles gut geht, werde ich noch drei Tage leben.

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Ist mein erster Prosa Versuch, soll mal eine kleine Geschichte draus entstehen.
Zuletzt geändert von kernbusch am So 10 Apr, 2011 16:39, insgesamt 3-mal geändert.
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Re: Prosa Versuch, Einleitung einer Geschichte

Beitragvon Smilodon » So 10 Apr, 2011 16:13


Lieber kernbusch,

insgesamt muss ich sagen, dass ich deinen kleinen Prosaauszug gerne gelesen habe und wenn es wirklich dein allererster Prosaversuch war, ist dir das nach meinem Beurteilen gut gelungen.

Es ist schwer, den Inhalt dieses kleinen Fetzchens zu beurteilen, da es ja anscheinend nur die Einleitung zu einer längeren Geschichte sein soll. Aber diese Wendung, dass er nur noch ein paar Tage zu leben hat und - so lese ich es - wohl schwerkrank ist oder, das war überraschend, auch wenn es rückwirkend sehr gut zu dem passt, was du vorher begonnen hast. Diese leicht lakonische Weltsicht, diese sich schon Aufgegebenhaben, das kingt schon die ganze Zeit durch deine Zeilen. Das schlaffea Glied auf dem Porzellan ist wohl ein Sinnbild für das Innenleben deines Prots.

Mit ein paar Stellen war ich aber dann doch nicht so ganz einverstanden und ich versuche mal den Text ein wenig Stück für Stück auseinanderzunehmen. Das mache ich auch sonst gerne und gerade hier in der Schreibwerkstatt soll das ja erlaubt sein.

Auf dem Nachtisch ein Papiertütchen
mit handbeschriebenem Etikett.
Überall Flaschen.
Ein Blutfleck im Laken,
noch keine beunruhigende Größe. Dieser Morgen schwebt auf einer
angenehmen Temperatur. Draußen knallt eine Fehlzündung,
macht meine Ohren frei für fremde Geräusche.

Da merkt man, dass du dich sonst wohl eher mit Gedichten beschäftigst. Sprachlich finde ich es durchaus gelungen, ich mag diesen Stakkatostil ("Überall Flaschen. Ein Blutfleck im Laken. Noch keine beunruhigende Größe" etc etc., wenn es um Beobachtungen geht.) Die Zeilenbrüche würde ich aber rausnehmen. Punkt und Komma reichen denke ich aus, um das Stoppen der Stimme zu unterstreichen. Ansonsten gefällt mir der Einstieg, weil er gleich ein wenig rätselhaft ist - was ist da drin in dem Papiertütchen? Und dass der Blutfleck noch keine beunruhigende Größe hat mag ich auch, insbesondere das "noch", das schon mehr vorwegnimmt und den Leser bei der Stange hält. Auch sehr gerne habe ich die knallende Fehlzündung gelesen, das der Ich-Erzähler als Anstoß nimmt, um die Ohren frei zu machen.

Der Menuizzin aus dem angrenzenden, arabischen, Teil der Stadt
erhebt seine Stimme.

Ein Geschwader Kampfjets jagt in provozierendem Tiefflug
über seine Rufe.

Dieser Teil stört mich an deinem Text. Es sei denn, dass du einen Roman über einen realen Glaubenskrieg mitten in einem westeuropäischen Land einleiten möchtest, bei dem Kampfjets Moscheen bombardieren. Ich sehe bisher noch keinen Zusammenhang zu dem Islamthema in deinem Text, aber das könnte ja noch kommen, daher ist das schwer zu beurteilen. Dennoch finde ich es ziemlich platt und brechstange, gleich im nächsten Satz Kampfjets durch die Rufe des Muezzins (!) (Tippfehler bei dir) jagen zu lassen, und dann auch ein ganzes Geschwader. Ich bin nicht sehr in Sachen Militärverwaltung bewandert, aber ein Geschwader bezeichnet meines Wissens eine ganze Kampfeinheit der Armee, also beispielsweise alle Kampfjets der Bundeswehr, die derzeit in Afghanistan sind, würde man als Geschwader bezeichnen. Aber ich kann mich auch täuschen.
Aber eigentlich ist das auch niht ganz so wichtig, insgesamt ist es mir einfach zu sehr brechstange, um auf das Thema Islam/Glaubenskrieg hinzuweisen, du prügelst es dem Leser ja geradezu in den Schädel dabei. Außerdem habe ich mich gefragt, ob das eine Stimme eines autorialen Erzählers sein sollte oder ob diese Sätze immer noch aus der Sicht des Ich-Prots stammen sollen. Ersteres würde irgendwie nicht zu dem Rest des Textes passen und bei zweiterem passt die Sprache irgendwie nicht zu dem Rest. Statt "aus dem angrenzenden, arabischen Teil der Stadt" würde der Prot doch eher "aus dem Türkenviertel nebenan" sagen, oder?

erhebt seine Stimme.

Hier fände ich es schön, noch zu erfahren, wie die Stimme auf den Prot wirkt. Wahrscheinlich als schrill, unangenehm, lästig, etc. Aber vielleicht ist er ja auch selbst Moslem und fühlt sich schlecht, weil er nicht zum Gottesdienst kann o.ä. Das kommt natürlich darauf an, worauf du mit der Geschihte später als ganzes hinauswillst, aber ich glaube, dass sich diese Stelle schon für ein paar erste kleine Andeutungen eignen würde. Außerdem könntest du die Kampfjets auf ihrem provozierenden Tiefflug dann weglassen.... - dann würde der Text mMn wesentlich stimmiger.

Jemand brüllt Namen, im Gang knallt eine Tür, ein Mann
beginnt zu singen. Ich pinkle im Stehen ins Waschbecken,
die Hände im Nacken verschränkt.

Dafür gibts von mir dagegen ne Eins mit nem halben Sternchen!
Ein halbes Sternchen nur, denn auch hier sind die Zeilenumbrüche eher störend, finde ich. Im Folgenden würde ich auf die Leerzeilen zwischen der wörtlichen Rede verzichten, aber das ist nur ne Frage der optischen Präsentation.

Ein Bediensteter

Vllt besser: "Der (Zimmer-)Kellner"

Schritte huschen zurück in den Flur

Schritte huschen nicht. Der Kellner huscht oder meinetwegen seine Beine, aber nicht seine Schritte.

mein Glied liegt schlaff auf kühlem Porzellan.

Gibt es wirklich Leute, die Glied zu ihrem besten Stück sagen? Schwanz oder Pimmel oder (was allerdings nicht zum Erzählerton passen würde:) Penis. Aber doch nicht Glied! Wenn du mit Religion spielen willst, kannst du auch darüber nachdenken, "meine Vorhaut" oder "meine blanke Eichel" zu schreiben.
Den Zeilenumbruch raus und ich würde nach dem auf noch den bestimmten Artikel setzen, also "auf dem kühlen Porzellan".

Das Bad hat eine ungesunde Farbzusammenstellung.

Nach so einem Satz erwarte ich als Leser eigentlich eine Beschreibung des Bades. Ich will mir das Bad ja vorstellen können,wenn es schon so außergewöhnlich zusammengestellt ist. Also meinetwegen: "Kotzbraune Fließen mit einer rosaroten Duschwanne und einem knallgrünen Blümchenduschvorhang" :D

Ich gebe eine Unmenge Zucker hinzu

"hinzugeben" klingt für mich mehr nach Oma im Wiener Kaffeehaus. Dein Prot schüttet, kippt, o.ä. Oder auch das Gegenteil: Er streut den Zucker nach und nach in die Tasse und schaut zu, wie sich die Teilchen auflösen. Aber er gibt keinen Zucker hinzu.

und trinke meine erste Tasse am Fenster.

Das klingt ein wenig komisch, auch wenn ich gerade leider nicht erklären kann, warum. Das darauf folgende Rougeabstreifen und Zwirbeln gefällt mir dagegen wieder sehr gut, und der heilige Staub ist sicher passend und ein schönes Bild, wenn es um Religion gehen soll.

binde ich mit verkniffenem Auge meine Uhr um.

Kein Komma nach der Zigarette und das Auge ist eher zugekniffen als verkniffen.


Insgesamt aber trotz des kritischen Zerpflückens wirklich gerne gelesen und gespannt auf eine Fortsetzung,

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Re: Prosa Versuch, Einleitung einer Geschichte

Beitragvon kernbusch » So 10 Apr, 2011 16:29


Hallo Smilodon, vielen Dank für die Texarbeit.

Bestimmte Änderungen, wie Muezzins, werde ich direkt am Originaltext vornehmen, das finde ich einfacher für spätere Leser, die dann nicht nach der aktuellen Version suchen müssen.

Ein Geschwader kann übrigens auch aus nur ein paar Jets bestehen.

Die Handlung begint in Jerusalem und da gehör(t)en kleine Provokationen durchaus zum Alltag.

Den Teil mit den huschenden Schritten überdenke ich mal.

Das Bad/ungesund soll nur ein Hinweis auf Krankheit/Tod sein, ich bin allerdings kein Freund von Texten, die alles bis ins kleinste ausschmücken wollen.

Sieh es von der Form her auch lieber wie ein Theaterstück/Drehbuch.

Erstmal vielen Dank!

lg

Mathias K.
Zuletzt geändert von kernbusch am So 10 Apr, 2011 16:34, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Prosa Versuch, Einleitung einer Geschichte

Beitragvon Smilodon » So 10 Apr, 2011 17:14


Ah, okay, dass das Ganze in Jerusalem spielen soll, ist natürlich logisch und gibt dem ganzen nochmal eine andere Perspektive. Dann ist natürlich etwa mein Vorschlag "arabischer Teil der Stadt" durch Türkenviertel zu ersetzen, Unsinn, und überhaupt eröffnet das ein paar neue Lesarten. Die Kampfjetstelle ist mir dann aber wahrscheinlich immer noch zu aggressiv, aber ansonsten glaube ich wirklich, dass die Einleitung gelungen ist und hoffe, früher oder später den nächsten Teil hier lesen zu können.

LG, Smi
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