Horrorgeschichten, Krimis

Der Fall Herbst I

Beitragvon Graubrot » Mi 08 Jul, 2015 16:08


Caput I

Herbst stammte von einer kleinen Südseeinsel in der Nordsee, die westlich der Ostsee lag. Er war ein ziemlich langweiliger kleiner Mann von moderater Größe. In Wirklichkeit war er ziemlich riesig für einen Menschen, nur eben persönlich klein. Ein Scheinzwerg könnte man sagen. Herbst wohnte allein auf einem ausgedienten Weinberg unweit von Dresden , jedoch nicht in Berlin. Noch weniger, als er in Nürnberg lebte, besuchte er täglich den Viktualienmarkt, da dieser zwar erreichbar, jedoch in Anbetracht des Weges ein Wagnis darstellte. Dem Leser sei an dieser Stelle gesagt, dass der Weg zu besagtem Markt für Herbst nur über einen Pass erreichbar war, der von oben durch wenige Feinde leicht hätte gesperrt werden können. Der Protagonist -mit anderen Worten Herbst- verschwendete darauf folglich keine Gedanken und kümmerte sich um das tägliche Leben, das in der Bundesrepublik, die im Ganzen in drei Teile geteilt war; nämlich in das räuberische Friesland im Norden, die umspannende Lausitz, in der er wohnhaft war, im Zentrum und südlich die Zugspitzenlande, die sich dem Montblanc befriedet sahen; nicht schwer ausfiel.
Zuerst sei hierzu der Weinberg erwähnt, der halb verwaist quasi zu Herbsts Füßen lag und die tage zu zählen schien, bis er wieder im alkoholischen Gewand erstrahlen konnte, was noch einige Jahre dauern würde, so der Berg. Eine Niederung der Brandenburger Voralpen umschloss ihn und in dieser Senke mochte er schmächtig gewirkt haben, was allerdings über seine ausgezeichnete Lage hinwegtäuschte; waren doch alle seine Hänge jederzeit von güldenem Schein getränkt und in die buntesten Heidekräuter gehüllt, die diese Hemisphäre vorzuzeigen hatte. Oft kamen die kleinen Mädchen über die ringsum gelegenen Hügelrücken und Herbst hatte alle Mühe, sie vom Blümenpflücken und damit der Zerstörung seines Territoriums sowie der Natur abzuhalten, indem er Gift ausstreute und mit seiner Büchse auf der kleinen Holzplattform seines Häuschens Wache hielt, um ihnen Warnschüsse vor die Füße zu schicken.
Jenseits des kleinen Beckens, also von Herbst gesehen hinter dem Hügelrücken erstreckten sich Hektarweise unberührteste Städtelandschaft, die fleißig Kohlenstoff produzierte, um die empfindliche Balance zu halten zwischen Mensch und Ästhetik. Ein Romantiker mochte diesen Weinberg geküsst haben, wäre er so nah heran gekommen, bevor er eine Kugel zwischen den Augen hatte, denn Herbst war bürgerlicher Realist,obwohl er in der Schule nur den Biedermeier kennengelernt hatte.
Auf besagtem Hügel in besagter Senke stand nun besagtes Haus von besagtem Herbst. Es handelte sich dabei um eine kleine Villa, die in die Gründerzeit gepasst hätte. Ihr Äußeres war geprägt von kleineren Macken, wie abblätternder Farbe oder einer schiefhängenden Kinderscheuche, was jedoch nicht ihr imposantes Auftreten vernichtete. Dieses Gebäude hatte Charisma, Eier, wie man im Rundfunk sagen würde. Hier wurde Geschichte geschrieben. Oder ähnliches. Die dreistöckige Schönheit erstrahlte in mehreren Stilebenen, die auf den Etagen fließend ineinander übergingen. Ihr Grundriss nahm exakt die Spitze des Hügels ein. Sobald man über sie hinausschritt, sah man sich dem anfangs stark abfallenden Hang gegenüber. In das Spitzdach des schlanken Baus fügte sich passgenau eine Plattform aus Mahagoniedielen ein, von der das ganze Becken überschaut werden konnte. Dem Leser sei gesagt, dass dies oben schon erwähnt wurde.
Zu Herbst selbst bleibt zu bemerken, dass sein Leben bis zu diesem Punkt ziemlich normal verlief, was sich dank auktoriellem Eingriff glücklicherweise verändern lässt. Er besuchte die Universität von Göttingen als Kantinenaufsicht nachdem er in München studiert hatte. Geboren wurde er in Amsterdam, was hier aber unerwähnt bleiben soll. Nach einigen jeweils einjährigen Praktika als Manager und Intendant entschied er, besagten Hügel zu erben. Dort lebt er bis zu dem Tag, an dem der Leser dies liest.

Die Sonne erklomm gerade die Hügelfront im Nordosten, als Herbst seinen Frühsport vor dem offenen Fenster im dritten Stock des Häuschens machte. Sie schien ihm ins Gesicht, also zog er seine Hawaiibrille heraus und lachte verdrießlich. Eier explodierten am Pfannenrand und ergossen qualvoll, ob ihres willkürlichen Todes, ihre Gedärme in die Glut des neuen Morgens. Die Schreie nahm Herbst gar nicht mehr wahr. Lässig fischte er mit dem bloßen Finger in der Pfanne herum, nachdem er sie drei Minuten vom Herd genommen hatte. Grell wanderten die Sonnenstrahlen über den Küchentisch, als Herbst seinem Speck mit den bloßen Zähnen die Lenden zerriss. Sein Blick fiel auf die Sonnenuhr, die, zum Schutz vor Überhitzung - sie lief schnell heiß-, in dem dunklen Alkoven hing, in dem er schlief.
Es war Zeit. Jetzt würde er für exakt drei bis sechs Minuten warmes Wasser haben. Diese seltsam anmutende Tatsache ergab sich aus der Angewohnheit des Klärwerkvorarbeiter Theophil Greiner, die Pumpen pünktlich zum Sonnenaufgang verstärkt arbeiten zu lassen. Greiner, ein schmächtiger Bursche von achtundzwanzig Jahren, der im dunklen der Potsdamer Vororte groß geworden war und aufgrund einer Privatdeprivatisierung nur sehr grobschlächtig sprach, arbeitete weder hart noch schludrig und erzielte so größte Zufriedenheit bei seinem Vorgesetzten. Dieser hingegen war verheiratet mit der Cousine eines bekannten Schlagersterns, der allerdings in der Geschichte verschütt ging.
Herbst war das alles jedoch reichlich egal, solange er Warmwasser und eine Ebenholztäfelung im Badezimmer hatte. Wie er so vor dem Waschbecken stand, bemerkte er etwas zutiefst mysteriöses: Obwohl er die Neonbeleuchtung eingeschaltet hatte, wollte und wollte es nicht hell werden. Die schattigen Ecken wirkten bedrohlich mit all ihrer Dunkelheit und dem Kram, der auf Tiere und eklige Sachen schließen lässt. In einem Anflug von Panik riss sich Herbst die Sonnenbrille von den Augen und wusch sein Gesicht, wie er es geplant hatte. Nach dem Zähneputzen mit kreisförmigen Bewegungen kramte er die Zahnseide aus der Tasche seines Hemdes und legte sie auf die Armaturen. Hier würde sie niemanden mehr gefährden konnten. Als Herbst sich hinlegte, um noch ein bisschen zu dösen, entschloss der Autor, dem Leser dies zu ersparen und etwas anderes zu beschreiben.
Im Sommer wurde der besagter Weinberg oft von Touristen mit Rucksack heimgesucht, die es zu exorzieren galt. Dafür hingen stets Geißel und hochprozentiges Weihwasser bereit, die jeden noch so hartnäckigen Blumenschnüffler vertreiben konnten.
Im Zuge der spätbayrischen Eroberungen von 1960 waren alle Kleinbauern vertrieben worden, um ihr Eigentum den Evangelischen Kirchen zur Erbauung von Beichtstühlen bereitzustellen. Dies geschah ohne Einverständnis der absoluten Brandesregierung, die in Berlin manchmal tagte, jedoch ohne erkennbaren Nutzen und zu horrenden Preisen. Eine allgemeine Inflation war die Folge und in den rheinischen Gebieten brach der Ruhrkampf aus, der in den vorigen Jahrhunderten undenkbar und auch jetzt keinen Sinn zu haben schien. Wenige Monate später stellte sich jedoch überraschend heraus, dass die Kölner in ihrem wirtschaftlich unbedeutenden Umland lediglich den Karneval erfunden hatten, um mit der Depression der Inflation klarzukommen. Die daraus resultierende Verwirrung nutzen wiederum die Hunnen, um einen erneuten Angriff auf Friesland durchzuführen, was jedoch an ihrer mangelhaften Ausrüstung angesichts des eisigen Klimas friesischen Winters scheiterte.
Herbst wachte gegen Abend auf. Es lohnte nun nicht mehr, zu tun, was er tun wollte, wobei er wusste, dass es möglich gewesen wäre, denn die Sonne war noch da und so spät sollte es nun auch nicht gewesen sein, also schlief er weiter.
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Re: Der Fall Herbst I

Beitragvon rivus » Fr 24 Jul, 2015 07:32


hi graubrot.


leider habe ich schon lange keinen wirklichen zugang zur epik, dennoch las ich deinen der fall herbst I. er hat dichte und phantasievolle textpassagen, die mir gefallen. dennoch würde ich zum beispiel die ansprachen an den geneigten leser weglassen. auch manche beschreibungen, verzeih mir bitte, scheinen mir überflüssig, wie das besondere erwähnen des protagonisten, der schon am anfang ausführlichst vorgestellt wird. die geschichtsidee an sich ist witzig und lebt beim lesen fort ... manchmal kippt mir der erzählductus zu sehr ins seichte, überhöht saloppe. schade eigentlich ...

es grüßt der rivus

p.s.: mit mehr sorgfalt bitte auch die groß- und kleinschreibung beachten!
Zuletzt geändert von rivus am Fr 24 Jul, 2015 07:35, insgesamt 1-mal geändert.
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