Märchen, Science Fiction, Fantasy

Der Kampf des kleinen Mannes gegen die Bürokratie

Beitragvon seraphimo » Mi 25 Nov, 2009 18:18


Der Fahrstuhl – wenn man ihn denn so nennen mochte, es war eigentlich eher ein Fallstuhl – polterte mit der vollen Kraft der Erdanziehung abwärts. Abwärts trug er den kleinen Mann, dessen Gedanken fortwährend um das Papier kreisten, das er zwischen den Fingern knitterte. Abseitig beschieden, hieß es dort. Abseitig beschieden. Heute morgen durch den Behördenkurier. Nun zirkelte er in einer entrüsteten Spirale in die Tiefe, seinem Ziel und seiner Laune entgegen. Denn er war wütend, hatte sich wohl lange geduckt, doch einmal war genug, quoll das Faß über. Er drängte nach dem Schuldigen an all dem Ungemach, dem Monster, der Bürokratie.
„Hallo“, meldete sich das Mädchen zu seiner Seite. „Kennen wir uns denn nicht?“ Er war unschlüssig. Im Zerrbild der vibrierenden Aluminiumverkleidung sah sie zwar aus wie ein Monster, doch wer nicht? War auch sie abseitig beschieden? Das war kein Spaß. Ein solches Urteil konnte ganz leicht das Ende der Karriere bedeuten. Dem kleinen Mann war das nur allzu sehr bewusst. Karriereende mit 18 Buchstaben: Abseitig beschieden.
Scheinbar erkannte das Mädchen die aufgewühlte Seele unter seiner maskenhaften Fasade. Womöglich könne sie helfen, erklärte sie, schließlich sei sie die Muse der Geschädigten. Tatsächlich war sie recht hübsch, musenhaft, zumindest in der Vorstellung, die er aus den Augenwinkeln heraus gewonnen hatte. Durchgeknallt vielleicht, aber hübsch.
„Weißt du, worauf du dich einlässt?“, forschte die Muse. Er verneinte, denn wer kannte schon die Bürokratie. Sie sei ein siebenköpfiger Drache, belehrte die Muse, der alles, aber auch wirklich alles zu verschlingen vermag. Doch damit nicht genug, denn auf dem Weg zu ihr müssten erst noch viele ihrer Schergen überwunden werden.
„Mit denen werden wir kämpfen.“ Aus ihrem knappen Kleidchen zog sie zwei hölzernen Stempel. Einen davon drückte sie dem kleinen Mann in die Hand. Das Wort „erledigt“ zeichnete sich dort in Spiegelschrift ab.
Schon prallte der Fahrstuhl auf Grund, die Kabinentür flog auf und spuckte sie aus in ein düsteres Gewölbe. Mann samt Muse rappelten sich auf, sahen sich um. Berge von Papier türmten sich hier. Es war die erste Amtsstube der Behörde, die Höhle der Ablehnung.
„Die müssen wir alle erledigen.“ Sogleich stürzte sich die Muse auf den ersten der gewaltigen Stapel, der kleine Mann ihr nach. Das Blattwerk wehrte sich, schnitt mit scharfen Kanten blutende Wunden. Im Rascheln der wirbelnden Papiere drangen Worte an sein Ohr. „Versagerâ€
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Re: Der Kampf der kleinen Mannes gegen die Bürokratie

Beitragvon Ruelfig » Mi 25 Nov, 2009 20:40


Hallo Seraphimo,
willkommen in diesem Forum.
Dein Text ist amüsant, die Idee ist originell, die Ausführung über weite Strecken gelungen. Für meinen Geschmack könntest du das noch ziemlich straffen und korrigieren (einige Tipp- und grammatikfehler, angefangen beim Titel). Ich würde mir auch noch wünschen, dass alle wertenden und erklärenden Begriffe verschwinden könnten (z.B. "wenn man ihn denn so nennen mochte, es war eigentlich eher ein Fallstuhl", da braucht es "wenn man ihn denn so nennen mochte" eigentlich nicht oder "(Denn eher findet ein Kamel Eingang in das bürokratische Innerste, als ein Geschädigter samt Muse.) Das erklärt sich der Leser lieber selber.
Also, wie gesagt, in einer gekürzten und fehlerfreien Version könnte mir das mehr zusagen. Dass Bürokratie von Übel ist, darauf muss man nicht mehr extra hingewiesen werden.
LG,
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Re: Der Kampf des kleinen Mannes gegen die Bürokratie

Beitragvon seraphimo » Do 26 Nov, 2009 07:24


moin r,
tippfehler in der ueberschrift ist natuerlich eine boese panne :D
sich der wertenden kommentare zu enthalten, daran muss ich tatsaechlich noch arbeiten. danke fuer den hinweis. ich werde sehen, ob und wann ich die story nochmals redigieren kann.
beste gruesse,
sera...
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Re: Der Kampf des kleinen Mannes gegen die Bürokratie

Beitragvon Antibegone » Sa 09 Jan, 2010 14:10


Huhu seraphimo :)

Erst einmal möchte ich dich herzlich begrüßen, da wir das Vergnügen wohl noch nicht miteinander hatten.
Ich sehe, du hast den Text im November eingestellt und frage mich, ob du überhaupt noch Interesse an Kritik bzw. dem Forum hast, da du dich ja auch länger nicht angemeldet hast. Trotzdem würde ich dir gerne ein paar Worte zu deiner Geschichte mit auf den Weg geben und hoffe einfach nur insgeheim, dass du sie irgendwann liest ;)

So, nun aber zum Thema:
Ich freue mich. Ja, das tue ich. Über deinen Text. In letzter Zeit habe ich wenige tatsächlich erzählte Texte gelesen; Prosa kann viele Formen haben, lyrisch, fragmentarisch, was weiß ich was noch sein… solches habe ich viel gelesen. Da ist es schön mal wieder jemanden zu lesen, der wirklich daran interessiert ist eine Geschichte zu erzählen. Und das kannst du und das hat mich gefreut.
Es kam mir fast wie ein Märchen vor; so viel Fantasie, kleine Ideen, sogar den Spannungsbogen kannst du einigermaßen ziehen, schön, sehr schön. Ich werde (inhaltlich) mal der Reihe nach durchgehen:

Du fängst unmittelbar an im Fahrstuhl; ein guter, spontaner Einstieg. Dort trifft er auf die „Muse der Geschädigten“. Die Idee der „trockenen“ Bürokratie ein mythologisches Wesen der Künste gegenüber zu stellen, halte ich für gelungen. Ich finde es nur etwas schade, dass du offen lässt, warum sie die „Muse der Geschädigten“ ist und, was sie als dieses ausmacht. Vielleicht gehe ich nicht weit genug in der Interpretation, in welcher sich mir dies erschließen würde, aber dann: Angesichts der Einfachheit des Textes und seiner Nähe zum Märchen, wäre doch eine kreative Erklärung wünschenswert, oder? An der Stelle noch etwas: Ich habe null Ahnung von Bürokram und womöglich liegt es daran und ist ein persönliches Nichtwissen, aber was ist: Abseitig beschieden? Oder hätte die Bedeutung von "Abseitig beschieden" mir jetzt den Schaden des Mannes verraten und somit die Verbindung zur Muse? Vielleicht klärst du mich ja einfach auf.
Okay, die beiden fahren jetzt abseits in Richtung Bürokratiehöhle. Gibt es eigentlich einen bestimmten Grund, warum sie dort landen - bzw. warum der Fahr/ Fallstuhl sie dorthin bringt? Liegt das an den Gedanken des kleinen Manns, hat er schon von Anfang an den Plan? Oder der Muse, die plötzlich einfach da ist, bringt sie ihn dort hin? Manchmal lässt du solche Sachen offen, dadurch entstehen „Lücken“ im Erzählgewebe, bzw.: Du überlässt es dem Leser nach der Antwort zu „suchen“, an manchen Stellen kann man aber nur raten - oder habe ich es einfach übersehen? -, was unbefriedigend sein kann. Außerdem wäre deine Geschichte „geschlossener“, „runder“ wie man so schön sagt, machte die Handlung nachvollziehbarer. Mir persönlich ist das erst nach mehrmaligen Lesen aufgefallen. Beim ersten Lesen empfand ich die Geschichte als sehr flüssig und gut zu lesen, verständlich. Ist halt die Frage, ob du willst, dass es bei näherem Hinschauen so bleibt oder du das vernachlässigen willst.
So, die Muse rüstet den kleinen Mann jetzt mit Waffen aus; Stempeln. Ich finde die Idee eigentlich ganz gut, ist sehr kreativ, hat was. Allerdings: Sie kämpfen mit den Stempeln in der Höhle der Ablehnung - wenn Anträge etc. abgelehnt sind, sind sie dann nicht auch erledigt? Warum müssen sie dann noch „erledigt“ sein? Müsste es nicht eher eine Höhle der „unbearbeiteten Anträge“ oder des „aufgeschobenen Papiers“ oder so sein?
Den Kampf an sich finde ich nicht schlecht geschildert. Danach kommen sie zu den Sekretärinnen. Auch sehr interessant, sie als „Grazien“ darzustellen, die „hohl“ sind. „Wie würde die Bürokratie ohne Sekretärinnen funktionieren“ - die Frage lässt die allerdings unbeantwortet; ist vielleicht künstlerische Freiheit, möglicher Weise willst du es auch dem Leser überlassen. Ich persönlich bin damit nicht so glücklich, aber ist Geschmackssache; ich kann auch verstehen, wenn du nicht alles plakativ erklären willst und „Freiräume“ lässt. Dass man dann zum Schluss die Bürokratie mit Humor besiegen kann, finde ich gelungen.

Du merkst an dem Spannungsbogen, dem Handlungsverlauf hab ich gar nichts zu meckern, der ist dir wirklich geglückt. Auch weiß ich die Ideen, die dahinter stecken, zu schätzen. Ich meine aber, dass das, was du hier präsentierst, eigentlich ein „Rohentwurf“ ist; einige Stellen sind einfach nicht glatt, die Details fügen sich noch nicht richtig ein. Es fehlt eine Überarbeitung, denke ich. Vielleicht guckst du dir die Stellen einfach noch mal, die mir ins Auge gefallen sind, schaust, ob du sie so lassen möchtest oder, ob du sie nicht noch verbessern könntest. Mir läge durchaus etwas daran, die Geschichte in einer „runderen“ Form zu lesen, deswegen mache ich mir diese Mühe, ich kann nur hoffen, dass es dir hilft.

So, jetzt zur Sprache. Also ich finde an sich ist deine Sprache relativ einfach; aber das passt ganz gut, sie ist erzählerisch, vermittelt Spannung, könnte vielleicht an einigen Stellen „mutiger“ werden. Manchmal benutzt du Redewendungen anstatt deine „eigenen Worte“ zu benutzen, das ist eigentlich schade. Mit Worten muss man nicht so streng umgehen, schon gar nicht, wenn man kreativ schreibt. Ich denke deine Sprache könnte viel lebendiger, mitreißender, anschaulicher sein, wenn du dich trauen würdest.
Ich denke, wenn ich dir das so allgemein erzähle, kannst du wenig damit anfangen, deswegen bin ich einfach mal durch deinen Text gelaufen und habe Anmerkungen da hin gekleckst, wo mir irgendetwas aufgefallen ist. Das heißt natürlich nicht, dass alles „falsch“ ist oder ich alles schlecht fände, wie gesagt, mir hat die Geschichte gut gefallen und ich habe sie gerne gelesen, vielleicht können dir die Anmerkungen nur helfen, deine Worte neu zu betrachten, so du es denn möchtest:

[quote]
Der Fahrstuhl – wenn man ihn denn so nennen mochte, es war eigentlich eher ein Fallstuhl (Umständlichkeit, wenn es eher ein Fallstuhl ist, warum es dann nicht so nennen? Ich finde es nicht schlecht, ihn in „Fallstuhl“ umzutaufen, das hat etwas, aber du machst es unnötig kompliziert durch die Anmerkung in Spielstrichen. Dir fällt sicher was Schönes ein) – polterte mit der vollen Kraft der Erdanziehung abwärts. Abwärts trug er den kleinen Mann, dessen Gedanken fortwährend um das Papier kreisten, das er zwischen den Fingern knitterte. Abseitig beschieden, hieß es dort. Abseitig beschieden. Heute morgen durch den Behördenkurier. Nun zirkelte er in einer entrüsteten Spirale in die Tiefe, seinem Ziel und seiner Laune entgegen. Denn er war wütend, hatte sich wohl lange geduckt, doch einmal war genug, quoll das Faß (Fass; Redewendung, hast du möglicher Weise einen eigenen Begriff/ Wendung dafür? Vl. kannst du ja auch im Bild bleiben?) über. Er drängte nach dem Schuldigen an all dem Ungemach (das Wort hört sich für meinen Sprachgebrauch relativ altertümlich an), dem Monster, der Bürokratie.
„Hallo“, meldete sich das Mädchen zu seiner Seite. „Kennen wir uns denn nicht?“ Er war unschlüssig. Im Zerrbild der vibrierenden Aluminiumverkleidung sah sie zwar aus wie ein Monster (unglückliche Gleichnennung; du hast die Bürokratie bereits so bezeichnet, führt zu Verwechslung), doch wer nicht? War auch sie abseitig beschieden? Das war kein Spaß. Ein solches Urteil konnte ganz leicht das Ende der Karriere bedeuten. Dem kleinen Mann war das nur allzu sehr bewusst. Karriereende mit 18 Buchstaben: Abseitig beschieden.
Scheinbar erkannte das Mädchen die aufgewühlte Seele (willst du hier wirklich Seele benutzen? Ist einfach ein Wort mit vielen Implikationen, von denen ich mich frage, ob du sie hier wirklich willst.) unter seiner maskenhaften Fasade (Fassade). Womöglich könne sie helfen, erklärte sie, schließlich sei sie die Muse der Geschädigten. Tatsächlich war sie recht hübsch, musenhaft, (unglücklich sie erst als Muse zu bezeichnen und dann als musenhaft, unnötig) zumindest in der Vorstellung, die er aus den Augenwinkeln heraus gewonnen hatte. Durchgeknallt (wieso? Was ist an ihr durchgeknallt?) vielleicht, aber hübsch.
„Weißt du, worauf du dich einlässt?“, forschte die Muse. Er verneinte, denn wer kannte schon die Bürokratie. Sie sei ein siebenköpfiger Drache, belehrte die Muse, der alles, aber auch wirklich alles zu verschlingen vermag. Doch damit nicht genug, denn auf dem Weg zu ihr müssten erst noch viele ihrer Schergen überwunden werden.
„Mit denen werden wir kämpfen.“ Aus ihrem knappen Kleidchen zog sie zwei hölzernen (hölzerne) Stempel. Einen davon drückte sie dem kleinen Mann in die Hand. Das Wort „erledigt“ zeichnete sich dort in Spiegelschrift ab.
Schon prallte der Fahrstuhl auf Grund, die Kabinentür flog auf und spuckte sie aus in ein düsteres Gewölbe. Mann samt Muse rappelten (rappelte) sich auf, sahen sich um. Berge von Papier türmten sich hier. Es war die erste Amtsstube der Behörde, die Höhle der Ablehnung. (etwas ist doch erledigt, wenn es abgelehnt wurde, oder nicht?)
„Die müssen wir alle erledigen.“ Sogleich stürzte sich die Muse auf den ersten der gewaltigen Stapel, der kleine Mann ihr nach. Das Blattwerk wehrte sich, schnitt mit scharfen Kanten blutende Wunden. Im Rascheln der wirbelnden Papiere drangen Worte an sein Ohr. „Versagerâ€
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