Märchen, Science Fiction, Fantasy

Marc1

Beitragvon nilrem55 » Fr 21 Dez, 2012 17:09


Marc-Drachenmagier 1.Buch -
Der Weg Die Sonne hatte es noch nicht ganz geschafft, die letzten Schatten der Nacht zu vertreiben und die ersten zaghaften Schwaden
des aufkommenden Nebels zogen bereits durch den lichten Mischwald. Eine Zeit, die Marc am liebsten hatte. Ehrfürchtige Stille
lag über diese noch heile Welt der Eichen und Buchen. Selbst die Tiere und der Wind schienen noch zu schlafen und das plätschern
des kleinen Baches wirkte wesentlich leiser als sonst. Seit fast einer Stunde saß er schon auf diesem alten Baumstamm, der vor einiger Zeit noch eine
mächtige Buche war und seine Augen hatten sich an das wenige Licht bereits gewöhnt.
Vorsichtig erhob er sich und tastete mit dem Spazierstock durch das bunt gefärbte Laub des Bodens.
Er hatte den letzten Weg noch im Dunkel der schwindenden Nacht verlassen und war seinem Instinkt nach am Fuß der Hügelkette dem kleinen Bach gefolgt.
Mit dem sicheren Schritt eines Waldläufers ging er lautlos immer tiefer in den langsam erwachenden Wald und nahm im Unterbewußtsein die flüchtenden
Schatten einzelner Tiere wahr.
Meist waren es Rehe oder hin und wieder Dammwild.
Die feuchten Niederungen, in denen die Rotten der Wildschweine ihre Lager hatten, mied er und auch die kleinen Lichtungen mit den verborgenen
Anständen der Jäger.
Er wußte, daß die Herren im grünen Rock nicht sehr viel von Waldgängern wie ihm hielten.
Hier in den dunklen Zonen des uralten Waldes konnte er die Pilze unter dem Laub riechen und mit seinem Stab gezielt ertasten.
Relativ schnell füllte sich der Korb an seiner Seite und es schien so, als sprangen die Pilze von selbst in seine Hand.
Es waren meistens Steinpilze, Hexenröhrlinge und hin und wieder eine noch geschlossene Marone.
Am liebsten waren ihm die Hexenröhrlinge, ein Pilz, der wegen seines Aussehens und der verblüffend schnellen Verfärbung seinen ungerechten Namen geerbt hatte. Ein Umstand, der ihm selbst bei angeblichen Pilzexperten nur Ablehnung einbrachte.
Vorallem das rote Futter, der bunt genetzte Stiel und das auffällig schnelle Verfärben des buttergelben Fleisches in tiefem Blau-Schwarz schreckt die meisten ab. Marc hatte nie allzuviel von Pilzbüchern gehalten und sein Wissen allein von seiner Großmutter erlernt, Martha hatte in seinem Ort immer den Ruf einer Kräuterfrau gehabt und den hatte er sehr bald von ihr übernommen.
Es war aber nicht nur das Wissen über Pilze, Kräuter und Beeren, was sie ihm beigebracht hatte.
Ihr Wissen und ihre Erfahrungen entsprangen einer uralten Tradition in seiner Familie.
Über mehrere Generationen waren seine Vorfahren Waldläufer oder Kräuterfrauen gewesen.
Seine Großmutter hatte ihm die alten Mysterien der Heiler und vorallem der keltischen Weisheiten nahe gebracht.
In einer Zeit, als man glaubte, den Menschen durch ein perfektes System der absoluten Macht zu beherrschen, waren solche Lebensweisheiten nicht gerade erwünscht, aber solange man nicht auffällig wurde, blieb man unbehelligt.
Seine Großmutter hatte ihn gelehrt, nie mit offenen Karten zu spielen und niemandem wirklich zu vertrauen, aber auch niemanden zu unterschätzen.
Jeder Mensch hatte irgendwo auch dunkle Seiten und Schwächen, so wie jedes Licht auch seinen Schatten.
Alles was ist, hat immer zwei Seiten des Seins, die nie voneinander getrennt existieren können.
Nun, die Zeiten des real existierenden Sozialismus sind vergangen, Martha war schon einige Jahre vor dem Fall der Mauer in seinen Armen eingeschlafen.
Es war nicht viel von seiner Kindheit geblieben, aber die Weisheiten seiner Großmutter lebten in ihm weiter.
Ansonsten erinnerte er sich nicht sehr gern an die vergangenen Jahre, um so öfter an jene Nacht, als Martha starb.
Beinahe vier Stunden lang hatte sie ihm Dinge erzählt, die er bis heute noch nicht ganz verstanden hatte.
Erst viel später war ihm klar geworden, dass sie seine Zukunft sehr genau vorhergesehen hatte und dass ihre Worte wie ein Wegweiser in seinen Gedanken eingebrannt waren.
Wenn er wie hier mitten in einem gesunden, alten Wald war und die Aura der mächtigen Eichen spürte, konnte er die leise, tiefe Stimme der alten Frau hören.
Ihre Seele lebte überall, wo Bäume und Tiere waren, immer in seiner Nähe, unsichtbar, nicht zu spüren aber dennoch anwesend.
Wie oft hatte man versucht, ihm geistige Schwächen vorzuwerfen, hatten Psychiater ihre Theorien verfasst und der nächste wieder verworfen.
Oft genug hatte er an sich selbst gezweifelt und kurz davor gestanden, den Herren zu glauben.
Das aber lag hinter ihm, er brauchte keine Erklärungen und psychiatrische Gutachten mehr.
Weder die Herren der Freudschen Fakultät noch die dreckigen Knechte der Stasi hatten ihm schaden können.
Keine körperliche Gewalt und keine politische, einzig seine eigenen Zweifel und sein kindisch blindes Vertrauen in andere hatten ihm geschadet.
Es gab nach Marthas Tod nur einen Menschen, der ihm wirklich nahe kam, und das vielleicht mehr, als er es selbst begriffen hatte.
Manchmal, wenn er abends nicht einschlafen konnte, sah er die tiefbraunen Augen und das leicht ergraute blauschwarze Haar.
Das Gesicht eines Mannes, den er nie lachen gesehen hatte, aber auch nie weinen.
>Alle meine Tränen sind in den Alpträumen meines Lebens verbrannt<
Worte, die er nie vergessen hatte. Lajozs, eine Seele von einem Menschen und der einzige, der ihm mehr als nur Freundschaft gegeben hatte.
Er hatte mit ihm seine Ängste und seine Erinnerungen geteilt, in ihm Kräfte geweckt, die ihn an den Rand des Wahnsinns geführt hatten und zugleich zu einer Erkenntnis, die alles, was er je gelernt hatte, auf den Kopf stellten.
Vor fast elf Jahren hatte er die Mauern jener Stätte verlassen, Lajozs war geblieben.
Als er an jenem Morgen die Zelle verließ, die er für Monate mit ihm geteilt hatte, wusste er, dass Lajozs sie nie mehr verlassen würde.
Alles, was ihm geblieben war, war ein schwerer, silberner Ring.
Im Juni 1987 hatte er bei einer Vorladung zur Staatssicherheit der Kreisstadt nach einer etwas längeren Fragerunde eine Leinenumhängetasche überreicht bekommen.
Es war das einzige, was von Lajozs geblieben war.
Am 4.3.1987 war er in seiner Zelle verstorben.
Ein Sinti, einer ohne Nachnamen und ohne Besuchsrecht.
Die Nazis hatten ihn gejagt und gefoltert, weil er nicht arisch war, die Stasi hatte ihn aus der Gesellschaft entfernt, weil er nicht in ihr Weltbild passte.
In jener Tasche war ein kleines Taschenmesser mit Horngriff, ein Ledergürtel mit fein eingebrannten Mustern und einer silbernen Schnalle.
Der Ring aus massivem Silber mit einem flachen, ovalen Obsidian und einem eingelegten weißen Pferd mit einem kleinen roten Granat über den Nüstern.
Alles, was geblieben war, war diese Tasche und die Erinnerung an einen Mann, dessen Augen nie mehr lachen konnten.
Abgesehen von den Visionen und Tagträumen, die ihn manchmal lähmten.
Lajozs hatte ihn gewarnt, das zweite Gesicht ist nicht nur ein Segen, es ist zumeist eine schwere, manchmal zu schwere Bürde.
Aber nur diese Gabe, mit der eigenen oder der Seele anderer zu sehen, hatte ihm das Überleben in jenen Mauern erst möglich gemacht.
Mit der Zeit hatte er gelernt, damit umzugehen und den Hautkontakt zu fremden Menschen zu meiden.
Er hatte begriffen, dass diese Kraft auch immer etwas von ihm forderte und dass jenes Wissen der Seelenwelt nicht eines Vorteils wegen benutzt werden darf.
Jedesmal, wenn er versucht hatte, einem anderen zu helfen oder jemanden näher zu kommen, hatte ihm sein inneres Ich das wahre Gesicht des anderen gezeigt. Manchmal konnte er in den Seelen der anderen lesen wie in einem Buch und er konnte die Wege ihres Schicksals sehen.
Er sah die Bosheiten, Falschheiten, Krankheit und Tod.
Aber er erfuhr auch von der Sinnlosigkeit, das Schicksal abwenden zu können; egal, was er auch unternahm, jeder Versuch schlug in das Gegenteil um.
Die Jahre hatten ihn ruhiger gemacht aber auch einsam.
Natürlich hatte er auch Freunde und Bekannte aber keiner von ihnen erahnte auch nur, was er wirklich fühlte oder dachte.
Lajozs war der letzte, zu dem er Vertrauen gehabt hatte.
Manchmal wenn er ihn in Träumen oder Visionen sah, legte seine Erinnerung einzelne Teile eines Puzzles frei, das ihm bewusst machte, in ihm steckten Elemente eines Wissens, die er wohl nie ganz ergründen würde.
Vielleicht war es auch besser, nie auf den Grund dieses Wissens zu gehen, oder die Schatten der Vergangenheit zu wecken.
Lajozs hatte ihm gesagt, dass ihre Seelen miteinander verbunden seien und dass ihre Wurzeln zum gleichen alten Baum der Erkenntnis gehörten.
Die Kelten waren in grauer Vorzeit, lange vor dem fahrenden Volk aus der selben Region gekommen und hatten wie sie etwas gesucht, von dem heute kaum jemand weiß, was es war.
Seiner Meinung nach hatte der Ring irgend etwas damit zu tun, war vermutlich der Schlüssel zu einem Wissen, das weitergehen würde als es je einer ahnen könnte.
Der Ring hatte seit Urzeiten zu seiner Sippe gehört und war immer wieder vererbt worden, wo er aber wirklich herkam, ist in den alten Zeiten
verloren gegangen.
Nun trug er ihn und manchmal spürte er eine undefinierbare Kraft, nichts wirklich Deutbares, aber etwas, das im Verborgenen da war.
Er hatte den Ring vor einiger Zeit einem jüdischen Juwelier für eine Expertise gegeben.
Alles was der ihm sagen konnte war, dass das Material sehr alt sein musste. Das Pferd war anatomisch eher die Darstellung einer Antilope und der Obsidian war auch nur ein geschliffener versteinerter Knochen.
Es war aus einer Art Elfenbein und der angebliche Granat ein indischer Rubin.
Am seltsamsten aber war das Silber des Ringes.
Das Metall bestand aus 100% Silber, etwas, was es normalerweise bei Schmuck gar nicht gab.
Vermutlich das Meisterstück eines Silberschmiedes des alten Indiens lange vor der christlichen Zeitepoche und noch vor der Zeit der ägyptischen Blüte.
Natürlich hatte er sofort angeboten, das Schmuckstück erwerben zu wollen für ein ausgesprochen astronomisches Angebot.
Marc hatte kein Interesse, Geld hatte ihn nie interessiert.
Dieser Ring war das einzige, was ihn noch mit Lajozs verband, er würde ihn nie hergeben.
Die Sonne hatte bereits begonnen, ihre Strahlen durch das Blätterdach zu senden und Marc vernahm in der Nähe die unverkennbaren Geräusche
der Landstraße.
Der Korb war längst voll und das kleine Taschenmesser wieder in der Umhängetasche.
Er war fast eine Stunde in Gedanken vertieft automatisch weitergegangen und hatte sich etwas weiter vom Weg entfernt als er es eigentlich wollte.
Nun mußte er eine gute halbe Stunde an der Straße entlang laufen, um zum Wagen zu kommen.
Er folgte dem Brandschutzweg entlang unterhalb der Straße und musterte die vielen Spuren des Wildes im Sand, offensichtlich nutzten fast alle Tiere dieses Waldes den Weg.
Ein Stück vor ihm führte ein kleiner Pfad hinauf zur Straße und die Spuren des Wildes zeigten, daß hier ein Wechsel war.
Die Tiere kannten wohl die ruhigen Zeiten dieser tödlichen grauen Grenze zwischen den beiden Waldgebieten.
Irgendwo vor ihm hörte er den kleinen Bach leise rauschend eine Terrasse von Steinstufen hinabfließen, eine Stelle, an der er heute schon einmal vorbeigekommen war.
Marc glaubte, daß sein Wagen keine halbe Stunde von hier an einem Forstweg stand.
Über seinem Kopf in den Wipfeln einer einzeln stehenden Fichte meckerte lautstark ein etwas vorlauter Häher und in der Nähe brach eine
Gruppe Rehe durch das Dickicht von Farn und Brombeerbüschen.
Ein flüchtiges Lächeln zog über sein Gesicht und seine Augen suchten den kleinen frechen Vogel.
Nicht allzu oft hatte ein Häher vor seinem Erscheinen gewarnt, dazu bewegte er sich normalerweise viel zu vorsichtig.
Wieviele Male hatte ihm seine Großmutter vom Reich der Elfen und Feen erzählt und davon, dass die Häher die Wachposten des Waldvolkes sind.
Natürlich waren das alles Sagen und Legenden, aber irgendwo hat jede Sage ihren wahren Kern und jedes Märchen ihre Wurzeln in den Träumen der Vorfahren. Unbegreifliche Ereignisse und unzureichendes Wissen brachten den Menschen schon immer zu unkonventionellen Erklärungen.
Wo der Verstand des menschlichen Hirns nicht mehr ausreichte, mußte schon immer die Phantasie Brücken schlagen.
Marc hatte sehr früh gelernt, dass nicht alles so war, wie es das Auge und die restlichen Sinne vorgaukelten, aber in der heutigen Zeit mußte man mit solchen Sichtweisen sehr vorsichtig sein.
Heute zählt nur das, was den Gesetzen der heiligen Wissenschaft entspricht und mit irgendeiner Formel berechenbar bleibt.
Vor nicht allzu langer Zeit waren die Gesetze der heiligen Kirche das bindende Dogma und ein Zweifel an den Regeln der Kirche führte sehr schnell zu harter Verfolgung.
Heute ist die Macht der Kirche nicht mehr ganz so dominant und die Scheiterhaufen von einst sind längst verschwunden.
Dafür gibt es nun die unumstößlichen Gesetze der zivilisierten Gesellschaft und den eitlen Irrglauben: das Wissen der Menschheit und dessen Intelligenz sind das wahre Licht in der Finsternis des Unglaubens.
Nur das Zepter und das Gesicht der Macht haben sich geändert, geblieben ist die Dummheit und die Arroganz derer, die glauben, sie wären die Krone der Schöpfung.
Marc riss sich aus seinen Gedankenspielen und folgte weiter dem Sandweg unterhalb der Straße. Der Häher war längst verstummt und auch der Bach war ruhiger geworden, nur das leise Ächzen der Wipfel im leichten Morgenwind überspielte die Stille des angebrochenen Tages.
Dann aber war da etwas, das diese Ruhe störte. Ein leises Stöhnen, eigentlich kaum zu vernehmen, aber Marc hatte sehr gute Reflexe und seine Sinne verschärften sich, die Quelle der Geräusche auszumachen.
Nicht allzu weit vor ihm lag eine verkrümmte Gestalt im Sand des Weges, offensichtlich ein älterer Mann, der in Schwierigkeiten war.
Als Marc ihn erreichte, stellte er den Pilzkorb ab und kniete nieder, um den Mann zu begutachten.
Der Alte blutete an der linken Schläfe und er schien nicht bei Bewußtsein.
Die Wunde war nicht sehr groß und scheinbar auch nicht allzu tief, aber vermutlich hatte er sich eine Gehirnerschütterung zugezogen.
Sein Atem ging ruhig und der Puls, den er fühlte, war zwar etwas niedrig aber stabil.
Marc sah sich um und musterte die Umgebung, was sollte er machen?
Die Straße schien sehr wenig befahren und ein Handy hatte weder er noch der alte Mann.
Nachdem er sich vergewissert hatte, dass bei dem Mann nichts gebrochen schien und er auch kein Blut im Mund hatte, hob er den reglosen Körper auf und begann ihn zu tragen.
Er war nicht sehr schwer, aber wie alle Bewustlosen schlaff und äußerst schlecht zu halten.
Seine Schuhe versanken im Sand des Brandweges tiefer als sonst und das Gehen ermüdete natürlich auch schnell, aber Marc glaubte, dass der Wagen nicht allzu weit entfernt stand.
Die Minuten vergingen und alles, was er vernahm, war das Murmeln des nahen Baches und der leise Atem des alten Mannes.
Marc fixierte seine Wahrnehmung auf den Bach und schaltete sein Gehirn ab, automatisch wie eine Marionette ging er den Weg entlang immer weiter nach Osten.
Hinter ihm am Gürtel bewegte sich der Pilzkorb und schlug ihm hin und wieder in die Kniekehlen, etwas, was er nicht mehr registrierte.
Hätte ihm jemand gesagt, dass der Mann, den er trug, immerhin vierundsiebzig Kilo wog, wäre ihm wohl nie eingefallen, ihn zu tragen.
Aber sein Wille setzte die Gesetze der Vernunft außer Kraft und sein Körper schien gegen jede Form von Überbelastung gefeit.
Nach einer endlos langen Zeit tauchte vor ihm das grelle Feuerwehrrot des Wagens auf und er legte den immer noch Bewußtlosen fast automatisch ab, um den Wagen zu öffnen.
Der Alte atmete immer noch ruhig und schien den Transport nicht einmal bemerkt zu haben.
Marc setzte ihn auf den Beifahrersitz und legte ihm den Gurt um, was wahrlich nicht sehr einfach war.
Er benahm sich wie ein Kartoffelsack und schien immer wieder durchzurutschen.
Marc stellte den Sitz weit nach vorn und legte die Lehne um, die Kopfstütze mußte er entfernen und den Pilzkorb, der immer noch an seinem Gürtel hing, löste er aus der Schlinge und stellte ihn hinter den Fahrersitz.
Erst als er den Wagen auf die Straße fuhr, blickte er auf seine Uhr und stutzte.
Wenn er nichts durcheinander brachte, war er fast drei Stunden mit dem Mann auf den Armen durch den Wald spaziert.
Vorgekommen war es ihm wie ein paar Minuten oder höchstens eine halbe Stunde.
Erst jetzt bemerkte er den hohen Stand der Sonne und dass es wesentlich wärmer geworden war.
Was war mit ihm auf diesem Marsch geschehen ?
Nach einer guten halben Stunde kam er durch ein kleines Dorf, dessen Ortsschild nicht mehr zu entziffern war.
Ein etwas größeres Fachwerkhaus, das offensichtlich schon bessere Zeiten gesehen hatte, entpuppte sich als Gemeindehaus und gegenüber stand
eine kleine fast verfallene Kirche.
Marc spürte noch, wie ihm leicht schwindlig wurde und drückte auf die Hupe am Lenkrad seines Wagens, dann wurde es finster um ihn und er fühlte, dass ihn seine Kräfte verließen.
*
Es war ein Gefühl, als bewegten sich seine Gedanken durch eine zähe Masse und jede einzelne Empfindung würde irgendwo kleben bleiben.
Stimmen ertönten, deren Laute wie auf einem jaulenden Tonband klangen und sein Umfeld war in Millionen von Farbtupfern aufgeteilt, die sich schlierenhaft zerteilten wenn er versuchte, sein Blickfeld zu ändern.
Ein Zustand, den er schon sehr lange nicht mehr erlebt hatte, seit seiner Entlassung aus dem Strafvollzug nicht mehr.
Lajozs hatte ihm erklärt, dass dieser Zustand der Moment ist, wenn seine Seele in den Körper zurückkehrt, der Übergang von einer anderen in die eigene Dimension.
Eigentlich nannte er sie immer nur die Seelenwelt, die für normale Materie nicht erreichbar ist, aber für jede Form von reiner Energie durchquert werden kann.
Er versuchte, seine Gedanken zu konzentrieren und die Augen geschlossen zu halten.
Nach einer schier unendlich langen Zeit begann er, als erstes seine Füße wieder zu spüren und bald darauf auch seine Hände.
Gewaltige dumpfe Schläge hallten durch seinen Körper und das Rauschen eines mächtigen Stromes drang in sein erwachendes Bewußtsein.
Das Herz schlug wieder und in seinen Adern schoß das Blut durch die schlaffen Glieder, seine Welt hatte ihn wieder.
Nun verstand er auch die Stimmen im Raum und vernahm die monotonen Weissungen einer Frau.
Zögernd öffnete er die Augen und blickte wie vermutet in das gleißende Licht einer häßlichen Deckenlampe.
Eigentlich hatte er diese Krankenzimmer nie gemocht, steril, unpersönlich und so was von leblos.
Wie konnte ein Mensch in solchen Räumen nur gesund werden und auch noch bleiben.
Zu allem Übel leuchtete ihm die Frau noch mit einer Stablampe in die Pupillen und war wohl etwas verwundert, daß seine Augen normal reagierten.
Die Frau an seinem Bett schätzte er auf knapp vierzig. Obwohl ihre Hände ungewöhnlich filigran und sehr schön waren erkannte er, dass sie wesentlich jünger war..
Auch sonst schien sie von eher jugendlichem Wuchs, ganz im Gegensatz zu ihren tiefen, dunklen Augen.
Ihr Gesicht wirkte älter als sie eigentlich war und er spürte die schmerzliche Leere in ihrem Inneren.
Diese Frau hatte eine schwache, kaum zu spürende Seele, einzig ihr Herz schlug noch und die biologischen Funktionen ihres Körpers wirkten stabil.
Marc legte seine Hand auf ihren Handrücken und blickte in ihre leeren, unendlich tiefen Augen.
Wie der Wind die Seiten eines Buches durchblättert glitt er durch ihre Gedanken und traf tief im Dunklen ihrer verdrängten Erinnerungen die verängstigte Seele der Frau.
Für die Ärztin waren nur Sekunden vergangen aber Marc´s Geist hatte die verborgenen Geheimnisse ihres Lebens durchflogen und mehr Schmerz gesehen als ein gewöhnlicher Mensch vertragen konnte.
Als er ihre Hand wieder freigab, fiel ihr Körper aus der kurzen Starre und irgendwie spürte sie, dass ihr der Fremde näher gekommen war als sie es wollte.
Marc bemerkte die junge Schwester an seinem Bettende und lächelte ihr in die Augen, er fühlte, dass die Ärztin ihn nervös musterte und nicht wußte, wie sie reagieren sollte.
Sie brauchte erst einmal Zeit, um allein zu verarbeiten was sie erlebt hatte.
Die Schwester hielt krampfhaft eine Mappe in ihren Händen und blickte wie abwesend in die darin befindlichen Dokumente.
> Nun, Schwester, was steht in meiner Akte, habe ich noch eine Chance?<
Die Ärtztin neben ihm hatte sich wohl wieder etwas gefangen und ihre Hand von seiner Bettdecke genommen.
>Wenn es nach ihrer Krankenakte geht, müßten Sie eigentlich tot sein, junger Mann.
Ich habe schon einige seltsame Heilungen erlebt, aber nach fast sieben Stunden Herzstillstand sind sie ungewöhnlich leicht wieder aufgewacht.<
Marc richtete seine Augen überrascht auf die Ärztin.
>Sieben Stunden ?<
Die Ärztin blickte auf ihre Armbanduhr und dann wieder auf ihn.
>Nun ja, es fehlen noch etwa zehn Minuten, aber so in etwa schon.
Das einzige, was mir komisch vorkam, war ihre stabile Körpertemperatur und der permanente Blutdruck von 95/48.
Eigentlich vermögen so etwas nur Schlangen und andere Tierarten, aber ihr Körper scheint wohl von den Gesetzen der menschlichen Lebensart nicht viel zu halten.<
Einen Moment schwiegen alle im Raum und so konnte keiner das Geräusch über-hören, das unter der Decke seines Bettes erklang.
Die Schwester begann als erste mit einem hellen Lachen die Ruhe zu unterbrechen.
>Nun, Hunger hat er jedenfalls wie jeder andere normaler Mensch.<
Die Ärztin erhob sich von ihrem Stuhl und strich mit ihrer Hand nachdenklich über die Decke.
>Schwester Monika wird ihnen erst einmal etwas zum Abendessen bringen und ich werde mich um ein paar andere Patienten kümmern, etwas später sehe ich noch einmal nach ihnen.<
Als beide den Raum verlassen hatten, sah er sich noch einmal etwas genauer um.
Der Raum hatte eher etwas von einer Klosterkemenate als von einem Krankenhaus.
Was fehlte, war das obligatorische Kruzifix und die Bibelsprüche an den Wänden.
Vermutlich ein alter Stift, der in Ermangelung an kirchlichem Interesse zu einer privaten Klinik umgestaltet wurde.
Marc´s Gedanken kreisten um die Ärztin und ihrer bedrohlichen Seelenverfassung und darum, wie er der Wissenschaftlerin seine Wiederauferstehung erklärbar machen sollte.
Bisher hatte er diese Übergänge unbemerkt überstanden und der einzige, der sie bemerkt hatte, war Lajosz und der wußte zu gut darüber Bescheid.
Warum aber war seine Seele überhaupt auf diese Reise gegangen und wohin?
Eine Zeitlang zermarterte Marc sich sein Gehirn, wie er die ganze Sache unter einen Hut kriegen sollte, aber er kam der Lösung des Problems einfach nicht näher.
In den letzten Monaten hatte er sich daran gewöhnt, seine Gabe des zweiten Ich´s auf Sparflamme und die Kräfte zurückzuhalten.
Irgendwo in sich hatte er gespürt, dass diese Kräfte ihm über den Kopf zu wachsen schienen und er sie kaum noch kontrollieren konnte.
Selbst am hellen Tage und fast an jedem Ort überkamen ihn die seltsamsten Visionen und undefinierbare Fetzen von Gedankenbildern, die er nur schwer wieder los wurde.
Fremde Menschen, die ihn zufällig berührten, überschütteten ihn mit ihren Ängsten und Gedanken, in jeder Pfütze oder in jedem Fenster sah er Bilder, die dort nicht hingehörten.
Sein zweites Ich hatte begonnen, ihn zu überfordern und konnte nicht begreifen, dass sein Körper hin und wieder auch einmal Ruhe braucht.
Lajozs hatte ihm geraten, in solch einem Fall äußere Einflüsse zu meiden und vor dem Schlafengehen das Gleichgewicht durch Meditation zu stimulieren.
Trotzdem hatte es fast drei Monate gedauert, bis er wieder Ruhe hatte und dann hatte er sich einfach daran gewöhnt, ohne diese Gabe zu leben.
Warum aber war sie ausgerechnet jetzt zurückgekehrt und wieso so heftig?
Marc blieb einfach mit offenen Augen liegen und versuchte, an rein gar nichts zu denken, er durfte auf keinen Fall in Trance fallen.
Sollte die Schwester oder die Ärztin zurückkehren, würden sie wohl kaum begreifen, wieso er schon wieder nicht ansprechbar war.
Die Zeit floß träge dahin und um ihn herum schien alles vollkommen ruhig, aber er spürte zu gut, wie sein zweites Ich permanent aktiv blieb.
Nach endlos langen Minuten vernahm er die Schritte der Schwester und das Klappern von Geschirr, Geräusche, die ihn darin erinnerten, dass sein Magen rebelliert hatte.
Schwester Monika betrat fast lautlos den Raum und war wohl doch überrascht, ihn nicht schlafend anzutreffen.
>Nanu, ihr Magen hat sie wohl doch wach gehalten?<
Marc versuchte es mit einem Lächeln und musterte die junge Frau etwas genauer.
Sie war etwas jünger als er, aber er spürte die positiven Schwingungen ihrer Seele sehr deutlich, ein Zeichen, dass sie ein gutes Herz haben musste.
Sein Gespür täuschte ihn nie und ihm gegenüber konnte sich niemand verstellen.
>Nun ja, die letzte Mahlzeit war heute Morgen halb vier und die Pilze dürften wohl kaum noch genießbar sein.<
Monika stellte den Servierwagen neben ihn ans Bett und hob die Abdeckung vom Menütablett.
>Mit Pilzen kann ich leider nicht dienen, aber etwas kalter Braten, frisches Brot und gute Butter von der `Grünen Insel`.<
Marc vermied es, die Schwester anzusehen und genoß das Essen schweigend, er wollte nicht, dass sie sich beobachtet fühlte.
Dafür spürte er ihre Blicke und das schelmische Lächeln sehr genau.
Manchmal kam er sich etwas unfair vor, aber er konnte seine Gabe schlecht ausknipsen wie eine Taschenlampe.
Das Essen auf dem Tablett war nicht nur sehr schmackhaft, er hatte sofort bemerkt, dass es mit viel Liebe angerichtet war.
Sie hatte ihren Beruf wirklich gut gewählt und lebte ihn auch so intensiv, wie man es eigentlich sollte.
>Was ist eigentlich aus dem alten Herrn geworden, den ich gefunden habe?<
Marc spürte die Verzögerung in ihrer Antwort, sie war in Gedanken gewesen. Gedanken, die er gerne gelesen hätte.
>Ach, sie meinen Jonas, der hat kurz nachdem er auf Station war, das Bewußtsein wiedererlangt, eine kleine Gehirnerschütterung und eine harmlose Platzwunde.
Noch vor dem Mittag ist er wieder verschwunden. Jonas ist etwas eigenartig, die Leute sagen, er wäre ein Einzelgänger und Eremit.<
Nachdem er bis auf ein Radieschen das Tablett geleert hatte, wärmte er sich die Hände an der Teetasse und blickte in die großen, braunen Augen der Schwester. >Ein Eremit? Ich dachte immer, Eremiten leben irgendwo im Wald mit sich und der Natur allein.<
Monika deckte das leere Tablett wieder ab und stellte die Teekanne auf seinen Nachttisch.
>Ich sehe ihn nur selten, zwei- , dreimal im Jahr, aber die Leute sagen, er lebt in den Höhlen der Wälder, Sommer wie Winter zu jeder Jahreszeit und das schon
seit vielen Jahren.
Manchmal suchen ihn ein paar Polizisten, nur gefunden hat ihn noch keiner.
Vor ein paar Jahren hat man ihn im Ort aufgegriffen und in ein Heim gebracht aber nach einigen Wochen war er wieder da.
Ich glaube, die Behörde hat es wohl aufgegeben ihm zu erklären, wo er leben sollte.<
Marc blickte nachdenklich in seine Teetasse und und sah die Bilder fast wie in einem Film vorüberziehen.
>Vielleicht sollte man manchmal die Menschen leben lassen wie sie leben wollen.<
Die Schwester nickte nur und schob den Wagen zur Tür.
>Frau Doktor Wagner wird erst in drei bis vier Stunden kommen, sie sollten am besten noch etwas schlafen.<
Er bekam nicht einmal mehr mit, wie die Schwester den Raum verlassen hatte und wie der Tee in seiner Tasse kalt wurde.
Alles, was er registrierte, waren die Bilder im Spiegel der Teeflüssigkeit.

*

Die umbrafarbenen Felswände der Höhle reflektierten kaum das Licht des kleinen Feuers und die unregelmäßigen Schatten der Steine schienen zu leben,
aber ansonsten war der Mann allein.
Das Pflaster an seiner Schläfe begann sich bereits abzulösen und seine Augen starrten wie hypnotisiert in die Flammen, in seinen Händen hielt er eine kleine,
fein zisilierte Flöte mit dunkelgrünem Mundstück aus Malachit.
Er hatte sie nie spielen gekonnt, nicht weil er nicht spielen konnte, nein, diese Flöte hatte ein paar Löcher zu viel und an der falschen Stelle.
Seine Gedanken waren bei dem Fremden, der ihn in dieses Krankenhaus gebracht hatte.
Zum Glück hatte die Frau Doktor nichts gefunden und die Polizei wollte auch nichts mehr von ihm.
Er wollte nicht im Ort leben, er wollte nirgendwo anders leben als hier.
Hier, wo er schon als Kind die Stimmen gehört hatte und wo er mit den Waldgeistern spielte.
Die anderen hatten ihn nie verstanden und auch seine Mutter hatte ihn immer nur einen Spinner genannt, einen Phantasten.
Im Dorf nannten sie ihn nur `Jonas` der Eremit oder der Irre.
Als seine Mutter gestorben war, hatte er sich einfach hierher zurückgezogen und vom Wald gelebt.
Es gab Pilze, Wurzeln und Beeren, außerdem Fische und hin und wieder ein Kaninchen.
Die Forstleute kannten ihn und beachteten ihn kaum noch, er war so normal wie das Reh oder der Eber geworden.
Manchmal brachte er ihnen Kräuter und Salben oder hin und wieder eine Flasche Wein.
Im Winter, wenn der Schnee lag und es kalt war, wurde es still im Wald und er war allein mit den Tieren und Waldgeistern.
Das Feuer in seiner Höhle und die verborgenen warmen Quellen in ihrem Inneren sorgten dafür, dass er nicht fror und dann kamen immer wieder die Geister.
Einmal spielten sie mit ihm und ein anderes Mal erzählten sie allerhand Neues aus ihrer Welt.
Leider konnte er sie nicht sehen und auch ihre Welt konnte er nicht sehen.
Sie haben ihm erzählt, dass ihre Welt für Menschen verschlossen sei, solange der Schlüssel das Spiegeltor nicht öffne.
Diese Dinge, die sie erzählten, waren schön und interessant aber er verstand nicht alles, sie sagten, es wäre nicht für ihn bestimmt.
Nun saß er wieder hier vor dem Feuer und wartete auf seine Freunde, die fast immer am Abend zu ihm kamen und irgendwann mitten in der Nacht wieder verschwanden.
Er wußte nicht, was sie sonst so trieben oder wo sie sich bis zum Sonnenaufgang aufhielten, es interessierte ihn auch nicht wirklich.
Jonas betrachtete wie so oft die kleine silberne Flöte mit dem kalten steinernen Mundstück und dem hübschen Drachenkopf am Ende des glänzenden
Instruments.
Sie war ungewöhnlich schwer und mit seltsamen Zeichen graviert, aber irgendwie von einer erregenden Schönheit.
Die Waldgeister hatten ihm erzählt, dass diese Flöte sogar einen Namen hatte und vor langer Zeit von einem der Ihren in diese Welt gebracht worden sei.
Den Namen hatte er bis heute nicht verstanden, aber was ihn viel mehr störte, er konnte sie nicht spielen.
Die wenigen Töne, die er ihr entlockt hatte, verscheuchten sämtliche Eulen und anderes Getier.
Also legte er sie wieder zurück auf ihr kleines Podest an der Höhlenwand hinter ihm.
Statt der schweren Schönheit zog er eine kleine Blockflöte aus seiner Jacke und strich sanft über das nicht mehr ganz glänzende Holz.
Er hatte sie als kleiner Junge von seiner Mutter geschenkt bekommen und sehr schnell gelernt, damit umzugehen.
Melodien, die er irgendwo einmal gehört hatte, spielte er mehr oder weniger genau nach und variierte die Tonfolgen nach seinem eigenen Geschmack oder
seiner jeweiligen Stimmung.
Ihre Stimmlage war etwas tief und nicht so melodisch wie die Flöten der Schalmeigruppe, der er als Kind oft gelauscht hatte, aber ihm gefielen die
schwingenden, schwermütigen Töne.
Die Flammenspitzen seines Feuers schienen nach ihrer Melodie zu tanzen und selbst die Schatten an den Wänden folgten den Klängen der Flöte.
Sein Spiel hatte kein eigentliches Ende sowie auch keinen Anfang, es war nur eine Stimmung, die seine Gefühle durch die Luft trugen und irgendwo tief
in der Höhle verhallte.
Irgendwann, als das Feuer schon sehr weit herunter gebrannt war, registrierte er einen kühlen Lufthauch und das leise Wispern von kaum zu
vernehmenden Stimmen.
Es war `Nofrem´ und seine Freundin `Linase`, die ihn am Abend besuchten und sie blieben immer bis zum Schluß.
Jonas setzte die Flöte ab und legte ein paar Holzstücke in das Feuer, es war zwar noch nicht kalt aber er mochte das Spiel der Flammen.
>Ihr seid heute früh dran, oder ?<
Wie immer antwortete Linase ihm und Nofrem blieb schweigend im Verborgenen.
>Ja, wir hörten dein Flötenspiel und eine Eule hat uns erzählt, dass du heute Morgen etwas Pech hattest.<
Der Alte mußte lächeln, wie hatte er auch nur vergessen können, dass sie alles erfahren, was es in diesen Wäldern neues gibt.
Mit einem etwas größeren Ast stocherte er in der Glut des Feuers die Flammen etwas an und beobachtete die gierigen kleinen Zungen.
>Ich weiß auch nicht wie, aber irgendwie muß ich am Wildwechsel die Böschung herabgestürzt sein.
Vielleicht werde ich doch zu alt für dieses Leben, aber ich kenne nur dieses und ich hoffe, es geht noch eine Weile.
Wenn der Fremde mich nicht gefunden und stundenlang geschleppt hätte, wäre es wohl vorbei gewesen.<
Die scharfe Stimme Nofrems hatte ihn fast unterbrochen, was Jonas eigentlich von ihm nicht kannte.
>Hast du mit dem Fremden gesprochen?<
Jonas horchte auf.
>Nein, er liegt noch immer im Krankenhaus und Frau Doktor Wagner hat ihn unter ihre Fittiche genommen.
Ich glaube, es geht ihm nicht so gut, er war bis weit nach dem Mittag noch immer auf Intensiv.<
Nofrem hatte sein Erstaunen wohl bemerkt und zog es vor, wieder zu schweigen, dafür erklang die glockenhelle Stimme seiner Freundin.
>Was ist Intensiv ?<
Jonas zuckte mit seinen Schultern und ließ den Rest seines Stockes in die Flammen des erstarkten Feuers fallen.
>So genau weiß ich das auch nicht, aber ich glaube, dass da nur die liegen, welche kurz vor dem Ableben stehen.
Morgen früh werde ich noch einmal zurückgehen und mit Schwester Monika sprechen, vielleicht kann ich ihn kurz sehen.<
Es war wieder Linase, die ihre Neugier nicht zurückhalten konnte.
>Das ist gut so, Jonas, du mußt ihm danken, dass er dir das Leben gerettet hat.
Lade ihn hierher ein, wir möchten ihn kennenlernen.<
Jonas blickte überrascht auf und mußte wieder lächeln, die beiden waren natürlich wie immer nicht sichtbar.
Aber warum wollten sie, daß er einen Fremden hierher brachte?
>Nun gut, vielleicht hat er mir das Leben gerettet, aber wenn ich ihn hierher bringe, wird diese Höhle bald jeder im Ort kennen und was das bedeutet, wißt ihr
doch, oder?<
Nofrem hatte sich anscheinend etwas beruhigt und er schien seinen Standort gewechselt zu haben, seine tiefe Stimme kam aus seinem Rücken,
wo die silberne Flöte in ihrer Nische lag.
>Wir haben dir doch erklärt, dass diese Höhle nur der findet, welcher sie finden soll. Er kann uns nicht anlügen und sollte er uns nicht wahrnehmen, wirst du
unsere Fragen vermitteln.
Aber wenn wir uns nicht irren, kann er uns wahrnehmen und vielleicht sogar sehen.
Er besitzt Kräfte, die wir schon lange nicht mehr gespürt haben, sehr lange.< Jonas wurde nachdenklicher, was meinte Nofrem mit diesen Kräften und warum war
er ihnen so interessant?
>Ich werde ja morgen sehen, wie es ihm geht, vielleicht kann ich ihn sprechen.<
Nach einer kurzen Zeit des Schweigens erhob sich Jonas und ging hinüber auf die andere Seite der Vorhöhle.
Dort, wo er das Holz gestapelt hatte, lagen in einer Nische auch die Flaschen mit dem Honig-Beerenwein.
Die oberste von ihnen nahm er prüfend in seine Hand und ging zurück zum Feuer.
Linase stand jetzt ebenfalls neben der kleinen Nische mit der Flöte und betrachtete das silberne Kleinod.
Nofrem strich mit seinem Finger über das Metall, ohne es wirklich zu berühren, die `Phiob an Slaod` war in dieser Welt für ihresgleichen unerreichbar.
Linases Blick fiel auf Jonas und die Flasche in seiner Hand.
>Manchmal bist du immer noch das kleine Kind Jonas, hat dir der Sturz heute Morgen nicht gereicht?<
Jonas blickte verblüfft in ihre Richtung und ließ beinahe die Flasche fallen.
>Ihr wißt?<
Jonas konnte das Lächeln der Elfe nicht sehen und auch nicht das Stirnrunzeln ihres Bruders.
>Wenn wir auch nicht immer hier sind, der Wald hat viele Augen und viele Ohren, du solltest das doch wirklich wissen.
Dieser Wein hat eine Kraft, die Krankheiten heilt und die Stimmung anhebt, aber wie jeder gute Tropfen kommt es auf die Menge an.
Zu viel davon schwächt deine gute Seele und erweckt das animalische in dir.
Ich weiß, es ist schwer allein zu leben und jene, welche man liebt, nicht sehen zu können aber vielleicht gibt es einen Weg, dass du in unser Reich kommen
kannst.<
Jonas zögerte einen Moment und brachte dann doch die Flasche wieder zurück. Nachdenklich setzte er sich ans Feuer und betrachtete seine alt gewordenen Hände, er hatte ein langes Leben gelebt und sollte er sterben, wäre er nicht unbedingt traurig darüber, aber die Welt seiner Freunde hätte er doch gerne gesehen.
>Ihr meint, der Fremde könnte uns helfen ?<
Diesmal schwiegen die beiden etwas länger, aber die kühle Luft verriet ihre Anwesenheit.
>Als der Fremde dich den Bach entlang getragen hat, ging eine enorme Energie von ihm aus, eine Energie, die wir sehr gut kennen.
Der Fremde ist ein Mensch, der über die Kräfte der weißen Magie verfügt und in ihm existiert eine starke magische Seele.
Wenn er selbst auch noch etwas unerfahren ist, im Grunde seines Ichs ist er ein Druide.
Sollte er es schaffen, den Schlüssel der Drachenhüter zu erkennen, dann könnte er das Rad der Geschichte vielleicht zurückdrehen und das Spiegeltor öffnen. Jonas fixierte die silberne Flöte in ihrer Nische und spürte das leise Wispern in der Luft, es war wie ein leichtes elektrisches Kribbeln auf seiner Haut.
Mit grübelndem Gesicht setzte er sich die kleine Blockflöte an seine Lippen und begann zu spielen.
Dieses Kribbeln hatte ihm gesagt, dass die beiden für heute gegangen waren und er wußte, dass morgen ein schwerer Tag für ihn kommen würde.
Irgendwie spürt er, dass seine Tage in dieser Höhle und in diesem Wald gezählt waren, wenn er auch nicht wußte, was auf ihn zukam, er wußte, es war unabänderlich.
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Re: Marc1

Beitragvon rivus » So 30 Dez, 2012 17:42


hi nilrem 55,
{ein langer text. ich werde ihn morgen nochmal lesen. der eine oder andere rechtschreibefehler hat sich eingeschlichen ;) . du müsstest ihn nochmal formatieren. mir gefällt der textinhalt.}

mit der wäldler-brille habe ich jede zeile gelesen. einige stellen haben mich besonders gefesselt, andre habe ich überlesen, das könnte auch meiner müdigkeit geschuldet sein.


magische waldgrüße
vom rivus
Zuletzt geändert von rivus am So 30 Dez, 2012 17:46, insgesamt 1-mal geändert.
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