Geschichten zum Thema Alltag

N° 7 Über das Bewusstsein I

Beitragvon C.J. Bartolomé » Do 13 Dez, 2012 14:27


Sie forschte. Wie kein anderes Wesen prüfte sie die Ferne und das Unbekannte derart beharrlich, ständig auf Augenhöhe mit der Welt. Jede Nacht suchte sie nach neuen Erden, mit Teleskopen beäugte sie immer distanziertere Planeten auf ihre Ähnlichkeit mit ihrer eigenen Kartoffel mit Mond. Ungeachtet der Frage: Wozu denn? wandte sie sich erst nach Dienstschluss am Morgen, wenn sie sich schlafen legte, dem Allernächsten zu, ihrem Bewusstsein, ihrem Ich. An ihm nahm sie noch seit nicht allzu langer Zeit Anteil, die Fragerei über sich selbst fädelte erst spät in ihre Entwicklung ein. Seitdem aber verließ sie die Frage nach dem Ich, nach dem Sein nicht mehr; Oeuvres, mehrbändige Mordwaffen füllten von da an ihre Regale. Und kein Gegenstand der Betrachtung lag ihr näher und ferner. Die Nähe konnte sie noch einfach in Worte kleiden, wenn sie nicht vorher einschlief. An sich selbst beobachtete sie alle Zutaten der reizvollsten Galaxie. Überall und scheinbar ohne Hilfsmittel konnte sie sich sogar des Ichs bemächtigen. Doch so recht gelang es ihr doch nicht, es entzog sich im letzten Moment ganz elegant jeder ihrer Versuche, es zu definieren, es festzuhalten mit Worten, Bildern, Daten oder Schemata. Dann sagte sie sich leicht verbittert:
– Zwar tuckern achträdrige Roboter auf dem Mars herum, um hübsche Ansichtskarten an die Daheimgebliebenen zu versenden, aber das Zentrum der Welt ruht unbelichtet im Dunkeln. Um ein Teleskop darauf zu richten, müsste es wenigstens ein bisschen Licht geben!
Verschiedenste Teleskope nahm sie im Geiste vors Auge; verschiedenen Prozeduren unterzog sie sich selbst, doch jeder Blick ging ins Leere. Die Worte fehlten ihr, um einen solch gestaltlosen Gegenstand zu fassen.
– Und wer sollte mir auch die Linsen liefern? So nutzlos das Marsgeschäft, so nutzlos die Terminologie zum Ich, dachte sie.
Bisher reichte ihr in allen Krisen, das „Ich“ zu sagen, eine weitergehende Verständigung hatte sie nicht nötig. Scheinbar brauchten auch die anderen kein Mittel, sich selbst zu kennen. Es reichte allen, zu sagen: ich bin dies, ich bin das, und in der Verbindung mit dem Bewusstsein – ich bin wach, ich...da hörte es allerdings schon auf, sie schlief ein.
– Niemand sagt wahr: ich schlafe, dachte sie am Abend, als sie wieder erwachte. Der interessante Kreuzfall von demjenigen, der schlafwandlerisch „ich schlafe“ sagt, weil er im Traum einen Einfall und das Bedürfnis dazu verspürt, bezeichnet etwas anderes als sagte er im Wachen: ich schlafe. doch die Logik brachte noch niemanden weiter, sie dient doch nur der Augenwischerei oder besser: der Selbstdarstellung zum Zweck der Überzeugung der Zuhörer. Es genügt, zu sagen, in welchem Zustand man sich befindet. Ich bin wach, ich schlafe. Wozu sollte jemanden interessieren, was genau da wacht, wenn es doch in ihm dasselbe ist, das wacht? Vollkommen ausreichend, ihm den Zustand mitzuteilen, in dem sich das Ganze befindet. Mehr ist nie vonnöten, mehr heißt zuviel. Wenn da nicht mein unbefriedigter Forscherdrang wäre, sich alles unterwerfen will und zweckfrei scheinbar auch das Letzte untersucht – fehlt mir auch dort noch das Vokabular, um sogleich zuzupacken? Es drängt auch mich, ein Ich wie jedes andere da draußen, zu dieser unerforschten Sache. Mein Glück und mein Pech ist die Optik, natürlich auch die Ignoranz und die Sturheit, nichts anderes anzunehmen, sondern mich nur auf mich, mein Sehen zu verlassen, denn dadurch missachte ich alles, was schon geschrieben steht – aber Mordwaffen in die Hand nehmen?
Sie ließ die Sache unentschieden und stand auf. Einzig das Forschen selbst, das Entwickeln seiner selbst am Fremden lebte sie, das liebte sie, das wollte sie. Ruhm, Anerkennung – sie pfiff drauf. Niemand schrieb ihr etwas vor, so nur fühlte sie sich Mensch. Verbildete sie sich mit allerlei Altlasten, veränderte sie sich sofort und damit das, was sie eigentlich kennen lernen wollte. Also ließ sie die Mordwaffen verstauben. Sie verhinderte erfolgreich, letztlich nicht die Natur der Sache, sondern eine giftige Beschreibung der Natur der Sache in sich vorzufinden. Jede Hülle, jede Beimischung vermied sie. So also begann bei ihr das Ziehen zum eigenen Wesen in der richtigen Weise. Sie war das Beispiel, doch für alle außer ihr stand`s ganz umsonst da, einer Ansichtskarte gleich.
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C.J. Bartolomé
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