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Beinarbeit, die Beschreibung eines Kampfes

BeitragVerfasst: Mi 06 Feb, 2013 16:58
von einePaulquappe
Beinarbeit, die Beschreibung eines Kampfes

"Hoch die Fäuste!, Hoch!", rauschte es und "Beinarbeit! Deine Beine!", in seinen Ohren. Die Umgebung nahm er nur noch verschwommen wahr. Das Anfeuern der Klassenkameraden vermischte sich mit dem Herzschlag und seinen Atemgeräuschen zu einem Greäuschebrei, als stünde er hinter einem Vorhang unter der Dusche und der Radiosprecher redete irgendwas von irgendwo, während in der Küche seine Eltern lautstark über ewas stritten. Allerdings hatte der zehnjährige Luka Andrea Rizolli für solcherart Gedanken überhaupt keine Zeit, denn wieder deckte ihn sein Gegner mit einer Serie schneller Schläge ein.
Zu Beginn dieser letzten Sportstunde hatte Herr Fürst etwas Besonderes angekündigt. Die Sonne warf kleine Rechtecke aus Licht durch die kleinen, hoch angebrachten Fenster auf den Boden der alten Halle, die nach dem schweiß vieler Kinder roch und deren Boden an bestimmten Stellen knarrte, wenn man ihn belastete. Luka, der gerne genau hinsah, konnte die feinen, kleinen, schattigen Rauten der Netze vor den Fenstern auf dem Boden flimmern sehen. Wie üblich hielt der Lehrer, Herr Fürst, eine seiner Reden über Diziplin und Tüchtigkeit vor Beginn der Stunde, die meist in, entweder monotones Zirkeltraining, demütigendendes Seilklettern, oder, an den besseren Tagen, ein Handballspiel, mündeten.
"Heute Kinder machen wir zum Abschluß des Jahres mal ein Training, einen Sport, der euch auf den Ernst des Lebens vorbereitet. Einen Sport für Männer! Kennt wer von euch Lausköpfen den Max Schmeling?",
wollte Fürst wissen. Niemand meldete sich, der kleine Lockenkopf saß, wie immer, abseits und schien gänzlich vertieft. Allein leises Tuscheln war zu hören, dass aber höchstwahrscheinlich nicht seinem Unterricht galt. Unwirsch darüber strich er, mit der eingeübten Geste, die Haare zurück, die ihm in die Stirn gefallen waren. Beim Weitersprechen verlieh er seiner Stimme einen drohenderen Ton.
"Nur wer siegen kann, Kinder, der kann sich leisten seine Meinung zu sagen. Ich bitte mir doch Ruhe aus, wenn ich rede!". Einige Köpfe, der vor ihm sitzenden Knaben, drehten sich in seine Richtung, gaben vor aufmerksam zu sein. Fürst wägte nun seinen schweren Schlüsselbund in den Händen und sie wußten nur zu gut, dass er bereit war ihn zu werfen, wenn er sich unbeachtet fühlte. Er warf ihn dann aufs Gratewohl in die Gruppe, in Richtung der vermeintlichen Störer; ein Zusammentreffen schmerzte! Zufrieden über die eingekehrte Ruhe fuhr der Lehrer fort:
"Heute werdet ihr eine der wichtigsten Lektionen lernen, die ein Mann lernen kann, nämlich wie man sich verteidigt. Heute werdet ihr zu lernen kämpfen! Ich habe das nämlich noch gelernt als ich in eurem Alter war! Da herrschte noch Zucht und Ordnung!"
Er öffnete einen groben Seesack und holte zwei Paar Boxhandschuhe heraus. Sie waren alt, das braune Leder brüchig, Herr Fürst wischte den Staub von ihrer Oberfläche. Nun wies er die Klasse an einen Ring aus Matten in der Mitte der Halle zu bauen, schickte sie den Mattenwagen holen, einige Holzbänke als Begrenzung darum zu stellen. Schnell führten die Jungen seine Vorgaben aus und binnen weniger Minuten stand der Lehrer, im Ring, in der Mitte der Matten, während die Schüler sich auf die Bänke gesetzt hatten.
"Das Wichtigste am Boxsport ist der Wille zum Sieg! Aber auch die Technik ist entscheidend. Das Gewicht des Körpers auszupendeln um die Schläge abzufangen, bevor sie allzu großen Schaden anrichten können."
Heute packte Herr Fürst die Kinder. Sie hingen an seinen Bewegungen, als er die Grundstellung der Beine, als er zeigte, wie man sie Arme zu halten habe, um eine Deckung aufzubauen. Die Luftschläge: "Links, links, rechts!" fazinierten sie und auch die Aussicht, vielleicht gleich einem richtigen Boxkampf auszutragen.
Nachdem Fürst so die Grundlagen gelegt hatte, warf er Luka Andre ein Paar der Handschuhe hin. Rizolli, ein eher schmaler und zierlicher Junge, blickte ihn verwundert an. Noch nie sollte er eine Mannschaft wählen, nie eine Übung als Erster vormachen, er war stolz der Erste zu sein. Doch in die Verwunderung, den Stolz, mischte sie nun Angst, als Luka gewahr wurde, wer von Fürst zu seinem Gegner, seinem Sparringspartner, auserkoren wurde. 'Ausgerechnet der Hans Tugendhat', dachte Luka, und erinnerte sich an die unzähligen Demütigen die er von ihm, im Laufe der letzten Schuljahre, erfahren hatte. Wegen seiner dunklen und lockigen Haare, wegen seines Namens wurde er, früher noch häufiger, von Hans gequält und beschimpft. "Kanacke, Itaka und Zigeuner" nannten sie, auch die Freunde Hansens, ihn, der zwar in Deutschland geboren war, aber dessen Eltern aus Italien stammten. Nachdem Hans ihm einmal die Nase blutig geschlagen hatte, und dafür von der Klassenlehrin angemahnt wurde, er würde einen Tadel erhalten, sollte dergleichen nochmal vorkommen, war es ruhiger für Luka geworden. Und nun sollte er gegen diesen Jungen antreten? Immerhin war Hans beinahe einen Kopf größer als er und sehr massig; "Fett ist er", dachte Luka bei sich.
"Beinarbeit, Rizolli!", rauschte es da wieder, gerade in dem Augenblick, da Tugendhat zu einem mächtigen SChlag ausholte. Der, erneute, Kopftreffer ließ ihn schwindelig werden und erzeugte einen merkwürdig hohen Pfeifton; oder waren das seine Lungen? Der Knabe aber biss die, sprichwörtlichen, Zähne zusammen: Er wollte gewinnen, genausowie damals...
Luka erinnerte sich an die Geborgenheit auf dem Schoß des Vaters. Mitten in der Nacht zu seinem Geburtstag, der achte März, war der vater in das Schlafzimmer gekommen und hatte ihn sanft geweckt. Er legte seinen Finger auf die Lippen, als Zeichen seinen jüngeren Bruder nicht zu wecken und sagte: "Komm mit Großer, dass musste du sehen." Verschwörerisch war sich Luka da vorgekommen, die Mutter schlief schon und die Uhr zeigte an, dass es weit in der Nacht war. Seit wenigen Monaten erst besaß die Familie einen Fernseher und nun saß er hier mit dem Vater in dessen großen Ohrensessel und schaute dieses Ereignis. Dort, irgendwo in Amerika, in New York, stieg ein schwarzer Mann, Cassius Clay, der sich aber einen anderen Namen ausgesucht hatte, erklärte der Vater, in den Ring und lieferte sich einen großartigen Kampf mit einem anderen Mann. Zumindest sollte sein Vater im Nachhinein immer sagen, dass es ein großartiger Kampf war. Für Luka war das Zusammensein mit dem Vater, die Komplizenschaft gegenüber Mutter und Bruder, kurzum das geteilte Geheimnis das Großartige und, dass ein schwarzer Mann kann gegen einen Weißen gewinnen, dass wusste er seit diesem Abend.
"Komm schon. Hoch die Arme!" rief der Lehrer und nahm sich vor von nun an nicht mehr nach der Uhr zu schauen. 'Wie konnte dieser kleine, blutsverdorbende Itaka so lange gegen den Hans stehen', fragte er sich. Es waren bald sieben Minuten, die Stimmen der Knaben ganz heiser vom Anfeuern, die die Beiden auf der Matte tanzten. Immer wieder holte Hans aus und versuchte einen seiner massigen Schläge zu platzieren. Das der kleine Italiener verdammt flink sei und das es wohl besser wäre das Spektakel abzubrechen, bevor noch jemand Wind davon bekäme, dachte sich Herr Fürst.
'Andererseits, was sollte dieser dumme Kaffa schon zuhause erzählen? Daß sie im Unterricht den Boxsport einmal durchgenommen hatten? Es war ja auch der letzte Tag vor den Sommerferien, und danach wurden die Buben sowieso auf andere Schulen verteilt. Niemand würde darauf kommen!' Sich so beruhigend,ließ er den Kampf seinen Ausgang nehmen.

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