Geschichten zum Thema Alltag

N° 18 Das Wort und der Einkaufswagen

Beitragvon C.J. Bartolomé » Mo 08 Apr, 2013 16:18


Es war einmal ein Schriftsteller, der sich zum Prinzip gemacht hatte, jedes Wort bis in jedes Tausendstel seines Wertes zu taxieren, bevor er es schrieb. Mit diesem Vorsatz eilte er auch an diesem frühen Morgen seine Haustreppe hinab, sprang auf die Straße und marschierte den Weg zum Flüsschen im Park, um den Einkaufswagen aus dem Bett zu reißen, mit dem er dann die Worte einkaufen wollte. Als er auf der Flussbrücke hielt, lag der Stadtpark noch verlassen im Nebel, über ihm schien die Mondsichel neben der Venus. Unter ihm, mitten in der Strömung, steckte der Einkaufswagen im Schlamm, nur der hintere Teil des Metallkorbes und zwei Räder ragten knapp über die Strudeleien, Schlieren und Teilungen des Wassers. Er kniete sich hin, packte den Griff und ließ den Einkaufswagen kraftvoll auf die Brücke krachen, wo das klatschnasse Behältnis gleich fest auf seine vier Räder zu stehen kam und Liter um Liter auf die Bohlen schüttete. An der vorderen Hälfte der Metallgitter hatte sich ein zartes Geflecht aus Algen, Flussgras, Weidenkätzchen, grünenden Ästen und Bärlauchblättern in die quadratischen, kleinen Rechtecke der Gitter verfangen, sie trieften und verzierten den Wagen hexenhändisch. Aber der Schriftsteller war schon weg im Park mit dem Vierräder, er stand bereits vor einem dicken Baumstamm, in dessen wohlgefülltem Wortkästchen er hastig wühlte. Zunächst beäugte er Worte wie „Buche“, „Rotbuche“, „Fagus silvatica“, „Krone, Ast, Stamm, Wurzel“ als Paket, ebenso „Blatt, Blüte, Eggern, Rinde“ oder etwas weiter hinten „Hartholz“, aber kein Wort wog ihm schwer genug. Darüber regte er sich sehr auf, insbesondere über die mindere Qualität der Machart. Er echauffierte sich regelrecht bei der Gelegenheit, die ihm ein Kollege in einem Schwätzchen bot.
So verging der Tag mit Suchen, großem Ärger über das Angebot und mit Pläuschchen hier und da, niemand, eigentlich keiner der Schriftsteller schien zufrieden, ihr großes Jammern bildete gegen zehn Uhr den Klangteppich im Park, durch das nur die Lieder der Amseln drangen. Abends, als der Schriftsteller zum Bezahlen an die Kasse kam, lag nur „Weberknecht“ in seinem Algenwagen. Vor ihm zahlte ein Bayer in Lederstrapse, der auf geschäumten Kamillentee hereingefallen war. Der Preis für die elf Buchstaben erstaunte niemanden in der Schlange, obwohl er luxuriöse fünf Gramm Sand betrug, die der Schriftsteller mit stolzer Miene aus seiner Uhr in den Trichter schüttete. Das Wort ließ er sich einpacken. Noch erhobeneren Hauptes stiefelte er vom Wagen, der zur Pflege des Algenbewuchses wieder in den Fluss kam, weg. Als er mit seinem Päckchen unterm Arm schon fast außer Sichtweite war, rief ihm ein Liebespärchen mit großem Fotoapparat hinterher, ob sie nicht seinen berühmten Wagen zu einem Shooting verwenden dürften. Sie durften, selbstverständlich.
In der einbrechenden Dunkelheit, im Licht der Vulkanasche, deren winzige Glasscherben in über 6000 Meter glitzerten, montierten, stylten, kreierten sie eilig eine Figur aus Draht und Strumpfseide, Herrn W. nicht unähnlich, auf das Drahtgitter, warteten die behexten Farben des Himmels und vorübersausender Automobile ab und fotografierten, knipsten, belichteten, bis die Algen zu verblassen drohten und der Wagen an seinen Platz im Flussbett zurück gestellt werden musste. Herr W. indes war seine Haustreppe hochgestiegen, hatte sich an seinen Schreibtisch neben dem Bett gesetzt und wickelte nun das Wort aus. Bis weit nach Mitternacht blätterte er dann in einer Sammlung weißer Seiten. Gegen eins schrie er „Heureka!“ und schrieb „Weberknecht“ auf Seite eins, aber ziemlich ans Ende. Seufzend erhob er sich, blickte müde durchs Fenster auf die beleuchteten Köpfe der Leute hinab und nickte selbstgefällig.
– Wenn doch jeder Tag so erfolgreich verliefe wie dieser hier! dachte er, fiel aufs Bett wie er war und schlief sofort ein.
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C.J. Bartolomé
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