Geschichten zum Thema Alltag

N° 21 Fesseln und Fluss

Beitragvon C.J. Bartolomé » Sa 27 Apr, 2013 10:20


Die Füße hielt er still unterm großen Schreibtisch, seit früh morgens kühlten sie auf dem kalten Parkett aus. Die jungen Beine erstarrten am roten Stuhl in doppelter Hose, auf seinem abgesessenen Arsch krümmte sich sein Rückgrat schwächlich an der Schreibtischkante vorbei und hielt den schweren Kopf irgendwie über den Zeilen. So gequetscht sein Gesäß, so verhungert seine Augen von dem drögen, eintönigen Futter magerer Zeilen Theorie. Die verbrauchte Heizungsluft trocknete seine Hornhaut aus, brennend und gereizt fühlte sich jeder Lidschlag an. Der Raum verengte sich zu Mittag, die Abgase seines Atems sammelten sich in dem farblosen Halbdunkel der vier Wände. Doch das einzige Fenster zu öffnen, ja nur zu kippen, wäre ein noch größeres Übel gewesen, denn zu dieser Hochtageszeit trieben entsetzliche Mengen von Auspuffgasen und ein höllischer Lärm von tausend Motoren die sieben Stockwerke hoch. Um diese Zeit glich sein Zimmer einem Kerker, an ein Entrinnen durfte er nicht denken, denn die Pflicht fesselte ihn an die Lektüre. Ein Text zu Nanomaschinen und Lasern war vorzubereiten, Mut zur eigenen Meinung zu bewahren, langweilige Formen zu umgehen! Um siebzehn Uhr platzte ihm der Kragen, kurz vor dem inneren Kollaps griff er zum Hörer, verabredete sich und raste eine Stunde später aus der Betonhölle in Richtung der grünenden, frühlingshaften Natur. Die Leine dümpelte trüb nach Norden, sie zog es nach Süden, dem Sonnenuntergang entgegen, in den milden Wind zwischen leuchtendem Blattwerk frisch aufgegangener Knospen von Kastanien, Holundersträuchern, Jasmin und Pappeln. Einige Apfelbäume quollen über vor dicken Blütenballen, Kirschen blühten schon in voller Pracht und süßem Duft. Über den Fluss sahen sie in das weite Bett, ihre Lungen sogen sich warm, ihre Beine strampelten wild in den Pedalen, sie flogen die Ufer dahin. An einer Biegung der Leine, unweit vom Daacher, aber noch in Greifweite der Stadt, behagte ihnen eine Pause auf den großen Granitquadern der Uferbefestigung, vor ihnen ein bisschen grünendes Ufer, Geröll und das striemige Flusswasser, das dicke Steine oder lange Baumstämme an Stellen überflutete. Hinter den Eichen des anderen Ufers verschwand die Sonne halb im Geäst, ein dünnes Lüftchen zog von Westen heran und kündete Nacht an, den Schlaf auch, das natürliche Leben in Betten aus Holz, zu dem kein Mucks, nicht eine Vibration gelangt, sodass die Ohren sich satt hören würden an der Stille und das ganze Wesen seine gesunde Ausdehnung zurückerlangen konnte. Halb träumend, halb wachend, bestiegen sie wieder ihre Fahrräder und wirbelten los, Amseln sangen den Abschied, den sie verlachten. Die Stadt, die verhasste, ergab sich langsam der Ruhe der zwanzigsten Stunde, die Leute gingen nach Hause und blieben dort.
In ihm schwebte ein neues Körnchen Überzeugung zu den tausend anderen herab, diese Stadt verlassen zu müssen in eine ruhigere, kleinere Gegend, in der der Zweig eines Baumes bis an seinen Schreibtisch reicht.
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struktur-los (Di 07 Mai, 2013 13:28)
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Re: N° 21 Fesseln und Fluss

Beitragvon struktur-los » Di 07 Mai, 2013 13:28


Hallo Bartolomé,

sehr schön stellst du hier die Gegensätze zweier Lebens-Inhalte dar, die beiderseits wichtig, doch vereint ein glücklicheres, ausgeglichenes und zufriedenes Leben bewerkstelligen könnten - wobei ich mir unsicher darüber bin, ob dies tatsächlich ausreichen würde, da der Protagonist seiner Arbeit an sich ja auch schon eine gewisse Trockenheit bzw. Dröge andichtet.

Dennoch:

In ihm schwebte ein neues Körnchen Überzeugung zu den tausend anderen herab, diese Stadt verlassen zu müssen in eine ruhigere, kleinere Gegend, in der der Zweig eines Baumes bis an seinen Schreibtisch reicht.

… wunderschön beschrieben.

Angesprochen haben mich unter anderem folgende Textausschnitte aufgrund des Inhalts, der Bildsprache und des Ausdrucks:

Der Raum verengte sich zu Mittag, die Abgase seines Atems sammelten sich in dem farblosen Halbdunkel der vier Wände. Doch das einzige Fenster zu öffnen, ja nur zu kippen, wäre ein noch größeres Übel gewesen, denn zu dieser Hochtageszeit trieben entsetzliche Mengen von Auspuffgasen und ein höllischer Lärm von tausend Motoren die sieben Stockwerke hoch.


... und hier die andere Seite:

Die Leine dümpelte trüb nach Norden, sie zog es nach Süden, dem Sonnenuntergang entgegen, in den milden Wind zwischen leuchtendem Blattwerk frisch aufgegangener Knospen von Kastanien, Holundersträuchern, Jasmin und Pappeln. Einige Apfelbäume quollen über vor dicken Blütenballen, Kirschen blühten schon in voller Pracht und süßem Duft.

Hinter den Eichen des anderen Ufers verschwand die Sonne halb im Geäst, ein dünnes Lüftchen zog von Westen heran und kündete Nacht an, den Schlaf auch, das natürliche Leben in Betten aus Holz, zu dem kein Mucks, nicht eine Vibration gelangt, sodass die Ohren sich satt hören würden an der Stille und das ganze Wesen seine gesunde Ausdehnung zurückerlangen konnte.

Fraglich empfinde ich den Ausdruck der markierten Stelle in diesem Auszug:

Einige Apfelbäume quollen über vor dicken Blütenballen, Kirschen blühten schon in voller Pracht und süßem Duft. Über den Fluss sahen sie in das weite Bett, ihre Lungen sogen sich warm, ihre Beine strampelten wild in den Pedalen, sie flogen die Ufer dahin.

Meintest du hier vielleicht "sie flogen über die Ufer dahin" oder "so flogen die Ufer dahin"?

Ja, also - mich spricht dein Text an. Die Gegenüberstellung, das Gewahrwerden über die eigenen Empfindungen, Sehnsüchte und Bedürfnisse und die Schlussfolgerung am Ende haben mich überzeugt - nicht weniger die Bilder, die sich in mir malen, wenn ich deine Worte lese. Deshalb empfehle ich ihn.

Es grüßt
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Re: N° 21 Fesseln und Fluss

Beitragvon C.J. Bartolomé » Do 23 Mai, 2013 17:17


Hallo strukturlos,
ich danke dir für die lange und schmeichelhafte Kritik. Es geht ja oft um die Präzision, und eine schlechte Stelle unter vielen guten entdeckt zu bekommen ist doch ein kleines Geschenk.
Ich habe gerade djellaba von kokoschanell gelesen. Eigentlich sollten die Lyriker vorangehen, was Präzision, Bildhaftigkeit, Vorbereitung und Abschluss, Rhytmus und Überraschung betrifft, nicht der, der sich Platz lässt für einen längeren Text. Aus diesem Grund vielen Dank, mir eine gute Kritik zu geben:

"Meintest du hier vielleicht "sie flogen über die Ufer dahin" oder "so flogen die Ufer dahin"?

Es müsste heißen: "Sie flogen DAS Ufer dahin", wenn man davon ausgeht, dass sie nicht auf beiden Seiten des Flusses fuhren und bspw. eine Brücke nahmen, dann wären sie auf "den" Ufern dahingeflogen.
Die Assoziation, die der Halbsatz auslösen soll, ist der an den Flug der Mauersegler, die sich oft in Tandems jagen. Und ich finde, "die Ufer" klingt luftiger, leichter, abgelöster, und damit dem Flug der Mauersegler, und damit der Leichtigkeit des zweiten Teils des Textes ähnlicher. Vielleicht wäre also auch eine Möglichkeit, "sie segelten" oder "sie jagten an beiden Ufern dahin" zu schreiben, das wäre mir allerdings zu lyrisch, und wie djellaba zeigt, findet man sich im Lyrischen schnell auf einem sprachlichen Abstellgleis wieder.

Viele Grüße!
Bartolomé
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