Geschichten zum Thema Alltag

N° 24 Der Magier

Beitragvon C.J. Bartolomé » Fr 31 Mai, 2013 09:48


In seinem stillen Appartement im Dortmunder Osten arrangierte er viele schwarze Möbelstücke mit Dingen aus Fernost. Die schwarzlederne Garnitur aus zwei niedrigen Sesseln und der breiten Couch, in der Ecke hinterm Schrank ein weiterer schwarzer Sessel; der hochlehnige Schreibtischstuhl drehte sich dunkelschwarz vor der breiten, aber flachen Fensterfront, die ein kurzsichtiges Panorama auf einen wild überwucherten Haushang eröffnete. Auf einem Zweig der großblütigen Magnolie putzte sich ein Rotkehlchen das Gefieder. Die Laken waren schwarz, der Esstisch, das Metallregal – das Licht verschwand in den Poren dieses toten Tones. Verteilt an den Rändern des großen Wohnzimmers waren Wandtücher mit Ornamenten, das Ohm, Fotos von Ashrams, Rosenquarze, Salzlampen, Räucherhölzer, Buddhastatuen und vieles mehr, sie kündeten von einer Trennung; das Bücherregal trug schwer an magischer Literatur von Aleister Crowly, Rudolf Steiner, C.G. Jung, aber auch von Ratzinger, Siegmund Freud und Simmel. Tagebücher, Sexualmagie, Geheimwissenschaften, Salz der Erde, Totem und Tabu, Traumdeutungen und Frauen titelten die eng beieinanderstehenden Buchrücken, vor der Tür parkte unter der blühenden japanischen Zierkirsche sein Golf 6, auf dessen weißen Lack sachte die rosa Blütenblätter hinabrieselten.
Die Trennung zwischen dem Reich der Sinne und der Unendlichkeit des Spekulativen sprengten Magie, Esoterik, Anthroposophie und die Mutter Gottes aus Limburg. Feinstoffliches, Ätherkörper, Astralleiber, Energie und Ströme verbanden sich mit Yoga zu einem imaginierten Weg der Erleuchtung, der Erlösung über die Grenze zwischen Sinn und Sinnieren hinweg. Der festeste Glaube traf in seiner Person auf eine sichere, wissenschaftlich geschulte Vernunft, die auf der schwarzen Couch saß, Wasser des Krans aus einer Karaffe trank, in der Bergkristall, violetter und purpurner Amethyst dem sich setzenden, ruhenden Wasser böse und schlechte Eigenschaften nahmen, Magneten gleich, die Schwermetalle an sich ziehen können.
Das unerträgliche Unwissen über das tödliche Ende, den blutigen Beginn und das sinnlose Zwischendrin des Lebens öffneten seinen verzweifelten Geist der alten Menschheitsidee von anderen, übersinnlichen Welten. Als dann ein nach Deutschland verirrter Inder ihm Wundergeschichten über Ätherwanderungen erzählte, indisches Schweben und prophetische Worte sein Ich elektrisierten, verzogen sich die schweren Wolken am Himmel und die erste nur geglaubte Erkenntnis wärmte seine erkaltete Haut. Vom Ende der Welt beschaffte er sich nun Berichte, Erzählungen und Erlebnislektüren, Menschen suchte er auf, die in Weihen standen; denn das Hier und Jetzt tötete ihn noch zu sehr, es schnitt seine Jugend noch immer in Streifen, deren fauliges Gegammel sich hitzig stank. Die Schwäche, das Nichts nicht mehr ertragen zu wollen, entriss ihm auch den letzten Anker aus dem Boden der Wirklichkeit; in der Stärke des frühen Sturmes trieb er hin in die kraftvollen Suggestionen, die all seine Lebenssorgen aufnahmen und ihnen ein herrliches Aroma verliehen. Alle Illusionen drängten bald mit einer unwiderstehlichen Kraft auf ihn, Illusionen über Illusionen verbanden sich zu einem Schein. Der Anfang und das Ende allen Gewirres von Illusionen, Glaube, Meinen, Schein und Sein verschwanden im Nebel seiner menschlichen Bedürfnisse. Von dort her aber verzauberte er nun die Wälder, die Städte, die Felder und Straßen in kleine Paradiese, in die er den Fuß voll Hoffnung setzten durfte; die trockenen Ähren des Weizens im Sommer, der wirbelige Beginn eines dunklen Gewitters, wenn kalte Polarluft die Tageshitze hob, der Blitz im Wasser der Wolken der Nacht, plötzlich verwandelten sich seine Sinne und entluden die inneren Schreie in Magie, die Augen zuckten vor der Welt. Alles hatte nun einen Sinn. In der magischen Welt der weißen, hellen Räumlichkeiten begriff er einen Einklang. Fliegende Inder und göttliche Wunder verstand er im Dort, sinnliche Liebe und liebende Sinne benetzten seine Wunden. Wolken aus Eis über ihm, Tulpen in gelb unter ihm und sein Glaube mittendrin.
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C.J. Bartolomé
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