Geschichten zum Thema Alltag

N° 25 Fliedernächte

Beitragvon C.J. Bartolomé » Fr 21 Jun, 2013 08:10


Die alte, einfache Vase in orange fasste viel Wasser sowie zwei Fliederzweige. Die frischen Blätter und fülligen, rosafarbenen Stauden, die sich schwer über das Holz bogen, kontrastierten die vom Fingerfett verdunkelte Maserung der Fichte. An den Brettern des Nachttisches trockneten die Nasen und Streifen des geronnen Harzes schon seit Jahren und rochen nach nichts, denn aller Duft hatte sich längst tief in die Hölzer zurückgezogen.
Draußen vor dem Haus fiel Dunkelheit in Tropfen hinunter und nässte den Asphalt wie die grellen, hängenden Lampenkästen, die tausend Pyramiden aus Kastanienblüten und die glitzernden Autodächer. In Pfützen, Lachen und abfließendem Regen reflektierten die Lichter, die Fußgänger zogen sich zurück, schlüpften in ihre hellen Bastionen; in den vielen Zimmerchen der Königsstraße überlebte die nervöse Großstadt noch ein wenig. Nach und nach aber erloschen die Lampen, Bildschirme und Augen, unzählige Worte, Lärme, Geräusche, Bilder, Formen und Farben, Gefühle und Gedanken, Sorgen und Ängste verschwanden – jeder für sich schloss die Lider über Augäpfeln, deren Nerven durch den Knochen in ein überfülltes Gefangenenlager führten.
Doch die Nase begann, zu atmen. Die ersten, noch abendnahen Träume standen auf.
In alle bösartigen Verwicklungen der hellen Stunden hinein schnitt nun die Phantasie, in grausame Ahnungen setzte sie liebliche Tulpenfelder, in Geld, Beschimpfungen, Tritte, Verletzungen und Hinterhalte wob sie frühe Kindertage ein, um Bitterem und Giftigem die Wirkung zu nehmen, doch dort ein Alb – ein Fädchen reißt und schmerzt die Träumerin! gleich eines zerdehnten Nerves. Der Flieder duftet hinein und der Alptraum steht verwundert still. Süße Moleküle gleiten die Härchen und Häutchen entlang zu den Nerven und kitten mit Mai und Wiesen so weich, so rettend heilend; als der tiefste, der dunkelste Moment der Nacht erreicht, als der schwerste Schlaf die letzte Erinnerung löschte, als in den frühsten Morgenstunden – da schlief sie nackt und bloß.
Da war`s vorbei. Als ihre Sinne erwachten, lächelte sie, denn sie fühlte sich seltsam erfrischt. Unversehens grüßte sie den Flieder, nicht ahnend, dass er es war.Bitte schickt mir Eure Kritiken und Kommentare auch zu (http://www.profession-literatur.de/index.php/kontakt).
C.J. Bartolomé
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