Geschichten zum Thema Alltag

Einseitige Prosa: Entrückt

Beitragvon atti » So 28 Jul, 2013 17:01


Entrückt

Ein Gefühl von drückendem Sommertag in mir, wie ich so lächelnd in die Sonne blinzle und die zerrenden, zehrenden Stimmen in meinem Kopf verstummt finde. Dabei haben wir es unter Null und der Schnee liegt kurz vor Beginn des Frühlings höher als in den letzten Wintern und hier, im Bus, wird der Lärm des Dieselmotors durch nichts gedämpft.

Ich und einige Kinder beobachten gebannt einen Jungen mit stahlblauen Augen und dem Kinn eines gestandenen Mannes, wie er – von seiner sichtlich gelangweilten Freundin aus halb geschlossenen Augen bewacht – Rubiks Würfel bearbeitet und ihn tatsächlich innerhalb der drei Haltestellen, bevor ich aussteigen muss, fertig stellt: Je Seite genau eine Farbe, wohlgeordnet.

Wohlgeordnet verlasse ich den Bus und komme nicht mehr los von dem Gedanken an sein verhaltenes Lächeln, das von der Routine zeugte, mit der er sich seiner selbstgestellten Aufgabe widmete. Sein Lächeln, ein Blick zur unveränderten Freundin, ein flüchtiger Kuss auf ihre Wange, ein Blick auf sein Smartphone, mein Lächeln.

Schwebenden Tritts nehme ich die paar hundert Meter, die die Haltestelle von meiner Wohnung trennen, in Angriff und fühle mich dabei doch eher friedlich und ruhig. In meinen Gedanken habe ich bereits endlich aufgeräumt – mit mir und in der Wohnung –, sitze an einem fast leeren Schreibtisch, gehe meiner Arbeit mit einem Stift in der Hand nach, der in der Momentaufnahme meines Geistes noch über dem weißen Papier schwebt. Ich sitze an meinem Schreibtisch vor dem Fenster mit dem Blick auf den verschneiten Innenhof im goldenen Licht der werdenden Frühjahrssonne und meine Hand lässt den Stift noch nicht sinken, noch nicht.

Ich halte dieses Bild, halte es solange ich kann, fürchtend, dass mir diese sich so gesund anfühlende Entfernung von allem verloren gehen könnte. Ich frage mich, ob dies das Prinzip hinter einer Meditation sei, und im gleichen Moment, ob solche Gedanken eine befleckende Wirkung haben könnten oder ob es nicht genau darum gehe, dass eine solche Befleckung unmöglich geworden ist. Ich lächle mich mit meiner Momentaufnahme an und stelle mir vor, wie eine Träne aus meinem linken Auge falle, und, ja, ist sie nicht da? Auf meiner Wange?

Ich springe zum Spiegel und rutsche auf dem Parkett, ich falle nicht, sondern lache kurz auf. Ich blicke mich an und ich sehe die Falten und Furchen – sie sind nicht etwa fort, doch glatter, geglättet in meinen Augen, die mir für den Moment als Werkzeug gehorchen wollen.

Die Welt so zu sehen, wie sie gut tut. Der Glanz jeder Regung. Der Schweif eines Zaubers, der allem anhängen kann, wenn du willst. Wenn du willst. Und dieses Wollen durchhalten kannst. Wohlstandsprobleme? Verklärung? Klarheit des Moments und tiefer wortloser Einsicht, die sich dem entzieht, der sie mit der Sprache, dieser reparaturbedürftigen Wirklichkeitsmaschine, zu erfassen versucht. Die Sekunde, bevor die Tinte das Papier berührt, bevor ein erneuter Versuch scheitern muss. Seligkeit.

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rivus (Do 01 Aug, 2013 21:45)
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Re: Einseitige Prosa: Entrückt

Beitragvon rivus » Do 01 Aug, 2013 21:44


ach atti, ja das entrücken, dein entrücken ist zu empfehlen, so können wir die glückseligkeit ein wenig erhaschen und getrost, mit diesem einseitigen, faszinierenden blickwinkel, auf eine entdeckungsreise gehen und in ländern verweilen, die das kaum sagbare oder gar das unsagbare für uns aufdecken, um das geheimnisvolle dahinter, das die losigkeiten unsres lebens für unsre tieferen sinne auffängt, so verdichtet, dass man wieder bezüge zum seligen herstellen kann und gehalten wird, wenn die wirklichkeitsmaschinerie uns einfach ungefragt verrückt.


gern gelesen und als lesenswert empfunden


lg rivus
Zuletzt geändert von rivus am Do 01 Aug, 2013 21:56, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Einseitige Prosa: Entrückt

Beitragvon atti » Mo 05 Aug, 2013 05:42


rivus!

Ich danke dir für deine assoziierende Interpretationsskizze, die mir Hoffnung macht, dass die Tante Prosa und ich uns in Zukunft vielleicht doch noch besser verstehen ...

Lieben Gruß

atti
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Re: Einseitige Prosa: Entrückt

Beitragvon Hiwerver » Mi 27 Jul, 2016 09:38


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