Geschichten zum Thema Alltag

Die Springerin

Beitragvon klaasen » So 03 Aug, 2014 10:02


Den Bars habe ich nun den Rücken gekehrt. Früher bediente ich in der "Ritze" in Hamburg. Eines Tages lernte ich ihn kennen. Ich vertraute ihm sofort.
Er sah gut aus. War witzig und ein einfühlsamer Liebhaber. Ein junger Mann, nach dem sich die Frauen die Finger leckten. Er selbst nahm sich und das Leben nicht sonderlich ernst. Ein Filou, ein Künstler, ein Lebemann, ein Kuschelmann, ein Aufstellmännchen. All das liebte ich so sehr an ihm. Seine Weltanschauung und seinen pfälzischen Humor. Aber das ist nun vorbei. Von heute auf morgen war er weg. Keine Zettelchen auf dem Nachttisch, kein aufklärender Anruf, kein "Auf Wiedersehn.“
Ich wusste es. Ich wusste, er war nicht zu halten. Freundinnen hatten mich vor ihm gewarnt. Sie meinten:” Das ist kein Mann für dich. Der ist eine Nummer zu groß. ” Ich wusste, sie hatten Recht. Wollte es aber nicht glauben. Glaubte an ein Märchen.
Die Gewissheit, ihn nicht mehr wiederzusehen, hat mich nach und nach in einen Dämmerzustand gebracht. Einen Zustand, den ich nicht länger ertragen kann.
Auch sonst bin ich immer ein labiler und mit wenig Selbstvertrauen ausgestatteter Mensch gewesen. Habe mich mein Leben lang als Randfigur gefühlt. Als kleines Ohrenstäbchen, das man benutzt und nach Gebrauch entsorgt. Er brachte es zustande, dass ich mich als Frau fühlte. War aufmerksam. Kleine Geschenke, eine Blume, eine Einladung zum Essen, ein Spaziergang im Park, lange Gespräche über Gott und die Welt, Besuche in Museen: Mit solchen Kleinigkeiten die aber nicht selbstverständlich sind, hat er mein Herz eingefangen, es verführt, gemalt, in die Welt gehängt und meinen Glauben an die Liebe wiedergeboren…
Nun stehe ich auf der Brücke, schaue in eine dunkle Pfütze, die meine Gedanken in zwei Lager spaltet.
Die eine Hälfte ist damit beschäftigt zu springen, während die andere Hälfte mir einreden will, das Leben sei doch schön. Ich springe.
Der Weg nach unten kommt mir endlos vor…
Ich sehe mich als kleines Kind: Vom Vater missachtet, von der Mutter mit dreckigen Worten geprügelt… Und meine Großmutter, die mich liebt, wie eine Biene die Blume. Sie war ein Schatz.
Warum können Mütter nicht wie Großmütter sein? Die dunkle Brühe kommt näher, und ich habe das Gefühl, ich hänge an einem Fallschirm. Ich bewege mich so schwerelos wie die kleinen Drehflügler einer Pusteblume im Wind.


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Re: Die Springerin

Beitragvon rivus » So 03 Aug, 2014 12:44


hallo klaasen,
den text zieht mich hinein und lässt mich mit der protagonistin mitspringen. sie schildert ihr kurzes scheinglück, welches sie mit inbrunst vor allen warnenden verteidigt hatte und ihr scheitern, das sie mit einem sprung in ein pfützendunkles unter einer brücke vollendet. doch der sprung geschieht episodenhaft, wie auch ihre gedanken und gefühle wie alte seh- und sehnsüchte an zeitlupenfallschirmen hängen, als ob sie das absurde ihres scheitern wollens nochmal hinterfragen könnte. dieser abschied in der manier einer schwerelosen wirkt surreal wie die verklärung ihres geliebten und ihrer großmutter, die ihr beide im realen keinen halt geben konnten.


das erst mal

fg

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Re: Die Springerin

Beitragvon klaasen » So 03 Aug, 2014 13:21


Liebe(r) Rivus

danke Dir vielmals fürs feedback. gerne gelesen.
Gruß
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