Für die Zeitkapsel.

Beitragvon limes lupo » Mi 17 Dez, 2008 20:54


Manchmal, da will ich es wissen, da will ich wissen ob ich es noch kann, ob ich es jemals konnte. Mein gebrochener Held, ein manischer im Tief, sitzt dann auf der Toilette der Universität im zweiten Stock und schämt sich nicht mehr, wirft die Tablette einfach ein und kritzelt etwas auf sein Papier. Die Perspektive von ganz unten, von ganz drinnen hinter schalldichtem Plexi. Klopf, Klopf. Die Türe ist abgeschlossen. Was bleibt ist ein zittriger Stift und die Gewissheit, dass es noch jedes Jahr so war und jedes Jahr war noch das schlimmste.
Verschissene Selbstzweifel, verpackt in Depressionsschübe, kleine Geschenke an Mr. Autoaggression. Wo keine Feuertüren mehr einzuschlagen sind, da müssen sich Wracks selbst entzünden. Durchkommen, statt weiterkommen, alles ist Anstrengung. Stabilität ist Glück, mein langersehntes Glück, etwas, dass Gott mir auf der Schaukel in die Wiege gelegt hat. Pass auf du Arschloch, wir sehen uns mitunter immer wieder öfter als du denkst, wenn wir zu weit gehen um zu sagen: „Trotzdem.“
Alle Helden sind tot, Zeit ist Geld und viel zu knapp und das wissen wir alles schon.
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Re: Für die Zeitkapsel.

Beitragvon Old Gil » Do 09 Jul, 2009 14:23


Hallo Limes Lupo.

Um die zehn Mal habe ich deinen Text nun schon gelesen, mehrere Male laut. Und Obwohl ich eigentlich nicht viel von dieser Art Text verstehe; von Prosa allgemein; versuche ich mich ein wenig einzufühlen (du kannst das hier als ein Mischmasch aus Interpretation und Gedankenprotokoll nehmen).
"Für die Zeitkapsel" - Manchmal, da wünschen wir uns, einen Zettel schreiben zu können und ihn direkt vor unserer Nase von vor zehn Wochen oder mehr zu positionieren, eine Warnung meistens.
Wenn ich deinen ersten Absatz lese, denke ich zuerst an einen kreativen, psychisch kranken Studenten, dem das fehlt, was er vor langer Zeit einmal hatte. Vielleicht Phantasie, vielleicht eine Art Geborgenheit und einen stabilen Geist (wie-auch-immer-man-das-nennen-will; vgl. "Stabilität ist Glück, mein langersehntes Glück, etwas, dass Gott mir auf der Schaukel in die Wiege gelegt hat."). Dein Protagonist hat die Stabilität in die Wiege gelegt bekommen, aber auf der Schaukel und bisweilen fällt mal etwas heraus, bei dem ganzen Geschaukel. Ich habe das Bild noch nicht ganz verstanden.
Zurück zum ersten Absatz. Die Perspektive von ganz unten, das ist wie im Film, ich spüre irgendwie wie eine Hand meinen Nacken runterdrückt und mir sagt: Von hier schaust du ihn jetzt an. Das gefällt mir. Vielleicht ist es auch der Blick des Prot, der sich vom Körper gelöst hat, ich habe keine Ahnung, was er sich da eingeworfen hat und wie es wirkt. "Klopf Klopf" erinnert mich an einen dieser flachen Witze, was mich irritiert, aber es geht wohl kaum anders ("es klopft" sowieso nicht und "bummbumm" oder ähnliches lässt gleich an Schüsse denken).
Jedes Jahr war noch das schlimmste, das denke ich auch manchmal, schon wieder nichts gelernt, aber wie auch, es heißt ja durchkommen und nicht weiterkommen (dieser Vergleich klingt irgendwie abgegriffen, obwohl ich ihn noch nie zuvor gehört habe).
"Wo keine Feuertüren mehr einzuschlagen sind, da müssen sich Wracks selbst entzünden." Das ist wahrscheinlich mein Lieblingssatz. Das Bild bröckelt ein bisschen, though. Was genau verstehst du unter Feuertüren? Nicht Feuerschutztüren; und ich denke an Türen aus Feuer, das würde irgendwie Sinn machen, aber wie soll man etwas aus brennender Luft einschlagen? Vielleicht stellt die Feuertür einfach eine Grenze da, die man überschreiten könnte, aber hier gibt es keine Grenzen mehr, keine bedeutenden die noch nicht überschritten wurden.
Die kleinen Geschenke an Mr. Autoaggression, warum sind sie nur mit einem Komma abgetrennt? Es scheint, als bezögen sie sich auf die vorangehenden Selbstzweifel und Depressionsschübe, aber ich denke bei dem Stichwort Autoaggression eher an das Sich-selbst-Schmerzen-zufügen. Kann man sich selbst psychische Schmerzen zufügen? Wahrscheinlich schon. Aber heißt das dann immer noch Autoaggression?
Dann die Sache mit Gott und dem Hass auf ihn. Ja, das passt alles in gewisser Weise zusammen. Vielleicht Selbstmordversuche? Das würde aber nicht zur Autoaggression passen, jedenfalls nicht nahtlos. Und das Ich sagt ja auch in seinem "Schlusswort": Trotzdem. Es geht weiter, weil es geht weiter (und so weiter).

Allgemein spricht mich dein Text an, mit seiner Verzweiflung, mit seinem Trotz und dieser grimmigen Wut irgendwo darunter. Wahrscheinlich konntest du mit diesem Herumgestochere jetzt nicht allzu viel anfangen. Aber für deinen Leser - mich - hat es etwas gebracht. Hoffe ich.

Gern gelesen (einer weiteren Wertung enthalte ich mich),
gil.
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Re: Für die Zeitkapsel.

Beitragvon Duke White » Do 09 Jul, 2009 16:09


Mir gefällt das Bild des kauernden Protagonisten der "Es" von unten sehen will.
Die Perspektive von unten ist ziemlich unbestimmt.
Man denkt wohl an die gesellschaftliche Ordnung, klar ist das nicht.
Wenn er Gott immer wieder sieht, deutet dies wohl doch auf Suizid hin.
Das passt alles in das Bild des Instabilen, wohl dennoch intelligent sein muss (Universität), daran besteht kein Zweifel.
Das ganze Szenario erinnert mich sehr an das Buch "Murphy" von S. Beckett.
Gerne gelesen.
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Re: Für die Zeitkapsel.

Beitragvon Old Gil » Do 09 Jul, 2009 20:28


[quote="Duke White":39skoizl]Mir gefällt das Bild des kauernden Protagonisten der "Es" von unten sehen will.
Die Perspektive von unten ist ziemlich unbestimmt.
Man denkt wohl an die gesellschaftliche Ordnung, klar ist das nicht.[/quote]
Ja, das sind diese Momente, in denen man einen Text NOCHeinmal liest, und sich fragt, ob man beim letzten Mal besoffen war. Der Protagonist schaut von unten, klar... wobei es für mich auch den Leser irgendwie mit einbezieht, prot und Leser verschmelzen m. E..
@Duke White: Vielleicht ist das "Es" gar nichts spezielles, sonder einfach alles, allgemein. Der Prot will die persönliche Erniedrigung kennen lernen, in jeder Hinsicht? ...oder so?
Grüße,
gil

edit: Duke, gibt's dich nicht schon länger hier als 16 Beiträge?
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Re: Für die Zeitkapsel.

Beitragvon Duke White » Do 09 Jul, 2009 21:50


[quote="Old Gil":2zvfjqb0]
Ja, das sind diese Momente, in denen man einen Text NOCHeinmal liest, und sich fragt, ob man beim letzten Mal besoffen war. Der Protagonist schaut von unten, klar... wobei es für mich auch den Leser irgendwie mit einbezieht, prot und Leser verschmelzen m. E..
@Duke White: Vielleicht ist das "Es" gar nichts spezielles, sonder einfach alles, allgemein. Der Prot will die persönliche Erniedrigung kennen lernen, in jeder Hinsicht? ...oder so?[/quote]

Sehe ich auch so. Hauptsache das "Unten" kennenlernen wollen.
Sehr geschickt, dass es sich in einer Uni abspielt, denn der Protagonist kannte dann vermutlich "Oben" besser.


[quote="Old Gil":2zvfjqb0]
edit: Duke, gibt's dich nicht schon länger hier als 16 Beiträge?[/quote]

Nein, wieso?
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Aw: Für die Zeitkapsel.

Beitragvon Vangohr » Fr 08 Okt, 2010 19:22


He Lupo,

deinen Titel finde ich wunderbar bildhaft und zusammenhangslos, das hat mich neugierig gemacht. Absatz 1 hat mir dann auch gut gefallen: schön klar und flüssig, das Bild ist so Alltag, dass ich mich selbst auf dem Uniklo hab sitzen sehen und mich mittendrin gefühlt habe. Und dann ging es los. Absatz 2. Da wirst du wirklich sehr...poetisch, weißt du? Ein ausgegorener Pathos und damit er nicht zu weinerliche weicheischeiße wird, schnell noch eine gehörige Portion Agression, Trotz und Philosophie hinein, die so offensichtlich ist, dass sie das Nivaeu einer Leuchtreklame streitig machen kann. Was ich damit sagen will. Dein Anfang hat Stil, schafft für mich eine Szenerie, in die ich eintauchen kann. Weil das, was du schreibst glaubhaft wirkt, plastisch. Und auf diesem Ansatz könntest du wunderbar eine Geschichte oder sonst was aufbauen, mein Interesse hast du zumindest geweckt. Das brachiale Zusammenknüllen bedeutungsschwerer Sätze, die den Text überladen ist meiner Meinung nach weniger raffiniert, als wenn du eben diese Aussagen aus Abs. 2 z.B subtiler in einer Art Abs. 1 einflechten würdest. Dann wäre es möglich auf die sehr direkte, einschlagende Weise - Spitzen - zu setzen. Ein Wechselspiel zwischen den schlicht-flüssigen Sätzen des Abs. 1 (Ich finde die sehr ästhetisch!) und der grellen Direktheit des Abs. 2 kann denke ich eine raffinierte Mischung ergeben!
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