Ein Kind.

Beitragvon limes lupo » So 21 Sep, 2008 15:57


An jenem Morgen wachte ich auf. Ich hatte keine religiöse Eingebung und ich hatte mich auch nicht über Nacht in einen anderen Menschen verwandelt. Ich wusste nur plötzlich, dass sich nichts verändern würde, nichts würde sich verändern, so lange ich die Dinge nicht selbst in die Hand nahm.

Ich stieg aus dem Bett, es war der Tag nach meinem siebzehnten Geburtstag. Ich ging ins Bad und pisste ins Waschbecken, danach nahm ich mir die Zahnbürste die in einem Becher am Waschbeckenrand stand, holte meine „Blabla-Superbright-Zahncreme“ aus dem Spiegelschrank und drückte eine wenig davon auf die Zahnbürstenspitze. Der Geruch von zu viel Minze stieg mir in die Nase als ich meine wunderbare Morgenlatte im Spiegel betrachtete, ich war Jungfrau.

Nach einer kalten Dusche, die meine Erektion in die Knie zwang, zog ich das Zeug vom Vortag an und steckte den weißen Briefumschlag mit dem 500-Euro-Schein, den ich von meinen Großeltern geschenkt bekommen hatte ein.

Der erste Weg führte mich in die Trafik. Ich kaufte mir Zigarillos, ich hatte noch nie zuvor welche geraucht, mochte aber deren Geruch und hielt sie für stilvoll. Sie rundeten sie ab, meine neue „einsamer-Wolf-Story-Erscheinung". Alles ist ein Selbstportrait.

Ich selbst war ein nichts, da war kein Drehbuch, also musste ich es schreiben. Ich hatte nicht zu viel und nicht zu wenig, ich war bei Gott nicht mit allen Wassern gewaschen, aber mit einigen. Die Geschäfte in der Gegend hatten bereits geöffnet, ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es 9 Uhr war.

Irgendwie wusste ich was ich wollte ohne darüber nachdenken zu müssen, als ich das Tattoogeschäft betrat. Der Typ hinter dem Tresen sah mich mit einem durchdringenden Blick an: „Wir tätowieren nicht ohne vorher vereinbarten Termin“, warf er mir anstelle eines Grußes entgegen. Ich entschloss mich auch dazu auf den Gruß zu verzichten: „Ich geb dir 100 Euro drauf wenn du es mir sofort stichst.“ Jetzt war da Interesse in seinen Augen: „ Was willlst du?“ Ich dachte kurz nach und erinnerte mich dann wieder daran nichts zu denken. „Mutter in Lateinbuchstaben unterhalb des rechten Hüftknochens, zwei Zentimeter hoch, zehn Zentimeter lang.“

Ein fettes, kratzendes Wundpflaster zierte meine Hüfte. Ich war auf dem Weg Schritt zwei zu verwirklichen. Die U-Bahn brachte mich in den miesesten Teil der Stadt, wo ich mir das erst beste einschlägige Lokal aussuchte. Ich wunderte mich noch darüber, dass die vormittags geöffnet hatten als sich mein Opfer schon zu mir an die Bar setzte. Sie sah heruntergekommen aus und hatte zu viele Jahre auf dem Buckel, aber das war mir scheiß egal.

Es war eng und zu trocken und es hatte mich 150 Euro gekostet. In diesem Moment hätte ich etwas fühlen sollen, aber da war nichts, da waren nur diese desillusionierte Frau und ich, da war ein von Spermaflecken übersätes Doppelbett und weit und breit kein Schuldgefühl. Ich dachte bloß, dass Konsequenz nur dort ist, wo Geld nicht ist. Plötzlich fing sie an zu weinen, ich hätte ihr Sohn sein können. Die Tränen kullerten nur so, als ich sie fragte: „Denkst du er ist größer als der deiner meisten Freier?
Alle Helden sind tot, Zeit ist Geld und viel zu knapp und das wissen wir alles schon.
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Re: Ein Kind.

Beitragvon limes lupo » Di 23 Sep, 2008 13:21


danke für deine hinweise und ja, klar kommen die literarischen vorbilder kräftigst durch. imitation und adaption gehen (hoffentlich) hand in hand.

Thx, lupo ;)
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Re: Ein Kind.

Beitragvon Gedankennebel. » Mo 13 Okt, 2008 19:51


Diverse Ansätze, die Sim schon genannt hat. Sex ohne Liebe, Tattoo... alles mit 17, der Titel passt nun mehr immer noch erstaunlich gut.
Alles das, was da passiert, erscheint doch etwas unreif, die Wortwahl passt.
Es ist amüsant zu lesen, aber entweder habe ich es nicht ganz verstanden oder ich fragem ich zurecht, was dich zur Wahl dieser Kategorie bewegt hat. Ich finde die Geschichte klar strukturiert und damit nicht verwirrend und auch die restlichen Aspekte einer 'Psychatrie' finde ich nicht...
Aber: Es lässt sich lesen.

Es grüßt,
Der Gedankennebel.
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Re: Ein Kind.

Beitragvon limes lupo » Mo 27 Okt, 2008 11:49


ich finde es passt deshalb so gut, weil es in einer phase enstand als der autor in psychiatrischer behandlung war. der text ist die krise...die pure krise eigentlich. oO
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