Rette mich.

Beitragvon Neruda » Do 22 Okt, 2009 23:14


Ich schaue an mir herunter; das Oberteil hängt lose über den knochigen Schultern, die nackten Beine sehen verloren aus, als gehörten sie gar nicht mir. Meine Arme sind ausgestreckt, die Handflächen zeigen Richtung Himmel. Ich wünschte, du würdest meine verbrannten Fingerkuppen nehmen und mit deinen Lippen bedecken, die Wunden heilen. Ich wünschte, du würdest dich umdrehen und meinen zerbrechlichen Körper auf das Bett heben, mich niederlegen und meine Handgelenke küssen. Ich zittere, mein ganzer Körper beginnt zu beben, still laufen mir Tränen über die Wangen. Unterdrückte Schreie prallen an der Wand ab. Ich weiß, du kannst mich nicht halten. Doch wenn du mich jetzt nicht hältst, dann hält mich niemand. Ich starre auf deinen krummen Rücken. Du kannst diese Last nicht tragen. Meine Knie schlagen auf dem kalten Holzfußboden auf.
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Re: Rette mich.

Beitragvon rivus » Fr 23 Okt, 2009 01:14


ach neruda
das ist ja eine todtraurige geschichte. man spürt in jeder zeile die verzweifeltheit, gebrochenheit der protagonistin. ihr körper ist genauso ausgezehrt wie ihre seele, die nach hilfe fleht. die fingerkupppen sind mit brandwunden bedeckt, als ob sie sich diese selbst zugefügt hätte. ihre lebensäußerungen/-zuckungen sind minutiös beschrieben u. werden regressiv fortgeschrieben, dass der leser merkt wie die schon geschwächten kräfte immer mehr schwinden. die seelische anspannung des mager-süchtigen mädchens / der magersüchtigen frau durchschüttelt sie so stark, dass man meint, ihren körper mitbeben, mitreißen zu fühlen. doch der anwesende, passive, gekrümmte antagonist kann ihr nicht helfen u. sie stürzt , auf sich allein u. ihre verkümmerten restkräfte gestellt, entkräftet zu boden.

sehr gern gelesen

lg, rivus
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Re: Rette mich.

Beitragvon hginsomnia » Fr 23 Okt, 2009 07:48


Hallo Neruda,

ich weiß nicht so recht, aber diese literarische Beschreibung eines Kniefalls wirkt für mich irgendwie unfertig.
Obwohl der Text ja recht kurz ist, meine ich, in ihm werden Motive übererläutert, eigentlich durch die Erläuterung ins Nichts aufgelöst.

[quote="Neruda":1e7a6k5h]Ich schaue an mir herunter; das Oberteil hängt lose über den knochigen Schultern, die nackten Beine sehen verloren aus, als gehörten sie gar nicht mir.[/quote]

Sicherlich auch immer eine Geschmacksfrage, aber ich empfinde die Erläuterung 'als gehörten sie gar nicht mir' als zu gewollt.

[quote="Neruda":1e7a6k5h]Meine Arme sind ausgestreckt, die Handflächen zeigen Richtung Himmel.[/quote]

Hier gehts natürlich ins Religiöse (, was zum Beispiel Interpretationen zu einer Gotteserscheinung als Antagonisten, zu einem Traumbild et cetera zuließe. Mir gefiele, ohne dass es da stünde: "Gott hat einen krummen Rücken"), Mir fällt es schwer, den religiösen Bezug weiter nachzuvollziehen, aber warum sonst das Flehen an Gott über das Bild der Handflächen gen Himmel?

[quote="Neruda":1e7a6k5h]Ich wünschte, du würdest meine verbrannten Fingerkuppen nehmen und mit deinen Lippen bedecken, die Wunden heilen.[/quote]

'Die Wunden heilen' ist redundant.

[quote="Neruda":1e7a6k5h]Ich wünschte, du würdest dich umdrehen und meinen zerbrechlichen Körper auf das Bett heben, mich niederlegen und meine Handgelenke küssen[/quote]

Dieses doppelte 'Ich wünschte, du würdest ...' behagt mir nicht so sehr, ebenfalls dieses 'Handgelenkte küssen'. Erst Lippen, dann Küssen -
Ich nehme an, diese motivische Iteration ist gewollt so variiert. Irgendwie funktioniert das für mich nicht (,ja, irgendwie irgendwie nichtssagend, ich weiß). Ach ja, das 'zerbrechlich' wirkt für mich auch zu gewollt. Hier vielleicht eine Variation?

[quote="Neruda":1e7a6k5h]Ich zittere, mein ganzer Körper beginnt zu beben, still laufen mir Tränen über die Wangen.[/quote]

Dieser Satz ist aber nicht schön. Gut, aus dem Zittern wird ein Beben, aber das ist auch irgendwie zu nahe beieinander. Der ganze Körper - nicht der halbe? Die Tränen laufen still - nicht laut?
Das sind so leere Worte, Hülsen. Es wäre nur interessant in der Anomalie, wenn da (natürlich kontextgeeignet) stünde: 'Ich beginne, zitternd zu zittern, meinen viertel Körper zu erbeben, lauthals laufen mir die Tränen übern Weg.'

[quote="Neruda":1e7a6k5h]Unterdrückte Schreie prallen an der Wand ab[/quote]

Verstehe ich nicht. Etwas, was nicht da ist, prallt an etwas ab, was wahrscheinlich auch nicht da ist, an dem es aber, wenn beides da wäre, auch nicht abprallen könnte. Ich weiß natürlich, dass man das lyrisch übertragen muss, aber wie?

[quote="Neruda":1e7a6k5h]Ich weiß, du kannst mich nicht halten. Doch wenn du mich jetzt nicht hältst, dann hält mich niemand. Ich starre auf deinen krummen Rücken. Du kannst diese Last nicht tragen. Meine Knie schlagen auf dem kalten Holzfußboden auf.[/quote]

Auch hier muss natürlich etwas übertragen werden. Ich halte mich mit Interpretationen aber zurück. Mir ist das zuviel vom Halten, Tragen u.s.w.
Den Kniefall assoziiere ich mit einem Gebet in Verzweiflung, das Du mit einem Heilsbringer (in Anlehnung an religiöse Heilsbringer, nicht göttlich, sondern menschlich wegen der Küsse), soviel sei gesagt. Wie weit das trägt, weiß ich allerdings nicht.

lg
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Re: Rette mich.

Beitragvon Neruda » Do 05 Nov, 2009 15:25


Hey ihr beiden,

danke für eure Kommentare.

@ rivus: Schön, dass der Text dir gefallen hat. Obwohl es sicher nicht einer meiner Stärksten ist. Ich persönlich sehe die Protagonistin nciht unbedingt als Magersüchtige, obwohl man das natürlich auch gut reininterpretieren kann.

@ hginsomnia: Inwiefern erscheint dir der Text unfertig. Dass du ihn schlecht findest versteh ich. Aber warum unfertig?
Zu gewollt? Warum? Ichw ollte damit eigeneltich nur ausdrücken, dass die Protagonistin ein sehr ungesundes Verhältnis zu ihrem Körper hat.
Es geht dabei nicht zwangsläufig um einen Gott. Es geht mehr darum, darauf zu hoffen, dass alles wieder gut wird. Aber ohne das eigene zutun, denn dafür fehlt ja die Kraft.
Ich finde "die Wunden heilen" nicht überflüssig. Es sagt etwas anderes aus als einfach nur die Lippen auf die Fingerkuppen zu legen.
Das doppelte "Ich wünschte du würdest" ist gewollt. Es soll eigentlich verdeutlichen, dass die Protagonisten viel zu hohe Erwartungen hat, zu viel fordert. Mh zerbrechlich könnte ich höchstens durch fragil ersetzen. Würde dir das besser gefallen?
Okay, der Satz ist wirklich sehr wenig gelungen. Ich werd mir Gedanken drüber machen, wie ich ihn umformulieren kann.
Unterdrückte Schreie sollte nicht bedeuten, dass sie nicht da sind, sondern dass die Protagonistin versucht sie zu unterdrücken, es aber nicht schafft. Und das was als gepresster Schrei herauskommt prallt an der Wand ab, kommt nirgendwo an. Okay, ich bin ncith besonders gut darin zu erklären was ich gemeint habe. Sorry.
Ich werd auf jeden Fall nohmal über den Text gucken und schauen ob da noch was zu retten ist. ;)

Lg, Kim
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Re: Rette mich.

Beitragvon hginsomnia » Fr 06 Nov, 2009 19:44


Hallo Neruda,

ich habe versucht, meinen Kommentar etwas unschlüssig stehen zu lassen, weshalb auch das 'irgendwie' aus einigen Zeilen grüßt.

[quote="Neruda":22kzo6g5]Inwiefern erscheint dir der Text unfertig. Dass du ihn schlecht findest versteh ich. Aber warum unfertig?[/quote]

Aus dieser Unschlüssigkeit heraus habe ich den Begriff 'unfertig' gewählt. Ich meinte damit, dass sich der Text für mich nicht zu einem Ganzen fügt. Das könnte eventuell an dem überwiegend parataktischen Stil liegen, der mir hier nicht behagt, weil vielfach, zumindest scheint mir das so, lediglich Sinneseindrücke des Ich-Erzählers unverbunden und sehr subjektorientiert nebeneinander stehen, also z.B. "Ich schaue ... Ich wünschte ... Ich wünschte ... Ich zittere ... Ich weiß ... Ich starre ..."

[quote="Neruda":22kzo6g5]Zu gewollt? Warum?[/quote]

Da habe ich mich nicht hinreichend erklärt. Mit 'gewollt' wollte ich die Stellen beschreiben, in denen mir eine Lenkung des Lesers auf bestimmte Wahrnehmungen zu deutlich zu sein scheint.

[quote="Neruda":22kzo6g5]Es geht dabei nicht zwangsläufig um einen Gott. Es geht mehr darum, darauf zu hoffen, dass alles wieder gut wird.[/quote]

Gott muss auch nicht zwangsläufig interpretiert werden, aber eine im weitesten Sinne religiöse Dimension wird dem Text meines Erachtens durch die Akzentuierung des Himmels durchaus verliehen.
Die Handflächen könnten ja sonst auch einfach nach oben zeigen.

[quote="Neruda":22kzo6g5]Ich finde "die Wunden heilen" nicht überflüssig. Es sagt etwas anderes aus als einfach nur die Lippen auf die Fingerkuppen zu legen. [/quote]

Aber zumindest für mich sagt 'die Lippen auf die Fingerkuppen legen' auch mehr aus als bloß das Offensichtliche. Das hat ja schon die metaphorische Dimension des Wunden heilens. Die verbrannten Fingerkuppen als Bild und gleichzeitig Symbol für alle Wunden werden von den Lippen bedeckt, also im Schmerz gelindert. Beim Lesen erschien mir das 'Wunden heilen' wie eine nachgereichte Erläuterung dieser Metapher.

[quote="Neruda":22kzo6g5]Mh zerbrechlich könnte ich höchstens durch fragil ersetzen. Würde dir das besser gefallen? [/quote]

Kann ich ehrlich gesagt gar nicht sagen. Wahrscheinlich würde mir hier ein Streichen am Besten gefallen.

Um Übrigen habe ich wie rivus auch eine weibliche Stimme assoziiert. Manchmal finde ich es nicht schön, wie voreingenommen mein Denken funktioniert, sobald ich den Wunsch nach Küssen lese. Das kann ja auch anders sein. Aber ich bemühe mich.

lg
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Re: Rette mich.

Beitragvon Sagahock » Sa 12 Dez, 2009 21:56


Hallo Neruda,
ohne mir alle bisherigen Kommentare zu deinem Text durchgelesen zu haben, möchte ich gern meine Meinung äußern, in der Hoffnung, nicht zu viel von bereits Gesagtem zu wiederholen.

Gleich zu Beginn erkennt man in der Protagonistin einen tiefgehenden, inneren Zwiespalt, den sie selbst vielleicht gerade erst wahrzuhaben beginnt und den niemand außer ihr lösen kann.
Eine geschundene Seele, die im gesunden Körper nach Ruhe und Erlösung schreit, und doch ungehört verhallt - lange Zeit Aufgestautes bricht über die Protagonistin herein, erdrückt sie, unter seiner Last versagt zuerst ihre Beherrschung, ihre Fassade bröckelt, und zuletzt auch ihr Körper, und mit den Knien bricht auch die Fassade endgültig ein.
Sie schreit nach dem einzigen Menschen, der ihr zu helfen vermag, und gleichzeitig muss sie erkennen, dass er selbst unter der Last ihrer Probleme zerbrechen würde, selbst genug Sorgen hat und sich ihrer nicht annehmen kann - die erlösenden Worte, Gesten, werden also nicht kommen, und mit dieser Erkenntnis kommt die schreckliche Gewissheit: der Mensch, der sie retten könnte, kann es nicht tun, ohne sich selbst zu quälen.

Ich hoffe, den Text als Ganzes richtig verstanden zu haben :)
Ein sehr trauriger, aber auch schöner Text, der definitiv zum Nachdenken anregt. Man fühlt sich von der Hilflosigkeit ehrlich betroffen und sofort beginnt man zu überlegen, wie der Protagonistin zu helfen wäre...

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